38.
An Learchus zu Korinth.

[235] Der gute Genius deines gastfreundlichen Hauses, edler Heraklide, hat mich glücklich zu Korinths schönster Tochter, der Beherrscherin der reichsten Insel der Welt, herübergeführt. Du kennst Athen und Syrakus118, und dir darf ich also wohl gestehen, was ich auf dem großen Marktplatz zu Athen kaum zu denken wagen dürfte: daß Syrakus die stolze Minervenstadt an Größe, Bauart, Volksmenge und Mitteln die Prachtliebe und Ueppigkeit ihrer Bürger zu befriedigen, weit hinter sich zurückläßt. Von den Einwohnern urtheilen zu können, bin ich noch zu kurze Zeit hier; aber weniger wäre schon genug, um zu sehen, daß sie den Athenern auch an Lebhaftigkeit, Feuer, Wankelmuth, Leichtsinn, und raschen Sprüngen von einem Aeußersten zum andern, den Vorzug streitig machen könnten. Es begreift sich, daß ein solches Volk (wie mir ein schon lange unter ihnen wohnender Tarentiner sagte) weder mit noch ohne Freiheit leben kann. Seit der Zeit, da sie von deinem Stammgenossen Archias zum zweitenmale gegründet wurde (also seit mehr als dreihundert Jahren) macht ein rastloses Hin- und Herschaukeln von Oligarchie zu Demokratie,[235] und von Demokratie zur Herrschaft eines Einzigen, den summarischen Inhalt ihrer Geschichte aus; und wiewohl so viele Versuche sie belehrt haben sollten, daß sie sich bei der oligarchischen Regierung nie so übel als bei der demokratischen und bei der monarchischen (selbst eines Hieron und Dionysius) immer besser als bei der oligarchischen befanden; so ist doch der unglückliche Hang zur Demokratie ein so tief eingewurzeltes Uebel bei diesem Volke, daß alles, was sie seit der Vertreibung der Geloniden von innerlichen Unruhen und Umwälzungen erlitten haben, sie nicht von der Begierde heilen kann, bei dem geringsten Anschein eines glücklichen Erfolgs das heilsame Joch wieder abzuschütteln, welches ihnen Dionysius mit eben so viel Gewandtheit als Stärke auf den Nacken gelegt hat. Es sind nun zehn Jahre verflossen, seitdem dieser sogenannte Tyrann sich der Alleinherrschaft in Syrakus bemächtigt hat. Daß er dieß nicht konnte, ohne einen großen Theil der mächtigsten und reichsten Familien, die ihm hartnäckig und wüthend widerstanden, zu unterdrücken, war Natur der Sache: aber niemand zweifelt, daß ihm selbst nichts erwünschter wäre, als wenn ihm die Syrakusaner erlauben wollten, das Andenken der ersten Jahre seiner eigenmächtigen Regierung auszulöschen, und die Fortsetzung derselben für sie und für ganz Sicilien so glücklich und wohlthätig zu machen, als es einst die Regierung des noch jetzt gepriesenen Gelon war. Niemand würde mehr dabei gewinnen als sie selbst. Denn es ist leicht vorherzusehen, daß ohne ein gemeinschaftliches Oberhaupt, welches alle Städte Siciliens dazu vermögen kann, ihre Stärke gegen den gemeinschaftlichen Feind, die Carthager, zu vereinigen,[236] unfehlbar eine nach der andern dem schrecklichen Schicksal von Agrigent119 unterliegen werde; und gewiß würde es schwer seyn, im ganzen Sicilien einen Mann zu finden, der in allen Eigenschaften und Talenten, die zu einem im Krieg und im Frieden großen Fürsten erfordert werden, sich mit Dionysius messen könnte. Aber der Syrakusaner ist eitel und stolz; er will sich (wie der Athener) von niemand befehlen lassen, dem er nicht selbst die Erlaubniß dazu gegeben hat, der ihm nicht über alles Rechenschaft ablegen muß, und den er nicht wieder absetzen und vernichten kann sobald es ihm beliebt. Der Gedanke von einem ihrer Mitbürger eigenmächtig beherrscht zu werden, macht sie blind und gefühllos gegen alle Vortheile, die dem Ganzen durch die Regierung des Dionysius zuwachsen könnten, wenn er nicht von Zeit zu Zeit durch die Versuche der ehmaligen Demagogen, sein Joch wieder abzuschütteln, verhindert würde, seinen eignen Weg ruhig fortzugehen; und da jene eben so wenig Lust zu haben scheinen ihre Versuche aufzugeben, als er die Regierung niederzulegen, so ist wahrscheinlich genug, daß sie Mittel finden werden, aus einem vortrefflichen Fürsten, den das Schicksal den Sicilianern geben wollte, durch ihre eigene Thorheit einen argwöhnischen, strengen und vielleicht grausamen Tyrannen zu machen.

Ich hörte vor kurzem in einer Gesellschaft angesehener Personen dem Dionysius (über welchen man hier sehr frei urtheilt) ein großes Verbrechen daraus machen, daß er sich nicht gescheuet hätte öffentlich zu sagen: »die Souveränetät gewähre ihm nie einen so vollen Genuß, als wenn er was er[237] wolle sogleich ausführen könne.«120 So, meinten sie, könne nur ein Tyrann sprechen, dem nichts heilig sey, und der sich an kein Gesetz gebunden halte. Mir schien diese Rede einer mildern Deutung nicht nur fähig zu seyn, sondern sie sogar zu fordern. Der Wunsch alles was man will ausführen zu können, sagte ich, setzt so wenig einen bösen Willen voraus, daß er vielmehr Guten und Bösen, Thoren und Verständigen gemein ist; und vielleicht ist das größte Leiden guter Menschen, daß sie nur selten können was sie wollen. Mich dünkt aber, fuhr ich fort, Dionysius habe bei diesem Worte noch besonders einen der wesentlichsten Vorzüge der Monarchie vor der Volkssouveränetät vor Augen gehabt. Die Schleunigkeit der Ausführung dessen, was als nothwendig beschlossen wurde, ist in allen Fällen nützlich. Oft hangt die Erhaltung des ganzen Staats, oder doch die Verhütung eines großen Schadens davon ab, daß eine genommene Maßregel pünktlich und auf der Stelle vollzogen werde. Dieß ist nur da zu bewerkstelligen, wo der Wille des Regenten in keinem andern Willen Hindernisse findet, sondern im Gegentheil jedermann sich beeifert, die Ausführung dessen, was der oberste Befehlshaber will, befördern zu helfen. In Republiken ist dieß selten der Fall; denn nichts ist unerhörter, als daß ein Freistaat nicht in Parteien getheilt sey, die einander mit dem unverdrossensten Eifer entgegen wirken. Besonders ist in der Demokratie der Wille des Souveräns nicht nur an sich launisch und veränderlich, sondern er wird noch durch die vielerlei Sinne der vielen Köpfe, die ihn bearbeiten, so stark hin und her gerüttelt, so oft aufgehalten, unschlüssig gemacht und in Widerspruch mit[238] sich selbst gesetzt, daß meistens die Zeit der Ausführung schon vorüber ist, bevor man in der Volksversammlung zu einem Beschluß kommen konnte. Ist dieser endlich gefaßt, so gehen nun die Hindernisse der Vollziehung an. Keiner der Demagogen, die einander die Regierung des sich selbst zu regieren unvermögenden Souveräns streitig machen, gönnt einem andern als sich selbst die Ehre und die Belohnungen einer gelungenen Unternehmung. Jeder, der entweder einer andern Meinung war, oder bei dem Beschlossenen seine Rechnung nicht findet, bietet alle seine Kräfte auf, die Ausführung zu hintertreiben, oder mißlingen zu machen; von allen Seiten nichts als Schwierigkeiten, Fußangeln und Fallgruben; nirgends eine sichre Rechnung auf den guten Willen, den Gehorsam, den Eifer und die Wachsamkeit der Untergeordneten, wovon doch am Ende alles abhängt. Dafür geht es denn auch in den Republiken, zumal in denen, wo das Volk zugleich sein eigner Souverän und Unterthan ist, gewöhnlich und wenige seltne Fälle ausgenommen, so zu – wie der allgemeine Augenschein zeigt. Von jeher blieb einem Volke, um fürs erste immer selbst recht zu wissen was es wolle, und es dann wirklich ausgeführt zu sehen, kein anderes Mittel, als seine höchste Gewalt einem Einzigen zu übertragen, und ihm eben dadurch unbeschränkte Vollmacht zu geben, alles zu thun was er zu Vollziehung des allgemeinen Willens, oder (was eben dasselbe ist) zu Erzielung der Sicherheit und Wohlfahrt des Staats, für nothwendig und dienlich erkennen würde. Ich konnte leicht merken, daß ich mich der Gesellschaft durch diese Rede nicht sonderlich empfohlen hatte. Da es aber den meisten[239] bekannt war, daß ich ein Ausländer sey, der sich nur kurze Zeit zu Syrakus aufzuhalten gedenke und bei dem sogenannten Tyrannen nichts zu suchen habe, ließ ich mich durch das Vorurtheil, das einige vielleicht gegen mich fassen mochten, nicht abschrecken, meine Meinung über die Gegen stände, die der Verfolg des Gesprächs herbeiführte, so freimüthig zu sagen, als es sich in einer Gesellschaft ziemte, die aus lauter erklärten Freunden der Freiheit zu bestehen schien. Einer von den lebhaftesten hatte sich den Ausdruck entwischen lassen: man müßte zum Sklaven geboren seyn, um die Herrschaft eines Einzigen, der sich mit Gewalt eingedrungen, geduldig zu ertragen. – Aber wie, sagte ich, wenn ihr selbst ihm die Herrschaft, um eurer eigenen Sicherheit und Ruhe willen, von freien Stücken auftrüget? Es wäre wenigstens so viel damit gewonnen, daß ihr nicht nöthig hättet, einen Fürsten, unter dessen Regierung der Staat augenscheinlich immer blühender, mächtiger und reicher wird, mit dem verhaßten Namen eines Tyrannen zu belegen. – Wie? versetzte jener hitzig; der müßte ein dreifacher Sklave seyn, der sich freiwillig einen Herrn geben wollte! – Ich sehe wohl, erwiederte ich mit großer Gelassenheit, warum du dich so eifrig gegen meinen Vorschlag erklärst. Aber es gibt Mittel gegen alles. Man könnte ihn ja durch eine Grundverfassung, einen von ihm unabhängigen Senat, oder (wie die Spartaner) durch Aufseher einschränken, und sich dadurch gegen jeden Mißbrauch der höchsten Gewalt sicher stellen? – Ein Volk, sagte mein feuervoller Gegner, das nicht im Stande ist ohne einen Herrn zu leben, wird eben so wenig vermögend seyn, seiner Macht[240] Gränzen zu setzen, oder sie in denjenigen zurückzuhalten, die er sich vielleicht anfangs aus Politik gefallen zu lassen scheinen wird. – Und was wird das Schlimmste seyn, das daraus erfolgen möchte? fragte ich, vielleicht mit einer etwas Attischen Miene, die ich mir (wie ich besorge) unter den Cekropiden unvermerkt angewöhnt habe. – Welche Frage! rief mein Gegenkämpfer halb entrüstet; ist denn irgend etwas Böses und Schändliches, irgend eine ungerechte, gottlose, ungeheure That, die ein Mensch, der alles kann was er will, nicht zu begehen fähig wäre? – »Fähig wäre? das geb' ich zu; aber daß er ein so unsinniger Thor seyn wird, alles Böse wirklich zu thun, dessen er fähig ist, Böses ohne alle Noth oder Herausforderung, bloß um das Vergnügen zu haben Böses zu thun; daran zweifle ich sehr. Einen Wahnsinnigen, ein reißendes Thier, oder einen unter Verbrechen und Schandthaten grau gewordenen Bösewicht, wollen wir freilich nicht zum Hirten des Volks bestellen.« Bei einem Menschen, der alles kann (versetzte jener etwas kälter, weil er sich im Vortheil zu sehen glaubte) bedarf es nur einer einzigen Leidenschaft, die ihn überwältigt, um ihn, wenn er vorher auch ein Mensch wie andere war, zu allem was du sagtest, zu einem Wahnsinnigen, zu einem Tiger, zu einem Bösewicht der vor keinem Verbrechen erschrickt, zu machen. – Ich bin in die Enge getrieben, erwiederte ich; du hättest die großen Vorzüge der Demokratie vor der Alleinherrschaft in kein stärkeres Licht setzen können. Um vor allen Gefahren dieser Art sicher zu seyn, gibt es also wohl kein besseres Mittel, als daß ein Volk sich selbst regiere? Niemand ist dazu geschickter, und nichts[241] war wohl von jeher unerhörter, als daß eine souveräne Volksversammlung etwas Unbesonnenes oder Ungerechtes beschlossen, oder die Macht, alles zu können was sie will, zu Befriedigung irgend einer häßlichen Leidenschaft mißbraucht, und sich treuloser, räuberischer und grausamer Handlungen schuldig gemacht hätte. – Ein allgemeines Gelächter schien meinen Gegner in eine unangenehme Lage zu setzen, und ich sah daß es hohe Zeit sey, einen ernsthaftern Ton anzustimmen. Verzeih, sagte ich zu ihm, wenn ich zur Unzeit gescherzt habe. Ich wollte weiter nichts damit sagen, als daß unumschränkte Gewalt immer mit Gefahr des Mißbrauchs verbunden ist, sie mag nun in den Händen eines Einzigen, oder eines Senats, oder eines ganzen Volkes seyn. Alles kommt am Ende auf den Verstand und die sittliche Beschaffenheit des Regierers, vieles auf Zeit und Umstände, Stimmung, Laune und Einfluß des Augenblicks an. Einschränkungen helfen wenig oder nichts. Eine höchste Gewalt muß in jedem Staate seyn, und die höchste Gewalt läßt sich nicht einschränken; denn dieß könnte doch nur durch eine noch höhere geschehen, und in diesem Fall wäre diese, nicht jene, die höchste. Die Möglichkeit ihres Mißbrauchs bleibt also ein unvermeidliches Uebel, weil sie ihren Grund in einem unheilbaren Gebrechen der Menschheit hat. Aber es ist immer zu vermuthen, daß ein einzelner Regent die Macht alles zu thun was er will, weniger, seltner und leidlicher mißbrauchen werde, als ein so vielköpfiges Ungeheuer von mehrern Tausenden, an Verstand, Erziehung, Einsicht, Erfahrenheit, Vermögen u.s.w. so sehr ungleichen und von den verschiedensten Triebfedern in Bewegung gesetzten Menschen[242] ist; und wenn auch beide keinen edlern Zweck und Antrieb haben als Eigennutz und Selbstbefriedigung, so ist doch ungleich wahrscheinlicher, daß der Einzige die Nothwendigkeit einsehe, daß er seine Macht, um sie ruhig und mit Ruhm zu genießen, zur Wohlfahrt des Staats anwenden müsse, als daß ein ganzes Volk nicht beinahe immer gegen sein wahres Interesse handle, so oft das Privatinteresse der Personen, denen es sich gern oder ungern anvertrauen muß, mit dem seinigen in Widerspruch steht.

Mein Gegner gewann wieder Muth. Du missest nicht mit einerlei Maß, sagte er: du nimmst einen Tyrannen an, der immer nach Grundsätzen handelt, sich nie seinen Launen oder Leidenschaften überläßt, immer sein wahres Interesse kennt und vor den Augen hat, mit Einem Worte, der die Weisheit und Klugheit selbst ist. Das Volk in der Demokratie hingegen ist, nach deiner Voraussetzung, ein blindes, vernunftloses und unbändiges Ungeheuer, das nicht weiß was ihm gut ist, das immer mit dem Maulkorb vor der Schnauze an der Kette gehen muß und immer das Unglück hat, von Thoren oder Schelmen geführt zu werden. Sey, wenn ich bitten darf, nur so billig gegen die Demokratie, als du großmüthig gegen die Tyrannie und das Königthum bist. Wenn ich dir die Möglichkeit eines Alleinherrschers zugebe, der das höchste Gesetz der allgemeinen Wohlfahrt nie aus den Augen setzt, sich seiner Allgewalt immer mit Klugheit und Mäßigung bedient, und seine höchste Selbstbefriedigung im Wohlstande seiner Unterthanen findet, wenn ich dir die Möglichkeit zugebe, daß ein solcher Phönix nicht platterdings ein[243] bloßes Hirngespinnst sey: so wirst du mir auch die Möglichkeit einer Republik, worin ein freies, edeldenkendes und zu jeder sittlichen und bürgerlichen Tugend erzogenes Volk sich von den Weisesten und Besten aus seinem Mittel nach guten Gesetzen freiwillig regieren läßt, zugeben, und zugleich bekennen müssen, daß eine solche Republik jeder andern Staatsverfassung unendlich vorzuziehen ist.

Alle anwesenden Syrakusaner klatschten, nickten oder lächelten ihrem edeln Mitbürger Beifall zu, und schienen zu erwarten, daß ich billig oder wenigstens urban genug seyn würde mich überwunden zu geben. Aber so ganz leicht wollt' ich ihnen den vermeinten Sieg doch auch nicht machen. Ich sehe nur ein Einziges hierbei zu bedenken, sagte ich, und hielt ein. Und was wäre das, wenn man fragen darf? sagte mein Antagonist. – Nichts, versetzte ich, als daß ein so verständiges und tugendhaftes Volk, wie es mein edler Gegner voraussetzt, ganz und gar keiner Regierung bedürfte. Laßt uns so ehrlich seyn, einander zu gestehen, daß die Unentbehrlichkeit aller bürgerlichen Verfassungen und Regierungen keinen andern Grund hat, als die Schwäche und Verkehrtheit des armen Menschengeschlechts. Sie sind ein nothwendiges Uebel, das einem ungleich größern abhilft oder vorbeugt, und bloß dadurch zum Gut wird. Indessen, da die Regierer nicht weniger Menschen sind als die Regierungsbedürftigen, so wäre wohl nichts billiger, als daß wir unsre Forderungen nicht allzu hoch spannten, und niemand dafür büßen ließen, daß er eben so wenig vollkommen ist als wir. Warum wollten wir uns das Gute, das wir haben, dadurch[244] verkümmern, daß es uns nicht gut genug ist? Jede Regierungsart hat ihre eigenen Vorzüge und Gebrechen; wiegt man sie gehörig gegen einander, so gleichen sich, wechselsweise, diese durch jene und jene durch diese aus, und was übrig bleibt, ist so unendlich wenig, daß es die Mühe nicht verlohnt, darum zu hadern. Die Mehrheit der Stimmen erklärte sich für meinen Vorschlag zur Güte, und alle schienen sich zuletzt in der Meinung zu vereinigen: daß ein Volk, das sich bei der politischen Freiheit nie recht wohl befunden, durch den Verlust derselben wenig verloren habe, und bei einem klugen und tapfern Alleinherrscher wahrscheinlich noch gewinnen würde, wenn es weise genug seyn könnte, das Bestreben des Regenten, sich seines, wiewohl gesetzwidrigerweise, errungenen Platzes würdig zu beweisen, durch Zutrauen und guten Willen aufzumuntern, anstatt ihn durch Mißtrauen, Unzufriedenheit und heimliche Anschläge gegen seine Person zu tyrannischen Maßregeln zu zwingen, die ihm, als zu seiner Sicherheit nothwendig, endlich zur Gewohnheit werden, und das Verderben des Fürsten und des Volks zugleich zur Folge haben könnten.

Ich bin etwas ausführlich in Erzählung dieser politischen Conversation gewesen, edler Learchus, weil ich dein Verlangen, die gegenwärtige Stimmung der Syrakusaner zu kennen, besser dadurch zu befriedigen hoffe, als durch allgemeine Bemerkungen, die bei einem so kurzen Aufenthalt ohnehin wenig Zuverlässigkeit haben könnten. Unsre Gesellschaft bestand größtentheils aus Männern der ersten aristokratischen Familien zu Syrakus, und ich glaube daß man von ihnen, mit[245] ziemlicher Sicherheit nicht zu irren, auf die übrigen schließen könne. Es war sehr natürlich, daß sie, so oft des Tyrannen erwähnt oder auf ihn angespielt wurde, eine gewisse Gleichgültigkeit und Zurückhaltung affectirten, die einen ganz unkundigen Fremden ungewiß lassen konnte, ob sie seine Freunde oder Feinde wären; mir aber, der von ihren Angelegenheiten hinlänglich unterrichtet ist, war es leicht ihre wahre Gesinnung durch die übel passende Larve durchscheinen zu sehen. Nie werden sie zu dem Tyrannen, nie der Tyrann zu ihnen Vertrauen fassen; beide Theile haben einander zu viel Leides gethan, als daß jemals eine aufrichtige Aussöhnung möglich wäre; auch wissen beide sehr wohl, wessen sie sich zu einander zu versehen haben, und nehmen ihre Maßregeln darnach. Aber stärker als alles dieß fiel mir eine andere Bemerkung auf, die ich an diesem Abend zu machen Gelegenheit hatte. Unter allen diesen eifrigen Republikanern und Patrioten, solltest du es denken, lieber Learchus? war nicht Einer, der sich auch nur den Schein zu geben gesucht hätte, als ob ihm das wahre Interesse Siciliens, oder auch nur seiner eigenen Vaterstadt und des Syrakusischen Volkes am Herzen liege. Ein Blinder hätte sehen müssen, daß weder dieses noch jenes bei ihren Gesinnungen gegen den Tyrannen in die mindeste Betrachtung kam. Sie hatten eine gewichtigere und ihnen näher liegende Ursache ihn zu hassen; und ich halte mich überzeugt, keiner von ihnen würde das geringste Bedenken tragen, sich selbst noch heute auf den Thron des Dionysius zu setzen, wenn er es möglich zu machen wüßte. – Und doch muß ich hintennach über mich selbst lachen, daß mir so[246] etwas auffallen konnte. Verstand sich's nicht von selbst? Was für einen Grund hatte ich, etwas anders zu erwarten?

Mein Reisegefährte Hippias wurde bald nach unsrer Ankunft von seinem Freunde Philistus bei Hofe aufgeführt, und gefällt dem Tyrannen so wohl, daß er ihm fast immer zur Seite seyn muß. Dionysius sieht sehr gut, was ihm ein Mann wie Hippias seyn könnte, und scheint große Lust zu haben ihn mit goldenen Ketten an sich zu fesseln: aber Hippias hat zu wenig Ehrgeiz und liebt seine Ruhe und Unabhängigkeit zu sehr, als daß er sich nur einen Augenblick versucht fühlen sollte, sie um die unzuverlässige Gunst eines Fürsten zu vertauschen, mit welchem er den öffentlichen Haß und die Gefahren eines immer schwankenden Thrones theilen müßte. Dionysius hat sich auch nach mir erkundigt, und ich soll ihm an einem der nächsten Tage vorgestellt werden.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 22, Leipzig 1839, S. 235-247.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Aristipp und einige seiner Zeitgenossen
Aristipp Und Einige Seiner Zeitgenossen (3)
Sammtliche Werke (34 ); Aristipp Und Einige Seiner Zeitgenossen Bd. 2
Aristipp und einige seiner Zeitgenossen
Werke in zwölf Bänden: Band 4: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen
Werke in zwölf Bänden: Band 4: Aristipp und einige seiner Zeitgenossen

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese. Chronik eines Frauenlebens

Therese gibt sich nach dem frühen Verfall ihrer Familie beliebigen Liebschaften hin, bekommt ungewollt einen Sohn, den sie in Pflege gibt. Als der später als junger Mann Geld von ihr fordert, kommt es zur Trgödie in diesem Beziehungsroman aus der versunkenen Welt des Fin de siècle.

226 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Hochromantik

Große Erzählungen der Hochromantik

Zwischen 1804 und 1815 ist Heidelberg das intellektuelle Zentrum einer Bewegung, die sich von dort aus in der Welt verbreitet. Individuelles Erleben von Idylle und Harmonie, die Innerlichkeit der Seele sind die zentralen Themen der Hochromantik als Gegenbewegung zur von der Antike inspirierten Klassik und der vernunftgetriebenen Aufklärung. Acht der ganz großen Erzählungen der Hochromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe zusammengestellt.

390 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon