Erstes Capitel
Geschichte des Prinzen Biribinker

[270] In einem Lande, dessen weder Strabo noch Martiniere Erwähnung tun, lebte einst ein König, der den Geschichtschreibern so wenig zu verdienen gab, daß sie aus Rachbegierde mit einander einig wurden, so gar seine Existenz bei der Nachwelt zweifelhaft zu machen. Allein alle ihre boshaften Bemühungen haben nicht verhindern können, daß sich nicht einige glaubwürdige Urkunden erhalten hätten, in denen man alles findet, was sich ungefähr von ihm sagen ließ. Diesen Urkunden zufolge war er eine gute Art von einem Könige, machte des Tages seine vier Mahlzeiten, hatte einen guten Schlaf, und liebte Ruhe und Frieden so sehr, daß es bei hoher Strafe verboten war, die bloßen Namen Degen, Flinte, Canone und dergleichen in seiner Gegenwart zu nennen. Das merkwürdigste an seiner Person, (sagen die bemeldten Urkunden) war ein Wanst von einer so majestätischen Peripherie, daß ihm die größten Monarchen seiner Zeit hierin den Vorzug lassen mußten. Ob ihm der Beiname des Großen, den er bei seinen Lebzeiten geführt haben soll, um dieses nämlichen Wanstes oder einer andern geheimen Ursache willen gegeben worden, davon läßt sich nichts gewisses sagen; so viel aber ist ausgemacht, daß in dem ganzen Umfange seines Reichs niemand war, den dieser Beiname einen einzigen Tropfen Bluts gekostet hätte. Wie es darum zu tun war, daß seine Majestät aus Liebe zu dero Völkern und zu Erhaltung der Thron Folge in dero Familie, sich vermählen sollte, so hatte die Academie der Wissenschaften nicht wenig zu tun, vermittelst der gegebenen Größe des königlichen Wanstes und einiger anderer Verhältnisse die Figur derjenigen Princessin zu bestimmen, welche man würdig halten konnte, die Hoffnungen der Nation zu erfüllen. Nach einer langen Reihe von academischen Sitzungen wurde endlich die verlangte Figur, und durch eine große Menge von Gesandtschaften, die an alle Höfe von Asien geschickt wurden,[270] die Princessin ausfindig gemacht, die mit dem gegebenen Modell übereinstimmte. Die Freude über ihre Ankunft war außerordentlich, und das Beilager wurde mit so großer Pracht vollzogen, daß sich wenigstens fünfzig tausend Paare von den königlichen Untertanen entschließen mußten ledig zu bleiben, um seiner Majestät die Unkosten von dero Hochzeit bestreiten zu helfen. Der Präsident der Academie, der ungeachtet er der schlechteste Geometer seiner Zeit war, sich alle Ehre der obgedachten Erfindung beizulegen gewußt hatte, glaubte mit gutem Grunde, daß nunmehr sein ganzes Ansehen von der Fruchtbarkeit der Königin abhange, und weil er in der Experimental-Physik ungleich stärker war, als in der Geometrie, so fand er, man weißt nicht was für ein Mittel, die Berechnungen der Academie zu verificieren. Kurz, die Königin gebar zu gehöriger Zeit den schönsten Prinzen, der jemals gesehen worden ist, und der König hatte eine so große Freude darüber, daß er den Präsidenten auf der Stelle zu seinem ersten Vezier ernannte.

So bald der Prinz geboren war, versammelte man zwanzig tausend junge Mädchen von ungemeiner Schönheit die man zum voraus aus allen Enden des Reichs zusammen berufen hatte, um eine Säugamme für ihn auszuwählen. Man muß gestehen, daß unter allen diesen jungen Mädchen nicht eine einzige Jungfer war; allein man glaubte, sie würden sich nur desto besser zu dem ehrenvollen Amte schicken, wozu man sie nötig hatte, und wozu sich jede die meiste Hoffnung machte, weil der erste Leibarzt ausdrücklich verordnet hatte, daß die Wahl auf die schönste fallen sollte. Aus zwanzig tausend schönen die schönste auszuwählen, ist keine so leichte Commission, als man denken möchte; auch hatte der Leibarzt, ungeachtet er eine gute Brille auf der Nase sitzen hatte, so viel Mühe, einen zureichenden Grund zu finden, warum er einer vor der andern den Vorzug geben sollte, daß bereits der dritte Tag sich zum Ende neigte, ehe er es nur so weit gebracht hatte, die Candidatinnen von zwanzig tausend auf vier und zwanzig zu bringen. Allein, da doch endlich eine Wahl getroffen werden mußte, so war er eben im Begriff unter den vier und zwanzig einer großen Brunette den Vorzug zu geben, weil sie unter allen den kleinsten Mund und die schönste Brust hatte, Eigenschaften, die, wie er[271] versicherte, Galenus und Avicenna schlechterding von einer guten Amme fordern; als man unvermutet eine gewaltig große Biene nebst einer schwarzen Ziege ankommen sah, welche vor die Königin gelassen zu werden begehrten.

Frau Königin, sprach die Biene, ich höre, sie brauchen eine Amme für ihren schönen Prinzen. Wenn sie das Vertrauen zu mir haben wollten, mir vor diesen zweibeinigten Creaturen den Vorzug zu geben, so sollte es sie gewiß nicht gereuen. Ich will den Prinzen mit lauter Honig von Pomeranzen-Blüten säugen, und sie sollen ihre Lust daran sehen, wie groß und fett er dabei werden soll. Sein Atem soll so lieblich riechen wie Jasmin, sein Speichel soll süßer sein als Canarien-Sect, und seine Windeln – –

Gestrenge Frau Königin, fiel ihr die Ziege ins Wort, nehmen sie sich vor dieser Biene in Acht, das will ich ihnen als eine gute Freundin geraten haben. Es ist wahr, wenn ihnen sehr viel daran gelegen ist, daß ihr junges Herrchen süß werde, so taugt sie dazu besser als irgend eine andere; aber es laurt, wie das Sprüchwort sagt, eine Schlange unter den Blumen. Sie wird ihn mit einem Stachel begaben, der ihm unendlich viel Unglück zuziehen wird. Ich bin nur eine schlechte Ziege; aber ich schwöre eurer Majestät bei meinem Bart, meine Milch wird ihm weit besser zuschlagen als ihr Honig; und wenn er schon weder Nectar noch Ambrosia machen wird, so versprech ich ihnen hingegen, daß er der tapferste, der weiseste und der glücklichste unter allen Prinzen sein soll, die jemals Ziegenmilch getrunken haben.

Jedermann verwunderte sich, da man die Ziege und die dicke Biene so reden hörte. Allein die Königin merkte gleich, daß es zwo Feen sein müßten, und dieses machte sie eine ziemliche Weile unschlüssig, was sie tun sollte. Endlich erklärte sie sich für die Biene; denn weil sie ein wenig geizig war, so dachte sie: Wenn die Biene ihr Wort hält, so wird der Prinz allenthalben so viel Süßigkeiten von sich geben, daß man das Confect für die Tafel wird ersparen können. Die Ziege schien es sehr übel zu nehmen, daß sie abgewiesen wurde: sie meckerte dreimal etwas unverständliches in ihren Bart hinein, und siehe! da erschien ein prächtig lackierter und vergoldeter Wagen von acht Phönixen gezogen; die schwarze Ziege verschwand in dem nämlichen Augenblick, und an ihrer statt sahe man ein kleines[272] altes Weibchen in dem Wagen sitzen, die mit vielen Drohungen gegen die Königin und den jungen Prinzen, durch die Luft davon fuhr. Der Leib-Medicus war über eine so seltsame Wahl nicht weniger mißvergnügt, und wollte der Brunette mit dem schönen Busen den Antrag machen, ob sie nicht Lust hätte, die Stelle einer Hausmeisterin bei ihm einzunehmen; allein zum Unglück kam er schon zu spät, und mußte sichs gefallen lassen mit einer von den übrigen neunzehn tausend, neun hundert und sechs und siebenzig vorlieb zu nehmen; denn die vier und zwanzig waren alle schon bestellt.

Inzwischen machten die Drohungen der schwarzen Ziege dem Könige so bang, daß er noch an dem nämlichen Abend seinen Staats-Rat versammlete, um sich zu beraten, was bei so gefährlichen Umständen zu tun sein möchte; denn weil er gewohnt war, sich alle Nacht mit Märchen einschläfern zu lassen, so wußte er wohl, daß die Feen nicht für die Langeweile zu drohen pflegen. Nachdem nun die weisen Männer alle bei einander waren, und ein jeder seine Meinung gesagt hatte, so befand sichs, daß sechs und dreißig Räte in großen viereckichten Perücken, nicht weniger als sechs und dreißig Vorschläge getan hatten, wovon an jedem wenigstens sechs und dreißig Schwierigkeiten ausgesetzt wurden; man stritt in mehr als sechs und dreißig Sessionen mit vieler Lebhaftigkeit, und der Prinz würde vermutlich mannbar geworden sein, ehe man eines Schlusses hätte einig werden können, wenn nicht der Favorit-Hof-Narre seiner Majestät den Einfall gehabt hätte, daß man eine Gesandtschaft an den großen Zauberer Caramussal schicken sollte, der auf der Spitze des Berges Atlas wohnte, und von allen Orten her wie ein Orakel um Rat gefragt wurde. Weil nun der Hofnarr das Herz des Königs hatte, und in der Tat für den feinsten Kopf des ganzen Hofes gehalten wurde, so fiel ihm jedermann bei, und in wenig Tagen wurde eine Gesandtschaft abgeschickt, welche, die Taggelder zu ersparen, mit so großer Geschwindigkeit reiseten, daß sie in drei Monaten auf der Spitze des Berges Atlas anlangten, ob er gleich bei nahe zwei hundert Meilen von der Hauptstadt entfernt war.

Sie wurden so gleich vor den großen Caramussal gelassen, der in einem prächtigen Saal auf einem Throne von Ebenholz[273] sitzend, den ganzen Tag genug zu tun hatte, auf alle die wunderlichen Fragen Antwort zu geben, die aus allen Teilen der Welt an ihn gebracht wurden. Der erste Abgesandte nachdem er sich den Bart gestrichen und dreimal geräuspert hatte, öffnete eben einen ziemlich großen Mund um eine schöne Anrede herzusagen, die ihm sein Secretair aufgesetzt hatte, als ihn Caramussal unterbrach; Herr Abgesandter, sagte er, ich schenke ihnen ihre Rede, ob ich es ihnen gleich an ihrer Physionomie ansehe, daß sie sehr hübsch gelautet haben würde; ich habe selbst den ganzen Tag so viel zu reden, daß mir keine Zeit zum hören übrig bleibt; und zu dem, so weiß ich schon voraus, was sie bei mir anzubringen haben. Sagen sie dem König, ihrem Herrn, er habe sich an der Fee Caprosine eine mächtige Feindin gemacht; indessen sei es doch nicht unmöglich, die Zufälle, so sie dem Prinzen angedroht habe, auszuweichen, wenn man die gehörige Vorsicht gebrauche, daß er vor seinem achtzehnten Jahre kein Milchmädchen zu sehen bekomme. Weil es aber, aller Vorsicht ungeachtet, eine sehr schwere, wo nicht unmögliche Sache ist, seinem Schicksal zu entgehen, so seie mein Rat, daß man, um auf alle Fälle gefaßt zu sein, dem Prinzen den Namen Biribinker gebe, dessen geheime Kräfte allein mächtig genug sind, ihn aus allen den Abenteuern, die ihm zustoßen könnten, glücklich heraus zu führen. Mit diesem Bescheid entließ Caramussal die Gesandtschaft, welche nach Verfluß abermaliger drei Monate, unter allgemeinem Zujauchzen des Volks wieder in der Hauptstadt ihres Landes anlangte.

Der König fand die Antwort des großen Caramussal so ungereimt, daß er große Lust hatte, darüber böse zu werden. Bei meinem Bauch, rief er, (denn das war sein großer Schwur) ich glaube, der große Caramussal hat seinen Spaß mit uns – Biribinker! was für ein verfluchter Name das ist! Hat man auch jemals gehört, daß ein Prinz Biribinker geheißen hätte? Ich möchte doch wohl wissen, was für eine geheime Kraft in diesem närrischen Namen stecken soll? Und wenn ich die Wahrheit sagen soll, das Verbot, ihm vor seinem achtzehnten Jahre kein Milchmädchen sehen zu lassen, deucht mich nicht viel gescheiter. Warum dann gerade kein Milchmädchen? Und seit wenn sind die Milchmädchen gefährlicher als andere Mädchen?[274] Wenn er noch gesagt hätte, keine Tänzerin oder kein Kammerfräulein von der Königin, das wollt ich noch gelten lassen; denn, unter uns, ich wollte nicht gut dafür sein, daß ich nicht selbst gelegenheitlich eine kleine Anfechtung von dieser Art bekommen könnte. Indessen, weil es der große Caramussal nun einmal so haben will, so mag der Prinz immerhin Biribinker heißen; er wird wenigstens der erste dieses Namens sein, und das gibt einem doch immer ein gewisses Ansehen in der Historie; und was die Milchmädchen anbetrifft, so will ich schon Anstalt machen, daß auf fünfzig Meilen um meine Residenz weder Kuh noch Ziege, Melk-Kübel noch Milchmädchen zu finden sein soll.

Der König, dessen geringste Sorge war die Folgen seiner Entschließungen vorher zu überlegen, war würklich im Begriff ein Edict deshalb ergehen zu lassen, als ihm sein Parlament durch eine zahlreiche Deputation vorstellen ließ, daß es sehr hart, um nicht gar tyrannisch zu sagen, heraus kommen würde, wenn Sr. Majestät getreue Untertanen gezwungen werden sollten, den Caffee künftig ohne Milchrahm zu trinken; und weil die vorläufige Nachricht von diesem Edict würklich schon ein großes Murren unter dem Volk erregte: so mußten sich Seine Majestät endlich entschließen, nach dem Beispiele so vieler andern Könige in den Feen-Geschichten, dero Cron-Prinzen unter der Aufsicht seiner Amme, der Biene, von sich zu entfernen, und es ihrer Klugheit zu überlassen, wie sie ihn vor den Nachstellungen der Fee Caprosine und vor den Milchmädchen sicher stellen wollte.

Die Biene brachte also den kleinen Prinzen in einen großen Wald, der wenigstens zwei hundert Meilen im Umfang hatte, und so unbewohnt war, daß man in seinem ganzen Bezirk nur nicht einen Maulwurf gefunden hätte. Sie baute durch ihre Kunst einen unermeßlichen Bienenkorb von rotem Marmor, und legte um denselben einen Park von Pomeranzen-Bäumen an, der sich über fünf und zwanzig Meilen in die Länge und Breite erstreckte. Ein Schwarm von hundert tausend Bienen, deren Königin sie war, beschäftigte sich für den Prinzen und das Serail der Königin Honig zu machen, und damit man seinetwegen vollkommen sicher sein könnte, so wurden rings um den[275] Wald alle fünf hundert Schritte Wespen-Nester angelegt, welche Befehl hatten, die Grenzen aufs schärfste zu bewachen.

Indessen wuchs der Prinz heran, und übertraf durch seine Schönheit und wunderbare Eigenschaften alles, was jemals gesehen worden ist. Er spuckte lauter Syrup, er pißte lauter Pomeranzen-Blüt-Wasser, und seine Windeln enthielten so köstliche Sachen, daß sie von Zeit zu Zeit der Königin zugeschickt werden mußten, damit sie an Gala-Tägen ihren Nach-Tisch daraus verbessern konnte. So bald er zu reden anfing, lallte er Concetti und Epigrammata, und sein Witz wurde nach und nach so stachlicht, daß ihm keine Biene mehr gewachsen war, ob gleich die dummste im ganzen Korbe zum wenigsten so viel Witz hatte als einer von den vierzigen der Academie Francoise.

Allein so bald er das siebenzehnte Jahr erreicht hatte, regte sich ein gewisser Instinct bei ihm, der ihm sagte, daß er nicht dazu gemacht seie, sein Leben in einem Bienenkorbe zuzubringen. Die Fee Melisotte, (so nannte sich seine Amme) wandte zwar alles an, ihn aufzumuntern und zu zerstreuen; sie verschrieb ihm eine Anzahl sehr geschickter Katzen, die ihm alle Abend ein Französisches Concert oder eine Opera von Lulli vormauen mußten; er hatte ein Hündchen, das auf dem Seil tanzte, und ein dutzend Papagaien und Elstern, die sonst nichts zu tun hatten, als ihm Märchen zu erzählen, und ihn mit ihren Einfällen zu unterhalten; allein das wollte alles nichts helfen; Biribinker sann Tag und Nacht auf nichts anders, als wie er aus seiner Gefangenschaft entwischen möchte. Die größte Schwierigkeit, die er dabei sah, waren die verwünschten Wespen, die den Wald bewachten, und in der Tat kleine Tierchen waren, die einen Herkules hätten erschrecken können, denn sie waren so groß wie junge Elephanten, und ihr Stachel hatte die Figur und bei nahe auch die Größe der Morgensterne, deren sich die alten Schweizer mit so gutem Erfolg zu Behauptung ihrer Freiheit zu bedienen pflegten. Da er sich nun einsmals voller Verzweiflung über seine Gefangenschaft unter einen Baum geworfen hatte, näherte sich ihm eine Hummel, die wie alle übrigen männlichen Bewohner des Bienenstocks die Größe eines halb gewachsenen Bären hatte.

Prinz Biribinker, sagte die Hummel, wenn sie Langeweile[276] haben, so versichere ich sie, daß es mir noch schlimmer geht: Die Fee Melisotte, unsre Königin, hat mir seit etlichen Wochen die Ehre angetan, mich zu ihrem Liebling zu erkiesen; aber ich gestehe ihnen, daß ich der Last meines Amtes nicht gewachsen bin. Sie hat, unter uns geredet, über fünftausend Hummeln in ihrem Serail, die gewiß nicht müßig sind; ich wollte mich nicht beschweren, wenn sie mich den übrigen gleich hielte; aber, Sapperment! der Vorzug, den sie mir gibt, fangt mir an beschwerlich zu fallen; ich sage ihnen, daß es nicht länger auszustehen ist. Wenn sie wollten, Prinz, so wäre es ihnen ein leichtes sich selbst und mir die Freiheit zu verschaffen. -Was ist denn zu tun, fragte der Prinz? – Ich bin nicht allzeit eine Hummel gewesen, antwortete der mißvergnügte Liebling, und sie allein sind im Stande mir meine erste Gestalt wieder zu geben. Setzen sie sich auf meinen Rücken; es ist Abend, und die Königin ist in ihrer Celle in Geschäften begriffen, die ihr keine Freiheit lassen, sich um etwas anders zu bekümmern. Ich will mit ihnen davon fliegen; aber sie müssen mir versprechen, daß sie tun wollen, was ich von ihnen verlange. Der Prinz versprach es ihm, ersetzte sich ohne Bedenken auf, und die Hummel flog so schnell mit ihm davon, daß sie in sieben Minuten aus dem Walde waren. Nunmehro, sprach die Hummel, sind sie in Sicherheit. Die Macht des alten Zauberers Padmanaba, der mich in diese Umstände gebracht hat, erlaubt mir nicht weiter mit ihnen zu gehen; aber hören sie was ich ihnen sagen werde. Wenn sie auf diesem Wege linker Hand fortgehen, so werden sie endlich in eine große Ebene kommen, wo sie eine Herde himmelblauer Ziegen sehen werden, die um eine kleine Hütte herum weiden. Nehmen sie sich ja in acht, daß sie nicht in die Hütte hinein gehen, oder sie sind verloren. Halten sie sich immer linker Hand, und gehen sie fort, bis sie endlich zu einem verfallenen Palast kommen, dessen noch übrige Pracht ihnen beweisen wird, was er ehmals gewesen ist. Sie werden durch etliche Höfe an eine große Treppe von weißem Marmor kommen, welche sie in einen langen Gang führen wird, wo sie zu beiden Seiten eine Menge prächtiger und hell erleuchteter Zimmer finden werden. Gehen sie ja in keines derselben hinein, sonst schließt es sich augenblicklich von selbst wieder zu, und keine menschlische[277] Gewalt kann sie wieder heraus bringen. Sie werden aber eines davon verschlossen finden, und dieses wird sich öffnen, so bald sie den Namen Biribinker aussprechen. In diesem Zimmer bringen sie die Nacht zu, das ist alles, was ich von ihnen verlange. Glückliche Reise, gnädiger Herr, und wenn sie sich bei meinem Rat wohl befinden, so vergessen sie nicht, daß ein Dienst des andern wert ist.

Mit diesen Worten flog die Hummel davon, und ließ den Prinzen in keiner mittelmäßigen Erstaunung über alles, was sie ihm gesagt hatte. Voller Ungeduld nach den wundervollen Begebenheiten, die ihm bevor stunden, ging er die ganze Nacht durch, denn es war Mondschein und mitten im Sommer. Des Morgens erblickte er die Wiese, die Hütte und die himmelblauen Ziegen. Er erinnerte sich des Verbots gar wohl, das die Hummel ihm so nachdrücklich eingeschärft hatte, allein er fühlte beim Anblick der Ziegen und der Hütte eine Art von Anziehung, der er nicht widerstehen konnte. Er ging also in die Hütte hinein, und fand niemand darin als ein junges Milchmädchen in einem schneeweißen Leibchen und Unterrock, die im Begriff war etliche Ziegen zu melken, die an einer diamantnen Krippe angebunden stunden. Der Melk-Kübel, den sie in ihrer schönen Hand hatte, war aus einem einzigen Rubin gemacht, und statt des Strohes war der Stall mit lauter Jasmin und Pomeranzen-Blüten bestreut. Alles dieses war freilich bewundernswürdig genug, allein der Prinz bemerkte es kaum, so sehr hatte ihn die Schönheit des jungen Mädchens geblendet. In der Tat Venus in dem Augenblick, da sie von den Zephyren ans Gestade von Paphos getragen wurde, oder die junge Hebe, wenn sie halb aufgeschürzt den Göttern Nectar einschenkte, waren weder schöner noch reizender als dieses Milchmädchen. Ihre Wangen beschämten die frischesten Rosen, und die Perlenschnuren, womit ihre Arme und ihre kleinen netten Füßchen umwunden waren, schienen nur dazu zu dienen, die blendende Weiße derselben zu erhöhen. Nichts konnte zierlicher und reizender sein als ihre Gesichts-Züge und ihr Lächeln, über ihr ganzes Wesen war ein Ausdruck von Zärtlichkeit und Unschuld ausgebreitet, und ihre kleinsten Bewegungen hatten diesen namenlosen Reiz, dem die Herzen beim ersten Anblick entgegen[278] fliegen. Diese bezaubernde Person schien auf eine eben so angenehme Art über den Prinzen Biribinker betroffen, als er über sie; halb unschlüssig, ob sie bleiben oder fliehen wollte, blieb sie stehen, und betrachtete ihn mit einem verschämten Blicke, worinne Schüchternheit und Vergnügen sich zu vermischen schienen. Ja, ja, rief sie endlich aus, indem sich der Prinz zu ihren Füßen warf, er ist es, er ist es! – Wie? rief der entzückte Prinz, der aus diesen Worten schloß, daß sie ihn schon kenne, und daß er ihr nicht gleichgültig seie; ist der allzuglückliche Biribinker – Götter! schrie das Milchmädchen, indem sie ganz bestürzt zurück bebte, was für einen verhaßten Namen höre ich! wie sehr haben meine Augen und mein voreiliges Herz mich betrogen! Fliehe, fliehe, unglückliche Galactine -Mit diesen Worten floh sie würklich so schnell aus der Hütte als ob sie der Wind davon führete. Der bestürzte Prinz, der den Abscheu nicht begreifen konnte, den sie vor seinem Namen hatte, lief ihr nach so schnell als er konnte; allein das Milchmädchen flog, daß ihre Fußsohlen kaum die Spitzen des Grases berührten. Umsonst beflügelten die Schönheiten, die ihr flatterndes Gewand in jedem Augenblick entdeckte, die Begierden und die Füße des nacheilenden Prinzen; er verlor sie in einem dichten Gebüsche, wo er den ganzen Tag hin und wieder lief, und jedem Rasseln und Flüstern, das er hörte, nachging, ohne daß er die mindeste Spur von ihr finden konnte.

Indessen war die Sonne untergegangen, und er befand sich unvermerkt an der Pforte eines alten Schlosses, welches halb eingefallen schien. Denn es ragten allenthalben Mauerstücke von Marmor und umgestürzte Säulen von den kostbarsten Edelsteinen aus dem Gesträuch hervor, und er stieß sich alle Augenblicke an Trümmern, wovon der schlechteste eine Insel auf dem festen Lande wert war. Er merkte hieraus, daß er bei dem Palast sei, wovon ihm sein guter Freund, die Hummel gesagt hatte, und hoffte, (wie die verliebten hoffnungsvolle Leute zu sein pflegen) sein holdseliges Milchmädchen vielleicht hier zu finden. Er arbeitete sich durch drei Vorhöfe durch, und kam endlich an die Treppe von weißem Marmor. Zu beiden Seiten stund auf jeder Stufe, deren zum wenigsten sechzig waren, ein großer geflügelter Löwe, der bei jedem Atemzug so viel Feuer aus seinen Naslöchern schnaubte, daß es heller als bei Tag davon[279] wurde; aber es versengte ihm nur nicht ein Haar, und die Löwen sahen ihn nicht so bald, so spannten sie ihre Flügel aus, und flohen mit großem Gebrüll davon.

Der Prinz Biribinker ging also hinauf, und kam sogleich in eine lange Galerie, wo er die offnen Zimmer fand, wovor ihn die Hummel gewarnt hatte. Ein jedes derselben führte in zwei oder drei andere, und die Pracht, womit sie eingerichtet und ausgeschmücket waren, übertraf alles, was sich seine Einbildungs- Kraft vorstellen konnte, ungeachtet ihm die Feerei nichts neues war. Allein dieses mal nahm er sich wohl in acht, seiner Neugier, o den Zügel zu lassen, und ging so lange fort, bis er an eine verschlossene Türe von Ebenholz kam, an welcher ein goldener Schlüssel steckte. Er versuchte lange vergeblich ihn umzudrehen; aber so bald er den Namen Biribinker ausgesprochen hatte, sprang die Türe von sich selbst auf, und er befand sich in einem großen Saal, dessen Wände ganz mit crystallenen Spiegeln überzogen waren. Er wurde von einem diamantnen Cronleuchter erhellt, an welchem in mehr als fünf hundert Lampen lauter Zimmet-Öl brannte. In der Mitte stund ein ovaler Tisch von Elfenbein mit smaragdenen Füßen, für zwo Personen gedeckt, und zur Seiten zween Schenktische von Lasur-Stein, die mit goldenen Tellern, Bechern, Trinkschalen und anderm Tisch Geräte versehen waren. Nachdem er alles, was sich in diesem Saale seinen Augen darbot, eine gute Weile voller Erstaunen betrachtet hatte, erblickte er eine Türe, durch die er in verschiedene andere Zimmer kam, wovon immer eines das andere an Pracht der Auszierung überglänzte. Er besah alles Stück vor Stück, und wußte nicht mehr, was er davon denken sollte. Die Zugänge zu diesem Palast hatten ihm ein zerstörtes Schloß angekündiget; das Inwendige schien keinen Zweifel übrig zu lassen, daß es bewohnt sei; und doch sah und hörte er keine lebendige Seele. Er durchging alle diese Zimmer noch einmal, er suchte überall, und entdeckte endlich in dem letzten noch eine kleine Türe in den Tapeten. Er öffnete sie, und befand sich in einem Cabinet, worin die Feerei sich selbst übertroffen hatte. Ein angenehmes Gemisch von Licht und Schatten erheiterte es, ohne daß man die Quelle dieser zauberischen Dämmerung entdecken konnte. Die Wände von poliertem schwarzem Granit stellten,[280] wie eben so viele Spiegel, verschiedene Scenen von der Geschichte des Adonis und der Venus mit einer Lebhaftigkeit vor, die der Natur gleich kam, ohne daß man erraten konnte, durch was für eine Kunst diese lebende Bilder sich dem Stein einverleibet hatten. Liebliche Gerüche wie von Frühlingswinden aus frisch aufblühenden Blumenstöcken herbei geweht, erfüllten das ganze Gemach, ohne daß man sah, woher sie kamen, und eine stille Harmonie, wie von einem Concert, das aus tiefer Ferne gehört wird, umschlich eben so unsichtbar das bezauberte Ohr, und schmelzte das Herz in zärtliche Sehnsucht. Ein wollüstiges Ruhebett, von welchem ein marmorner Liebes-Gott, der zu atmen schien, den wallenden Vorhang halb hinweg zog, war das einzige Geräte in diesem anmutsvollen Ort, und erweckte in dem Herzen unsers Prinzen ein gehemmisvolles Verlangen nach etwas, wovon er, so neu als er noch war, nur dunkle Begriffe hatte, ob ihm gleich die Tapeten, die er sehr aufmerksam und nicht ohne eine süße Unruhe betrachtete, einiges Licht zu geben anfingen. In diesen Augenblicken stellte sich ihm das Bild des schönen Milchmädchens mit einer neuen Lebhaftigkeit dar, und nachdem er eine Menge vergeblicher Klagen über ihren Verlust angestimmt hatte, fing er von neuem an zu suchen, bis er es müde wurde. Weil er nun diesesmal nicht glücklicher war als vorher, so begab er sich wieder in das Cabinet mit dem Ruhebette, zog seine Kleider aus, und war im Begriff sich niederzulegen, als eines der unvermeidlichsten Bedürfnisse der menschlichen Natur ihn nötigte, sich unter dem Bette umzusehen. Er fand würklich ein Gefäß von Crystall, an welchem noch Merkmale zu sehen waren, daß es vor Zeiten zu einem solchen Gebrauch gedient hatte. Der Prinz fing schon an es mit Pomeranzen-Blüt- Wasser zu begießen, als er, o Wunder, das crystallene Gefäß verschwinden, und an dessen statt – eine junge Nymphe vor sich stehen sah, die so schön war, daß es unmöglich hätte scheinen sollen, so sehr über sie zu erschrecken, als der Prinz würklich erschrak. Sie lachte ihn so freundlich an, als ob sie einander schon längst gekannt hätten, und ehe er sich noch aus seiner Bestürzung erholen konnte, sagte sie zu ihm: Willkommen Prinz Biribinker! Lassen sie sichs nicht verdrießen einer jungen Fee einen Dienst getan zu haben, die ein barbarischer Eifersüchtiger[281] über zwei Jahrhunderte lang zu einem Werkzeug der niedrigsten Bedürfnisse mißbraucht hat. Reden sie aufrichtig, Prinz; finden sie nicht, daß mich die Natur zu einem edlern Gebrauch bestimmt hat? Sie sagte dieses mit einem gewissen Blick, dessen Directions-Linie den bescheidenen Biribinker in einige Verwirrung setzte. Er hatte, wie wir wissen, so viel Witz als man haben kann, aber wir müssen hinzu setzen, eben so viel Unbesonnenheit; er merkte, daß er der Fee etwas verbindliches sagen sollte; weil er aber gewohnt, alles was er sprach, mit einem gewissen Schwung zu sagen, so konnte all sein Witz diesmal nicht verhindern, daß er nicht etwas sehr dummes sagte. Es ist ein Glück für sie, schönste Nymphe, antwortete er ihr, daß ich die Absicht nicht haben konnte, ihnen den seltsamen Dienst zu leisten, den ich ihnen unwissender Weise geleistet habe; denn ich versichere sie, daß ich sonst allzuwohl gewußt hätte, was der Wohlstand – –

O! machen sie nicht so viel Complimente, erwiderte die Fee, in den Umständen, worin sich unsere Bekanntschaft anfängt, sind sie sehr überflüssig. Ich habe ihnen nichts geringers als mich selbst zu danken, und da wir nicht länger als diese Nacht beisammen bleiben werden, so müßte ich mir selbst Vorwürfe machen, wenn ich ihnen Anlaß gäbe, die Zeit mit Complimenten zu verderben. Ich weiß, daß sie der Ruhebedürftig sind; sie sind schon ausgekleidet, legen sie sich immer zu Bette. Es ist zwar das einzige, das in diesen Gemächern ist, aber es steht ein Sopha in dem großen Saal, auf dem ich die Nacht ganz bequem werde zubringen können.

Madame, versetzte der Prinz, ohne daß er selbst recht wußte, was er sagte, ich würde in diesem Augenblick – der glücklichste unter allen Sterblichen sein, wenn ich nicht – der unglücklichste wäre. Ich muß ihnen gestehen, ich finde was ich nicht gesucht habe, indem ich suchte, was ich verloren hatte, und wenn nicht der Schmerz, sie gefunden zu haben, die Freude meines Verlusts – Nein, die Freude, wollt ich sagen, sie gefunden zu haben – –

Je nun, wahrhaftig, fiel ihm die Fee ins Wort, ich glaube sie schwärmen! Was wollen sie mir mit allem dem Galimathias sagen? Kommen sie, Prinz Biribinker, gestehen sie mir in guter Prosa, daß sie in ein Milchmädchen verliebt sind. – –[282]

Sie raten so glücklich, sagte der Prinz, daß ich ihnen gestehen muß – –

O! daraus haben sie gar kein Bedenken zu machen, fuhr die Fee fort; und in ein Milchmädchen, das sie diesen Morgen in einer schlechten Hütte angetroffen haben, in einem Stall, was man sagen möchte. –

»Aber, ich bitte sie, woher – wie können sie – –«

Und die auf einer Streu von Pomeranzen-Blüten im Begriff war eine himmelblaue Ziege in einen Kübel von Rubin zumelken – nicht wahr?

Wahrhaftig! rief der Prinz, für eine Person, die vor einer Viertelstunde (nehmen sie mirs nicht ungnädig) noch – ich will nicht sagen was? war, wissen sie erstaunlich viel – –

»Und die davonlief, so bald sie den Namen Biribinker hörte – –«

Aber, ich bitte sie, Madame, woher können sie das alles wissen, da sie doch, wie sie sagen, schon zwei hundert Jahre in dem sonderbaren Stande gewesen sind, worin ich die Ehre gehabt habe, sie so unverhofft kennen zu lernen.

Nicht so unverhofft auf meiner Seite als sie sich einbilden, antwortete die Fee; Aber heißen sie ihre Neugierigkeit noch einen Augenblick ruhen. Sie sind abgemattet, und haben den ganzen Tag nichts gegessen; kommen sie mit mir in den Saal, es ist schon für uns beide gedeckt, und ich hoffe, ihre Treue gegen ihr schönes Milchmädchen werde ihnen doch erlauben, mir wenigstens bei Tische Gesellschaft zu leisten. Biribinker merkte den geheimen Verweis sehr wohl, der in diesen Worten lag, er tat aber nicht dergleichen, und begnügte sich mit einem tiefen Reverenz ihr in den Speissaal zu folgen.

So bald sie hinein gekommen waren, ging die schöne Cristalline, (so hieß die Fee) zum Camin, und bemächtigte sich eines kleinen Stabs von Ebenholz, an dessen beiden Enden ein diamantner Talisman befestiget war. Nun habe ich nichts weiter zu besorgen, sagte sie, setzen sie sich, Prinz Biribinker; ich bin nun Meisterin von diesem Palast und von vierzig tausend elementarischen Geistern, die der große Zauberer, der ihn vor fünfhundert Jahren erbaute, zum Dienst desselben bestimmt hat.

Mit diesen Worten schlug sie dreimal an den Tisch, und in[283] dreien Augenblicken sahe Biribinker mit Erstaunen, daß er mit den niedlichsten Speisen besetzt war, und daß die Flaschen auf dem Schenktisch sich von selbst mit Wein anfüllten.

Ich weiß, sagte die Fee zum Prinzen, daß sie nichts als Honig essen; versuchen sie einmal von diesem hier, und sagen sie mir, ob sie jemals dergleichen gekostet haben. Der Prinz aß davon und schwur, daß es nichts geringers als das Ambrosia der Götter sein könne. Er wird, sagte sie, aus den reinsten Düften der unverwelklichen Blumen bereitet, die in den Gärten der Sylphen blühen. Und was sagen sie zu diesem Wein, fuhr sie fort, indem sie ihm eine volle Trinkschale darbot? Ich schwöre ihnen, rief der entzückte Prinz, daß die schöne Ariadne dem jungen Bacchus keinen bessern eingeschenkt hat. Er wird, versetzte sie, aus den Trauben gedruckt, die in den Gärten der Sylphen wachsen, und dem Gebrauch desselben haben diese schöne Geister die unsterbliche Jugend und Munterkeit zu danken, die in ihren Adern wallt.

Die Fee sagte nichts davon, daß dieser Nectar noch eine andere Eigenschaft hatte, die der Prinz gar bald zu erfahren anfing. Je mehr er davon trank, je reizender fand er seine schöne Gesellschafterin. Beim ersten Zug bemerkte er, daß sie sehr schöne blonde Haare hatte; beim andern wurde er von der Schönheit ihrer Arme gerührt, beim dritten entdeckte er ein Grübchen in ihrem linken Backen, und beim vierten entzückte ihn die Weiße und Fülle eines gewissen Busens, der unter dem Nebel eines dünnen Flors seinen Augen nachstellte. Ein so reizender Gegenstand und eine Trinkschale, die sich immer wieder von sich selbst anfüllte, waren mehr als er nötig hatte, um seine Sinnen in ein süßes Vergessen aller Milchmädchen der ganzen Welt einzuwiegen. Was sollen wir sagen? Biribinker war zu höflich, eine so schöne Fee auf dem Sopha schlafen zu lassen, und die schöne Fee zu dankbar, als daß sie ihm in einem Hause, wo vierzig tausend Geister herum spukten, ihre Gesellschaft hätte abschlagen können. Kurz, die Höflichkeit wurde auf der einen, und die Dankbarkeit auf der andern Seite so weit getrieben, als es möglich war, und Biribinker bewies sich der guten Neigung vollkommen würdig, welche Cristalline beim ersten Anblick von ihm gefaßt hatte.[284]

Die Fee erwachte, wie die Geschichte sagt, zuerst, und konnte den Übelstand nicht ertragen, einen so außerordentlichen Prinzen in so guter Gesellschaft schlafen zu sehen. Prinz Biribinker, sagte sie zu ihm, nachdem sie ihn, man weißt nicht wie erweckt hatte, ich habe ihnen keine gemeine Verbindlichkeiten. Sie haben mich von der unanständigsten Bezauberung, die jemals ein Frauenzimmer erlitten hat, befreit; sie haben mich an meinem Eifersüchtigen gerochen; nun ist nur noch eins übrig, und sie können sich auf die unbegrenzte Dankbarkeit der Fee Cristalline Rechnung machen.

Und was ist dann noch übrig, fragte der Prinz, indem er sich die Augen rieb?

So hören sie dann, antwortete die Fee. Dieser Palast gehörte, wie ich ihnen schon gesagt habe, einem Zauberer, dem seine Wissenschaft eine fast unumschränkte Macht über alle Elemente gab. Allein seine Macht über die Herzen war desto eingeschränkter. Zum Unglück war er, trotz seinem hohen Alter und einem schneeweißen Bart, der ihm bis an die Gürtel herab hing, eine der verliebtesten Seelen, die jemals gewesen sind. Er verliebte sich in mich, und ob er gleich die Gabe nicht hatte sich wieder lieben zu machen, so hatte er doch Macht genug um gefürchtet zu werden. Bewundern sie die Wunderlichkeit des Schicksals; ich versagte ihm mein Herz, welches zu gewinnen er sich alle nur ersinnliche Mühe gab, und überließ ihm meine Person, die ihm zu nichts nütze war. Vor langer Weile wurde er endlich eifersüchtig, aber so eifersüchtig, daß es nicht auszustehen war. Er hatte die schönsten Sylphen zu seiner Bedienung, und doch ärgerte er sich über die unschuldigsten Freiheiten, die wir mit einander nahmen. Er brauchte einen nur in meinem Zimmer oder auf meinem Sopha anzutreffen, so war ich schon gewiß daß ich ihn nicht wieder zu sehen bekam. Ich verlangte von ihm, daß er sich auf meine Tugend verlassen sollte, aber auch diese schien dem Unglaubigen keine hinlängliche Bürgschaft gegen ein Schicksal, das er so wohl zu verdienen sich bewußt war. Kurz, er schaffte alle Sylphen ab, und nahm zu unsrer Bedienung lauter Gnomen an, kleine mißgeschaffene Zwerge, bei deren bloßen Anblick ich vor Ekel hätte ohnmächtig werden mögen. Allein wie die Gewohnheit endlich alles erträglich[285] macht, so versöhnte sie mich nach und nach mit der Figur dieser Gnomen, und machte, daß ich zuletzt possierlich fand, was mir anfangs abscheulich vorgekommen war. Es war keiner unter allen, der nicht etwas übermäßiges in seiner Bildung gehabt hätte. Der eine hatte einen Höcker wie ein Camel, der andere eine Nase, die ihm bis über den Mund herab hing, der dritte Ohren wie ein Faun, und ein Maul, das ihm den Kopf in zwo Halbkugeln spaltete, der vierte einen ungeheuren Wanst; kurz, eine Chinesische Einbildungskraft kann nichts abenteurlichers erfinden als die Gesichter und Figuren dieser Zwerge. Allein der alte Padmanaba hatte nicht bemerkt, daß sich unter seinen Aufwärtern einer befand, der in einem gewissen Sinn gefährlicher war als der schönste Sylphe von der Welt. Nicht, daß er weniger häßlich gewesen wäre, als die übrigen; aber durch ein seltsames Spiel der Natur war bei ihm ein Verdienst, was bei andern zu nichts diente als die Augen zu beleidigen.

Ich weiß nicht, ob sie mich verstehen, Prinz Biribinker?

Nicht allzuwohl, versetzte der Prinz, aber erzählen sie nur weiter, vielleicht werden sie in der Folge deutlicher werden.

Es stund nicht lange an, fuhr die schöne Cristalline fort, so hatte Grigri, (so hieß der Gnome) Ursache zu glauben, daß er mir weniger mißfalle als seine Gesellen. Was wollen sie? Man gerät auf allerlei Einfälle, wenn man lange Weile hat, und Grigri hatte eine außerordentliche Gabe mißvergnügten Damen die Zeit zu vertreiben. Mit einem Wort, er wußte meine müßige Stunden (und ich hatte ihrer in der Tat sehr viele) auf eine so angenehme Art auszufüllen, daß man nicht zufriedener sein kann als ich es war. Padmanaba bemerkte endlich die ungewohnte Fröhlichkeit, die aus meinem Gesicht und aus meinem ganzen Wesen hervor schimmerte. Er zweifelte nicht, daß sie eine andere Ursache haben müßte als das Vergnügen, so er selbst mir machte; aber er konnte nicht erraten, was es für eine sein möchte. Zum Unglück war er ein großer Meister in derjenigen Art von Schlußreden, die man Soriten nennt. Er geriet durch eine lange Kette von Schlüssen endlich auf die Vermutung, die ihm das ganze Geheimnis anfzuschließen schien. Er beschloß uns zu beobachten, und nahm seine Zeit so wohl, daß er uns in eben diesem Cabinet bei einem Spiel überraschte, welches die unerschöpfliche[286] Geschicklichkeit des kleinen Grigri außerordentlich interessant zu machen wußte. Hätten sie es geglaubt, mein Prinz, daß man ein so schlimmes Herz haben könnte, als der alte Zauberer bei dieser Gelegenheit zeigte? An statt großmütig an meinem Vergnügen Anteil zu nehmen, erzürnte er sich darüber, der Niederträchtige! Er hätte sich immer erzürnen mögen, daß er nicht Grigri war, aber was konnte unbilliger sein als uns deswegen zu strafen?

In der Tat, sagte Biribinker, nichts unbilligers! denn wenn er nur in einem einzigen Punct Grigri gewesen wäre, so bin ich gewiß, daß sie ihm ungeachtet seines langen weißen Bartes den Vorzug vor einem kleinen häßlichen Zwergen gegeben hätten. – –

Was sagen sie mir von einem kleinen häßlichen Zwerg, erwiderte Cristalline; ich versichere sie, in dem Augenblick, wovon wir reden, war Grigri ein Adonis in meinen Augen. Aber hören sie nur, wie es weiter ging. Nachdem der Alte unsichtbarer Weise unsern Spielen eine Weile zugesehen hatte, trat er endlich hervor und setzte uns in einen Schrecken, der sich leichter einbilden als beschreiben läßt. Er schüttete die ganze Wut über uns aus, in die ihn ein Anblick gesetzt hatte, der seines Unvermögens zu spotten schien. Ich schäme mich ihnen die Complimente zu wiederholen, die er mir bei dieser Gelegenheit machte. Kurz, (denn ich muß Zeit sparen) er verwandelte mich – sie wissen wohl – worein, und den armen Grigri in eine Hummel. – –

In eine Hummel, rief Biribinker, das ist sonderbar; so ist vielleicht Herr Grigri von meiner Bekanntschaft. – –

Mit der Bedingung, fuhr Cristalline fort, daß ich meine Gestalt nicht eher wieder bekommen sollte, bis ich dem Prinzen Biribinker – verzeihen sie meiner Schamhaftigkeit, daß ich den Umstand nicht nenne, worin ich zu erst das Vergnügen hatte sie kennen zu lernen, und in der Tat, ohne ihnen zu schmeicheln, so sehr zu ihrem Vorteil, daß ich in der ersten Bestürzung im Begriff war, sie für den armen Grigri selbst zu halten.

Sie erweisen mir allzuviel Ehre, erwiderte Biribinker, und wenn ich gewußt hätte, daß ihr Herz für einen so würdigen Gegenstand eingenommen wäre – –[287]

Ich bitte sie, sagte die Fee, gewöhnen sie sich doch die unzeitlichen Complimente ab, die sie so gern zu machen pflegen; sie können nicht glauben, wie gezwungen und wunderlich es ihnen läßt. Ich sage ihnen, daß ich die beste Meinung von ihrer Bescheidenheit habe, und ich denke, ich gebe ihnen eine sehr starke Probe davon, da ich mich so nahe bei ihnen sicher glaube. Ich erinnere mich zwar nicht allzuwohl, wie es zugegangen ist, daß wir so vertraulich mit einander worden sind; denn ich gestehe, daß ich aus Vergnügen über unsere so lang gewünschte Zusammenkunft ein paar Gläser mehr getrunken als ich zu trinken pflege; aber ich hoffe doch, sie werden sich in den Schranken – –

In der Tat schöne Cristalline, fiel ihr der Prinz ins Wort, ich finde ihr Gedächtnis so außerordentlich als die Tugend, worauf sie wollten, daß der alte Padmanaba sich verlassen sollte; aber sagen sie mir doch, wenn sie es nicht auch vergessen haben, was wurde denn aus der Hummel?

Sie erinnern mich eben recht daran, antwortete die Fee; der arme Grigri! ich hatte ihn würklich vergessen – es ist mir leid, aber der grausame Padmanaba hat seine Befreiung auf eine so ungereimte Bedingung gesetzt, daß ich nicht weiß, wie ich es ihnen werde sagen können – –

Und was kann denn das für eine Bedingung sein, fragte Biribinker?

Ich begreife nicht, antwortete Cristalline, was sie dem alten Zauberer getan haben können, daß er sie in diese Händel eingemischt hat; denn das ist gewiß, daß damals, da alle diese Verwandlungen vorgingen, ihre Älter-Mutter noch nicht einmal geboren war. Mit einem Wort, Grigri soll seine vorige Gestalt nicht wiederbekommen, bis sie – Nein! die Delicatesse meiner Empfindungen läßt mir nicht zu, es ihnen zu sagen, und ich begreife nicht, wie ich fähig sein werde, mich dazu zu verstehen; denn sie werden, denk ich, an der Röte, womit der bloße Gedanke daran mein Gesicht überzieht, schon erraten haben, was es ist.

Ich will selbst gleich zue inem dreifachen Hummel werden, rief Biribinker, wenn ich errate, was sie haben wollen; ich bitte sie, machen sie nicht so viel Umschweife; es ist schon heller Tag, und ich kann mich nicht mehr aufhalten –[288]

Wie? sagte die Fee, wird ihnen die Zeit so lange bei mir? bin ich nicht fähig, ihnen ein Milchmädchen nur für etliche Stunden aus dem Sinn zu bringen? Sie sollten mir wenigstens aus Eigennutz ein wenig den Hof machen; denn ich kann mehr zu ihrem Glücke beitragen als sie sich einbilden.

So sagen sie mir dann geschwind, was ich tun soll, erwiderte Biribinker. – –

Wie ungedultig sie sind, rief die Fee! Wissen sie also, daß der arme Grigri nicht eher wieder Grigri werden soll, bis der Prinz Biribinker – Nun! so raten sie doch – Aber das versichere ich ihnen, wenn es nicht um die Wiederherstellung eines alten guten Freundes zu tun wäre, ich könnte mich nimmermehr dazu verstehen, das Opfer der Rache zu werden, welche Padmanaba durch ihren – Beistand an dem armen Grigri nehmen will.

Er will doch nicht, daß ich ihnen das Leben nehmen soll, sagte der Prinz?

Nun, das muß ich gestehen, antwortete Cristalline, daß sie heute mit einem außerordentlich harten Kopf aufgewacht sind; Glauben sie denn nicht, daß ein recht eingenommener Liebhaber seine Geliebte lieber sterben als in eines andern Armen sehen würde?

Ha, ha! Nun versteh ich sie endlich, Madam, sagte Biribinker ganz kaltsinnig; wahrhaftig! ihre Schamhaftigkeit hätte nicht nötig gehabt sich so viel Bedenken zu machen, die Sache gerade heraus zu sagen. Aber erlauben sie mir ihrem Gedächtnis ein wenig nachzuhelfen, und sie zu erinnern, daß wenn es mir hieran läge, Grigri schon lange enthummelt sein müßte. Es sind noch nicht drei Stunden – –

Ich glaube, sie haben Zerstreuungen, unterbrach ihn die Fee! –

Indessen müssen sie wissen, daß Padmanaba sehr streng über dem Recht der Wiedervergeltung hält, und daß Grigri nicht eher zu seiner ersten Gestalt gelangen kann, bis sie ihm alle die Beleidigungen wieder geben, welche der Zauberer von ihm empfangen zu haben glaubt.

O! Madame, rief der Prinz, indem er aus dem Ruhebette sprang, ich bin des Herrn Padmanaba gehorsamer Diener; aber wenn es nur auf diesen kleinen Umstand ankommt, so werden sie unter den zehen tausend Gnomen, die ihnen zu Diensten stehen,[289] einen neuen Grigri suchen müssen, um ihren graubartigen Gecken an seinem wundertätigen Nebenbuhler zu rächen (denn daran wird ihnen vermutlich mehr gelegen sein, als daß ihr kleiner Zwerg seine vorige Schönheit wieder bekomme). Was mich betrifft, so denke ich, sie sollten zufrieden sein, daß ich ihnen die ihrige wieder gegeben. Ich sage das nicht, als ob ich mich durch die Gütigkeiten, die sie für mich gehabt haben, nicht überflüssig für einen Dienst belohnt halte, der mich so wenig gekostet hat; ich wollte sie nur erinnern, daß die Hauptsache doch immer in dem Umstande liegt, daß sie, an statt ein crystallener Nachttopf zu sein, wieder die Fee Cristalline sind, und daß die Gewalt, die ihnen der Zauberstab des alten Padmanaba gibt, sie gar leicht wegen des Verlusts eines einzigen sollte trösten können.

Ich hoffe doch nicht, versetzte Cristalline, daß sie meine Sorge für den armen Grigri einer eigennützigen Absicht beimessen? Sie müßten in der Tat weder die Feinheit meiner Empfindungen, noch die Pflichten der Freundschaft kennen, wenn sie nicht begreifen könnten, daß man sich für einen Freund beeifern kann, ohne einen andern Bewegungs-Grund zu haben, als das Beste dieses Freunds, und ich müßte sie bedauren – –

O! Madame, erwiderte Biribinker, der sich indessen angekleidet hatte, ich bin von der quintessenz-mäßigen Feinheit ihrer Empfindungen so überzeugt, als sie es nur verlangen können; aber sie sehen, wie bequem dieser Morgen ist, meine Reise fortzusetzen. Sein sie so gütig, sie, deren Herz einer so uneigennützigen Freundschaft fähig ist, und entdecken mir, auf welchem Weg ich meine geliebte Galactine wieder finden kann: So will ich gegen alle und jede behaupten, daß sie die großmütigste, die uneigennützigste, und wenn sie wollen, auch die sprödeste unter allen Feen des Erdkreises sind.

Sie sollen befriediget werden, antwortete Cristalline; gehen sie, und suchen ihr Milchmädchen, weil es doch ihr Schicksal so haben will; ich hätte vielleicht Ursache mit ihrer Aufführung nicht allzu sehr zufrieden zu sein, aber ich sehe wohl, daß man es mit ihnen nicht so genau nehmen muß. Gehen sie, Prinz, sie werden im Hof ein Maultier antreffen, welches so lange mit ihnen davon trotten wird, bis sie ihre Galactine gefunden haben;[290] und wofern ihnen wider Vermuten etwas unangenehmes zustoßen sollte, so werden sie in dieser Erbsen-Schote ein unfehlbares Mittel dagegen finden.

Wie froh bin ich, unterbrach Don Eugenio die Erzählung seines Freundes, daß sie ihren Biribinker endlich aus diesem verwünschten Schlosse heraus führen! Ich gestehe ihnen, daß ich dieser Cristalline endlich überdrüssig worden bin. Was für eine abgeschmackte Creatur! Sagen sie nur, sie ist eine Fee, versetzte Don Gabriel, das ist alles gesagt. Sie wollen vermutlich, sagte Don Sylvio, mit großem Ernst, hiemit nicht zu verstehen geben, als ob es keine hochachtungswürdige Feen gebe; denn es ist unleugbar, daß es solche gibt; indessen ist doch gewiß, daß vielleicht die meisten irgend etwas seltsames und ungereimtes an sich haben, wodurch sie sich von den Sterblichen unterscheiden wollen; wenn anders der Fehler nicht an uns liegt, daß wir sie nach Regeln beurteilen, denen sie als Wesen von einer andern Classe nicht unterworfen sind. Aber ihr Gewäsche, sagte Don Eugenio, die Delicatesse ihrer Empfindungen, ihre Tugend! Was sagen sie dazu? Ich halte es für eine so kitzliche Sache von Feen zu urteilen, daß ich lieber nichts davon sagen will, antwortete Don Sylvio; und das bei dieser Gelegenheit um so mehr, als in der Tat die Geschichte des Prinzen Biribinker in allen Betrachtungen die außerordentlichste Feen-Geschichte ist, die ich jemals gehört habe. Was den Character der Fee Cristalline betrifft, sagte Don Gabriel, so gibt ihn der Geschichtschreiber für nichts bessers als er ist, und ich glaube, daß man ihn allenfalls tadelhaft finden könnte, ohne der Ehrfurcht gegen die Feen zu nahe zu treten; im übrigen werden sie doch gestehen, Don Eugenio, daß ihr Gewäsche nicht halb so langweilig ist, als es ihnen aus meinem Munde gewesen sein mag, so bald sie sich an des Prinzen Stelle setzen. Man hört eine schöne Person allemal gern, wenn man sie sieht, und wenn sie eine wohl klingende Stimme hat; sie überzeugt und rührt, ohne daß man darauf acht gibt was sie sagt, und würde gemeiniglich nicht viel dabei gewinnen, wenn man darauf acht gäbe. Wenn sie unserm Geschlecht keine schönere Complimente zu machen haben, sagte Donna Felicia, so täten sie besser ihre Erzählung fortzusetzen, so langweilig sie immer sein mag.[291]

Don Gabriel versprach, sein möglichstes zu tun, um sie kurzweiliger zu machen, und fuhr also fort: Der Prinz Biribinker steckte die Erbsen-Schote zu sich, bedankte sich gegen die Fee für alle ihre Gütigkeiten, und stieg in den Hof herab. Sehen sie hier, sagte Cristalline, die ihn begleitete, sehen sie hier ein Mauleier, das vielleicht wenige seines gleichen hat. Es stammt in gerader Linie von dem berühmten trojanischen Pferd und der Eselin des Silenus ab. Von der väterlichen Seite hat es die Eigenschaft daß es von Holz ist, und weder Futter noch Streue noch Striegel nötig hat, und von der mütterlichen, daß es einen überaus sanften Trab geht, und so gedultig ist wie ein Schaf. Steigen sie auf, und lassen es gehen, wohin es will; es wird sie zu ihrem geliebten Milchmädchen bringen, und wenn sie nicht so glücklich sein werden als sie wünschen, so wird die Schuld nur an ihnen selbst sein.

Der Prinz besahe dieses außerordentliche Tier von allen Seiten und hatte alle die Wunderdinge, die ihm in diesem Schloß begegnet waren nötig, um ihm so viel Gutes zuzutrauen, als ihm die Fee nachgerühmt hatte. Indessen, daß er aufstieg, wollte ihm Cristalline noch eine Probe geben, daß sie nicht zu viel von ihrer Macht gesagt hatte. Sie schlug mit ihrem Stab dreimal in die Luft, und siehe! auf einmal erschienen alle zehen tausend Sylphen, welche ihr der Stab des Padmanaba untertänig machte; der Hof, die Treppe, die Galerie, und sogar die Dächer und die Luft wimmelte von geflügelten Jünglingen, wovon der geringste den vaticanischen Apollo an Schönheit übertraf. Bei allen Feen, rief Biribinker, von diesem Anblick außer sich selbst gesetzt, was für einen glänzenden Hof sie haben! Lassen sie den kleinen Grigri immer eine Hummel bleiben, Madame, und halten sie sich an diese hier; es müßte unglücklich sein, wenn unter allen diesen Liebes-Göttern keiner fähig sein sollte, ihnen einen Gnomen zu ersetzen, der ihrem eigenen Geständnis nach keinen andern Vorzug vor seinen mißgeschaffnen Gesellen hatte, als daß er auf eine kurzweiligere Art ungestalt war. Sie sehen wenigstens, versetzte Cristalline, daß es mir nicht an Gesellschaft fehlt, die mich wegen ihrer Unbeständigkeit trösten kann, wenn es mir jemals einfallen sollte, daß ich getröstet sein wollte.

Mit diesen Worten wünschte sie ihm eine glückliche Reise,[292] und Biribinker trabte auf seinem hölzernen Maultier davon, indem er allem demjenigen nachdachte, was ihm in diesem wundervollen Schlosse begegnet war.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 1, München 1964 ff., S. 270-293.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva
C. M. Wielands Sammtliche Werke (11); Die Abenteuer Des Don Sylvio Von Rosalva
C. M. Wielands Sammtliche Werke (12); Die Abenteuer Des Don Sylvio Von Rosalva
Die Abenteuer des Don Sylvio von Rosalva - Aus der Serie: Deutsche Klassiker - Bibliothek der literarischen Meisterwerke

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Agrippina. Trauerspiel

Agrippina. Trauerspiel

Im Kampf um die Macht in Rom ist jedes Mittel recht: Intrige, Betrug und Inzest. Schließlich läßt Nero seine Mutter Agrippina erschlagen und ihren zuckenden Körper mit Messern durchbohren. Neben Epicharis ist Agrippina das zweite Nero-Drama Daniel Casper von Lohensteins.

142 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon