Fünftes Capitel

Agathon wird der Günstling des Dionysius

[735] Agathon erfuhr die hauptsächlichsten Begebenheiten, welche den Inhalt des vorhergehenden Capitels ausmachen, bei einem großen Gastmahl, welches sein Freund der Kaufmann, des folgenden Tages gab, um Agathons Ankunft in Syracus, und seine eigene Wiederkunft feirlich zu begehen. Der Name eines Gastes, der eine Zeit lang den Griechen so viel von sich zu reden gegeben hatte, zog unter andern Neugierigen auch den Philosophen Aristippus herbei, der sowohl wegen der Annehmlichkeiten seines Umgangs, als wegen der Gnade, worin er bei dem Tyrannen stund, in den besten Häusern zu Syracus sehr willkommen war. Dieser Philosoph hatte sich, bei jener großen Migration der schönen Geister aus Griechenland nach Syracus, auch dahin begeben, mehr um einen beobachtenden Zuschauer abzugeben,[735] als in der Absicht, durch parasitische Künste die Eitelkeit des Dionys seinen Bedürfnissen zinsbar zu machen. Agathon und Aristippus hatten einander zu Athen gekannt; aber damals contrastierte der Enthusiasmus des Ersten mit dem kalten Blut, und der Humoristischen Art zu philosophieren des Andern zu stark, als daß sie einan der wahrhaftig hätten hochschätzen können, obgleich Aristipp sich öfters bei den Versammlungen einfand, welche damals aus Agathons Haus einen Tempel der Musen, und eine Academie der besten Köpfe von Athen machten. Die Wahrheit war, daß Agathon mit allen seinen schimmernden Eigenschaften in Aristipps Augen ein Phantast, dessen Unglück er seinen Vertrauten öfters vorhersagte – und Aristipp mit allem seinem Witz nach Agathons Begriffen ein bloßer Sophist war, den seine Grundsätze geschickter machten, weibische Sybariten noch sybaritischer, als junge Republicaner zu tugendhaften Männern zu machen. Der Eindruck, welcher beiden von dieser ehmals von einander gefaßten Meinung geblieben war, machte sie stutzen, da sie sich nach einer Trennung von drei oder vier Jahren so unvermutet wieder sahen. Es ging ihnen in den ersten Augenblicken, wie es uns zu gehen pflegt, wenn uns deucht, als ob wir eine Person kennen sollten, ohne uns gleich deutlich erinnern zu können, wer sie ist, oder wo und in welchen Umständen wir sie gesehen haben. Das sollte Agathon – – das sollte Aristipp sein, dachte jeder bei sich selbst, war überzeugt, daß es so sei, und hatte doch Mühe, seiner eigenen Überzeugung zu glauben. Aristipp suchte im Agathon den Enthusiasten, welcher nicht mehr war; und Agathon glaubte im Aristipp den Sybariten nicht mehr zu finden; vielleicht allein, weil seine Art, Personen und Sachen ins Auge zu fassen, seit einiger Zeit eine merkliche Veränderung erlitten hatte. Ein Umgang von etlichen Stunden lösete beiden das Rätsel ihres anfänglichen Irrtums auf, zerstreute den Rest des alten Vorurteils, und flößte ihnen Dispositionen ein, bessere Freunde zu werden. Unvermerkt erinnerten sie sich nicht mehr, daß sie einander ehmals weniger gefallen hatten; und ihr Herz liebte den kleinen Selbstbetrug, dasjenige was sie izt für einander empfanden, für die bloße Erneuerung einer alten Freundschaft zu halten. Aristipp fand bei unserm Helden, eine Gefälligkeit, eine Politesse, eine Mäßigung, welche ihm zu beweisen[736] schien, daß Erfahrungen von mehr als einer Art eine starke Revolution in seinem Gemüte gewürkt haben mußten. Agathon fand bei dem Philosophen von Cyrene etwas mehr als Witz, einen Beobachtungs-Geist, eine gesunde Art zu denken, eine Feinheit und Richtigkeit der Beurteilung, welche den Schüler des weisen Socrates in ihm erkennen ließen. Diese Entdeckungen flößeten ihnen natürlicher Weise ein gegenseitiges Zutrauen ein, welches sie geneigt machte, sich weniger vor einander zu verbergen, als man bei einer ersten Zusammenkunft zu tun gewohnt ist. Agathon ließ seinem neuen Freunde sein Erstaunen darüber sehen, daß die Hoffnungen, welche man sich zum Vorteil Siciliens von Platons Ansehen bei dem Dionys gemacht, so plötzlich, und auf eine so unbegreifliche Art, vernichtet worden. In der Tat bestund alles was man in der Stadt davon wußte, in bloßen Mutmaßungen, die sich zum Teil auf allerlei unzuverlässige Anecdoten gründeten, welche in Städten, wo ein Hof ist von müßigen Leuten, die sich das Ansehen geben wollen, als ob sie von den Geheimnissen und Intriguen des Hofes vollkommene Wissenschaft hätten, von Gesellschaft zu Gesellschaft herumgetragen zu werden pflegen. Aristipp hatte in der kurzen Zeit, seit dem er sich an Dionysens Hofe aufhielt, die schwache Seite dieses Prinzen, den Character seiner Günstlinge, der Vornehmsten der Stadt, und der Sicilianer überhaupt so gut ausstudiert, daß er, ohne sich in die Entwicklung der geheimern Triebfedern (womit wir unsre Leser schon bekannt gemacht haben) einzulassen, den Agathon leicht überzeugen konnte, daß ein gleichgültiger Zuseher von den Anschlägen, Dions und Platons, den Dionys zu einer freiwilligen Niederlegung der monarchischen Gewalt zu vermögen, sich keinen glücklichern Ausgang habe versprechen können. Er malte den Tyrannen von seiner besten Seite als einen Prinzen ab, bei dem die unglücklichste Erziehung ein vortreffliches Naturell nicht habe verderben können; der von Natur leutselig, edel, freigebig, und dabei so bildsam und leicht zu regieren sei, daß alles bloß darauf ankomme, in was für Händen er sich befinde. Seiner Meinung nach war, eben diese allzubewegliche Gemütsart und der Hang für die Vergnügungen der Sinnen die fehlerhafteste Seite dieses Prinzen. Plato hätte die Kunst verstehen sollen, sich dieser Schwachheiten selbst[737] auf eine feine Art zu seinen Absichten zu bedienen; aber das hätte eine Geschmeidigkeit, eine kluge Mischung von Nachgiebigkeit und Zurückhaltung erfordert, wozu der Verfasser des Cratylus und Timäus niemals fähig sein werde. Überdem hätte er sich zu deutlich merken lassen, daß er gekommen sei, den Hofmeister des Prinzen zu machen; ein Umstand, der schon für sich allein alles habe verderben müssen. Denn die schwächsten Fürsten seien allemal diejenigen, vor denen man am sorgfältigsten verbergen müsse, daß man weiter sehe als sie; sie würden sich's zur Schande rechnen, sich von dem größesten Geist in der Welt regieren zu lassen, so bald sie glauben, daß er eine solche Absicht im Schilde führe; und daher komme es, daß sie sich oft lieber der schimpflichen Herrschaft eines Cammerdieners oder einer Maitresse unterwerfen, welche die Kunstgriffe besitzen, ihre Gewalt über das Gemüt des Herrn unter sclavischen Schmeicheleien oder schlauen Liebkosungen zu verbergen. Plato sei zu einem Minister eines so jungen Prinzen zu spitzfündig, und zu einem Günstling zu alt gewesen; zudem habe ihm seine vertraute Freundschaft mit dem Dion geschadet, da sie seinen heimlichen Feinden beständige Gelegenheit gegeben, ihn dem Prinzen verdächtig zu machen. Endlich habe der Einfall, aus Sicilien eine platonische Republik zu machen, an sich selbst nichts getaugt. Der National-Geist der Sicilianer sei eine Zusammensetzung von so schlimmen Eigenschaften, daß es, seiner Meinung nach, dem weisesten Gesetzgeber unmöglich bleiben würde, sie zur republicanischen Tugend umzubilden; und Dionys, welcher unter gewissen Umständen fähig sei ein guter Fürst zu werden, würde, wenn er sich auch in einem Anstoß von eingebildeter Großmut hätte bereden lassen, die Tyrannie aufzuheben, allezeit ein sehr schlimmer Bürger gewesen sein. Diese allgemeine Ursachen seien, was auch die nähern Veranlassungen der Verbannung des Dion und der Ungnade oder wenigstens der Entfernung des Platon gewesen sein mögen, hinlänglich begreiflich zu machen, daß es nicht anders habe gehen können; sie bewiesen aber auch (setzte Aristipp mit einer anscheinenden Gleichgültigkeit hinzu) daß ein Anderer, der sich die Fehler dieser Vorgänger zu Nutzen zu machen wißte, wenig Mühe haben würde, die unwürdigen Leute zu verdrängen welche[738] sich wieder in den Besitz des Zutrauens und der Autorität des Tyrannen geschwungen hätten.

Agathon fand diese Gedanken seines neuen Freundes so wahrscheinlich, daß er sich überreden ließ, sie für wahr anzunehmen. Und hier spielte ihm die Eigen liebe einen kleinen Streich, dessen er sich nicht zu ihr vermutete. Sie flüsterte ihm so leise, daß er ihren Einhauch vielleicht für die Stimme seines Genius, oder der Tugend selbsten hielt, den Gedanken zu – wie schön es wäre, wenn Agathon dasjenige zu Stande bringen könnte, was Plato vergebens unternommen hatte. Wenigstens deuchte es ihn schön, den Versuch zu machen; und er fühlte eine Art von ahnendem Bewußtsein, daß eine solche Unternehmung nicht über seine Kräfte gehen würde. Diese Empfindungen (denn Gedanken waren es noch nicht) stiegen, während daß Aristippus sprach, in ihm auf; aber er nahm sich wohl in Ach, ihn das geringste davon merken zu lassen; und lenkte, aus Besorgnis von einem so schlauen Höflinge unvermerkt ausgekundschaftet zu werden, das Gespräch auf andre Gegenstände. Überhaupt vermied er alles, was die Aufmerksamkeit der Anwesenden vorzüglich auf ihn hätte richten können, desto sorgfältiger, da er wahrnahm, daß man einen außerordentlichen Mann in ihm zu sehen erwartete. Er sprach sehr bescheiden, und nur so viel als die Gelegenheit unumgänglich erfoderte, von dem Anteil, den er an der Staats-Verwaltung von Athen gehabt hatte, ließ die Anlässe entschlüpfen, die ihm von einigen mit guter Art (wie sie wenigstens glaubten) gemacht wurden, um seine Gedanken von Regierungs-Sachen, und von den Syracusanischen Angelegenheiten auszuholen; sprach von allem wie ein gewöhnlicher Mensch, der sich auf das was er spricht versteht, und begnügte sich bei Gelegenheit sehen zu lassen, daß er ein Kenner aller schönen Sachen sei, ob er sich gleich nur für einen Liebhaber gab. Dieses Betragen, wodurch er allen Verdacht, als ob er aus besondern Absichten nach Syracus gekommen sei, von sich entfernen wollte, hatte die Würkung, daß die Meisten, welche mit einem Erwartungsvollen Vorurteil für ihn gekommen waren, sich für betrogen hielten, und mit der Meinung weggingen, Agathon halte in der Nähe nicht, was sein Ruhm verspreche: Ja, um sich dafür zu rächen, daß er nicht so war, wie[739] er ihrer Einbildung zu lieb hätte sein sollen, lieben sie ihm noch einige Fehler, die er nicht hatte, und verringerten den Wert der schönen Eigenschaften, welche er entweder nicht verbergen konnte, oder nicht verbergen wollte; gewöhnliches Verfahren der kleinen Geister, wodurch sie sich unter einander in der tröstlichen Beredung zu stärken suchen, daß kein so großer Unterscheid, oder vielleicht gar keiner, zwischen ihnen und den Agathonen sei- und wer wird so unbillig sein, und ihnen das übel nehmen?

Sobald sich unser Mann allein sah, überließ er sich den Betrachtungen, die in seiner gegenwärtigen Stellung die natürlichsten waren. Sein erster Gedanke, sobald er gehört hatte, daß Plato entfernt, und Dionys wieder in der Gewalt seiner ehemaligen Günstlinge und einer neuangekommenen Tänzerin sei, war gewesen, sich nur wenige Tage bei seinem Freunde verborgen zu halten, und sodann nach Italien überzufahren, wo er verschiedne Ursachen hatte zu hoffen, daß er in dem Hause des berühmten Archytas zu Tarent willkommen sein würde. Allein die Unterredung mit dem Aristippus hatte ihn auf andre Gedanken gebracht. Je mehr er dasjenige, was ihm dieser Philosoph von den Ursachen der vorgegangenen Veränderungen gesagt hatte, überlegte; je mehr fand er sich ermuntert, das Werk, welches Plato aufgegeben hatte, auf einer andern Seite, und, wie er hoffte, mit besserm Erfolg, anzugreifen. Von tausend manchfaltigen Gedanken hin und her gezogen, brachte er den größesten Teil der Nacht in einem Mittelstand zwischen Entschließung und Ungewißheit zu, bis er endlich mit sich selbst einig wurde, es darauf ankommen zu lassen, wozu ihn die Umstände bestimmen würden. Inzwischen machte er sich auf den Fall, wenn ihn Dionys an seinen Hof zu ziehen suchen sollte, einen Verhaltungs-Plan; er stellte sich eine Menge Zufälle vor, welche begegnen konnten, und setzte die Maßregeln bei sich selbst feste, nach welchen er in allen diesen Umständen handeln wollte. Die genaueste Verbindung der Klugheit mit der Rechtschaffenheit war die Seele davon. Sein eigner Vorteil kam dabei in gar keine Betrachtung; dieser Punct lag durch aus zum Grunde seines ganzen Systems; er wollte sich durch keine Art von Banden fesseln lassen, sondern immer die Freiheit behalten,[740] sich so bald er sehen würde, daß er vergeblich arbeite, mit Ehre zurückzuziehen. Das war die einzige Rücksicht, die er dabei auf sich selbst machte. Die lebhafte Abneigung, die er, aus eigener Erfahrung gegen alle populare Regierungs-Arten gefaßt hatte, ließ ihn nicht daran denken, den Sicilianern zu einer Freiheit behülflich zu sein, welche er für einen bloßen Namen hielt, unter dessen Schutz die Edeln eines Volkes und der Pöbel einander wechselweise ärger tyrannisieren als es irgend ein Tyrann zu tun fähig ist; der so arg er immer sein mag, doch durch seinen eigenen Vorteil abgehalten wird, seine Sclaven gänzlich aufzureiben; – da hingegen der Pöbel, wenn er die Gewalt einmal an sich gerissen hat, seinen wilden Bewegungen keine Grenzen zu setzen fähig ist. Diese Reflexion traf zwar nur die Democratie; aber Agathon hatte von der Aristocratie keine bessere Meinung. Eine endlose Reihe von schlimmen Monarchen schien ihm etwas, das nicht in der Natur ist; und ein einziger guter Fürst, war, nach seiner Voraussetzung, vermögend, das Glück seines Volkes auf ganze Jahrhunderte zu befestigen; da hingegen (seiner Meinung nach) die Aristocratie anders nicht als durch die gänzliche Unterdrückung des Volks auf einen dauerhaften Grund gesetzt werden könne, und also schon aus dieser einzigen Ursache die schlimmste unter allen möglichen Verfassungen sei. So sehr gegen diese beide Regierungs-Arten eingenommen als er war, konnte er nicht darauf verfallen, sie mit einander vermischen, und durch eine Art von politischer Chemie aus so widerwärtigen Dingen eine gute Composition herausbringen zu wollen. Eine solche Verfassung deuchte ihn allzuverwickelt, und aus zu vielerlei Gewichtern und Rädern zusammengesetzt, um nicht alle Augenblicke in Unordnung zu geraten, und sich nach und nach selbst aufzureiben. Die Monarchie schien ihm also, von allen Seiten betrachtet, die einfacheste, edelste, und der Analogie des großen Systems der Natur gemäßeste Art die Menschen zu regieren; und dieses vorausgesetzt, glaubte er alles getan zu haben, wenn er einen zwischen Tugend und Laster hin und her wankenden Prinzen aus den Händen schlimmer Ratgeber ziehen; durch einen klugen Gebrauch der Gewalt, die er über sein Gemüt zu bekommen hoffte, seine Denkungs-Art verbessern; und ihn nach und nach durch die eigentümlichen[741] Reizungen der Tugend endlich vollkommen gewinnen könnte. Und gesetzt auch, daß es ihm nur auf eine unvollkommene Art gelingen würde; so hoffte er, wofern er sich nur einmal seines Herzens bemeistert haben würde, doch immer im Stande zu sein, viel gutes zu tun, und viel Böses zu verhindern, und auch dieses schien ihm genug zu sein, um beim Schluß der Action mit dem belohnenden Gedanken, eine schöne Rolle wohl gespielt zu haben, vom Theater abzutreten. In diesen sanfteinwiegenden Gedanken schlummerte Agathon endlich ein, und schlief noch, als Aristippus des folgenden Morgens wiederkam, um ihn im Namen des Dionys einzuladen, und bei diesem Prinzen aufzuführen.

Die Seite, von der sich dieser Philosoph in der gegenwärtigen Geschichte zeigt, stimmt mit dem gemeinen Vorurteil, welches man gegen ihn gefaßt hat, so wenig überein, als dieses mit den gewissesten Nachrichten, welche von seinem Leben und von seinen Meinungen auf uns gekommen sind. In der Tat scheint dasselbe sich mehr auf den Mißverstand seiner Grundsätze und einige ärgerliche Märchen, welche Diogenes von Laerte und Athenäus, zween von den unzuverlässigsten Compilatoren in der Welt, seinen Feinden nacherzählen, als auf irgend etwas zu gründen, welches ihm unsre Hochachtung mit Recht entziehen könnte. Es hat zu allen Zeiten eine Art von Leuten gegeben, welche nirgends als in ihren Schriften tugendhaft sind; Leute, welche die Verdorbenheit ihres Herzens, und ihre geheimen Laster durch die Affectation der strengesten Grundsätze in der Sittenlehre bedecken wollen; moralische Pantomimen, qui Curios simulant & Bacchanalia vivunt; Leute, welche sich das Ansehen einer außerordentlichen Delicatesse der Ohren in moralischen Dingen geben, und von dem bloßen Schall des Worts Wollust, mit einem heiligen Schauer, errötend – – oder erblassend, zusammenfahren; kurz, Leute, welche jedermann verachten würde, wenn nicht der größeste Haufen dazu verurteilt wäre, sich durch Masken-Gesichter, Minen, Gebärden, Inflexionen der Stimme, verdrehte Augen, und- – weiße Schnupftücher betrügen zu lassen. Diese vortrefflichen Leute, (welche wir etwas genauer beschrieben haben, weil es nicht mehr gebräuchlich ist, denenjenigen einen Bündel Heu vor die Stirne zu[742] binden, denen man nicht allzunahe kommen darf,) taten schon damals ihr Bestes, den guten Aristipp für einen Wollüstling auszuschreien, dessen ganze Philosophie darin bestehe, daß er die Forderungen unsrer sinnlichen Triebe zu Grundsätzen gemacht, und die Kunst gemächlich und angenehm zu leben, in ein System gebracht habe.

Es ist hier der Ort nicht, die Unbilligkeit und den Ungrund dieses Urteils zu beweisen; und dieses ist auch so nötig nicht, nachdem bereits einer der ehrwürdigsten und verdienstvollesten Gelehrten unsrer Zeit, ein Mann der durch die Eigenschaften seines Verstandes und Herzens den Namen eines Weisen verdient, wenn ihn ein Sterblicher verdienen kann, ungeachtet seines Standes den Mut gehabt hat, in seiner critischen Geschichte der Philosophie diesem würdigen Schüler des Socrates Gerechtigkeit widerfahren zu lassen.

Ohne uns also um Aristipps Lehrsätze zu bekümmern, begnügen wir uns, von seinem persönlichen Character so viel zu sagen als man wissen muß, um die Person, die er an Dionysens Hofe vorstellte, richtiger beurteilen zu können. Unter allen den vorgeblichen Weisen, welche sich damals an diesem Hofe befanden, war er der einzige, der keine heimliche Absichten auf die Freigebigkeit des Prinzen hatte; ob er sich gleich kein Bedenken machte, Geschenke von ihm anzunehmen, die er nicht durch parasitische Niederträchtigkeiten erkaufte. Durch seine natürliche Denkungs-Art eben so sehr als durch seine, in der Tat ziemlich gemächliche Philosophie, von Ambition und Geldgierigkeit gleich entfernt, bediente er sich eines zulänglichen Erbguts, (welches er bei Gelegenheit durch den erlaubten Vorteil, den er von seinen Talenten zog, zu vermehren wußte) um, nach seiner Neigung, mehr einen Zuschauer als einen Acteur auf dem Schauplatz der Welt vorzustellen. Da er einer der besten Köpfe seiner Zeit war, so gab ihm diese Freiheit, worin er sich sein ganzes Leben durch erhielt, Gelegenheit sich einen Grad von Einsicht zu erwerben, der ihn zu einem scharfen und sichern Beurteiler aller Gegenstände des menschlichen Lebens machte. Meister über seine Leidenschaften, welche von Natur nicht heftig waren; frei von allen Arten der Sorgen, und in den Tumult der Geschäfte selbst niemals verwickelt, war es ihm nicht[743] schwer, sich immer in dieser Heiterkeit des Geistes, und in dieser Ruhe des Gemütes zu erhalten, welche die Grundzüge von dem Character eines weisen Mannes ausmachen. Er hatte seine schönsten Jahre zu Athen, in dem Umgang mit Socrates und den größesten Männern dieses berühmten Zeitalters zugebracht; die Euripiden und Aristophane, die Phidias und die Polygnote, und die Wahrheit zu sagen, auch die Phrynen, und Laiden, Damen, an denen die Schönheit die geringste ihrer Reizungen war, hatten seinen Witz gebildet, und jenes zarte Gefühl des Schönen in ihm entwickelt, welches ihn die Munterkeit der Grazien mit der Severität der Philosophie auf eben diese unnachahmliche Art verbinden lehrte, die ihm den Neid aller philosophischen Mäntel und Bärte seiner Zeit auf den Hals zog. Nichts übertraf die Annehmlichkeit seines Umgangs; niemand wußte so gut wie er, die Weisheit unter der gefälligen Gestalt des lächelnden Scherzes und der guten Laune in solche Gesellschaften einzuführen, wo sie in ihrer eignen Gestalt nicht willkommen wäre. Er besaß das Geheimnis, den Großen selbst die unangenehmste Wahrheiten mit Hülfe eines Einfalls oder einer Wendung erträglich zu machen, und sich an dem langweiligen Geschlechte der Narren und Gecken, wovon die Höfe der (damaligen) Fürsten wimmelten, durch einen Spott zu rächen, den sie dumm genug waren, mit dankbarem Lächeln für Beifall anzunehmen. Die Lebhaftigkeit seines Geistes und die Kenntnis, die er von allen Arten des Schönen besaß, machte daß er wenige seines Gleichen hatte, wo es auf die Erfindung sinnreicher Ergötzlichkeiten, auf die Anordnung eines Festes, die Auszierung eines Hauses, oder auf das Urteil über die Werke der Dichter, Tonkünstler, Maler und Bildhauer ankam. Er liebte das Vergnügen, weil er das Schöne liebte; und aus eben diesem Grunde liebte er auch die Tugend: Aber er mußte das Vergnügen in seinem Wege finden, und die Tugend mußte ihm keine allzubeschwerliche Pflichten auflegen; dem einen oder der andern seine Gemächlichkeit aufzuopfern, so weit ging seine Liebe nicht. Sein vornehmster Grundsatz, und derjenige, dem er allezeit getreu blieb, war; daß es in unsrer Gewalt sei, in allen Umständen glücklich zu sein; des Phalaris glühenden Ochsen ausgenommen; denn wie man in diesem sollte glücklich sein können,[744] davon konnte er sich keinen Begriff machen. Er setzte voraus, daß Seele und Leib sich im Stande der Gesundheit befinden müßten, und behauptete, daß es als dann nur darauf ankomme, daß wir uns nach den Umständen richten; anstatt, wie der große Haufe der Sterblichen, zu verlangen, daß sich die Umstände nach uns richten sollen, oder ihnen, zu diesem Ende Gewalt antun zu wollen. Von dieser sonderbaren Geschmeidigkeit kam es her, daß er das vielbedeutende Lob verdiente, welches ihm Horaz gibt, daß ihm alle Farben, alle Umstände des günstigen oder widrigen Glückes gleich gut anstunden; oder wie Plato von ihm sagte, daß es ihm allein gegeben war, ein Kleid von Purpur, und einen Kittel von Sackleinwand mit gleich guter Art zu tragen.

Es ist kein schwacher Beweis, wie wenig es dem Dionys an Fähigkeit das Gute zu schätzen gefehlt habe, daß er Aristippen um aller dieser Eigenschaften willen höher achtete, als alle andern Gelehrten seines Hofes; daß er ihn am liebsten um sich leiden mochte, und sich öfters von ihm durch einen Scherz zu guten Handlungen bewegen ließ, wozu ihn seine Pedanten mit aller ihrer Dialectik und schulgerechten Beredsamkeit nicht zu vermögen fähig waren.

Diese characteristische Züge vorausgesetzt, läßt sich, deucht uns, keine wahrscheinlichere Ursache angeben, warum Aristipp, so bald er unsern Helden zu Syracus erblickte, den Entschluß faßte, ihn bei dem Dionys in Gunst zu setzen, als diese; daß er begierig war zu sehen, was aus einer solchen Verbindung werden, und wie sich Agathon in einer so schlüpfrigen Stellung verhalten würde. Denn auf einige besondere Vorteile für sich selbst konnte er dabei kein Absehen haben, da es nur auf ihn ankam, ohne einen Mittelsmann zu bedürfen, sich die Gnade eines Prinzen zu Nutzen zu machen, der in einem Anstoß von prahlerhafter Freigebigkeit fähig war, die Einkünfte von einer ganzen Stadt an einen Luftspringer oder Citharspieler wegzuschenken.

Dem sei indessen wie ihm wolle, so hatte Aristipp nichts angelegners, als des nächsten Morgens den Prinzen, dem er bei seinem Aufstehen aufzuwarten pflegte, von dem neuangekommenen Agathon zu unterhalten, und eine so vorteilhafte Abschilderung von ihm zu machen, daß Dionys begierig wurde,[745] diesen außerordentlichen Menschen von Person zu kennen. Aristipp erhielt also den Auftrag, ihn unverzüglich nach Hofe zu bringen; und er vollzog denselben, ohne unsern Helden merken zu lassen, wieviel Anteil er an dieser Neugier des Prinzen gehabt hatte.

Agathon sah eine so bald erfolgende Einladung als ein gutes Omen an, und machte keine Schwierigkeit sie anzunehmen. Er erschien also vor dem Dionys, der ihn mitten unter seinen Hofleuten auf eine sehr leutselige Art empfing. Er erfuhr bei dieser Gelegenheit abermal, daß die Schönheit eine stumme Empfehlung an alle Menschen, welche Augen haben, ist. Diese Gestalt des Vaticanischen Apollo, die ihm schon so manchen guten – – und schlimmen – – Dienst getan, die ihm die Verfolgungen der Pythia und die Zuneigung der Athenienser zugezogen, ihn in den Augen der thrazischen Bacchantinnen zum Gott, und in den Augen der schönen Danae zum liebenswürdigsten der Sterblichen gemacht hatte – – Diese Gestalt, diese einnehmende Gesichts-Bildung, diese mit Würde und Anstand zusammenfließende Grazie, welche allen seinen Bewegungen und Handlungen eigen war – – taten ihre Würkung, und zogen ihm beim ersten Anblick die allgemeine Bewunderung zu. Dionys, welcher als König zu wohl mit sich selbst zufrieden war, um über einen Privat-Mann wegen irgend einer Vollkommenheit eifersüchtig zu sein, überließ sich dem angenehmen Eindruck, den dieser schöne Fremdling auf ihn machte. Die Philosophen hofften, daß das Inwendige einer so viel versprechenden Außenseite nicht gemäß sein werde, und diese Hoffnung setzte sie in den Stand, mit einem Nasenrümpfen, welches den geringen Wert, den sie einem solchen Vorzug beilegten, andeutete, einander zu zuraunen, daß er – – schön sei Aber die Höflinge hatten Mühe ihren Verdruß darüber zu verbergen, daß sie keinen Fehler finden konnten, der ihnen den Anblick so vieler Vorzüge erträglich gemacht hätte. Wenigstens waren dieses die Beobachtungen, welche der kaltsinnige Aristipp bei dieser Gelegenheit zu machen glaubte.

Agathon verband in seinen Reden und in seinem ganzen Betragen so viel Bescheidenheit und Klugheit mit dieser edeln Freiheit und Zuversichtlichkeit eines Weltmannes, worin er sich zu[746] Smyrna vollkommen gemacht hatte; daß Dionys in wenigen Stunden ganz von ihm eingenommen war. Man weiß, wie wenig es oft bedarf, den Großen der Welt zu gefallen, wenn uns nur der erste Augenblick günstig ist. Agathon mußte also dem Dionys, welcher würklich Geschmack hatte, notwendig mehr gefallen, als irgend ein anderer, den er jemals gesehen hatte; und das, in immerzunehmendem Verhältnis, so wie sich, von einem Augenblick zum andern, die Vorzüge und Talente unsers Helden entwickelten. In der Tat besaß er deren so viele, daß der Neid der Höflinge, der in gleicher Proportion von Stunde zu Stunde stieg, gewisser maßen zu entschuldigen war; die guten Leute würden sich viel auf sich selbst eingebildet haben, wenn sie nur diejenigen Eigenschaften, in einem solchen Grad, einzeln besessen hätten, welche in ihm vereinigt, dennoch den geringsten Teil seines Wertes ausmachten. Er hatte die Klugheit, anfänglich seine gründlichere Eigenschaften zu verbergen, und sich bloß von derjenigen Seite zu zeigen, wodurch sich die Hochachtung der Weltleute am sichersten überraschen läßt. Er sprach von allem mit dieser Leichtigkeit des Witzes, welche nur über die Gegenstände dahinglitscht, und wodurch sich oft die schalesten Köpfe in der Welt (auf einige Zeit wenigstens) das Ansehen, Verstand und Einsichten zu haben, zu gehen wissen. Er scherzte; er erzählte mit Anmut; er machte andern Gelegenheit sich hören zu lassen; und bewunderte die guten Einfälle, welche dem schwatzhaften Dionys unter einer Menge von mittelmäßigen und frostigen zuweilen entfielen, mit einer Art welche, ohne seiner Aufrichtigkeit oder seinem Geschmack zuviel Gewalt anzutun, diesen Prinzen überzeugte; daß Agathon unendlich viel Verstand habe.

Die großen Herren haben gemeiniglich eine Lieblings-Schwachheit, wodurch es sehr leicht wird, den Eingang in ihr Herz zu finden. Der große Tanzai von Scheschian, ein Kenner übrigens von Verdiensten, kannte doch kein größeres als die Leier gut zu spielen. Dionys hegte ein so günstiges Vorurteil für die Cithar, daß der beste Cithar-Spieler in seinen Augen der größeste Mann auf dem Erdboden war. Er spielte sie zwar selbst nicht; aber er gab sich für einen Kenner, und rühmte sich die größesten Virtuosen auf diesem wundertätigen Instrument an[747] seinem Hofe zu haben. Zu gutem Glücke hatte Agathon zu Delphi die Cithar schlagen gelernt, und bei der schönen Danae, welche eine Meisterin auf allen Saiten-Instrumenten der damaligen Zeit war, einige Lectionen genommen, die ihn vollkommen gemacht hatten. Kurz, Agathon nahm das dritte oder vierte mal, da er mit dem Dionys zu Nacht aß, eine Cithar, begleitete darauf einen Dithyramben des Damon, (der von einer feinen Stimme gesungen, und von der schönen Bacchidion getanzt wurde) und setzte seine Hoheit dadurch in eine so übermäßige Entzückung, daß der ganze Hof von diesem Augenblick an für ausgemacht hielt, ihn in kurzem zur Würde eines erklärten Günstlings erhoben zu sehen. Dionys überhäufte ihn in der ersten Aufwallung seiner Bewunderung mit Liebkosungen, welche unserm Helden beinahe allen Mut benahmen. Himmel! dachte er, was werde ich mit einem König anfangen, der bereit ist, den ersten Neuangekommenen an die Spitze seines Staats zu setzen, weil er ein guter Citharschläger ist? Dieser erste Gedanke war sehr gründlich, und würde ihm vieles Ungemach erspart haben, wenn er seiner Eingebung gefolget hätte. Aber eine andere Stimme (war es seine Eitelkeit, oder der Gedanke ein großes Vorhaben nicht um einer so geringfügigen Ursache willen aufzugeben? – – oder war es die Schwachheit, die uns geneigt macht, alle Torheiten der Großen, welche Achtung für uns zeigen, mit nachsichtvollen Augen einzusehen?) flüsterte ihm ein: Daß der Geschmack für die Musik, und die besondere Anmutung für ein gewisses Instrument, eine Sache sei, welche von unsrer Organisation abhange; und daß es ihm nur desto leichter sein werde, sich des Herzens dieses Prinzen zu versichern, je mehr er von den Geschicklichkeiten besitze, wodurch man seinen Beifall erhalten könne.

Die Gunst, in welche er sich in so kurzer Zeit und durch so zweideutige Verdienste bei dem Tyrannen gesetzt, stieg bald darauf, bei Gelegenheit einer academischen Versammlung, welche Dionys mit großen Feierlichkeiten veranstaltete, zu einem solchen Grade, daß Philistus, der bisher noch zwischen Furcht und Hoffnung geschwebet hatte, seinen Fall nunmehr für gewiß hielt.

Dionys hatte vom Aristipp in der Stille vernommen, daß Agathon ehmals ein Schüler Platons gewesen, und während seines[748] Glücksstandes zu Athen für einen der größesten Redner in dieser schwatzhaften Republik gehalten worden sei. Erfreut, eine Vollkommenheit mehr an seinem neuen Liebling zu entdecken, säumte er sich keinen Augenblick, eine Gelegenheit zu veranstalten, wo er aus eigner Einsicht von der Wahrheit dieses Vorgebens urteilen könnte; denn es kam ihm ganz übernatürlich vor, daß man zu gleicher Zeit ein Philosoph, und so schön, und ein so großer Citharschläger sollte sein können. Die Academie erhielt also Befehl sich zu versammeln, und ganz Syracus wurde dazu, als zu einem Fest eingeladen, welches sich mit einem großen Schmaus enden sollte. Agathon dachte an nichts weniger, als daß er bei diesem Wettstreit eines Haufens von Sophisten (die er nicht ohne Grund für sehr überflüssige Leute an dem Hofe eines guten Fürsten ansah) eine Rolle zu spielen bekommen würde; und Aristipp hatte, aus dem obenberührten Beweggrunde, der der Schlüssel zu seinem ganzen Betragen gegen unsern Helden ist, ihm von Dionysens Absicht nichts entdeckt. Dieser eröffnete als Präsident der Academie (denn seine Eitelkeit begnügte sich nicht an der Ehre, ihr Beschützer zu sein) die Versammlung durch einen übel zusammengestoppten, und nicht allzuverständlichen, aber mit Platonismen reich verbrämten Discurs, welcher, wie leicht zu erachten, mit allgemeinem Zujauchzen begleitet wurde; ungeachtet er dem Agathon mehr das ungezweifelte Vertrauen des königlichen Redners in den Beifall, der ihm von Standes wegen zukam, als die Größe seiner Gaben und Einsichten zu beweisen schien. Nach Endigung dieser Rede, nahm die philosophische Hetze ihren Anfang; und wofern die Zuhörer durch die subtilen Geister, die sich nunmehr hören ließen, nicht sehr unterrichtet wurden, so fanden sie sich doch durch die Wohlredenheit des einen, die klingende Stimme und den guten Accent eines andern, die paradoxen Einfälle eines dritten, und die seltsamen Gesichter, die ein vierter zu seinen Distinctionen und Demonstrationen machte, erträglich belustiget. Nachdem dieses Spiel einige Zeit gedauert hatte, und ein unhöfliches Gähnen bereits zwei Dritteile der Zuhörer zu ergreifen begann, sagte Dionys: Da er das Glück habe, seit einigen Tagen einen der würdigsten Schaler des großen Platons in seinem Hause zu besitzen; so ersuchte[749] er ihn, zufrieden zu sein, daß der Ruhm, der ihm allenthalben vorangegangen sei, den Schleier, womit seine Bescheidenheit seine Verdienste zu verhüllen suche, hinweggezogen, und ihm in dem schönen Agathon einen der beredtesten Weisen der Zeit entdeckt habe: Er möchte sich also nicht weigern, auch in Syracus sich von einer so vorteilhaften Seite zu zeigen, und sich mit den Philosophen seiner Academie in einen Wettstreit über irgend eine interessante Frage aus der Philosophie einzulassen. Zu gutem Glücke sprach Dionys, der sich selbst gerne hörte, und die Gabe der Weitläufigkeit in hohem Maße besaß, lange genug, um unserm Manne Zeit zu geben, sich von der kleinen Bestürzung zu erholen, worein ihn diese unerwartete Zumutung setzte. Er antwortete also ohne Zaudern: Er sei zu früh aus den Hörsälen der Weisen auf den Markt-Platz zu Athen gerufen, und in die Angelegenheiten eines Volkes, welches bekannter maßen seinen Hofmeistern nicht wenig zu schaffen mache, verwickelt worden, als daß er Zeit genug gehabt haben sollte, sich seine Lehrmeister zu Nutzen zu machen; indessen sei er, wenn es Dionys verlange, aus Achtung gegen ihn bereit, eine Probe abzulegen, wie wenig er das Lob verdiene, welches ihm aus einem allzugünstigen Vorurteil beigelegt worden sei.

Dionys rief also den Philistus auf, (man weiß nicht, ob von ungefähr oder vermög einer vorhergenommenen Abrede, wiewohl das letztere nicht wahrscheinlich zu sein scheint,) eine Frage vorzuschlagen, für und wider welche von beiden Seiten gesprochen werden sollte. Dieser Minister bedachte sich eine kleine Weile, und in Hoffnung den Agathon, der ihm furchtbar zu werden anfing, in Verlegenheit zu setzen, schlug er die Frage vor – – welche Regierungs-Form einen Staat glücklicher mache, die Republicanische oder die Monarchische? – – Man wird, dachte er, dem Agathon die Wahl lassen, für welche er sich erklären will; spricht er für die Republik, und spricht er gut, wie er um seines Ruhms willen genötiget ist, so wird er dem Prinzen mißfallen; wirft er sich zum Lobredner der Monarchie auf, so wird er sich dem Volke verhaßt machen, und Dionys wird den Mut nicht haben, die Staats-Verwaltung einem Ausländer anzuvertrauen, der bei seinem ersten Auftritt auf dem Schauplatz, einen so schlimmen Eindruck auf die Gemüter der Syracusaner[750] gemacht hat. Allein dieses mal betrog den schlauen Mann seine Erwartung. Agathon erklärte sich, ungeachtet er die Absicht des Philistus merkte, mit einer Unerschrockenheit, welche diesem keinen Triumph prophezeite, für die Monarchie; und nachdem seine Gegner, (unter denen Antisthenes und der Sophist Protagoras alle ihre Kräfte anstrengeten, die Vorzüge der Freistaaten zu erheben) zu reden aufgehört hatten, fing er damit an, daß er ihren Gründen noch mehr Stärke gab, als sie selbst zu tun fähig gewesen waren. Die Aufmerksamkeit war außerordentlich; jedermann war mehr begierig, zu hören, wie Agathon sich selbst, als wie er seine Gegner würde überwinden können. Seine Beredsamkeit zeigte sich in einem Lichte, welches die Seelen der Zuhörer blendete, die Wichtigkeit des Augenblicks, der den Ausgang seines ganzen Vorhabens entschied, die Würde des Gegenstandes, die Begierde zu siegen, und vermutlich auch die herzliche Abneigung gegen die Democratie, welche ihm aus Athen in seine Verbannung gefolget war; alles setzte ihn in eine Begeisterung, welche die Kräfte seiner Seele höher spannte; seine Ideen waren so groß, seine Gemälde so stark gezeichnet, mit so vielem Feuer gemalt, seine Gründe jeder für sich selbst so schimmernd, und lieben einander durch ihre Zusammenordnung so viel Licht; der Strom seiner Rede, der anfänglich in ruhiger Majestät dahinfloß, wurde nach und nach so stark und hinreißend; daß selbst diejenigen, bei denen es zum voraus beschlossen war, daß er Unrecht haben sollte, sich wie durch eine magische Gewalt genötiget sahen, ihm innerlich Beifall zu geben. Man glaubte den Mercur oder Apollo reden zu hören, die Kenner (denn es waren einige zugegen, welche davor gelten konnten) bewunderten am meisten, daß er die Kunstgriffe verschmähte, wodurch die Sophisten gewohnt waren, einer schlimmen Sache die Gestalt einer guten zu geben – Keine Farben, welche durch ihren Glanz das Betrügliche falscher oder umsonst angenommener Sätze verbergen mußten; keine künstliche Austeilung des Lichts und des Schattens. Sein Ausdruck glich dem Sonnenschein, dessen lebender und fast geistiger Glanz sich den Gegenständen mitteilt, ohne ihnen etwas von ihrer eigenen Gestalt und Farbe zu benehmen.[751]

Indessen müssen wir gestehen, daß er ein wenig grausam mit den Republiken umging. Er bewies, oder schien doch allen die ihn hörten zu beweisen, daß diese Art von Gesellschaft ihren Ursprung in dem wilden Chaos der Anarchie genommen, und daß die Weisheit ihrer Gesetzgeber sich mit schwachem Erfolg bemühet hätte, Ordnung und Consistenz in eine Verfassung zu bringen, welche ihrer Natur nach, in steter Unruh und innerlicher Gärung alle Augenblicke Gefahr laufe, sich durch ihre eigene Kräfte aufzureiben, und welche des Ruhestandes so wenig fähig sei, daß eine solche Ruhe in derselben vielmehr die Folge der äußersten Verderbnis, und gleich einer Windstille auf dem Meer, der gewisse Vorbote des Sturms und Untergangs sein würde. Er zeigte, daß die Tugend, dieses geheiligte Palladium der Freistaaten, an dessen Erhaltung ihre Gesetzgeber das ganze Glück derselben gebunden hätten, eine Art von unsichtbaren und durch verjährten Aberglauben geheiligten Götzen sei, an denen nichts als der Name verehrt werde; daß man in diesen Staaten einen stillschweigenden Vertrag mit einander gemacht zu haben scheine, sich durch den Namen und ein gewisses Phantom von Gerechtigkeit, Mäßigung, Uneigennützigkeit, Liebe des Vaterlandes und des gemeinen Besten von einander betrügen zu lassen; und daß unter der Maske dieser politischen Heuchelei, unter dem ehrwürdigen Namen aller dieser Tugenden, das Gegenteil derselben nirgends unverschämter ausgeübt werde. Es würden, meinte er, eine Menge besonderer Umstände, welche sich in etlichen tausend Jahren kaum einmal in irgend einem Winkel des Erdbodens zusammenfinden könnten dazu erfordert, um eine Republik in dieser Mittelmäßigkeit zu erhalten, ohne welche sie von keinem Bestand sein könne: Und daher daß dieser Fall so selten sei, und von so vielen zufälligen Ursachen abhange, komme es, daß die meisten Republiken entweder zu schwach wären, ihren Bürgern die mindeste Sicherheit zu gewähren; oder daß sie nach einer Größe strebten, welche nach einer Folge von Mißhelligkeiten, Cabalen, Verschwörungen und Bürgerkriegen endlich den Untergang des Staats nach sich ziehe, und demjenigen, welcher Meister vom Kampf Platze bliebe, nichts als Einöden zu bevölkern und Ruinen wieder aufzubauen überlasse. So gar die Freiheit, auf welche[752] diese Staaten mit Ausschluß aller andern Anspruch machten, finde kaum in den despotischen Reichen Asiens weniger Platz; weil entweder das Volk sich demütiglich gefallen lassen müsse, was die Edeln und Reichen, ihrem besondern Interesse gemäß, schlössen und handelten; oder wenn das Volk selbst den Gesetzgeber und Richter mache, kein ehrlicher Mann sicher sei, daß er nicht morgen das Opfer derjenigen sein werde, denen seine Verdienste im Wege stehen, oder die durch sein Ansehen und Vermögen reicher und größer zu werden hoffeten. In keinem andern Staat sei es weniger erlaubt von seinen Fähigkeiten Gebrauch zu machen, selbst zu denken, und über wichtige Gegenstände dasjenige was man für gemeinnützlich halte, ohne Gefahr, bekannt werden zu lassen; alle Vorschläge zu Verbesserungen würden unter dem verhaßten Namen der Neuerungen verworfen, und zögen ihren Urhebern geheime oder öffentliche Verfolgungen zu. Selbst die Grundpfeiler der menschlichen Glückseligkeit, und dasjenige, was den gesitteten Menschen eigentlich von dem Wilden und Barbaren unterscheide, Wahrheit, Tugend, Wissenschaften, und die liebenswürdigen Künste der Musen, seien in diesen Staaten verdächtig oder gar verhaßt; würden durch tausend im Finstern schleichende Mittel entkräftet, an ihrem Fortgang verhindert, oder doch gewiß weder aufgemuntert noch belohnt; und allein zu Unterstützung der herrschenden Vorurteile und Mißbräuche verurteilt – – Doch genug! – – wir haben zu viel Ursache günstiger von freien Staaten zu denken – – wenn es auch nur darum wäre, weil wir die Ehre haben unter einer Nation zu leben, deren Verfassung selbst republicanisch ist, und in der Tat die wunderbarste Art von Republik vorstellt, welche jemals auf dem Erdhoden gesehen worden ist – – als daß wir diesen Auszug einer für den Ruhm der Freistaaten so nachteiligen Rede ohne Widerwillen sollten fortsetzen können. Es geschah aus diesem nämlichen Grunde, daß wir, anstatt den Discurs des Agathon seinem ganzen Umfange nach aus unsrer Urkunde abzuschreiben, uns begnügt haben, einige Züge davon, als eine wiewohl sehr unvollkommene Probe des Ganzen anzuführen. Ferne soll es allezeit von uns sein, irgend einem Erdenbewohner die Stellung worin er sich befindet, unangenehmer zu machen, als sie ihm bereits[753] sein mag; oder Anlaß zu geben, daß die Gebrechen einiger längst zerstörten Griechischen Republiken, aus denen Agathon seine Gemälde hernahm, zur Verunglimpfung derjenigen mißbraucht werden könnten, welche in neuern Zeiten als ehrwürdige Freistätte und Zufluchts-Plätze der Tugend, der gesunden Denkungs-Art, der öffentlichen Glückseligkeit und einer politischen Gleichheit, welche sich der natürlichen möglichst nähert, angesehen werden können. Unsrer übrigens ganz unmaßgeblichen Meinung nach, gehört die Frage, über welche hier disputiert wurde, unter die wichtigen Fragen – – ob Scaramuz, ob Scapin besser tanze – – und so viele andre von diesem Schlage, (wenn sie gleich ein ernsthafteres Ansehen haben) worüber bis auf unsre Tage so viel Zeit und Mühe – von Gänsespulen, Papier und Dinte nichts zu sagen – – verloren worden, ohne daß sich absehen ließe, wie, worin oder um wieviel die Welt jemals durch ihre Auflösung sollte gebessert werden können. Wir könnten diese unsre Meinung rechtfertigen; aber es ist unnötig; ein jeder hat die Freiheit anders zu meinen wenn er will, ohne daß wir ihn zur Rechenschaft ziehen werden; hanc veniam petimus, damusque vicissim; denn in der Tat, ein Buch würde niemalen zu Ende kommen, wenn der Autor schuldig wäre, alles zu beweisen, und sich über alles zu rechtfertigen. Wir übergehen also auch, aus einem andern Grunde, den wir den Liebhabern der Rätsel und Logogryphen zu erraten geben, die Lobrede, welche Agathon der monarchischen Staats-Verfassung hielt. Die Beherrscher der Welt scheinen (mit Recht, würde Philistus sagen, denn ich machte es an ihrem Platz auch so) ordentlicher Weise sehr gleichgültig über die Meinung zu sein, welche man von ihrer Regierungs-Art hat – – Es gibt Fälle, wir gestehen es, wo dieses eine Ausnahme leidet – – aber diese Fälle begegnen selten, wenn man die Vorsichtigkeit gebraucht, hundert und fünfzigtausend wohlbewaffnete Leute bereit zu halten, mit deren Beistand man sehr wahrscheinlich hoffen kann, sich über die Meinung aller friedsamen Leute in der ganzen Welt hinwegsetzen zu können. Sind nicht eben diese hundert und fünfzigtausend – – oder wenn ihrer auch mehr sind; desto besser! – – ein lebendiger, augenscheinlicher, ja der beste Beweis, der alle andre unnötig macht, daß eine Nation[754] glücklich gemacht wird? – – Genug also (und dieser Umstand allein gehört wesentlich zu unsrer Geschichte) daß diese Rede, worin Agathon alle Gebrechen verdorbener Freistaaten und alle Vorzüge wohlregierter Monarchien, in zwei contrastierende Gemälde zusammendrängte, das Glück hatte, alle Stimmen davon zu tragen, alle Zuhörer zu überreden, und dem Redner eine Bewunderung zu zuziehen, welche den Stolz des eitelsten Sophisten hätte sättigen können. Jedermann war von einem Manne bezaubert, welcher so seltne Gaben mit einer so großen Denkungs-Art und mit so menschenfreundlichen Gesinnungen vereinigte. Denn Agathon hatte nicht die Tyrannie, sondern die Regierung eines Vaters angepriesen, der seine Kinder wohl erzieht und glücklich zu machen sucht. Man sagte sich selbst, was für goldene Tage Sicilien sehen würde, wenn ein solcher Mann das Ruder führte. Er hatte nicht vergessen, im Eingang seines Discurses dem Verdacht vorzukommen, als ob er die Republiken aus Rachsucht schelte, und die Monarchie aus Schmeichelei und geheimen Absichten erhebe: Fr hatte bei dieser Gelegenheit zu erkennen gegeben, daß er entschlossen sei, nach Tarent überzugehen, um in der ruhigen Dunkelheit des Privatstandes, welchen er seiner Neigung nach allen andern vorziehe, dem Nachforschen der Wahrheit und der Verbesserung seines Gemüts obzuliegen – – (Redensarten, die in unsern Tagen seltsam und lächerlich klingen würden, aber damals ihre Bedeutung und Würde noch nicht gänzlich verloren hatten.) Jedermann tadelte oder bedaurte diese Entschließung, und wünschte, daß Dionys alles anwenden möchte, ihn davon zurückzubringen. Niemalen hatte sich die Neigung des Prinzen mit den Wünschen seines Volkes so gleichstimmig befunden wie dieses mal. Die starke Zuneigung, die er für die Person unsers Helden, und die hohe Meinung, die er von seinen Fähigkeiten gefasset hatte, war durch diesen Discurs auf den höchsten Grad gestiegen. So wenig beständiges auch in Dionysens Character war, so hatte er doch seine Augenblicke, wo er wünschte, daß es weniger Verleugnung kosten möchte, ein guter Fürst zu sein. Die Beredsamkeit Agathons hatte ihn wie die übrige Zuhörer mit sich fortgerissen; er fühlte die Schönheit seiner Gemälde, und vergaß darüber, daß eben diese Gemälde eine Art von Satyre[755] über ihn selbst enthielten. Er setzte sich vor, dasjenige zu erfüllen, was Agathon auf eine stillschweigende Art von seiner Regierung versprochen hatte; und um sich die Pflichten, die ihm dieser Vorsatz auferlegte, zu erleichtern, wollte er sie durch eben denjenigen ausüben lassen, der so gut davon reden konnte. Wo konnte er ein tauglicheres Instrument finden, den Syracusanern seine Regierung beliebt zu machen? Wo konnte er einen andern Mann finden, der so viele angenehme Eigenschaften mit so vielen nützlichen vereinigte? – – Dionys hatte sich, wie wir schon bemerkt haben, angewöhnt, zwischen seine Entschließungen und ihre Ausführung so wenig Zeit zu setzen als möglich war. Alles was er einmal wollte, das wollte er hastig und ungeduldig; denn, in so fern er sich selbst überlassen blieb sah er eine Sache nur von einer Seite an; und dieses mal entdeckte er sich niemand als dem Aristipp, der nichts vergaß, was ihn in seinem Vorhaben bestärken konnte. Dieser Philosoph erhielt also den Auftrag, dem Agathon Vorschläge zu tun. Agathon entschuldigte sich mit seiner Abneigung vor dem geschäftigen Leben, und bestimmte den Tag seiner Abreise. Dionys wurde dringender. Agathon bestand auf seiner Weigerung, aber mit einer so bescheidenen Art, daß man hoffen konnte, er werde sich bewegen lassen. In der Tat war seine Absicht nur, die Zuneigung eines so wenig zuverlässigen Prinzen zuvor auf die Probe zu stellen, eh er sich in Verbindungen einlassen wollte, welche für das Glück anderer und für seine eigene Ruhe so gute oder so schlimme Folgen haben konnten.

Endlich, da er Ursache hatte zu glauben, daß die Hochachtung die er ihm eingeflößt hatte, etwas mehr als ein launischer Geschmack sei, gab er seinem Anhalten nach; aber nicht anders als unter gewissen Bedingungen, welche ihm Dionys zugestehen mußte. Er erklärte sich, daß er allein in der Qualität seines Freundes an seinem Hofe bleiben wollte, so lange als ihn Dionys dafür erkennen, und seiner Dienste nötig zu haben glauben würde; er wollte sich aber auch nicht fesseln lassen, und die Freiheit behalten sich zurückzuziehen, so bald er sähe, daß sein Dasein zu nichts nütze sei. Die einzige Belohnung, welche er sich befügt halte für seine Dienste zu verlangen, sei diese, daß Dionys seinen Räten folgen möchte, so lange er werde zeigen können,[756] daß dadurch jedesmal das Beste der Nation, und die Sicherheit, der Ruhm und die Privat-Glückseligkeit des Prinzen zugleich befördert werde. Endlich bat er sich noch aus, daß Dionys niemals einige heimliche Eingebungen oder Anklagen gegen ihn annehmen möchte, ohne ihm solche offenherzig zu entdecken, und seine Verantwortung anzuhören.

Dionys bedachte sich um so weniger, alle diese Bedingungen zu unterschreiben, da er entschlossen war ihn zu haben, wenn es auch die Hälfte seines Reichs kosten sollte. Agathon bezog also die Wohnung, welche man im Palast aufs prächtigste für ihn ausgerüstet hatte; Dionys erklärte öffentlich, daß man sich in allen Sachen an seinen Freund Agathon, wie an ihn selbst, wenden könne; die Höflinge stritten in die Wette, wer dem neuen Günstling seine Unterwürfigkeit auf die sclavenmäßigste Art beweisen könne; und Syracus sah mit froher Erwartung der Wiederkunft der Saturnischen Zeiten entgegen.

Wir machen hier eine kleine Pause, um dem Leser Zeit zu lassen, dasjenige zu überlegen, was er sich selbst in diesem Augenblick für oder wider unsern Helden zu sagen haben mag. Vermutlich mag einigen der Eifer mißfällig gewesen sein, womit er, aus Haß gegen sein undankbares Vaterland, wider die Republiken überhaupt gesprochen; indessen daß vielleicht andere sein ganzes Betragen, seit dem wir ihn an dem Hofe des Königs Dionys sehen, einer gekünstelten Klugheit, welche nicht in seinem Character sei, und ihm eine schielende Farbe gebe, beschuldigen werden. Wir haben uns schon mehrmalen erklärt, daß wir in diesem Werke die Pflichten eines Geschichtschreibers und nicht eines Apologisten übernommen haben; indessen bleibt uns doch erlaubt, von den Handlungen eines Mannes, dessen Leben wir zwar nicht für ein Muster, aber doch für ein lehrreiches Beispiel geben, eben so frei nach unserm Gesichtspunct zu urteilen, als es unsre Leser aus dem ihrigen tun mögen. Was also den ersten Punct betrifft, so haben wir bereits erinnert, daß es unbillig sein würde, dasjenige was Agathon wider die Republiken seiner Zeit gesprochen, für eine, von ihm gewiß nicht abgezielte, Beleidigung solcher Freistaaten anzusehen, welche (wie er als möglich erkannt hat) unter dem Einfluß günstiger Umstände, durch ihre Lage selbst vor auswärtigem Neid,[757] und vor ausschweifenden Vergrößerungs-Gedanken gesichert, durch weise Gesetze, und was noch mehr ist, durch die Macht der Gewohnheit, in einer glückseligen Mittelmäßigkeit fortdauern, und die Gebrechen kaum dem Namen nach kennen, welche Agathon an den Republiken seiner Zeit für unheilbar angesehen. Ob er aber diesen letztern zuviel getan habe, mögen diejenigen entscheiden, welche mit den besondern Umständen ihrer Geschichte bekannt sind. Hat die Empfindung des Unrechts, welches ihm selbst zu Athen zugefügt worden, etwas Galle in seine Critik gemischt; so ersuchen wir unsre Leser (nicht dem Agathon zu lieb; denn was kann diesem durch ihre Meinung von ihm zu- oder abgehen?) sich an seinen Platz zu stellen, und sich alsdann zu fragen, wie wert ihnen ein Vaterland sein würde, welches ihnen so mit gespielt hätte? Sie mögen sich erinnern, daß es insgemein nur auf eine kleine Beleidigung ihrer Eigenliebe ankommt, um ihre Hochachtung gegen eine Person in Verachtung, ihre Liebe in Abscheu, ihre Lobsprüche in Schmähreden, ihre guten Dienste in Verfolgungen zu verwandeln. Wie oft, meine Herren, hat sich schon um einer nichts bedeutenden Ursache willen, ihre ganze Denkungs-Art von Personen und Sachen geändert? – – Antworten Sie Sich selbst so leise als Sie wollen; denn wir verlangen nichts davon zu hören; und wenn Sie, nach diesem kleinen Blick in sich selbst, unserm Helden nicht vergeben können, daß er ein Vaterland nicht liebte, welches alles mögliche getan hatte, sich ihm verhaßt zu machen: So müssen wir zwar die Strenge ihrer Sittenlehre bewundern; aber – – doch gestehen, daß wir Sie noch mehr bewundern würden, wenn Sie so lange, bis Sie gelernt hätten etwas weniger Parteilichkeit für sich selbst zu hegen, etwas mehr Nachsicht gegen andre sich empfohlen sein lassen wollten.

Überhaupt hat man Ursache zu glauben, daß Agathon gesprochen habe wie er dachte, und das ist zu Rechtfertigung seiner Redlichkeit genug. Und warum sollten wir an dieser zu zweifeln anfangen? Sein ganzes Betragen, während daß er das Herz des Tyrannen in seinen Händen hatte, bewies, daß er keine Absichten hegete, welche ihn genötiget hätten, ihm gegen seine Überzeugung zu schmeicheln. Es ist wahr, er hatte Absichten, bei allem was er von dem Augenblick, da er den Fuß in Dionysens[758] Palast setzte, tat; sollte er vielleicht keine gehabt haben? Was können wir, nach der äußersten Schärfe, mehr fodern, als daß seine Absichten edel und tugendhaft sein sollen; und so waren sie, wie wir bereits gesehen haben. Es scheint also nicht, daß man Grund habe, ihm aus der Vorsichtigkeit einen Vorwurf zu machen, womit er, in der neuen und schlüpfrigen Situation, worin er war, alle seine Handlungen einrichten mußte, wenn sie Mittel zu seinen Absichten werden sollten. Wir geben zu, daß eine Art von Zurückhaltung und Feinheit daraus hervorblickt, welche nicht ganz in seinem vorigen Character zu sein scheint. Aber das verdient an sich selbst keinen Tadel. Es ist noch nicht ausgemacht, ob diese Unveränderlichkeit der Denkungs-Art und Verhaltungs-Regeln, worauf manche ehrliche Leute sich so viel zu gute tun, eine so große Tugend ist, als sie sich vielleicht einbilden. Die Eigenliebe schmeichelt uns zwar sehr gerne, daß wir so wie wir sind, am besten sind; aber sie hat Unrecht uns so zu schmeicheln. Es ist unmöglich, daß indem alles um uns her sich verändert, wir allein unveränderlich sein sollten; und wenn es auch nicht unmöglich wäre, so wär' es unschicklich. Andre Zeiten erfordern andre Sitten; andre Umstände, andre Bestimmungen und Wendungen unsers Verhaltens. In moralischen Romanen finden wir freilich Helden, welche sich immer in allem gleich bleiben – – und darum zu loben sind – – denn wie sollte es anders sein, da sie in ihrem zwanzigsten Jahre Weisheit und Tugend bereits in eben dem Grade der Vollkommenheit besitzen, den die Socraten und Epaminondas nach vielfachen Verbesserungen ihrer selbst kaum im sechzigsten erreicht haben? Aber im Leben finden wir es anders. Desto schlimmer für die, welche sich da immer selbst gleich bleiben – – Wir reden nicht von Toren und Lasterhaften – – die Besten haben an ihren Ideen, Urteilen, Empfindungen, selbst an dem worin sie vortrefflich sind, an ihrem Herzen, an ihrer Tugend, unendlich viel zu verändern. Und die Erfahrung lehrt, daß wir selten zu einer neuen Entwicklung unsrer Selbst, oder zu einer merklichen Verbesserung unsers vorigen innerlichen Zustandes gelangen, ohne durch eine Art von Medium zu gehen, welches eine falsche Farbe auf uns reflectiert, und unsre wahre Gestalt eine Zeitlang verdunkelt. Wir haben unsern[759] Helden bereits in verschiedenen Situationen gesehen; und in jeder, durch den Einfluß der Umstände, ein wenig anders als er würklich ist. Er schien zu Delphi ein bloßer speculativer Enthusiast; und man hat in der Folge gesehen, daß er sehr gut zu handeln wußte. Wir glaubten, nachdem er die schöne Cyane gedemütiget hatte, daß ihm die Verführungen der Wollust nichts anhaben könnten, und Danae bewies, daß wir uns betrogen hatten; es wird nicht mehr lange anstehen, so wird eine neue vermeinte Danae, welche seine schwache Seite ausfündig gemacht zu haben glauben mag, sich eben so betrogen finden. Er schien nach und nach ein andächtiger Schwärmer, ein Platonist, ein Republicaner, ein Held, ein Stoiker, ein Wollüstling; und war keines von allen, ob er gleich in verschiedenen Zeiten durch alle diese Classen ging, und in jeder eine Nüance von derselben bekam. So wird es vielleicht noch eine Zeitlang gehen – – Aber von seinem Character, von dem was er würklich war, worin er sich unter allen diesen Gestalten gleich blieb, und was zuletzt, nachdem alles Fremde und Heterogene durch die ganze Folge seiner Umstände davon abgeschieden sein wird, übrig bleiben mag – – davon kann dermalen die Rede noch nicht sein. Ohne also eben so voreilig über ihn zu urteilen, wie man gewohnt ist, es im täglichen Leben alle Augenblicke zu tun – – wollen wir fortfahren, ihn zu beobachten, die wahren Triebräder seiner Handlungen so genau als uns möglich sein wird auszuspähen, keine geheime Bewegung seines Herzens, welche uns einigen Aufschluß hierüber geben kann, entwischen lassen, und unser Urteil über das Ganze seines moralischen Wesens so lange zurückhalten, bis – – wir es kennen werden.[760]

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Werke. Band 1, München 1964 ff., S. 735-761.
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