Sechste Scene.

[311] Sidney. Johanna.


SIDNEY.

O theuerste Prinzessin!

Es ist vorbey! Ich sah ihn – sterben!

So stirbt ein Held! Wie war er deiner würdig!

Wir alle, die ihn sterben sahn, wir standen[311]

Von Wehmuth und Erstaunen, an den Boden

Geheftet, starr, leblosen Bildern gleich!

Jetzt bringen sie den Leichnam des Erwürgten

Hierher! Die grausame Maria will

Durch seinen Anblick noch dein Marterthum vollenden!

LADY JOHANNA.

Sie irret sich! Diess ist die letzte Wohlthat,

Die meine Feinde mir erweisen können.


Mann bringt den Leichnam des Guilford.


Und ist denn dieses

Mein Guilford? Nein! Betrognes Aug'! Es ist

Die Hülse nur des tugendhaften Geistes,

Den jetzt der Himmel hat! – Sie wird einst auferstehen!

Ja diese Augen werden einst verklärt

Mir wieder lächeln! Himmlische Begeistrung

Wird diesen blassen starren Mund eröffnen!

O! Nimm noch diesen letzten heil'gen Kuss

Der frommen Liebe! – Wie! Hat selbst der Tod

Nicht Macht, sein edles Antlitz zu entstellen?

Nicht Macht, diess holde Lächeln auszulöschen,

Das noch die Seel' auf seinem Mund zurück liess?

Vergieb, o seel'ger Geist, vergieb der Thräne[312]

Die noch auf diese kalten Wangen sinkt.

Dem letzten Zoll der unvollkommenen Liebe! –

Nun ist mein Lauf vollbracht! Das Mass der Leiden

Ist voll! Ich kann nichts mehr verlieren! –

Was hör ich? – Ja! die Geister meiner theuern

Verstorbnen rufen mir! – Mein Edward

Ruft seiner Schwester, Guilford seiner Gattin!

Ich folge, ich folge! Komm, willkommner Tod!

O komm, und gieb mich ihren Armen wieder!

Fußnoten

1 Johanna wird mit jedem Zuge, den Sie in ihrem Enthusiasmus zum Bilde ihres geliebten Edwards hinzu setzt, immer weicher; ihre immer steigende Rührung muss auch in ihrer Stimme immer merklicher werden, bis endlich die letzten Worte von einer Bewegung, welche sie nicht mehr zurückhalten kann, beinahe erstickt werden. Diess muss im Deklamieren, dieser Stelle mit aller, dem eigenen Karakter dieser jungen Prinzessin gemässen Wahrheit ausgedruckt werden, oder die Ausrufung – O mein zu weiches Herz! hätte keinen Sinn. – Der Verf. erinnert sich noch immer und rechnet es unter die süssesten Erinnerungen aus seiner Jugend, mit welchem Gefühl, welcher Innigkeit, welcher ganz Natur scheinenden Kunst Madame Ackermann, die würdige Mutter unsers grossen Schröders, auch diese Stelle, so wie überhaupt die ganze Rolle der Johanna, und besonders die letzte Scene des ganzen Stücks durch ihre zuletzt bis zur täuschendsten Begeisterung steigende Deklamazion und, Akzion darstellte. Doch hiervon an einem andern Orte!


2 Heinrichs des VIIIten, der bekannter Massen, in den letzten Jahren seiner Regierung die Katholischen eben so heftig als die Reformierten verfolgte.


3 Diese ganze Stelle, so wie überhaupt die Karakter der Personen und alle historischen Umstände, sind aus Burnets Geschichte der Englischen Reformazion genommen; für deren völlige Unpartheylichkeit der Verfasser nicht gut seyn möchte.


Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Supplemente Band 4, Leipzig 1798, S. 311-313.
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