Vierter Auftritt.

[59] Die Markgräfin, Belvedere.


BELVEDERE. Verzeihen Sie, gnädige Frau! – Mein Unglück macht mich ungestüm – Der Himmel wolle, dass die Verzweiflung mich nicht verwegen mache!

DIE MARKGRÄFIN. Die Unterredung, die ich Ihnen zugestanden habe, Herr Graf, soll[59] Ihnen ein zureichender Beweis meiner Freundschaft seyn.

BELVEDERE. Wenn nicht diese Achtung, deren Ew. Gnaden mich würdigen, mir noch einen Strahl von Hoffnung übrig liesse, so weiss ich nicht, was aus mir geworden wäre! – Haben Sie Mitleiden mit mir, gnädige Frau! – Himmel! wie unglücklich bin ich, dass ich dasjenige als eine Gnade flehen muss, was die bitterste Kränkung des menschlichen Stolzes ist! – Ehemahls, gnädige Frau, hielten Sie mich der Ehre nicht unwürdig, mit Ihrem Hause verbunden zu werden. Ich bin mir nicht bewusst, etwas gethan zu haben, das eine Änderung Ihrer guten Meinung von mir erfordert hätte – Doch, was sage ich? Die Rede ist nicht von meinen Verdiensten. Ich habe deren nicht genug um darauf zu trotzen, und ich könnte niemahls genug haben, um des Besitzes einer Klementina würdig zu seyn. Auf Ihre Güte, gnädige Markgräfin, auf Ihre Freundschaft, auf Ihr Mitleiden, gründet sich alle meine Hoffnung. Ich liebe Ihre Klementina, liebe sie bis zur Anbetung. Umsonst habe ich versucht, eine Leidenschaft zu besiegen, die eine so englische Vortrefflichkeit zum Gegenstand hat; ich kann ihr bezauberndes Bild nicht aus meiner Seele reissen. Ich kann nicht ohne Ihre Tochter leben, gnädige Frau, es ist unmöglich! Der Tag, der ihre Hand einem andern geben wird, wird der letzte meines Lebens[60] seyn – Sehen Sie diess nicht als die eitle Drohung eines Liebhabers an. Ich kenne mein eigenes Herz. Es hat nie geliebt, ehe es die göttliche Klementina kannte. Aber seit diesem Augenblick ist sie mir mehr als alles. Das Glück, wie verschwenderisch es auch gegen mich gewesen ist, hat nichts für mich gethan, wenn es mir diejenige versagt, für die ich, wenn sie in einer Hütte geboren wäre, einen Thron verlassen wollte, um Armuth und Niedrigkeit mit ihr zu theilen, und in ihren Armen das Glück der Könige zu verachten! – So ist mein Herz, gnädige Frau! So ist meine Liebe! Sie ist mit meiner Seele verwebt. Das Schicksal meiner Liebe wird das Schicksal meines Lebens seyn.

DIE MARKGRÄFIN. Ich bedaure Sie von Herzen, lieber Graf! – Aber was ist unfruchtbares Mitleiden? Wollte der Himmel, dass ich mehr für Sie thun könnte! – Sagen Sie – sagen Sie mir, was verlangen Sie von meiner Freundschaft? was kann ich für Sie thun?

BELVEDERE. Alles, gnädige Frau, alles! Mein Glück ist in Ihren Händen. Sie können mir Klementinen geben. Grandison hat sich gegen mich erklärt. Er hat keine Ansprüche. Sie sind in Absicht seiner gänzlich frey. Die theure Klementina hat niemahls einen Abscheu gegen mich bezeigt. Ihr Vorurtheil für einen andern wird den erhabnen Beweggründen der Ehre und Religion Platz machen. Sie hat ein[61] gütiges, ein edles Herz. Wenn die zärtlichste Liebe, die tiefste Ehrerbietung, die lebhafteste Dankbarkeit, wenn alle nur ersinnliche Achtung und die Unveränderlichkeit dieser Gesinnungen ein grossmüthiges Herz rühren können, so darf ich nicht verzweifeln, das ihrige endlich zu gewinnen. Lassen Sie Sich erbitten, gnädige Frau – Reden Sie für mich; unterstützen Sie die Bemühungen des Generals; geben Sie mir Klementinen, und ich werde Ihnen mehr schuldig seyn, als derjenigen, die mir das Leben gegeben hat.

DIE MARKGRÄFIN. Hören Sie mich, nun auch, mein lieber Graf! Setzen Sie Sich in meine Verfassung, und alsdann sagen Sie mir, was ich thun soll. So parteyisch die Liebe Sie machen muss, so will ich es doch auf Ihren Ausspruch ankommen lassen – Meine Tochter – liebet – den Chevalier Grandison. Warum soll ich verschweigen, was ich nicht verbergen kann? – Sie ist bis zu diesem fatalen Zeitpunkt die Freude meines Lebens gewesen. Ihre Aufführung war so rein, so untadelig, als ihre Seele. Sogar ihre Neigung für diesen allzu liebenswürdigen Fremden verdient keinen Tadel. Ihr ganzes Verbrechen war, dass sie nicht gefühllos war; so wie man Grandison keinen andern Vorwurf machen kann, als dass er alle Vorzüge in sich vereiniget, die einen Mann einer Krone würdig machen könnten – Sie wissen das Übrige. Ach Belvedere! Aber Sie wissen nicht, mit welcher Tugend,[62] mit welcher Grösse der Seele dieses allzu unglückliche Geschöpf einer Leidenschaft entgegen gekämpft hat, die bey andern Umständen ihr Ruhm gewesen wäre! – Es war ein Unglück für sie, dass sie die Flamme so lange verbarg, die ihr schweigendes Herz verzehrte. Noch unglücklicher waren die Massregeln, die man nahm, selbige zu ersticken. Ich mag, ich kann nicht an die entsetzlichen Folgen zurück denken, worein uns ein allzu grosser Eifer für die Ehre der Familie, und die geheimen Absichten einiger Glieder derselben stürzten, und die endlich durch die völlige Verfinsterung des Verstandes meines armen Kindes und die gänzliche Zerstörung der Ruhe unsers Hauses ihren Gipfel erreichten. Die Verzweiflung nöthigte uns zuletzt zu einem Mittel, welches die Klugheit lange zuvor hätte eingeben sollen. Wir baten den Chevalier, uns zu besuchen. Wäre er weniger grossmüthig, so wäre diess die Gelegenheit gewesen, sich wegen der Begegnung zu rächen, die er vor seiner letzten Abreise aus Italien von uns erduldet hatte. Aber er willfahrte uns auf die verbindlichste Art. Er eilte zu uns herüber, und seine Ankunft hat eine Wirkung, die uns nun völlig überzeugen muss, wie nothwendig er zu der Glückseligkeit und selbst zu dem Leben unsers Kindes sey. Er muss nicht mehr von ihr getrennt werden, wenn wir sie nicht auf ewig verlieren sollen. Dieser einzige Beweggrund wäre genug, die Aufopferung aller[63] unserer Bedenklichkeiten zu fordern, wenn auch unsere Dankbarkeit nicht verpflichtet wäre. Aber sagen Sie mir, Belvedere, mit welcher Stirn sollten wir dem Erretter unsers Sohns, dem Manne, der uns unsere Klementina wieder gegeben hat, einem Manne, der durch die grossmüthigste und schönste Aufführung in einer langen Reihe der schwierigsten Umstände sich als einen echten und uneigennützigen Freund unsers Hauses bewiesen hat; mit welcher Stirn sollten wir einem solchen Mann ins Gesicht sehen, wenn wir fähig wären, uns anders gegen ihn zu beweisen, als er von uns zu erwarten berechtigt ist? Es ist kein Zweifel, dass er Klementinen hoch achtet, und eine Verbindung mit uns gehörig zu schätzen weiss. Unsere Pflicht vereiniget sich mit der Nothwendigkeit, wir müssen weichen. – Aber das ist noch nicht alles, Herr Graf! Wir haben eine Hoffnung, deren Erfüllung uns in eine neue Verbindlichkeit, gerecht gegen Grandison zu seyn, setzen, und zu gleicher Zeit den Schritt, den wir thun müssen, vor den Augen der Welt rechtfertigen wird. Es ist unnöthig, Ihnen, diess deutlicher zu erklären. Urtheilen Sie nun, werther Belvedere; setzen Sie Sich in unsere Umstände, sagen Sie mir, was Sie an unserer Stelle thun würden.

BELVEDERE steht in einer trostlosen Stellung, er schweigt, er seufzt, und heftet seine Augen unbeweglich bald auf den Himmel, bald auf den Boden.[64]

DIE MARKGRÄFIN. Reden Sie, Belvedere! sagen Sie mir, was können, was sollen wir thun?

BELVEDERE fährt, nachdem er eine Zeit lang stumm und unbeweglich gestanden, auf, und sagt mit einer Veränderung des Gesichts, die sich zu seiner Rede schickt. Ja, Klementina! ich will mich deiner würdig zeigen. Ich will beweisen, dass ich dich mehr als mich selbst liebe. Wenn ich unglücklich seyn muss, so will ich doch den Trost haben, dass ich ein besseres Glück verdienet hatte. Ich will dich ohne Hoffnung lieben, ich will mich selbst aus deinen Augen verbannen; du wirst glücklich seyn, und ich werde in dem Vergnügen dich zu lieben, und in dem Gedanken, dass du glücklich bist, eine Linderung finden, die den kurzen Überrest meines Lebens erträglich machen wird.

DIE MARKGRÄFIN. Dieser Entschluss ist Ihrer würdig, Belvedere! Entfernen Sie Sich eine Zeit lang; aber überlassen Sie der Zeit nicht alles. Sie ist zwar vermögend die heftigsten Schmerzen zu stillen; aber wo bleibt die Macht der Tugend, die wir in glücklichen Umständen so hoch erheben, wenn sie nicht vermögend ist, der Zeit zuvor zu kommen, und uns diese wahre Grösse der Seele zu geben, die sich mit gesetztem Muthe dem Sturm der Leidenschaften und den Anfällen des Schicksals entgegen stellt?


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Supplemente Band 5, Leipzig 1798, S. 59-65.
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