69.
Aristipp an Lais.

[384] Du hast wohl gethan, schöne Lais, daß du mich ausdrücklich angewiesen hast, mich über das seltsame Problem, womit dich deine gelehrte Tischgesellschaft neulich unterhalten hat, ernsthaft vernehmen zu lassen; denn ich gestehe, daß die Frage: »was das höchste Gut des Menschen sey?« in meiner Vorstellungsart etwas Lächerliches hat, und daß mir nie eingefallen wäre, sie könnte von so weisen Männern, wie die bärtigen Genossen deiner sophistischen Symposien sind, in wirklichem Ernst aufgeworfen und beantwortet werden. Meine erste Frage bei jeder Aufgabe dieser oder ähnlicher Art, ist: wozu soll's? Bei dieser, dünkt mich, fällt es auf den ersten Blick in die Augen, daß es uns zu nichts helfen könnte, das Höchste zu kennen, da es uns doch, eben darum, weil es so hoch über uns schwebt, unerreichbar ist. In dieser Rücksicht möchte wohl der Aesopische Fuchs, der die Trauben, die ihm zu hoch hingen, für sauer erklärte, mehr praktische Weisheit gezeigt haben, als wir, wenn wir uns die Augen aus dem Kopfe gucken, um in einer so schwindlichten Höhe ein Gut zu entdecken, welches wir mit allen unsern Sprüngen doch nie erschnappen werden. Beim Genuß eines Guten kommt es nicht auf die Größe desselben, sondern auf unsre Empfänglichkeit an. Das erfreulichste aller Dinge, das Licht, ist für den Blinden nichts; an der festlichsten Tafel des großen Königs kann der gierigste Fresser nicht mehr zu sich nehmen als sein[385] Magen faßt; und einer Mücke kann es gleich viel seyn, ob sie aus einer Muschelschale oder aus dem Ocean trinkt. Du selbst, schöne Lais, hast, indem du mir das Problem vorlegst, mit einem einzigen Aristophanischen Worte verrathen, daß die Unart der Menschen, »die Schnäbel immer nach unerreichbaren Dingen aufzusperren,« dir selbst eben so lächerlich ist als mir. Indessen du willst daß ich ernsthaft von der Sache spreche, und ich gehorche um so williger, da vielleicht am Ende doch ein Resultat herauskommen dürfte, das die Mühe des Weges bezahlt, auf welchem wir es gefunden haben.

Vor allen Dingen also wollen wir uns erinnern, daß die Wörter gut und böse (wie alle andern, welche irgend eine Beschaffenheit oder Eigenschaft, die wir den Dingen zuschreiben, bezeichnen) immer von solchen Gegenständen gebraucht werden, welche nur in ihrer Beziehung auf uns, d.i. unserm Gefühl, unsrer Einbildung oder unserm Urtheil nach, gut oder böse sind. Alles was ist, mag an sich sehr gut seyn; aber das braucht uns nicht zu kümmern, denn es kann uns nichts helfen. Wir haben bloß zu fragen: ob ein Ding uns gut oder böse sey? das ist, ob es uns wohl oder übel bekommen werde. Der Krokodil ist in der Leiter der Naturwesen was er seyn soll, und also in seiner Art so gut als ein anderes Thier; aber für die Anwohner des Nils ist er ein sehr schlimmer Nachbar.

Die Frage, »was ist für den Menschen gut oder böse,« ist also immer eine mehr oder minder verwickelte Aufgabe, bei deren Auflösung das meiste auf Ort, Zeit und Umstände ankommt. Dasselbe Wasser, das in Fässern und Krügen dem[386] Seefahrer unentbehrlich ist, taugt nichts im Schiffraum; dasselbe Feuer, das auf dem Herde gut ist unsre Speisen zu kochen, würde in einer angefüllten Scheune großes Unglück anrichten; eben derselbe Trank ist dem Kranken Arznei, dem Gesunden Gift; oder in dieser Krankheit in kleiner Gabe heilsam, in einer andern, und in größerer Portion genommen, tödtlich. Ich zweifle sehr, oder ich behaupte vielmehr für gewiß, daß man mir im ganzen Umfang der Natur, selbst unter den nützlichsten und unentbehrlichsten Dingen kein einziges nennen könne, das auf andere Weise als unter gewissen Bedingungen und Einschränkungen gut für uns ist. Das Nämliche gilt von allen Beschaffenheiten, Natur- und Glücksgaben, die dem Menschen beiwohnen, wie von allen Lagen und Zuständen, worin er sich befindet. Vollkommene Gesundheit (ein so hohes Gut, daß ein König, wenn er von den natürlichen Strafen der Unmäßigkeit gefoltert wird, sie mit der Hälfte seines Reichs zurückzukaufen wünscht) ist für den, der sie mißbraucht, eines der größten Uebel. Schönheit, Witz, Talente, Reichthum, hohe Ehrenstellen, Macht, Scepter und Kronen, wie oft haben sie schon ihre Besitzer ins tiefste Elend und Verderben gestürzt? Ist doch sogar das Leben, die erste Bedingung alles Genusses, selbst nur bedingungsweise ein Gut, und wird täglich von vielen Tausenden entweder aus Pflicht oder zu Befriedigung dieser oder jener Leidenschaft in die Schanze geschlagen! Sogar Wahrheit, Gerechtigkeit, Weisheit und Tugend, wie schön und gut sie sich in der Idee dem Verstande darstellen, sind doch nicht unter allen Umständen und Beziehungen, für jeden Menschen in jeder Bedeutung des Worts, gut.[387] So ist, z.B. nicht gut die Wahrheit zur Unzeit oder auf eine ungeschickte Art zu sagen; so ist nicht jedem gut, alles Wahre zu wissen; so ist möglich, daß ein gerechter Richter mir Unrecht thut, indem er mich nach einem gerechten Gesetze verurtheilt; so ist das höchste Recht zuweilen Unrecht; so gibt es keine Tugend, die für den, der sie ausübt, nicht entweder durch irgend einen äußerlichen Umstand oder durch seine eigene Schuld zu einer Quelle von wirklichen Uebeln für ihn selbst und andere werden könnte; so kann was an dem einen Weisheit ist, an einem andern Thorheit seyn, u.s.w. Wenn nun alles, was die Menschen gut nennen, nur unter gewissen Umständen und Einschränkungen, also nur durch rechten und weisen Gebrauch wirklich gut für uns ist; wenn das Gute unter gewissen Bedingungen zum Uebel, und aus gleichem Grunde, das Böse zum Gut werden kann: wird nicht, aller Wahrscheinlichkeit nach, eben dasselbe von jedem höhern, und so endlich auch von dem höchsten Gute gelten? Klingt es aber nicht widersinnig, daß das höchste Gut, bei veränderten Personen und Umständen, das höchste Uebel seyn könnte?

Die bisherige Betrachtung scheint uns das glänzende Phantom, dem wir nachgehen, immer weiter aus den Augen gerückt zu haben. Lass' uns versuchen, ob wir ihm vielleicht auf einem andern Wege wieder näher kommen werden. Wir suchen das höchste Gut des Menschen. Die erste Frage müßte also seyn: was ist der Mensch? Die Natur stellt lauter einzelne Menschen auf, und es fehlt viel, daß diese nichts als gleichlautende Exemplarien eines und ebendesselben Originals seyn sollten. Der Mensch ist also entweder bloß ein collectives[388] Wort für die sämmtlichen einzelnen Menschen, vom ersten Paar, das aus dem Schooß der Erde oder des Wassers hervorging, bis zu den letzten, die das Unglück oder Glück haben werden, die nächste, unsrer Welt von den Pythagoräern geweissagte, Verbrennung zu erleben182, – oder es bezeichnet einen idealischen Koloß, der aus dem, was alle Menschen gemein haben, gebildet ist, und wovon, nach Plato, der bloße Schatten durch die Ritzen unsers Kerkers in unsre Seele fällt, indeß das Urbild selbst in der intelligibeln Welt der Platonischen Ontoos Ontoon183 wirklich vorhanden ist. Da ein bloßer Schatten, zumal der Schatten eines bloß intelligibeln Dinges, ein gar zu dünnes, leeres und flüchtiges Unding ist, um ein brauchbares Resultat zu geben, so werden wir uns wohl an den ersten Begriff halten müssen, der als eine Prosopopöie184 des ganzen Menschengeschlechts betrachtet werden kann.

Um die Menschen, so wie sie als die regierende Familie im Thierreich wirklich und leibhaft auf dem Erdboden herumwandeln, so viel möglich mit Einem Blick zu übersehen, wollen wir uns, mit deiner Erlaubniß, Laiska, in Gedanken entweder mit dem Trygäus185 des Aristophanes auf einen Balcon der Jupitersburg, oder auf die höchste Thurmspitze seiner Nephelokokkygia186 stellen, und dann sehen – was zu sehen seyn wird. Das erste, denke ich, ist die erstaunliche Verschiedenheit dieser sonderbaren Thiere, die man unter dem collectiven Namen Mensch zu begreifen genöthigt ist, da sie, bei der auffallendsten Ungleichheit unter sich selbst, gleichwohl von allen andern Thierarten zu stark abstechen, um zu einer derselben gerechnet werden zu können. Wir sehen einige in kleiner[389] Anzahl, nackend oder nur sehr dürftig bekleidet und mit Bogen, Pfeilen und Spießen bewaffnet, in ungeheuren Wäldern umherschweifen, wo ihr beinahe einziges Geschäft ist, die wilden Thiere zu verfolgen die ihnen zur Speise und zur Kleidung dienen. Andere finden wir an den Ufern großer Seen beschäftigt, mit Angelruthen oder Netzen dem Wasser einen oft kärglichen Unterhalt abzuverdienen. Wieder andere bringen unter mildern Himmelsstrichen ihr Leben mit Viehzucht und Hütung ihrer Heerden hin; und noch andere, genöthigt die geringere Freigebigkeit der Natur durch strenge Arbeit zu ersetzen, sehen wir mit den ersten Anfängen des Ackerbaues, der Gärtnerei, der Baukunst und Schifffahrt beschäftigt. Alle diese verschiedenen Menschengeschlechter leben in einer Art von thierischer Freiheit, mehr oder weniger armselig, oft kümmerlich, aber wenn sie nur nothdürftig zu leben haben, mit ihrem Zustande zufrieden, weil sie keinen bessern kennen.

Was meinst du nun, daß diese Jäger, Fischer, Hirten und Pflanzer, die sich noch glücklich preisen, wenn sie mit mühseliger Anstrengung aller ihrer Kräfte sich des nothdürftigsten Unterhalts für einige Tage oder Monate versichern können, was meinst du, daß sie sich für eine Vorstellung von dem höchsten Gute machen? Frage sie, und du wirst hören, daß ihre üppigsten Wünsche nicht über eine glückliche Bärenjagd, einen starken Fischzug, die Verdopplung ihrer Heerden, und eine reichliche Ernte hinausgehen; und erschiene ihnen ein Gott, der es in ihre Wahl stellte, was sie von ihm erbitten wollten, weder ihre Einbildungskraft noch ihre Vernunft würde sie weiter führen, als zu der hohen Glückseligkeit ihr[390] Leben lang ohne Mühe, Gefahr und Arbeit – die Forderungen ihres Magens befriedigen zu können.

Diese Naturmenschen machen indeß, wiewohl sie vielleicht den größten Theil des Erdbodens einnehmen, den kleinsten des Menschengeschlechts aus. Der weit größere lebt in bürgerlicher Gesellschaft, wenige in Freistaaten, wo anfangs die Noth, in der Folge das Verlangen nach Wohlstand, Reichthum und Ansehen, unter dem belebenden Einfluß einer durch weise Gesetze zugleich begünstigten und eingeschränkten Freiheit, alle Arten von Entwicklung der menschlichen Fähigkeiten, Leibes- und Geistes-Uebungen, Handarbeiten, Künste und Wissenschaften hervorgebracht, und zum Theil auf eine bewundernswürdige Höhe getrieben hat. Diese über ein großes Stück von Asien und Europa und die nördliche Küste von Libyen verbreiteten, mehr oder weniger ausgebildeten Menschen scheinen, beim ersten Ueberblick, sich zu jenen rohen Kindern der Natur wie die Götter zu den Menschen zu verhalten: forschen wir aber genauer nach, so werden wir uns bald überzeugen, daß unter einer Myriade policirter Menschen neuntausend sind, die sich über haupt viel weniger glücklich, ja oft viel unglücklicher fühlen oder wähnen, als jene nackten Waldmänner, Troglodyten187 und Ichthyiophagen188. Denn bei weitem die größere Zahl lebt in Armuth und Mangel an allen Bequemlichkeiten; genießt wenig oder nichts von den Früchten des anscheinenden Wohlstands und Reichthums des Staats; muß, um einer kleinen Anzahl üppiger Müßiggänger ein prachtvolles und wollüstiges Leben zu verschaffen, über Vermögen arbeiten, und sich oft schlechter nähren als die[391] Wilden, und, damit an ihrem Elend nichts fehle, geduldig zusehen, wie die Müßiggänger sich auf ihre Unkosten wohl seyn lassen. Nun frage ich dich abermal: was dünkt dich daß für die neunzighundert Theile der policirten Menschheit nach ihrer eigenen Schätzung, das höchste Gut seyn werde? Wir wollen sie selbst nicht fragen; denn sie sind nicht unverdorben genug, uns, wie ihre Brüder in den Wäldern des Atlas, Kaukasus und Imaus, die wahre Antwort zu geben. Aber rechne darauf, daß sie sich von keiner höhern Glückseligkeit träumen lassen, als täglich zu leben wie die Freier der Penelope, oder die Höflinge des Alcinous in der Odyssee, und, wie diese, aller Arbeit überhoben zu seyn. Grobe sinnliche Befriedigungen bei nie abnehmender Gesundheit und Stärke, und ein müßiges sorgenfreies Leben, dieß ist's was sie sich als das höchste Gut denken, und höher gehen weder ihre Wünsche, noch ihre dermalige Empfänglichkeit. Und warum nicht? da unter den übrigen schwerlich zehn vom Hundert sind, in deren Busen, wenn Prometheus nicht vergessen hätte ihn durchsichtig zu machen, wir nicht eben dieselben Wünsche, nur mehr oder weniger verfeinert und auf alle ihre Leidenschaften ausgedehnt, erblicken würden. Wenigstens läßt mich, was ich über diesen Punkt bisher wahrgenommen habe, nichts anders glauben. Sinnlichkeit ist nun einmal die Grundlage der menschlichen Natur; essen, trinken und schlafen, das erste Bedürfniß, das erste Geschäft und das erste Vergnügen des Kindes, so wie das letzte des Greises, bei welchem das Wohlbehagen an den Vergnügungen des Gaumens in eben dem Verhältniß zunimmt, wie das Vermögen[392] andre Triebe zu befriedigen abnimmt und aufhört. Stelle einen jeden Sophisten, der dieß nicht gestehen will, ohne daß er deine Absicht merken kann, auf die Probe, und du wirst schwerlich einen einzigen finden, der seine prahlerische Theorie nicht durch die That Lügen strafen wird.

Wie dann, Laiska? Dein scherzender Philosoph sollte also am Ende doch noch Recht behalten? – Ja, und Nein, sage ich; und wenn dieß widersinnig klingt, wer kann dafür, wenn der Mensch, seiner Centaurischen Natur nach, ein so widersinnisches Ding ist, daß mein Freund Plato sich und uns nicht besser zu helfen weiß, als durch den wohlmeinenden Rath, den thierischen Theil geradezu abzuwürgen, und den geistigen allein leben zu lassen. Meine Vorstellungsart erlaubt mir nicht, so streng mit der Hälfte meines Ichs zu verfahren; und da diese Doppelnatur nun einmal mein dermaliges Wesen ausmacht, so denke ich vielmehr alles Ernstes darauf, einen billigen Vertrag zwischen beiden Theilen zu Stande zu bringen, mit dem Vorbehalt, falls es mir damit nicht gelingen sollte, mich auf die Seite der Vernunft zu schlagen, und vermittelst ihrer Oberherrschaft über den animalischen Theil diese Sokratische Sophrosyne in mir hervorzubringen, die zwar nicht das höchste Gut, aber doch gewiß ein sehr großes und zum reinen Genuß aller andern unentbehrlich ist. Im Grunde sollte jener Vertrag so schwer nicht zu stiften seyn, da die Natur selbst in beiden Theilen schon Anstalt dazu gemacht, und dem geistigen eine sonderbare Anmuthung zu dem thierischen, diesem hingegen, trotz seiner angebornen Wildheit, eine eben so sonderbare Willigkeit sich von jenem zäumen und regieren zu lassen,[393] eingepflanzt hat. In der That kommt in dieser Rücksicht alles darauf an, daß das Thier, wenn es seine Schuldigkeit thun soll, fleißig zur Arbeit und zum Gehorsam angehalten, aber auch wohl behandelt, gut genährt und hinlänglich gewartet werde. Sobald es merkt, daß der regierende Theil es wohl mit ihm meint, ist es folgsam und geschmeidig; wird ihm aber übel begegnet, gleich fängt es an muckisch zu werden; beißt um sich, schlägt aus, spreizt, bäumt und wälzt sich, und läßt nicht nach, bis es den Reiter abgeworfen hat. Ist dieser überhaupt nicht stark und verständig genug den Zügel recht zu führen und sein Thier im Respect zu erhalten, was Wunder wenn es mit ihm durchgeht, und sich gerade so meisterlos aufführt, als ob es keinen Herrn über sich erkennte?

Um diese Allegorie nicht zu lange zu verfolgen, bemerke ich nur, daß das Daseyn der Vernunft und ihr Einfluß auf unsre sinnliche oder thierische Natur sich, wie bei den Kindern schon in der frühen Dämmerung des Lebens, so bei allen, selbst den rohesten Völkern schon in den ersten Anfängen der Cultur vornehmlich darin beweist, daß sie (wofern nicht besondere klimatische oder andere zufällige Ursachen im Wege stehen) sich selbst und ihren Zustand immer zu verschönern und zu verbessern suchen. So langsam es anfangs damit zugeht, so schnell nimmt der Trieb zum Schönern und Bessern zu, wenn einmal gewisse Perioden zurückgelegt sind, und die Vernunft selbst in ihrer Entwicklung einen gewissen Grad von Stärke erreicht hat. Daß wir aber demungeachtet im Ganzen noch so weit zurück sind, liegt wohl hauptsächlich an der Kürze unsers Lebens, welches in Verhältniß mit allen übrigen Bedingungen,[394] unter welchen wir es empfangen, in viel zu enge Gränzen eingeschlossen ist, als daß die Menschen (wenige Ausnahmen abgerechnet) große Fortschritte zur Verbesserung ihres eigenen innern und äußern Zustandes machen, oder etwas Beträchtliches zum allgemeinen Besten beitragen könnten: indessen zeigt sich doch von einer Generation zur andern ein gewisses, im Kleinen meist unmerkliches, aber im Großen ziemlich sichtbares Streben nach dem, was man füglich (wie ich glaube) den Zweck der Natur mit dem Menschen nennen kann. Und was könnte dieser anders seyn, als die immer steigende Vervollkommnung der ganzen Gattung, wozu jeder einzelne der einst da war, etwas (wie wenig es auch sey) beigetragen hat, und von welcher nun hinwieder jede neue Generation und jedes einzelne Glied derselben mehr oder weniger Vortheil zieht? Da nichts, was einmal da war oder geschah, ohne Folgen ist, also nichts ganz verloren geht; da jedes Jahrzehnt und Jahrhundert seine Versuche, Erfahrungen, Entdeckungen und Erfindungen den Nachkommenden zur Fortsetzung, Ausbildung, Verbesserung und Vermehrung überliefert, so kann dieß schlechterdings nicht anders seyn. Die Rückfälle, die man von Zeit zu Zeit wahrzunehmen wähnt, die alte Sage, »daß nichts unter der Sonne geschehe,« und die Abnahme der menschlichen Gattung, die man uns schon aus dem alten Homer erweisen zu können glaubt, sind nur anscheinend. Besondere Völker, einzelne Menschen können wohl in einigen Stücken schlechter als ihre Vorfahren werden; aber das Menschengeschlecht, als Eine fortdauernde Person betrachtet, der unsterbliche Anthropodämon189 Mensch, nimmt[395] immer zu, und sieht keine Gränzen seiner Vervollkommnung. Denn nur dem einzelnen Menschen, nicht der Menschheit, sind Gränzen gesetzt.

Die Fortschritte, welche wir Griechen seit der Zeit da Europens Bewohner noch stammelnde Waldmenschen und Troglodyten waren, bis zu der Stufe, worauf wir dermalen stehen, gemacht haben, werden andre Menschen, vielleicht ganz andre Völker, nach uns in den nächsten Jahrtausenden fortsetzen, und unfehlbar wird eine Zeit kommen, wo die Menschen durch künstliche Mittel sehen werden, was uns unsichtbar ist; wo sie Schätze von Kenntnissen, wovon sich jetzt niemand träumen läßt, gesammelt, neue Mineralien, Pflanzen und Thiere, neue Eigenschaften der Körper, neue Heilkräfte, kurz, unendlich viel Neues im Himmel, auf Erden und im Ocean entdeckt, und vermittelst alles dessen nicht nur unsre Erfindungen viel höher getrieben, sondern eine Menge uns ganz unbekannter Künste und Kunstwerkzeuge erfunden haben werden, u.s.w.

Nun, meine Freundin, sind wir auf der Höhe, von welcher aus wir uns, dünkt mich, überzeugen können, daß die Aufgabe, die du mir zu lösen gegeben hast, unauflösbar ist. Es gibt kein andres höchstes Gut (wenn man es so nennen will) für den Menschen, als, »das zu seyn und zu werden, was er nach dem Zweck der Natur seyn soll und werden kann:« aber eben dieß ist der Punkt, den er nie erreichen wird, wiewohl er sich ihm ewig annähern soll. Wo über jeder Stufe noch eine höhere ist, gibt es kein Höchstes – als täuschungsweise; wie dem, der einen hohen Berg ersteigen will, diese oder jene Spitze die höchste scheint, bis er sie erklettert hat,[396] und nun erst sieht, daß neue Gipfel sich über ihm in die Wolken thürmen. Alles, was für einen Menschen in seinem dermaligen Leben (dem einzigen, das er kennt) gut ist, ist zur rechten Zeit, am rechten Ort, im rechten Maß, und recht gebraucht, für den Augenblick das Höchste; für den unsterblichen Menschen gibt es kein Höchstes als das Unendliche. Weiter, schöne Laiska, habe ich's bis jetzt nicht bringen können, und ich zweifle nicht, daß viel daran fehlt, daß meine Antwort deinen Sophisten und Phrontisten genug thun sollte. Was mich selbst betrifft, ich habe nie nach hohen Dingen, geschweige nach dem Höchsten, getrachtet; und dafür haben mir die Götter immer reichlich mehr gegeben, als ich zu begehren gewagt hätte. Von allen ihren Gaben die reichste ist, daß sie mich mit dir zu gleicher Zeit geboren werden ließen, mich mit dir zusammen brachten, und in der Stunde, da du mir deine Freundschaft schenktest, mich auf mein ganzes Leben zu einem der glücklichsten Sterblichen weihten. Müßt' ich nicht Adrasteien190 zu erzürnen fürchten, wenn ich meine Wünsche noch höher zu treiben versuchen wollte?[397]

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 24, Leipzig 1839.
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