Erster Auftritt.

[3] Der Schauplatz ist ein Sahl im Pallaste von Porretta.

Der Graf von Belvedere, Der Pater Mareskotti.


BELVEDERE. Sagen Sie mir nichts mehr von Geduld- und Verläugnung, Pater Mareskotti – Ich schwöre Ihnen, Klementina soll die Meinige, oder wenigstens nicht diesem Englischen Protestanten werden! Der blosse Gedanke an das, was die Folge seiner Zurückkunft seyn könnte, bringt mich zur Verzweiflung – Etwas gelassner. Verzeihen Sie mir, ehrwürdiger Vater. – Aber ich kann und will nicht ohne Klementinen leben!

PATER MARESKOTTI. Sie wissen, Herr Graf, wie sehr ich immer Ihr Freund war; Sie wissen, wie sehr die ganze Familie von Porretta für Sie eingenommen ist! Der Markgraf, die Markgräfin, der Bischof, der General, alle haben ihr[3] Herz auf die Vermählung ihrer Tochter und Schwester mit einem so würdigen Mann, als der Graf von Belvedere ist, gesetzt. Ganz Italien hat keinen edeln Jüngling, der an Geburt und persönlichen Verdiensten der vortrefflichen Klementina würdiger wäre, als Sie. Aber bedenken Sie den Zustand der unglücklichen jungen Gräfin! Sie kennen diesen ausserordentlichen Mann, diesen Grandison. Ich selbst, so grosse Ursache, ich hatte, wider ihn eingenommen zu seyn, ward endlich von seinen Verdiensten überwältiget. Ich musste ihn bewundern, wie alle Welt ihn bewundert. Er hatte der Familie Dienste geleistet, die eine ausserordentliche Dankbarkeit forderten. Diess schien das Übermass zu rechtfertigen, womit alle Glieder eines grossmüthigen und wahrhaft edeln Hauses ihre Verbindlichkeit gegen einen Mann bezeigten, dessen Grossmuth und Tapferkeit sie das Leben ihres geliebtesten Sohns, ihres Jeronymo, zu danken hatten. Sie vergassen, dass derjenige, den sie als Freund, Sohn und Bruder in die Familie aufnahmen, ein Ketzer, ein hartnäckiger Ketzer, ein Feind der Kirche, ein Verworfener war, mit dem die strenge Heiligkeit der Religion eine so enge Verbindung verdammt. Die Welt fand sie unvorsichtig, der Himmel strafbar. Ich wenigstens kann mich nicht enthalten, die unglückliche Leidenschaft der jungen Gräfin für ein Gericht eines beleidigten[4] Gottes anzusehen – Ach, Herr Graf! sie war eine Heilige, ehe sie diesen zauberischen Mann kannte. – Wahr ist's, sie kämpfte mit der strafbaren Leidenschaft; sie bewaffnete sich mit der ganzen Stärke der Religion; sie stritt mit dem Muth und der Standhaftigkeit eines Engels: aber die Natur erlag unter dem entsetzlichen Kampfe, und ihre Vernunft musste das Opfer ihrer Tugend werden!

BELVEDERE. O halten Sie inne! Ich kann den abscheulichen Gedanken nicht ertragen – Klementina! – das glorwürdige Geschöpf! – so tief erniedriget! – Und durch wen? – Sie war die Zierde von Italien, der Stolz ihres Hauses; von allen, die sie sahen, bewundert; von allen, die sie kannten, geliebt; von den schönsten und vollkommensten ihres Geschlechts beneidet. Welch ein Wunder der Natur hat dieser Elende zu Grunde gerichtet! Meine Seele empört sich wider ihn! Er soll –

PATER MARESKOTTI. Ihre Hitze macht Sie ungerecht, lieber Graf! Grandison verdient weder Ihre Vorwürfe, noch Ihre Rache. Ich gestehe es, Anfangs war er mir verdächtig. Es war unglaublich, dass der lange Umgang mit der jungen Gräfin nicht den Wunsch, ein so seltnes Gut zu besitzen, in ihm erweckt haben sollte; und, wofern er diesen Wunsch hegte, noch unglaublicher, dass er keine Kunstgriffe versucht haben sollte, sich nach und nach in ihr[5] Herz einzustehlen. Ich theilte meinen Verdacht dem Markgrafen und dem Bischofe mit. Wir beobachteten ihn aufs genaueste, wir legten ihm sogar Fallstricke; aber die Prüfung zeigte ihn unschuldig und untadelig. Doch wozu sag' ich Ihnen alles dieses? Sie können nicht vergessen haben, dass Grandison Ihnen selbst Dienste geleistet, dass er mit einem Eifer für Ihr Bestes mit der Gräfin Klementina gesprochen hat, die ihm ihren Unwillen zuzog.

BELVEDERE. Ach mein ehrwürdiger Freund! Was sollte ich nicht vergessen, da ich meiner, selbst vergessen habe! – Die Liebe zu einer Klementina, – eine hoffnungslose Liebe, und doch von allen ihren Verwandten aufgemuntert, – der Kaltsinn, der Abscheu derjenigen, die ich anbete, und, was mich noch mehr ängstiget, ihr Unglück, die Zerrüttung ihrer schönen Seele, und nun, was mich beynahe wahnsinnig macht, die Ankunft dieses glücklichen Nebenbuhlers, sein Triumf, und meine Schmach! – O, wenn alles diess nicht genug ist, die heftigste Leidenschaft zu rechtfertigen – Aber ich bitte Sie, Mareskotti, war denn kein andres Mittel in der Welt, die englische Klementina wieder herzustellen, als die Zurückberufung dieses Grandisons?

PATER MARESKOTTI. Können Sie glauben, dass die Familie von Porretta sich zu einem so demüthigenden Schritt entschlossen hätte, wenn[6] ihr irgend ein anderes Mittel übrig geblieben wäre? Sie kennen den gerechten Stolz eines Hauses, das an Alterthum und Glanz den grössten Italiens gleich ist: denken Sie, was es ihnen kosten musste, einen solchen Schritt gegen einen Mann zu thun, der, so gross er in Absicht seines persönlichen Karakters seyn mag, in allen andern Stücken unter ihnen ist; gegen einen Fremden, einen Engländer, einen Ketzer, der hartnäckig und übermüthig genug gewesen war, ihre Klementina, ihren Liebling, das Kleinod ihrer Familie auszuschlagen, als sie ihm unter der einzigen Bedingung angeboten wurde, die einen so herablassenden Antrag rechtfertigen konnte. Ich selbst widersetzte mich lange dem anhaltenden Bitten Jeronymo's, der die Zurückberufung seines Freundes als das einzige Mittel, seine Schwester und ihn selbst zu retten, mit ungestümer Zärtlichkeit erflehte. Der Bischof, der General unterstützten mich; der Markgraf selbst konnte sich nicht zu einer Erniedrigung entschliessen, die diesen stolzen Protestanten in der Familie so wichtig machte. – Wir hofften, die Zeit würde ein Heilungsmittel für die bedauernswürdige Klementina bringen. Aber wir hofften umsonst. Die Noth, welche die verzweifeltsten Mittel rechtfertigt, gab uns zuletzt ein, die Strenge zu versuchen. Klementina wurde nach Urbino in das Haus der Gräfin Sforza, ihrer Tante, gebracht. Die grausamen[7] Begegnungen, die sie daselbst ohne unser Wissen erduldete, vollendeten ihr Unglück. Der traurige Zustand, worin sie in das Porrettische Haus zurück gebracht wurde; die immer zunehmende Krankheit ihres Bruders; die auf ewig verlorne Ruhe einer Familie, die in allen ihren Zweigen so glücklich gewesen war; ein vom Kummer verzehrter Vater, eine trostlose Mutter; der Anblick ihres Jammers, ihre Thränen, ihre Klagen; der stumme Gram, der desto wüthender in ihrem Inwendigen nagte – Ich gestehe Ihnen, Herr Graf, mein Herz erlag unter diesem Anblick. Ich vereinigte mich zuletzt mit Jeronymo, und ich hoffe in Demuth, der Himmel, den ich unablässig flehte, habe mir selbst in den Sinn gegeben, zu einem Mittel zu rathen, welches, so widrig es ist, doch das einzige scheint, wovon wir eine heilsame Wirkung hoffen können.

BELVEDERE. Ach Mareskotti! Was soll ich thun? Was soll ich nicht thun? Ich bin ohne Besonnenheit. – Meine Lage ist ohne Beyspiel! Ich bete die göttliche Klementina an; ohne sie ist das Leben nichts für mich; und ich selbst muss das Mittel gut heissen, welches mich ihrer auf ewig berauben wird! Ich hasse in diesem Grandison einen Nebenbuhler, und muss seine Tugenden bewundern! – Ja, ich liebe Klementinen, liebe sie mehr als mich selbst – Aber, bey allen Heiligen des Himmels, ich kann[8] dem Triumf meines Nebenbuhlers nicht zusehen! Irgend eine verzweifelte That soll meine Ungewissheiten enden, und meiner Schande zuvor kommen.

PATER MARESKOTTI. Lassen Sie Sich erbitten, liebster Graf! Fassen Sie Sich! Noch ist nicht alle Hoffnung verloren. Die Familie hat keinen Entschluss gefasst, der Ihre Verzweiflung entschuldigen könnte. Vertrauen Sie dem Himmel und meiner Freundschaft. Sie wissen, dass meine eifrige Ergebenheit für das Haus von Porretta mir einiges Ansehen in demselben giebt. Verlassen Sie Sich darauf, dass ich die Sache der Religion, und die Ehre einer Familie, die mir die Sorge für ihre Seelen anvertrauet, nicht so sehr verrathen werde, um zuzugeben, dass die Gräfin Klementina mit einem ketzerischen Manne vermählt werde, bey dem sie in Gefahr wäre, die eitle Glückseligkeit einer befriedigten Leidenschaft mit dem Verlust ihrer Seele zu büssen. Mein Gewissen, Herr Graf, arbeitet noch stärker zu Ihrem Vortheil als die Freundschaft selbst. Aber ich sehe den Bischof kommen. Er scheint bestürzt, Sie noch hier anzutreffen.


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Supplemente Band 5, Leipzig 1798, S. 3-9.
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Klementina von Porretta
C. M. Wielands sämtliche Werke: Supplement, Band V. Klementina von Porretta; Pandora; Die Bunkliade; Auszüge aus Jakob Forsters Reise um die Welt

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