10.

Wie Lewfrid heimlich in sein gemach sich fůget, mit einem scharpffen messerlin sein brust vornen öffnet, den goldtfaden darin vernehet, mit köstlichen pflastern und salben sein wund in kürtz heilet.

[290] Als sich Lewfrid jetz gantz einig wußt, nam er ein scharpffes schreibmesser, thet sich davornen an seiner brust auff und schneid die haut vornen ob seinem lincken dittlin uff, nam den goldtfaden, legt in zwischen hut und fleysch, und mit einer nadlen, so er vormal darzů bereit hat, hefftet er sein haut wider nit on kleinen schmertzen zusammen. Jedoch[290] hat in die liebe mit solchem gewalt gegen der junckfrawen gefangen, das er keines schmertzens mer achten ward. Er hatt sich auch bei des graffen wundartzet mit salben und gůten heilsamen pflastern beworben, vor und eh er sich verwundet, also das er in kurtzem die wunden dermassen zuheilet, das er wenig und gar lützel schmertzens mehr daran befand.

Als nun Lewfrid sein ampt in dem zimmer außwarten můst, nam sein Angliana gar eben acht, ob er mehr so schwermütig wie vormalen sein wolt; sie aber kond in nit anders dann eines frolichen gemuts erkennen. Als aber Lewfrid offt den junckfrauwen zů gefallen singen můßt, gedacht er in ihm selb: ›Nu mag ich mein hertz wol heimlichen gegen der junckfrawen auffthůn, so das sein niemans warnimpt dann junckfraw Angliana.‹ Er nam im für, ein lied von dem goldtfaden zů tichten und dasselbig in dem frawenzimmer zů singen; dieweil ihn junckfraw Angliana vormals in dem andren liedlin wol verstanden, gedacht er, sie würt disem auch nachsinnen. Als er nun gelegne zeit hat, saß er nider und dicht diß folgend lied.


Im thon: Ach lieb mit leyd.


1.

Groß leyd und schmertz hat mir mein hertz

Vor einem jar beladen.

Zů disem jar hat mir fürwar

Von rotem gold ein faden

Als leyd zerstört und gar verkert

Mein trawren unnd mein schmertzen.

Bin gantz frölich drumb jetzund ich,

Wil singen, springen, schertzen.


2.

Den faden ich gantz fleißiglich

Hab in mein hertz verschlossen.

Niemant in mag bey nacht und tag

Mir nemen in der massen.

In starckem sehrein und hertzen mein

Ist diser faden bhalten;

Der den will han, můß von stund an

Vornen mein brust zerspalten.


[291] 3.

Den faden schon der ehren kron

Hatt mir geben mit freuden.

Kein gstein noch goldt noch reicher solt

Sol mich davon nit scheiden

Vom faden reich; und obschon ich

Darumb můß leiden schaden,

Wil ich on leyd in ewigkeyt

Liebhaben disen faden.


Mit gantzem fleiß Lewfrid diß lied erlernet; und so in dann junckfraw Angliana manet zů singen, hat er allwegen erstlich von dem goldtfaden gesungen, demnach erst andrer gesang sich gebrauchet. Angliana, welche ein gescheide junckfraw was, nit genůg gedencken mocht, wohin doch der jüngling gemelten faden behalten; dann sie sunst gnůgsam verstund, das er diß liedlin selb von vilgedachtem faden gedicht. Sie aber trachtet teglich, wo sie den jüngling allein bey ir gehaben möcht, wolt sie alles von im erfaren.

Es begab sich an einen sontag, das sich Angliana einer kranckheyt annam, schicket ire junckfrawen in die kirchen und belib sie allein in irem gemach, befalch, das man Lewfriden vor dem gemach solt lassen uff den dienst warten. Als sie aber jetzund vermeint gantz sicher zů sein, berůfft sie Lewfriden für sich; der was von stund an bereit zů kommen. Angliana sagt: ›Mein lieber Lewfrid, sag mir doch, hastu noch in behaltnis den goldtfaden, welchen ich dir von meiner ramen gegeben hab, so bit ich, wöllest mich denselbigen weisen. Dir soll ein reiche und gar vil bessere schenck darfür werden.‹ – ›Gnedige junckfraw,‹ sagt der jüngling, ›den schlüssel, damit ich den behalter auffschleuß, in welchem der faden verborgen ist, hab ich in meinem gemach, und so es ewer gnaden liebet, soll ich den bald zůwegen bringen.‹ – ›Das wer mein will und beger,‹ sagt die junckfrauw, ›doch můß das bald zůgohn.‹

Lewfrid mit schnellem lauff zů seinem gemach eylet, nam das scharpff schreibmesserlin, kam behend wider zů Angliana in ihr gemach, thet sein gewand auff vornen an seiner brust, und eh dann Angliana sein achtung genommen, schnidt er behend sein zůgeheilte wunden wider auff, zog den goldtfaden[292] gantz unerschrocken harauß. Do diß Angliana ersehen ward, erschrack sie dermassen gar sehr, (dann Lewfrid fing gar fast an zů schweissen) sie nam von ihm das messer und goldtfaden: ›Eilens,‹ sagt Angliana, ›gang zů dem artzet, damit dein wund verbunden werd und dir nit grösser schaden darauß erwachs!‹ – ›Gnedig junckfrauw‹, sagt Lewfrid, ›ihr solt euch ab meiner wunden nit entsetzen, sonder wissen, das ich mich erstlich selb geartznyet hab. Gehabend euch wol! Ich gang hin, mich zů verbinden.‹ – ›Also thů ihm,‹ sagt Angliana, ›und kum dann wider har zů mir!‹

Also schied Lewfrid in grossen freuden von der junckfrawen, welche er innigklichen liebet, also das er des schmertzens seiner wunden gar nit befand. Er verband sich aber mit allem fleiß, legt demnach ander gewand an, damit das schweißig gewand von im kam.

Als aber Lewfrid hinweg was, nam Angliana den goldtfaden unnd weschet den in einem lautteren wasser; der was noch so unversert, als wann er erst von der rammen kommen wer. Deß kond sich die junckfraw nit genůg verwunderen, und aber wundert sie sich noch vil mehr an dem jüngling, der sich jetzund zweymal mit scharpffem messer an seinem leib verseert hatt. Von der stund an ward Angliana gar hart mit dem pfeil der liebe Cupidinis verwundet. Sie wartet gar mit grossem verlangen auff den jüngling, damit sie sehen möcht, ob im doch etwas seiner farb und krafft entgangen wer.

Bald darnach kam Lewfrid mit gůter gestalt und frölichem angesicht, davon die junckfraw nit wenig freud empfing. Es was aber jetzund an der zeit, das die junckfrawen gemeinlich auß der kirchen kommen solten. Derohalb Angliana nit mit Lewfriden reden kund, was ir umbs hertz was; sie sagt aber: ›Lewfrid, laß dich nit belangen der gaben, welche ich dir verheissen! Dann die zeit mags jetzund nit geben. Uff den mornigen tag aber will ich dir in ansehen aller meiner junckfrawen ein kleines büntelin oder pecklin geben, dir dabei befelen, wo du das hintragen solt. Du aber solt dich an keinen meinen befelch keren, sonder den nechsten weg in dein gemach gon, das pecklin sampt allem dem, so du darinn finden würst, fleißig auffheben. Du wirst auch einen brieff[293] darbey finden, desselbigen inhalt soltu fleißig warnemen und des befelchs geleben. Jetzund aber stand wider für mein zimer, wart an der thür! Dann gewiß werden sich meine junckfrawen nit lang saumen.‹

Lewfrid dem befelch der junckfrawen eilens nachkam, gar ein kleine zeit vor der thüren gestanden was, die junckfrawen auß der kirchen kommen thetten.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 2, Tübingen 1903, S. 290-294.
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