Sechstes Kapitel
Verhältnis des Latonentempels
zum Tempel des Jasons
Contrast in den Charakteren des Oberpriesters Strobylus und des Erzpriesters Agathyrsus
Strobylus erklärt sich für die Gegenpartei des letztern, und wird von Salabanda unterstützt, welche eine wichtige Rolle in der Sache zu spielen anfängt

[325] Der Dienst der Latona war (wie Strobylus den Euripides versichert hatte) so alt zu Abdera, als die Verpflanzung der lycischen Colonie; und die äußerste Einfalt der Bauart ihres kleinen Tempels konnte als eine hinlängliche Bekräftigung dieser Tradition angesehen werden. So unscheinbar dieser Latonentempel war, so gering waren auch die gestifteten Einkünfte ihrer Priesterschaft. Wie aber die Not erfindsam ist, so hatten die Herren schon von langem her Mittel gefunden, zu einiger Entschädigung für die Kargheit ihres ordentlichen Einkommens, den Aberglauben der Abderiten in Contribution zu setzen; und da auch dieses nicht zureichen wollte, hatten sie es dahin gebracht, daß der Senat (weil er doch von keiner Besoldungszulage hören wollte) zu Unterhaltung des geheiligten Froschgrabens gewisse Einkünfte aussetzte, deren größten Teil die billigdenkenden Frösche ihren Versorgern überließen.

Eine ganz andre Beschaffenheit hatte es mit dem Tempel des Jason, dieses berühmten Anführers der Argonauten, welchem in Abdera die Ehre der Erhebung in den Götterstand und eines öffentlichen Dienstes widerfahren war; ohne daß wir hievon einen andern Grund anzugeben wissen, als daß verschiedne der ältesten und reichsten Familien in Abdera ihr Geschlechtsregister von diesem Heros ableiteten. Einer von dessen Enkeln hatte sich, wie die Tradition sagte, in dieser Stadt niedergelassen, und war der gemeinsame Stammvater verschiedener Geschlechter geworden, von welchen einige noch in den Tagen unserer gegenwärtigen Geschichte in voller Blüte stunden. Dem Andenken des Helden, von dem sie abstammten, zu Ehren hatten sie Anfangs, nach uraltem Gebrauch, nur eine kleine Hauskapelle gestiftet. Mit der Länge der Zeit war eine Art von öffentlichem Tempel daraus geworden, den die Frömmigkeit der Abkömmlinge Jasons nach und nach mit vielen Gütern und Einkünften[325] versehen hatte. Endlich, als Abdera durch Handelschaft und glückliche Zufälle eine der reichsten Städte in Thracien geworden war, entschlossen sich die Jasoniden, ihrem vergötterten Ahnherrn einen Tempel zu erbauen, dessen Schönheit der Republik und ihnen selbst bei der Nachwelt Ehre machen könnte Der neue Jasonstempel wurde ein herrliches Werk, und machte mit den dazu gehörigen Gebäuden, Gärten, Wohnungen der Priester, Beamten, Schutzverwandten u.s.w. ein ganzes Quartier der Stadt aus. Der Erzpriester desselben mußte allezeit von der ältesten Linie der Jasoniden sein; und da er, bei sehr beträchtlichen Einkünften auch die Gerichtsbarkeit über die zu dem Tempel gehörigen Personen und Güter ausübte: so ist leicht zu erachten, daß die Oberpriester der Latona alle diese Vorzüge nicht mit gleichgültigen Augen ansehen konnten, und daß zwischen diesen beiden Prälaten eine Eifersucht obwalten mußte, die auf die Nachfolger forterbte, und bei jeder Gelegenheit in ihrem Betragen sichtbar wurde.

Der Oberpriester der Latona wurde zwar als das Haupt der ganzen abderitischen Priesterschaft angesehen; allein der Erzpriester Jasons stand nicht unter ihm, sondern machte mit seinen Untergebenen ein besonderes Collegium aus, welches, außer der Schutzherrlichkeit der Stadt Abdera, von aller andern Abhänglichkeit frei war. Die Feste des Latonentempels waren die eigentlichen großen Festtage der Republik; allein da die Mäßigkeit seiner Einkünfte keinen sonderlichen Aufwand zuließ, so war das Fest des Jason, welches mit ungemeiner Pracht und großen Feierlichkeiten begangen wurde, in den Augen des Volks, wo nicht das vornehmste, wenigstens das, worauf es sich am meisten freute; und alle die Ehrerbietung, die man für das Altertum des Latonendienstes hegte, und der große Glaube des Pöbels an den Priester desselben und seine heiligen Frösche, konnte doch nicht verhindern, daß die größre Figur, die der Erzpriester machte, ihm nicht auch einen höhern Grad von Ansehen gegeben haben sollte. Und wiewohl das gemeine Volk überhaupt mehr Zuneigung zu dem Latonenpriester trug, so wurde doch dieser Vorzug dadurch wieder überwogen, daß der Jasonpriester mit den aristokratischen Häusern in einer Verbindung stund, die ihm so viel Einfluß gab, daß es einem ehrgeizigen[326] Manne an diesem Platz ein Leichtes gewesen wäre, einen kleinen Tyrannen von Abdera vorzustellen.

Zu so vielen Ursachen der althergebrachten Eifersucht und Abneigung zwischen den beiden Fürsten der abderitischen Klerisei, kam bei Strobylus und Agathyrsus noch ein persönlicher Widerwille, der eine natürliche Frucht des Contrasts ihrer Sinnesarten war.

Agathyrsus, mehr Weltmann als Priester, hatte in der Tat vom letztern wenig mehr als die Kleidung. Die Liebe zum Vergnügen war seine herrschende Leidenschaft. Denn, wiewohl es ihm nicht an Stolz fehlte, so kann man doch von niemand sagen, daß er ehrgeizig sei, so lange sein Ehrgeiz eine andre Leidenschaft neben sich herrschen läßt. Er liebte die Künste und den vertraulichen Umgang mit Virtuosen aller Arten, und stund in dem Ruf einer von den Priestern zu sein, die wenig Glauben an ihre eignen Götter haben. Wenigstens ist nicht zu leugnen, daß er öfters ziemlich frei über die Frösche der Latona scherzte; und es war jemand, der es beschwören wollte, aus seinem eignen Munde gehört zu haben: »die Frösche dieser Göttin wären schon längst alle in elende Poeten und abderitische Sänger verwandelt worden.« – Daß er mit dem Demokritus in ziemlich gutem Vernehmen lebte, war auch nicht sehr geschickt, seine Orthodoxie zu bestätigen. Kurz, Agathyrsus war ein Mann von gutem Temperament, munterm Kopf und ziemlich freiem Leben; beliebt bei dem abderitischen Adel, noch beliebter bei dem schönen Geschlecht, und – wegen seiner Freigebigkeit und jasonmäßigen Figur – beliebt sogar bei den untersten Classen des Volks.

Nun hätte die Natur, in ihrer launigsten Minute, keinen völligern Antipoden von allem, was Agathyrsus war, machen können, als den Priester Strobylus. Dieser Mann hatte, wie viele seines gleichen, ausfindig gemacht, daß eine in Falten gelegte Miene und ein steifes Wesen unfehlbare Mittel sind, bei dem großen Haufen für einen weisen und unsträflichen Mann zu gelten. Da er nun von Natur ziemlich sauertöpfisch aussah, so hatte es ihm wenig Mühe gekostet, sich diese Gravität anzugewöhnen, die bei den Meisten weiter nichts beweist, als die Schwere ihres Witzes und die Ungeschliffenheit ihrer Sitten. Ohne Sinn für das Große und Schöne, war er ein geborner Verächter[327] aller Talente und Künste, die diesen Sinn voraussetzen; und sein Haß gegen die Philosophie war bloß eine Maske für den natürlichen Groll eines Dummkopfes gegen alle, die mehr Verstand und Wissenschaft haben als er. In seinen Urteilen war er schief und einseitig, in seinen Meinungen eigensinnig, im Widerspruch hitzig und grob, und wo er entweder in seiner eignen Person oder in den Fröschen der Latona beleidigt zu sein glaubte, äußerst rachgierig; aber nichts destoweniger bis zur Niederträchtigkeit geschmeidig, sobald er eine Sache, an der ihm gelegen war, nicht ohne Hülfe einer Person, die er haßte, durchsetzen konnte. Überdies stand er mit einigem Grund in dem Ruf, daß er mit einer gehörigen Dose von Dariken und Philippen zu allem in der Welt zu bringen sei, was mit dem Äußerlichen seines Charakters nicht ganz unverträglich war.

Aus so entgegengesetzten Gemütsarten, und so vielen Veranlassungen zu Neid und Eifersucht auf Seiten des Priesters Strobylus, entsprang notwendig bei beiden ein wechselseitiger Haß, der den Zwang, den ihnen ihr Stand und Platz auferlegte, mit Mühe ertrug, und nur darin verschieden war, daß Agathyrsus den Oberpriester zu sehr verachtete, um ihn sehr zu hassen, und dieser jenen zu sehr beneidete, um ihn so herzlich verachten zu können, als er wohl gewünscht hätte.

Zu diesem allem kam noch, daß Agathyrsus, kraft seiner Geburt und ganzen Lage, für die Aristokratie; Strobylus hingegen, ohngeachtet seiner Verhältnisse zu einigen Ratsherren, ein erklärter Freund der Demokratie, und nächst dem Zunftmeister Pfrieme derjenige war, der durch seinen persönlichen Charakter, seine Würde, seine schwärmerische Hitze, und eine gewisse populäre Art von Beredsamkeit den meisten Einfluß auf den Pöbel hatte.

Man sieht nun leicht voraus, daß die Sache mit dem Eselsschatten oder Schattenesel notwendig ernsthafter werden mußte, sobald ein paar Männer wie die beiden Oberpriester von Abdera darein verwickelt wurden.

Strobylus hatte, so lange der Proceß vor den Stadtrichtern geführt wurde, nicht anders Teil daran genommen, als daß er sich gelegenheitlich erklärte: er würde an des Zahnarztes Platz eben so gehandelt haben. Aber kaum erfuhr er durch die Dame Salabanda,[328] seine Nichte, daß Agathyrsus die Sache seines in der ersten Instanz verurteilten Schutzverwandten zu seiner eignen mache: so fühlte er sich auf einmal berufen, sich mit an die Spitze der Partei des Beklagten zu stellen, und die Kabale des Zunftmeisters mit allem Ansehen, das er bei den Ratsherren sowohl als bei dem Volk hatte, zu unterstützen.

Salabanda war zu sehr gewohnt, ihre Hand in allen abderitischen Händeln zu haben, als daß sie unter den letzten gewesen sein sollte, die in dem gegenwärtigen Partei nahmen. Außer ihrem Verhältnis mit dem Priester Strobylus hatte sie noch eine besondere Ursache, es mit ihm zu halten; eine Ursache, die darum nicht weniger wog, weil sie solche in Petto behielt. Wir haben bei einer andern Gelegenheit erwähnt, daß diese Dame, es sei nun aus bloß politischen Absichten, oder daß sich vielleicht auch ein wenig Coquetterie – und wer weiß, ob nicht auch zuweilen das, was man in der neuern französischen Feinenweltsprache das Herz einer Dame nennt, mit einmischen mochte: genug, ausgemacht war es, daß sie immer eine Anzahl demütiger Sclaven an der Hand hatte, unter denen (wie man glaubte) doch immer wenigstens der eine oder andre wissen müsse, wofür er diene. Die geheime Chronik von Abdera sagte, daß der Erzpriester Agathyrsus eine geraume Zeit die Ehre gehabt, einer von den letztern zu sein; und in der Tat kamen eine Menge Umstände zusammen, warum man dieses Gerüchte für etwas mehr als eine bloße Vermutung halten konnte. Kurz, die vertrauteste Freundschaft hatte seit geraumer Zeit unter ihnen obgewaltet, als die Tänzerin nach Abdera kam, und dem flatterhaften Jasoniden in kurzem so merkwürdig wurde, daß Salabanda endlich nicht länger umhin konnte, sich selbst für aufgeopfert zu halten.

Agathyrsus besuchte zwar ihr Haus noch immer auf den Fuß eines alten Bekannten, und die Dame war zu politisch, um in ihrem äußern Betragen gegen ihn die geringste Veränderung durchscheinen zu lassen. Aber ihr Herz kochte Rache. Sie vergaß nichts, was den Erzpriester immer tiefer in die Sache verwickeln, und immer in Feuer setzen konnte; heimlich aber beleuchtete sie alle seine Schritte und Tritte, und alle großen und kleinen, Vorder- und Hintertüren, die zu seinem Kabinet[329] führen konnten, so genau, daß sie seine Intrigue mit der jungen Gorgo gar bald entdeckte, und den Priester Strobylus in den Stand setzen konnte, den Eifer des Erzpriesters für die Sache des Eseltreibers in ein eben so verhaßtes Licht zu stellen, als sie selbst unter der Hand bemüht war, ihm einen lächerlichen Anstrich zu geben.

Agathyrsus, so wenig es ihm kostete, politische und ehrgeizige Vorteile dem Interesse seiner Vergnügungen aufzuopfern, hatte doch Augenblicke, wo der kleinste Widerstand in einer Sache, an der ihm im Grunde gar nichts gelegen war, seinen ganzen Stolz aufrührisch machte; und so oft dies geschah, pflegte ihn seine Lebhaftigkeit gemeiniglich unendlich weiter zu führen, als er gegangen wäre, wenn er die Sache einiger kühlen Überlegung gewürdiget hätte. Die Ursache, warum er sich Anfangs mit diesem abgeschmackten Handel bemengt hatte, fand itzt zwar nicht länger statt. Denn die schöne Gorgo hatte, ungeachtet des Unterrichts ihrer Mutter Krobyle, entweder nicht Geschicklichkeit oder nicht innern Halt genug gehabt, den anfänglich entworfnen Verteidigungsplan gegen einen so gefährlichen und erfahrnen Belagerer gehörig zu befolgen. Allein er war nun einmal in die Sache verwickelt; seine Ehre war dabei betroffen; er erhielt täglich und stündlich Nachrichten, wie unziemlich der Zunftmeister und der Priester Strobylus mit ihrem Anhang wider ihn loszögen, wie sie drohten, wie übermütig sie die Sache durchzusetzen hofften, und dergleichen – und dies war mehr, als es brauchte, um ihn dahin zu bringen, daß er seine ganze Macht anzuwenden beschloß, um Gegner, die er so sehr verachtete, zu Boden zu werfen, und für die Verwegenheit, sich gegen ihn aufgelehnt zu haben, zu züchtigen. Der Kabalen der Dame Salabanda ungeachtet, die nicht fein genug gesponnen waren, um ihm lange verborgen zu bleiben, war der größte Teil des Senats auf seiner Seite; und wiewohl seine Gegner nichts unterließen, was das Volk gegen ihn erbittern konnte: so hatte er doch, zumal unter den Zünften der Gerber, Fleischer und Bäcker, einen Anhang von derben stämmigten Gesellen, die eben so hitzig vor der Stirne als nervicht von Armen, und auf jeden Wink bereit waren, für ihn und seine Partei, je nachdem es nötig wäre, zu schreien, oder zuzuschlagen.[330]

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 2, München 1964 ff., S. 325-331.
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