Oldensal.

[5] Als es anfing zu tagen, fuhr ich bereits über die Haide von Overyssel, eingehüllt in meinen Mantel und einen dicken Nebel. Ich versank in nebelhafte Gedanken. Nebel zeugt Nebel, nebelhafte Bilder, ossian'sche Geister, nordische Götter. Nebel befeuchtet die Pflanzen, Bäume, die Poeten des Nordens, Nebelzug wittert durch die Saga's, die Nibelungen, den Erlkönig, und vielleicht ist auch die ganze Welt, wie die nordische Poesie aus Nebel entsprungen und wird sich einmal wieder in Nebel verflüchtigen, wie ein Gespenst auf der Haide von Caledonien. Nur in Holland, scheint es, hat der Nebel keine poetischen Zeugungskräfte, die Holländer haben den schönen Nebel, aber, wie man sagt, keine Poesie. Ich werde den »lustigen Geneverstocker von Schiedam« lesen.

Ein Schluck vor dem bösen Nebel, sagte der Postillon und setzte seine grüne Knobbrigte an den[6] Mund. Ein närrischer Kauz der Postillon, eine Art Till Eulenspiegel, verkappt in den rothen Rock eines königlich hannöverschen Postbeamten. Wie die Sonne aufging, knallte er mit der Peitsche und schrie aus vollem Hals, Oranje boven, Oranje boven. Hoho! lachte er spöttisch, hoho! nun wird es Ernst mit der Sache, nun erklärt sich der Himmel selbst für die Nassauer, er hat seine große Oranjecocarde an seinem grauen Hut aufgesteckt. Du lieber Himmel, wer heut zu Tage nicht drei Ellen Pommeranzenband auf dem Deckel trägt, wird als Meutling und Brabanter in Holland platt geschlagen. Mir könnte das eben recht sein, fügte er mit einem satyrischen Seitenhieb auf seinen Höcker hinzu; aber mir thun sie nichts, ich bin eine geheiligte Person und scheere mich den Teufel um ihre naßsauren Gesichter. Allein mein Vetter ist übel mit ihnen daran. Mein Vetter, Herr, ist ein armer Leineweber in Oldensal. Der hat sich da mit den Oldensalern in eine erzdumme Geschichte verzettelt. Das macht, daß die Oldensaler erzkatholisch sind, wie hier der ganze Strich nach dem Münsterschen zu. Deswegen wollten sie nicht ausziehen gegen die blauen Kittel und stellten sich auf die Hinterbeine, als die Aushebung vor sich gehen sollte. Ein langer Uhrmacher predigte sogar offenbaren Aufruhr. Er sagte ihnen,[7] es sei an der Zeit, das Joch des ketzerischen Königs ganz und gar abzuschütteln. Ich kenne ihn, seine Uhren gehen immer falsch. Vetter, sagte ich zu meinem Vetter, seid keine Esel, gebt eure Lümmel heraus, sonst schickt euch euer König Willem einige Escadronen schockschwerenöthige Dragoner auf den Hals, und die binden den Jan und den Jantje an die Schwänze ihrer Pferde, und euch fressen sie auf in Zeit von zweimal vierundzwanzig Stunden. Aber mein Vetter ballte die Faust und dünkte sich klüger, als ein königl. hannöverscher Postillon. Was geschah? Tripp trapp kamen die Dragoner ins Thor geritten und kehrten das unterste zu oberst. Der Uhrmacher hatte sich aus dem Staube gemacht. Das war sein Glück, sie hätten ihn mit seinen langen Beinen aufgeknüpft an den Weiser der Thurmuhr, die er aufzuziehen pflegte. Die holländischen Dragoner, mein Herr, sind böse Gäste, Heuschrecken in Stiefel und Sporn. Wenn unser einer sich zu Tisch setzt, so ißt er so lange, bis er satt ist, diese Leute aber fressen so lange, bis sie wieder hungrig werden. Sehen Sie nur, da trabt einer von ihnen aus dem Dorf. Jes Marie, was hat der Kerl für einen gotteslästerlichen Bauch, was schneidet er für leibgrimmige Gesichter. Vermuthlich hat er sich schon im Dorf verfressen. Dag Kameraad, hoe laat is het? (wie viel ist die Uhr?)[8] Bemerken Sie seine Butterdose, Horolootschie nennen sie das Ding. Een kwart over zeven, sagte der gutmüthige Dragoner. Ik dank u wel. Freßsack, der du bist, ein viertel über sieben und schon stickend voll. Großer Fritz und wie stank er nach Genever.

So plaudernd gab er seiner trägen Liese etliche Peitschenhiebe, die aber eher nichts fruchteten, als bis sie das Wirthshausschild im Dorfe wahrnahm. Wie der Wagen hielt, ward er sogleich von kleinen pausbackigten Holländern umringt, im steifen sonntäglichen Putz, nicht muthwillig und tobend, wie unsere Dorfjugend, sondern kleine vernünftige Abdrücke ihrer Väter und Mütter, welche Pferde, Wagen, Postillon und mich neugierig erst betrachteten. Der Castellan stand in der Thür, Hut auf dem Kopf, Pfeife in der Hand, und sagte, as u belieft, mijn Heer, in mijn huis aftestappen. Als ich in die Stube trat, credenzte seine Tochter mir eine kleine weiße Thonpfeife sehr zierlich mit ihrer kleinen weißen Hand. As u belieft, mijn Heer, en Pijpje te smooken, sagte sie. As u belieft, mijn Heer, wie putzig, wie närrisch niedlich das klingt in einer hübschen Holländerin Munde. Und Antje, so hieß sie, war ein mooi meisje. Ich streichelte ihr neugierig die weiße Hand und die Wange, so kühl, fest und fein, wie das feine chinesische[9] Porcellan, das auf dem Tische stand. Antje, sagte ich, merk' auf, ich will dir ein holländisches Lied vorsingen. Ich kannte wirklich ein solches Lied von meinen Kinderjahren her:


Als Antje vor der Thüre stand

Und Jan ging da vorbei u.s.w.


sie ward sehr vergnügt. Als ich meine Zeche bezahlt und Anstalt machte, aufzubrechen, sah ich, daß sie einen großmütterlichen Schrank aufmachte, dessen Thürflügel mit goldenen Blumen und Schnörkeln verziert waren. Sie zog eine Schieblade auf und griff den schönsten rothen Apfel heraus, der noch am Stengel saß, trippelte damit zu mir, sah mich mit ihren hellbraunen Augen freundlich an, und bot mir den Apfel mit den Worten: as u belieft, mijn Heer, en Appelje van mij aanteneemen. Ich dachte an Eva, an den alten Adam, ich entschuldigte Letzteren sogar ein wenig für seinen gottvergessenen Apfelbiß, angenommen und vorausgesetzt, daß Eva eben so hübsch war, wie Antje, und daß die Redensart as u belieft, mijn Heer, en Appelje in der Sprache des Paradieses eben so lustig verführerisch klang, wie in Antje's Sprache.

Till, sagte ich zu Till, als wir wieder auf dem Wagen saßen, Till laß es gut sein, es gibt in Overyssel hübschere Mädchen, als in Westphalen.[10] Ja, sagte er, weiße Pfeifen und weiße Mädchen, auf deren Fabrication verstehen sich die Mijnheers; beide sind nur klein, aber fett, glatt, wohlthätig für die Lippen, brechen nicht leicht, nehmen nicht leicht was übel, sind dabei schlank und wohl gebacken und sehr vorsichtig ausgebrannt, über langsamem Feuer, der Holländer läßt Alles sacht angehen.

In Oldensal lauteten die Glocken zur Messe, aber die Sabbathruhe der Einwohner von Oldensal war durch kriegerische Gäste gestört. Pferde trampelten, Pallasche rasselten übers Pflaster, Reiter in aufgestreiften Hemdsärmeln striegelten ihre Thiere, trugen mit Heu und Stroh und nur hier und da schlich eine andächtige Seele bedrückt und seufzend nach der Kirche.

As u belieft, mijn Heer, en Pijpje, sagte der Wirth zu mir, vor dessen Hausthür Till ankerte. Es fehlte viel, daß es so angenehm klang, wie aus Antje's Munde. Der Wirth war eine lange, bleifarbige, tiefbrummende Orgelpfeife, behängt mit schwarzsammtnem Camisol und desgleichen Pluderhosen, Hut auf dem Kopf, weiße Pfeife vor dem Mund, wie gewöhnlich. Im Vorgrunde der saubern Hausflur war ein aufgetrepptes Zimmer vollgepfropft mit zechenden und lärmenden Reitern, im Hintergrunde saßen schwarze Männer und Frauen, Gebetbücher unterm Arm finster und[11] schweigend um ein Caminfeuer. Ich setzte mich zu ihnen, keine Seele achtete auf mich, außer einer blanknasigen Kaffeeschwester, welche trotz der allgemeinen Landescalamität das Cokettiren nicht lassen konnte, ich meine die spiegelhelle riesige Kaffeekanne, die in der Mitte des Tisches prunkte, umringelt von vierzig kleinen Täßchen mit buntjapanischen Jäckchen und Liliputerärmchen, welche sie trotzig in die Seite stemmten. Aus dem aufgetreppten Zimmer wurde von Zeit zu Zeit zur Thür herausgeschrieen, en glas Genever, en Speel kaarten, en glasje klaare met zuiker, en glasje Bittere u.s.w. Die Wirthin zeigte sich als freundlich kluge Frau, lief ab und zu und bediente die unwillkommenen Gäste ohne Murren. Da gegen orgelte ihr langer Herr Gemahl sehr viele schwarze Flüche durch die schwarzen Zähne, lief in seinen vier Pfählen wüthend auf und ab, und hätte gern, wie es schien, sich seines Hausrechtes bedient, wären ihrer nicht zu viele gewesen. Endlich wurzelte er vor seiner Frau still, blies ihr den Dampf seiner Pfeife ins Gesicht und fragte sie, wo ist Grietje? In der Messe, sagte die Frau. In der Messe? Und Willem? Im Stall, glaube ich. Blixem! fuhr er auf und warf seine Pfeife an die Wand, blixem! weiß sie nicht, daß sie nicht in die Messe gehen soll ohne Willem? Keinen Fuß soll sie aus dem[12] Hause setzen ohne mich oder Willem. Wenn nun die verdammten Kerle sie aufgreifen und anpacken, das Volk kennt nichts als Fluchen, Spielen, Fressen, Saufen – seine Frau hielt ihm die Hand vor den Mund, und rief mit ihrer schmeichelnd fetten Stimme mehrmals beschwichtigend: Papatje, Papatje. Darüber kam die Tochter aus der Messe zurück und der Sturm ging glücklich vorüber. Ein blaßkatholisches Kind mit silbernem Kreuz auf der Brust. Der Brummbär streichelte ihr zärtlich die schwarzen Haare, küßte sie auf die Stirn und verbot ihr mit einer Stimme, die väterlich liebend durch den rohen Groll seiner Seele hindurchbrach, künftig nicht ohne Begleitung ihres Bruders die Messe zu besuchen.

Dann kam Till und nahm Abschied.

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Holland in den Jahren 1831 und 1832. Erster und Zweiter Theil, Hamburg 1833, S. 5-13.
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