19.

Wie Lottarius eines nachtes dem Wilbaldo erschein in gantz jämerlicher gestalt, mit gebunden henden und einen strick an seinem hals habend, wie und was er mit Wilbaldo geredt hat.

[60] Wilbaldus in seinem stat also an dem hirtenampt gar wol[60] und fleißig studiert, so das er seinem meister nit meer umb gelt veil was. Sein meister was ein grosser kunstner under den hirten geacht; dann er gar wol auff der sackpfeiffen rauschen kondt. Das begert der gůt Wilbaldus auch von seinem meister zů leren; das er in dann mit gůtem willen underricht. Er ward auch in kürtzer zeit sein meister mit dem edlen seytenspeil übertreffen; dann wann er darauff spylet unnd jetzund mit der sackpfeiffen rühet, sang er gar wol darin. Er hatte auch noch ein füncklin und gar kleines stücklin von dem schůlsack behalten, also das er offt eigene liedlein unnd rymen dichtet. Ward zůletst der kunst so frey, das er sich des hirtenstabs abthet und sich allein seiner sackpfeiffen und singens begieng, meynt, es stund dannocht ein wenig baß dann gar bettlen, wiewol es fast schwester und brüder mitnander seind. Niemans aber soll sagen, das es gebettlet sei; sunst müsten sich die geiger und pfeiffer, so mit den silbren schilten umbziehen, übel schamen. Von einem schloß, statt, wirtzhauß zů dem andren ziehen, singen, gigen, pfeiffen und sprechen; demnach legen sie ein teller auff den tisch, schweigen still. Was man git, nemmen sie das; das ist je nit gebettlet, aber sunst auff die hurst geschlagen. Darumb fieng das der gůt Wilbaldus auch an.

Auff ein zeit saß er und dicht im des tags ein lied zů seiner sackpfeiffen, in welchen er allen seinen unfalh anzeiget, und fürbindig beschalt er den Lottarium fast übel, umb das er ein ursach was all seines leidens. Das gedacht lied werd ir nachmals hören, wann sichs schicken wirt.

Als er nun des nachtes mit seinem vieh heimgefaren was unnd nach dem nachtmal gantz müd nider zů bett gieng, nit lang lag, mit disem schlaff gefangen hart enschlaffen thet. Zůhand daucht in in seinem schlaff, wie er ein erschreckens menschlichs bild sach vor im stan mit zitterndem leib und angsthafften geberden; das sagt stetz zů im: ›O Fridberte, Fridberte, deines Wilbaldi, deines Wilbaldi!‹ Von solchem trurigen růff ward er sich in seinem schlaff gar übel förchten;[61] was im stetz, wie er mit krefftiger stimm mort schrey, kond aber nicht schreyen. Zůlest aber gerat im ein schrey, und schreigt mit lauter stimm, so das er darvon erwacht, sicht und greifft umb sich nach dem bild, do was aber gar nichts. Er lag in enstlichem schweiß gantz forchtsam, wünscht offt, das es tag würdt, domit er mit seinem vieh zů fäldt für. Zůletst entschlieff er gar hart widerumb; so kumpt im für noch ein grusammer gesicht, dann das forder gewesen was. Dann er sahe den Lottarium gantz scheinbarlich für im in dem schlaff; seine beiden hendt waren im auff seinem rucken gebunden, ein langen strick an seinem halß tragen, gantz ellender unnd tödtlicher gestalt. Er sagt mit schwacher heyßerer stimm: ›O Wilibalde, Wilbalde, weh mir armen Lottario! Wie hat mir mein bößheit so übel gelonet! Erstlich wolt ich meinem lieben vatter nicht volgen, befliß mich aller bösen stuck, diebstals, liegens und betriegens; zůlest aber ach leider ist mirs dohin geraten, das ich zů miner grossen ellenden schand dem hencker biß an den leichten galgen hab volgen müssen, daran mein leib den rappen zů einer speiß worden ist. Dich hab ich leyder von deinem vatter hinweggefürt und in groß armůt, in deren du jetzund bist, brocht, darumb du dich dann nit unbillich über mich zů klagen hast. Ich bitt dich aber, lieber Wilbalde, wöllest deinen zorn gegen mir ablassen und mir verzihen, domit mir mein arme seel zů rhůen kumm.‹ Mit dem geredt verschwand das gesicht.

Wilbaldus erwachet vor lauter grossem schrecken unnd forcht; er sah gantz forchtsam umb sich, unnd als er nichts sehen kond, zoh er sein haupt under die deck, lag also ungeschlaffen, bis der tag anbrach. Da stund er auff, nam sein zeüg, als teschen, stab und horn, gieng auff alle straßen, bließ den mägten, auff das sie das vieh triben solten. Als er nun in das feld kam, gedacht er dem gesicht gantz fleißig nach. ›Allmechtiger gott‹, gedacht er, ›wie mag das immer zůgon? Ist im also, wie ich in meinem schlaff gesehen hab, so hat Lottarius ein böß end genummen. Wolan, sein schalckheit hat in verfürt, und er mich armen ellenden Wilbaldum zů einem verlaßnen menschen gemachet. Nun ist mir dannocht besser und ehrlicher meiner früntschafft, ich neer mich[62] mit dem hirtenstab im ellend, dann das ich also eines schantlichen und ellendigsten todts sterben solt oder gestorben wer. Möcht ich allein den tag und stund erläben, in deren ich mein liebsten herren und vatter, deßgleich mein liebe můter einmal sehen möcht, ach ich wolt gern ir geringster diener unnd knecht sein, mich keines brachts noch hoffart nimermer underziehen. Wolan, ich will mein hoffnung und trost zů gott meinem herren setzen; ich weyß, er würt mich nit verlassen und mich wider in meines vatters hauß bringen, wie er dann auch dem verlornen son geton, dem ich mich dann gentzlich vergleichen mag, dieweil ich mein gůt und hab mit schnöder und üppiger geselschafft bin on worden. Ach gott, wer doch mein herr und vatter auch eines semlichen demütigen hertzens, das er mich armen nackenden verlaßnen son mit barmhertzigkeit auffnäm, wie dann gemelter vatter seinen son auffnam! Er aber, mein vatter, würt mir nit so leichtlich gnaden, dieweil ich on alles sein wissen und wider seinen willen von im gelauffen, darzů meinen getreüwen zůchtmeister so übel verwundet. Nun wolan, ich wils einmal wagen. Nimpt mich mein vatter in gnaden auff, habe ich gott wol zů dancken; legt er mich dann in ewige gefenckniß, hab ich grösser übel, verschuldt. Jedoch wil ich lieber bei im in gefengnüß verschlossen mein läben schliessen, damit er mir doch mein groß mißthat vergebe, dann also in einem freyen läben im ellend bleiben. Solt ich also in ungenaden meines vatters beliben wie wolt ichs ewig gegen gott verantworten, dieweil er in dem vierten gebott haben wil unnd gebeüt, vatter unnd můter in ehren zů haben! Darumb ist besser, ich geb mich gegen meinem vatter in wol verdiente straff, dann das ich erst in den zorn gottes fall und mein arme seel in ewige gefencknüs bring unnd verpfend.‹

Sollicher gedancken hat der gůt Wilbaldus gar vil und mancherley, tag und nacht satzt er ihm für, urlob von seinem meister zů nemmen; er was bey im gewesen in das zweit jar, hat jetzund etwas lons verdienet, mit dem er meynet wol biß in sein vatterland zů zeren.

Eines tages kam sein meister an in, begert, er wolt sich noch weiter zů ihm verdingen. Wilbaldus sagt ihm sein entlich[63] fürnemen, das er willens wer heimzůziehen; er sagt im auch darbey, wie er in das ellend kummen, vil gůts verthon, was stammens unnd nammens er wer, und in summa so erzalt er im sein gantz histori, darab der hirt ein groß und mercklichs verwundern hatt. Wilbaldus was von art gar ein wol proportzionierter jüngling, so was er auch gantz suberlich mit im selbs, dabei der hirt wol abnemmen mocht, das nit gar nichs an der sachen sein kond. Er gab im gütlich antwort auff sein begeren unnd sagt: ›Mein lieber Wilbalde, dich beger ich an deiner wolfart nit zů hindren. So mir auch wissen gewesen wer, das du eines solichen geschlechts und herkummen werist, ich solt dich zů keiner solichen růhen arbeit haben kommen lassen; dann du in unser statt noch wol von adel finden soltest, so deinen vatter seer wol kenneten; dieselbigen dich gern auff wurden genummen und zů ehrlichen dienst dann ich dich gebraucht haben.‹ Wilibaldus sagt: ›Liebster meister, ir solt mir glauben, das ich euwer dienst gar über die maß fro gewesen; bin auch von euch auß grossem triebsal auffgenummen worden, sonst weyß ich nit, wie mirs gangen wer. Desselben bedanck ich mich größlich. Gott laß michs verdienen!‹

Also bezalt in sein meister, der hirt. Er nam sein sackpfeiff, gesegnet sein meister unnd frauwen; er zog von Dobrein scheiffet über den flüß Wiel, kam in ein grosse statt mit nammen Vladißlavia, da was vil herrschafft. Wilbaldus brauchet sich mit seiner sackpfeiffen, so bests er mocht. Wann er dann in ein herberg kam, vereret man in bald, damit er nur hinweg mit seinem seytenspil käm; dann es lautet so gantz jämerlich, das im niemans verstendigs zů mocht hören. Noch dannocht kam sie im offt gar wol; so er ungefor den imbiß erreychet, hieß man ihn zů dem gesind oder reitknechten sitzen; die hatten dann ir fatzwerck mit im. Wann er sich dann bedencken ward, wer unnd von was ältern er herkummen, thet es ihm fast weh; dann er gedocht: ›O lieber gott, het ich meinen vatter und zuchtmeister gefolget, dörfft ich nit jedermans narr und fatzmänlein sein, ich seß jetzund bey erlichen herren an ir taffel, het knecht und diener, so auff mich müßten warten. Jetz aber bin ich der wenigsten schiltbůben fatzman.‹[64]

Das ist noch brauch an allen höffen, ja in eines jeden schlechten edelmans hoff, auch bei andren herren. Hilfft schon gott etwan einem armen frummen einfeltigen menschen, das er von der herrschafft ongefatzt und ungespeyt bleibt, mag er doch von iren suppenfressern unnd federklübern nit hinkummen. Gedencken wenig, das man gewont ist zů sprechen: ›Jung ritter alt bettler, jung köch alt breter‹. Es schlecht aber dannocht offt derselben speyvögel ein einfeltiger auff ein schellen, das ihm alle seine schellen klingen werden und eim offt gesagt würt von einem torechten, das er selb wol weyßt. Das bleib also.

Quelle:
Georg Wickram: Werke. Band 2, Tübingen 1903, S. 60-65.
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