Inhalt des zweiten Theils.

VI. Abschnitt.

Peregrin wird durch den Tod seines Vaters Besitzer eines großen Vermögens, und seine Obern lassen sich endlich gefallen, den größten Theil davon, als ein zum Bau des Reichs Gottes beigetragenes Scherflein, zu ihren Handen zu nehmen. Er wird nach Nikomedien berufen, erhält zur Belohnung der Treue, welche er bisher in dem angefangnen Werke seiner Heiligung bewiesen, das Versprechen, daß er nun ohne weiters zum Anschauen der höchsten Geheimnisse des Reichs des Lichts zugelassen werde, und empfängt von Hegesias, als dem dazu von Kerinthus verordneten Mystagogen, den wirklichen Unterricht in der erhabenen Gnosis, hinter deren emblematischen und allegorischen Bildern Kerinthus das wahre Geheimniß seines weit gränzenden politischen Plans verbarg. Peregrin, dessen unheilbare Phantasie in dieser aus magischen und kabbalistischen Quellen geschöpften Gnosis die nahe Befriedigung seiner höchsten Wünsche ahndet, nimmt die Bilder für die Sache selbst, und bestärkt dadurch seine Obern in dem Urtheil, daß er ihrem Orden bloß als Werkzeug, aber als solches durch seinen Eifer für ihre Sache, die ihm die Sache Gottes war, und durch die unbedingten Aufopferungen, wozu sie ihn immer bereit sahen, desto größere Dienste thun könne. Anstatt also die Decke von seinen Augen wegzunehmen, unterhalten sie ihn vielmehr in seiner schwärmerischen Vorstellungsart, und bestimmen ihn endlich, nach einer strengen Vorbereitung, in den Missionen zu arbeiten, durch welche der Orden die in Asien zerstreuten Brüdergemeinen nach und nach mit sich zu vereinigen suchte. Peregrin wird zu diesem Ende in eine Pflanzschule der Kerinthischen Secte nach Ikonium, und von da nach Syrien abgeschickt. Der glückliche Fortgang seiner Arbeiten wird durch eine von Parium aus gegen ihn gerichtete Cabale unterbrochen: er wird vor dem Statthalter von Syrien angeklagt und kraft des bekannten Trajanischen Edicts ins Gefängniß geworfen. Berichtigung der Erzählung des Lucianischen Ungenannten. Peregrins Gemüthszustand bei der Fortdauer seiner Einkerkerung.


VII. Abschnitt.

Unverhoffter nächtlicher Besuch, den er von Diokleen im Gefängniß erhält. Sie entdeckt sich ihm als die Schwester des Kerinthus, macht ihn mit der geheimen Geschichte ihres Bruders und mit dem Innern seines großen Plans bekannt, und öffnet ihm dadurch auf einmal die Augen über die ganze Kette von Täuschungen, wodurch er von Kerinthus[6] und Hegesias bisher zum blinden Werkzeug ihrer politischen Absichten gemacht worden war. Peregrin erhält durch ihre Vermittlung seine Freiheit wieder, unter der Bedingung Syrien sogleich zu verlassen. Er stellt sich als ob er in alle ihre Absichten mit ihm eingehe, verläßt sie aber bald darauf heimlich, und entflieht nach Laodicea, fest entschlossen, alle Gemeinschaft mit Kerinthus und seinem Anhang auf immer abzubrechen.


VIII. Abschnitt.

Der schwärmerische Hang zur theurgischen Magie, von welchem Peregrin bisher beherrscht und unter mancherlei Gestalten getäuscht wurde, macht nun allmählich einer andern Art von Schwärmerei Platz, deren erste Wirkung sein plötzlicher Entschluß ist, sich für sein übriges Leben mit der liebenswürdigen Familie von Johanniten zu vereinigen, welche ihn bald nach seiner ersten Bekanntschaft mit Kerinthus, auf seiner Reise von Pergamus nach Pitane, so freundlich aufgenommen hatte. Dieses Vorhaben wird durch das unvermuthete Zusammentreffen mit einem gewissen Dionysius von Sinope vereitelt, mit welchem er vor etlichen Jahren zu Ikonium bekannt worden war. Beide theilen einander die Geschichte ihrer ehemaligen Verbindung mit Kerinthus und die während derselben gemachten Beobachtungen und Erfahrungen mit. Gründe, warum Dionysius Peregrins Trennung von Kerinthus und Diokleen eher mißbilligt als gut heißt, nun aber, da dieser Schritt einmal geschehen war, und Peregrin seinen unüberwindlichen Abscheu, an dem Plan dieser gefährlichen Geschwister Antheil zu nehmen, erklärt,[7] darauf besteht, daß er alle Gemeinschaft mit den Christianern, von welcher Secte sie seyn möchten, gänzlich aufheben müsse. Merkwürdige Aeußerungen des Dionysius über die Tendenz des damaligen Christianismus, und über Hierarchie und Theokratie überhaupt. Peregrin, bei welchem sich inzwischen aus den Trümmern seines ehemaligen Platonisch-magischen Systems eine neue, wiewohl nicht weniger schwärmerische Vorstellungsart entwickelt hat, entschließt sich, die Eudämonie (das ewige Ziel seiner Wünsche) zwar auf einem andern, aber seinem zeitherigen sehr nahe liegenden Wege zu suchen, und das höchste Ideal eines vollkommnen Cynikers zum Zweck und Vorbild seines übrigen Lebens zu machen. Er trennt sich von seinem Freunde Dionysius, der ihm vergebens anbietet sein unscheinbares aber sicheres Glück mit ihm zu theilen, und kehrt im Costume eines Cynikers nach Parium zurück, um die Ueberbleibsel seines, größtentheils dem Kerinthus aufgeopferten, Vermögens in Sicherheit zu bringen. Seine Verwandten verursachen ihm neue Ungelegenheiten und Kränkungen, welchen er sich durch den raschen Entschluß, dem Volk von Parium ein Geschenk von dem Rest seines Erbgutes zu machen, auf einmal entzieht. Er begibt sich nun nach Alexandrien in Aegypten, um die Schule des Philosophen Agathobulus zu besuchen, nachdem er sich von dem Ertrag eines kleinen Maierhofes (dem einzigen, was er sich bei Verschenkung seines Vermögens an die Parianer mentaliter vorbehielt) ein zur höchsten Nothdurft eines Cynikers ungefähr hinreichendes Einkommen versichert zu haben glaubte, welches ihm zwar in der Folge durch die Bemühungen seiner Feinde wieder entzogen, durch einen unverhofften Zufall aber reichlich ersetzt wird. Er findet zu Alexandrien nicht was er suchte, und bestärkt sich dadurch in dem Vorsatz, die[8] Austerität der Heroen des Cynischen Ordens in seinen Maximen, Reden und Handlungen aufs äußerste zu treiben. Charakter seiner Misanthropie, und seltsame Leibesübungen und Selbstpeinigungen, wodurch er die Gewalt über seinen thierischen Theil bis zur völligen Apathie zu treiben sucht. Der große, wiewohl zweideutige Ruf, in welchen er sich durch dieß alles setzt, zieht ihm die Aufmerksamkeit eines vornehmen jungen Römers zu, von welchem er sich bereden läßt, ihn in der Eigenschaft eines Freundes und Hausgenossen nach Rom zu begleiten. Peregrin tritt seine Reise nach der Hauptstadt der Welt mit dem ganzen Enthusiasmus eines Menschen an, der dem glorreichsten Werke, das ein moralischer Hercules unternehmen konnte, der Sittenverbesserung dieser zur tiefsten Unsittlichkeit und Verderbniß herabgesunkenen Stadt, entgegen geht, und findet sich, zu seinem Erstaunen, abermals in allen seinen Erwartungen betrogen. Er verläßt das Haus des jungen Römers; der Unmuth versäuert und erbittert seine Sinnesart immer mehr, und er benutzt die Freiheit, welche der Schutz Marc-Aurels damals allen Griechischen Philosophen zu Rom gewährte, seiner bösen Laune durch die heftigsten Satyren und die schonungsloseste Züchtigung des Lasters und der Lasterhaften Luft zu machen.


IX. Abschnitt.

Peregrin setzt sich durch sein Betragen in Rom in den Ruf eines erklärten Weiberhassers, und behauptet diesen Ruf bei verschiedenen Proben, auf welche er gestellt wird. Dieß gibt Gelegenheit, daß auch bei der jungen Faustina von ihm gesprochen wird, und diese Prinzessin[9] (in deren Charakter leichter Frohsinn und arglose Gutherzigkeit die Hauptzüge waren) kommt auf den Einfall, den Cynischen Weiberfeind von Person kennen zu lernen. Peregrin wird ihr vorgestellt, und benimmt sich auf eine so linkische Art, daß Faustina in einem Anstoß von muthwilliger Fröhlichkeit Lust bekommt, den Versuch selbst zu machen, ob die Apathie dieses seltsamen Sonderlings gegen die feineren Verführungskünste, die sie gegen ihn anzuwenden gedenkt, aushalten werde. Sie geht darüber mit einer andern Römischen Dame eine Wette ein, und weiß, ohne ihrer eigenen Würde etwas zu vergeben, die bald von ihr ausfindig gemachte schwache Seite des unheilbaren Schwärmers so geschickt anzugreifen, daß sie endlich einen Triumph über seine Misogynie erhält, der ihr selbst zwar den Preis der Wette verschafft, aber den armen Peregrin zur Fabel des Hofes und der Stadt macht. Der Unwille über diesen, seinem nichts Arges besorgenden Herzen gespielten Streich treibt jetzt seinen Cynischen Menschenhaß so weit, daß er alle Gränzen der Klugheit überspringt, und nicht nur Faustinen und ihre Freundinnen, sondern auch ihren Gemahl und den Kaiser ihren Vater selbst in seinen Declamationen nicht verschont. Faustina, die sich zu einer billigen Entschädigung gegen Peregrin verbunden glaubt, wird mit allem, was sie für ihn thun will, auf eine so beleidigende Art abgewiesen, daß Peregrin am nächsten Morgen vom Präfect der Stadt Rom den Rath erhält, die Stadt ohne Aufschub zu verlassen. Er gehorcht, und kehrt nach Griechenland mit dem Vorsatze zurück, der Menschen weniger als jemals zu schonen, und, da er sie nicht besser ma chen könne, sie durch den ungefälligen Spiegel, in welchen er sie zu sehen zwingen wollte, wenigstens zu demüthigen und zu beschämen. Das[10] gegenseitige unangenehme Verhältniß, das zwischen ihm und der Welt daraus entsteht, nöthigt ihn, sich unweit von Athen in die einsamste Abgeschiedenheit zurückzuziehen, wo der Cyniker Theagenes, wiewohl wegen seiner plumpen Rohheit zu einer engern Verbindung mit Peregrin unfähig, beinahe der einzige Mensch ist, der sich ihm durch seine Anhänglichkeit erträglich macht. Endlich fühlt sich Peregrin von einem Lebensüberdruß und von einer Lust zu sterben ergriffen, die mit jedem Tage zunehmen, und die für ihn anständigste Art, sein Leben freiwillig zu endigen, zum Hauptgegenstand seiner Gedanken machen. So wie seine ganze Art zu seyn, seine strenge Enthaltsamkeit, und, mehr als alles andere, seine Erfahrungen, die dünnen Fäden, wodurch er noch am Leben hängt, einen nach dem andern abreißen, erwacht hingegen das alte, nie ganz erloschne Gefühl seiner dämonischen Natur wieder in seiner ganzen Stärke und in eben demselben Verhältniß, wie der natürliche Trieb zum Leben die seinige verliert. Er sehnt sich immer ungeduldiger nach jenem höhern Leben der Wesen seiner Gattung; er fühlt, daß er den Menschen nur noch durch seinen Tod nützen kann, und beschließt zu sterben. Gründe, die ihn bewegen, die Todesart des Hercules allen an dern vorzuziehen, und vier Jahre zuvor öffentlich anzukündigen. Erwähnung der Cirkelbriefe, die er unmittelbar vor seinem Tod an alle Griechischen Städte abgehen ließ, in der schwärmerischen Erwartung, daß sie, als der letzte Wille eines zur Bestätigung seiner Lehre sterbenden Weisen, gewaltig auf die Gemüther wirken, und ihn noch im Tode selbst zum Wohlthäter der ganzen Hellas machen würden. Peregrin beschließt damit seine nicht selten auf Unkosten seines Verstandes aufrichtigen Bekenntnisse, indem[11] er sich, wie es scheint, mit der Hoffnung tröstet, seinen neuen Freund überzeugt zu haben, daß er in seinem Erdeleben, wenn auch ein Schwärmer, wenigstens (was ziemlich selten ist) ein ehrlicher Schwärmer gewesen sey.[12]

Quelle:
Christoph Martin Wieland: Sämmtliche Werke. Band 17, Leipzig 1839.
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