Zweites Kapitel
Charakter des Philosophen Korax
Nachrichten von der Akademie der Wissenschaften zu Abdera
Korax wirft in derselben eine verfängliche Frage, in Betreff der Latonenfrösche, und sich selbst zum Haupt der Gegenfröschler auf
Betragen der Latonenpriester gegen diese Secte, und wie sie bewogen wurden, selbige für unschädlich anzusehen

[393] Der merkwürdige Kopf, der zuerst die Wahrnehmung machte, daß die Menge der Frösche in Abdera in der Tat übermäßig sei, und mit der Anzahl und dem Bedürfnis der zweibeinigten unbefiederten Einwohner ganz und gar in keinem Verhältnis stehe, nannte sich Korax. Es war ein junger Mann von gutem Hause, der sich etliche Jahre zu Athen aufgehalten, und in der Akademie (wie die von Plato gestiftete Philosophenschule bekanntermaßen genennt wurde) gewisse Grundsätze eingesogen hatte, die den Fröschen der Latona nicht allzugünstig waren. Die Wahrheit zu sagen, Latona selbst hatte durch seinen Aufenthalt zu Athen so viel bei ihm verloren, daß es kein Wunder war, wenn er ihre Frösche nicht mit aller der Ehrfurcht ansehen konnte, die von einem rechtdenkenden Abderiten gefodert wurde. »Eine[393] jede schöne Frau ist eine Göttin, pflegte er zu sagen: wenigstens eine Göttin der Herzen; und Latona war unstreitig eine sehr schöne Frau; aber was geht das die Frösche, und – die Sache bloß menschlich und im Lichte der Vernunft betrachtet – was gehen am Ende die Frösche Latonen an? Und gesetzt auch, die Göttin für die ich übrigens so viel Ehrfurcht hege, als einer schönen Frau und einer Göttin gebührt – gesetzt, sie habe die Frösche vor allem andern Geziefer und Ungeziefer der Welt in ihren besondern Schutz genommen: folgt denn daraus, daß man der Frösche nie zuviel haben könne?«

Korax war, als er so zu raisonnieren anfing, ein Mitglied der Akademie, welche in Abdera zur Nachahmung der atheniensischen gestiftet worden war. Denn die Abderiten waren, wie wir wissen, schon von langem her darauf gestellt, alles wie die Athenienser haben zu wollen. Diese Akademie war ein kleiner in Spaziergänge ausgehauener Wald, ganz nahe bei der Stadt; und da sie unter dem Schutz des Senats stund, und auf Kosten des Aerariums angelegt worden war: so hatten die Herren von der Polizeicommission nicht ermangelt, sie reichlich mit Froschgräben zu versehen. Die Glieder der Akademie fanden sich zwar nicht selten durch den eintönigen Chorgesang dieser quakenden Philomelen in ihren tiefsinnigen Betrachtungen gestört. Allein, da dies an jedem andern Orte in und um die Stadt Abdera eben so wohl der Fall gewesen wäre: so hatten sie sich immer in Geduld darein ergeben; oder, richtiger zu reden, man war des Froschgesangs in Abdera so gewohnt, daß man nicht mehr davon hörte, als die Einwohner von Katadupa von dem großen Nilfall, in dessen Nachbarschaft sie leben, oder als die Anwohner irgend eines andern Wasserfalls in der Welt.

Allein mit Korax, dessen Ohren durch seinen Aufenthalt zu Athen die Empfindlichkeit, die allen gesunden menschlichen Ohren natürlich ist, wieder erlangt hatten, war es eine andre Sache. Man wird es also nicht befremdlich finden, daß er gleich bei der ersten Sitzung, der er beiwohnte, die spitzige Anmerkung machte: er glaube, das Käuzlein der Minerva qualificiere sich ungleich besser zu einem außerordentlichen Mitgliede der Akademie, als die Frösche der Latona. – »Ich weiß nicht, meine Herren, wie Sie die Sache ansehen, setzte er hinzu:[394] aber, mich deucht, die Frösche haben seit einigen Jahren auf eine ganz unbegreifliche Art in Abdera zugenommen.«

Die Abderiten waren ein dumpfes Völklein, wie wir alle wissen; und es gab vielleicht (eine einzige berühmte Nation allenfalls ausgenommen) kein anderes in der Welt, das in der sonderbaren Eigenschaft, »den Wald vor lauter Bäumen nicht sehen zu können«, ihnen den Vorzug streitig machen konnte. Aber dies mußte man ihnen lassen, sobald es nur einem unter ihnen einfiel, eine Bemerkung zu machen, die jedermann eben so gut hätte machen können als er, wiewohl sie niemand vor ihm gemacht hatte: so schienen sie allesamt plötzlich aus einem langen Schlaf zu erwachen, sahen nun auf einmal – was ihnen vor der Nase lag, verwunderten sich der gemachten Entdeckung, und glaubten demjenigen sehr verbunden zu sein, der ihnen dazu verholfen hatte. In der Tat, antworteten die Herren von der Akademie, die Frösche haben seit einiger Zeit auf eine ganz unbegreifliche Art zugenommen.

»Wenn ich sagte, auf eine ganz unbegreifliche Art, (versetzte Korax,) so will ich damit keineswegs gesagt haben, daß etwas übernatürliches in der Sache sei. Im Grunde ist nichts begreiflicher, als daß die Frösche sich auf eine ganz ungeheure Art an einem Orte vermehren müssen, wo man solche Anstalten zu ihrer Unterhaltung vorkehrt, wie zu Abdera: das Unbegreifliche liegt, meiner geringen Meinung nach, bloß darin, wie die Abderiten einfältig genug sein können, diese Anstalten vorzukehren?«

Die sämtlichen Mitglieder der Akademie stutzten über die Freiheit dieser Rede, sahen einander an, und schienen verlegen zu sein, was sie von der Sache denken sollten.

»Ich rede bloß menschlicher Weise«, sagte Korax.

Wir zweifeln nicht daran, versetzte der Präsident der Akademie, der ein Ratsherr und einer von den Zehnmännern war; allein die Akademie hat sichs bisher zum Gesetz gemacht, dergleichen schlüpfrige Materien, auf welchen die Vernunft so leicht ausglitschen kann, lieber gar nicht zu berühren.

»Die Akademie zu Athen hat sich kein solches Gesetz gemacht, fiel ihm Korax ein; wenn man nicht über alles philosophieren darf, so wär's eben so gut, man philosophierte über – gar nichts.«[395]

Über alles, sagte der Präsident Zehnmann mit einer bedenklichen Miene, nur nicht über Latonen, und –

Ihre Frösche? – setzte Korax lächelnd hinzu. Dies war's auch wirklich, was der Präsident hatte sagen wollen; aber bei dem Wörtchen und überfiel ihn eine Art von Beklemmung, als ob er wider Willen fühlte, daß er im Begriff sei, eine Sottise zu sagen; und so hielt er plötzlich mit offnem Munde still, und überließ es dem Korax, die Periode zu vollenden.

»Ein jedes Ding kann von sehr vielerlei Seiten, und in mancherlei Lichte betrachtet werden, fuhr Korax fort; und dies zu tun, ist, deucht mich, just, was dem Philosophen zukömmt, und was ihn von dem dummen undenkenden Haufen unterscheidet. Unsere Frösche, zum Exempel, können als Frösche schlechtweg, und als Frösche der Latona betrachtet werden. Denn in so fern sie Frösche schlechtweg sind, sind sie weder mehr noch weniger Frösche als andre. Ihr Verhältnis gegen die Abderiten ist in so fern ungefähr das nämliche, wie das Verhältnis aller übrigen Frösche zu allen übrigen Menschen; und in so fern kann nichts unschuldigers sein, als zu untersuchen, ob z.E. die Froschmenge in einem Staat mit der Volksmenge in gehörigem Verhältnis stehe oder nicht? und – wofern sich fände, daß der Staat einen großen Teil mehr Frösche ernähren müßte, als er nötig hätte die diensamsten Mittel vorzuschlagen, wodurch ihre übermäßige Menge vermindert werden könnte.«

Korax spricht verständig, sagten etliche junge Akademisten.

»Ich rede bloß menschlicherweise von der Sache«, sagte Korax.

Ich wollte lieber, daß wir gar nicht davon angefangen hätten, sagte der Präsident.

Dies war der erste Funke, den Korax in die schwindlichten Köpfe einiger speculativen jungen Abderiten warf. Unvermerkt wurde er zum Haupt und Worthalter einer philosophischen Secte, von deren Grundsätzen und Meinungen in Abdera nicht allzuvorteilhaft gesprochen wurde. Sie wurden, nicht ohne Grund, beschuldiget, daß sie nicht nur unter sich, sondern sogar in großen Gesellschaften und auf den öffentlichen Spazierplätzen behaupteten: »es lasse sich mit keinem einzigen triftigen Grunde beweisen, daß die Frösche der Latona etwas bessers als gemeine Frösche wären; die Sage, daß sie von den milischen Froschbauern,[396] oder Bauerfröschen abstammten, wäre ein albernes Volksmärchen; und selbst die alte Tradition, daß Jupiter die milischen Bauern, weil sie Latonen mit ihren Zwillingen nicht aus ihrem Teiche hätten trinken lassen wollen, in Frösche verwandelt habe, sei etwas, woran man allenfalls zweifeln könnte, ohne sich eben darum an Jupitern oder Latonen zu versündigen. Es möchte aber auch damit sein wie es wollte, so sei es doch ungereimt, aus Devotion gegen die schöne Latona, die ganze Stadt und Republik Abdera zu einer Froschpfütze zu machen« – und was dergleichen Behauptungen mehr waren, die, so simpel und vernunftmäßig sie uns heutiges Tages vorkommen, zu Abdera gleichwohl, zumal in den Ohren der Latonenpriester, sehr übelklingend gefunden wurden, und dem Philosophen Korax und seinen Anhängern den verhaßten Namen Batrachomachen oder Gegenfröschler zuzogen; ein Titel, dessen sie sich jedoch um so weniger schämten, weil es ihnen gelungen war, beinahe die ganze junge und schöne Welt mit ihren freien Meinungen anzustecken.

Die Priester des Latonentempels und das Collegium der Froschpfleger ermangelten nicht, bei jeder Gelegenheit ihr Mißfallen an dem mutwilligen Witze der Gegenfröschler zu zeigen; und der Oberpriester Stilbon vermehrte, aus dieser Veranlassung, sein Buch von den Altertümern des Latonentempels mit einem großen Kapitel über die Natur der Latonenfrösche. Indessen hatten sie einen sehr wesentlichen Beweggrund, es dabei bewenden zu lassen; und dieser war: daß, ungeachtet der freigeisterischen Denkart über die Frösche, welche Korax in Abdera zur Mode gemacht hatte, nicht ein einziger Froschgraben in und um die Stadt weniger zu sehen war als zuvor. Der Philosoph Korax und seine Anhänger waren schlau genug gewesen, zu merken, daß sie sich die Freiheit, »von den Fröschen überlaut zu denken, was sie wollten«, nicht wohlfeiler erkaufen könnten, als wenn sie es, was die Ausübung betraf, gerade eben so machten, wie alle andre Leute. Ja, der weise Korax, als derjenige, auf den man am meisten Acht gab, hatte für schicklich angesehen, lieber zu viel als zu wenig zu tun; und also, gleich nach seiner Aufnahme in die Akademie, auf seinem angeerbten Grund und Boden einen der schönsten Froschgräben in ganz Abdera angelegt, und mit einer[397] beträchtlichen Menge schöner wohlbeleibter Frösche aus dem geheiligten Teich besetzt, wovon er den Priestern jedes Stück mit vier Drachmen bezahlte. Dies war eine Höflichkeit, für welche diese Herren, so wenig sie sich ihm auch sonst dafür verbunden halten mochten, doch, um des guten Beispiels willen, nicht umhin konnten, dankbar zu scheinen; zumal da diese nämliche Handlung des sogenannten Philosophen hinlänglichen Vorwand gab, diejenigen, die sich an seinen freien Meinungen und witzigen Einfällen hätten ärgern mögen, zu überzeugen, daß es ihm nicht Ernst damit sei. Seine Zunge ist schlimmer als sein Gemüt pflegten sie zu sagen; er will dafür angesehen sein, als ob er zu viel Witz hätte, um zu denken wie andre Leute; aber im Grunde ists bloße Ziererei. Wenn er nicht im Herzen eines Bessern überzeugt wäre, würde er wohl seine freigeisterischen Meinungen durch seine Handlungen widerlegen? Man muß solche Leute nicht nach dem, was sie sprechen, beurteilen, sondern nach dem, was sie tun.

Bei allem dem ist nicht zu leugnen, daß Korax unter der Hand mit keinem geringern Anschlag umging, als, gleich einem neuen Herkules, Theseus oder Harmodius, sein Vaterland von den – Fröschen zu befreien, von welchen es, wie er zu sagen pflegte, mit größerm Unheil bedroht würde, als alle die Ungeheuer, Räuber und Tyrannen, von denen jene Heroen das ihrige befreiten, jemals im ganzen Griechenlande angerichtet hätten.

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 2, München 1964 ff., S. 393-398.
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