Zehnte Vorlesung.

[113] Haben wir die ästhetische Weltanschauung als eine Offenbarung der Geschichte angesprochen, unserer Zeit aber eine solche abgesprochen, so müssen wir dessenungeachtet das Zugeständnis machen, daß das ästhetische Gefühl auch zu unserer Zeit Ansprüche mache, Urteile fälle, zu Handlungen reize, Befriedigung suche. Wir schreiben uns einen Geschmack zu, um eine schöne Tat von einer häßlichen zu unterscheiden, um eine Sudelei nicht mit einem Meisterwerk zu verwechseln; und sind wir selbst die Handelnden und die Künstler, so trachten wir bei unsern Handlungen und Produktionen sowohl nach eigenem als nach fremdem Beifall und suchen das Mißfallende nach Kräften zu vermeiden. Was also unterscheidet uns und unsere Zeit von solchen Menschen und Zeiten, die sich einer gemeinsamen Weltanschauung zu rühmen haben? Nach dem bisherigen und Ihrem eigenen Gefühl ist die Antwort: der Mangel an Einheit und daher der Mangel an Kraft und Sicherheit und daher der Mangel an Wahrheit. Wir sind im Handeln eben so unsicher[114] wie im Genießen, im Schaffen eben so schwankend wie im Beurteilen, Kopf stößt sich an Kopf, Gefühl an Gefühl, es ist eine Welt von Dissonanzen, die ihren Generalbaß erst von der Zukunft er wartet.

Was ist schön? Was nennt man heutzutage unisono eine schöne Tat? Denken Sie an den Aufstand der Polen! – Daß vor vielen Jahrhunderten die Schweizer sich von Österreich losrissen, daß Tell den Geßler erschoß, daß Winkelried der Freiheit eine Mauer war und die feindlichen Lanzen in seine eigene Brust schob, das finden wir allerdings unisono schön, und es ist jedem Deutschen sowohl polizeilich als ästhetisch erlaubt, darüber in gelinden Enthusiasmus zu geraten. Allein, daß ein schändlich zerstücktes und unterdrücktes Volk vor unsern Augen die Eisdecke der Tyrannei in die Luft sprengt, daß es eine Nacht gab, wo wir ruhig in unseren Betten schliefen und Gott weiß von welcher Oper träumten, eine Nacht, wo eine Handvoll kühner Jünglinge den Palast zu Warschau stürmten und nach der Flucht und dem Tode von wenig feilen Kreaturen einer Morgenröte zujauchzten, welche die gesprengten Ketten einer großen und edelmütigen Nation beleuchtete, dieses Ereignis und alle die glänzenden Taten und Opfer die es nach sich zog – fand es so allgemeinen Anklang, riß es so allgemein und wahrhaft die Gemüter hin, oder hörte man nicht, wo zwölf zusammenstanden, den einen verabscheuen, den anderen bewundern und zehn mit den Händen klatschen, als wohnten sie nur im Theater der Welt der Aufführung eines schönen Stückes bei.[115]

Ich führe eben dieses tragische, uns so naheliegende Beispiel an, um zu zeigen, was es für eine Bewandtnis habe mit unseren ästhetischen Gefühlen, wenn auch die glühendste Tatenschönheit sich vor unsern Blicken auftut. Hier sehen Sie eine Tat, von deren Schönheit man durchdrungen sein muß, wenn man einen Tropfen Römerblut, einen Hauch aus Timoleons Seele in sich spürt, wenn nicht alles Lüge und Schulgeschwätz ist, was wir der alten Geschichte nachrühmen, der kontrastierenden Beurteilung anheimfallen, nach den Extremen der Bewunderung und des Abscheus hingetrieben und bei der Menge entweder dumpfes Staunen, stupides Ergötzen, oder eine Art von künstlerischem, dramatisch-theatralischem Wohlgefallen erregend. Ein solches Schicksal, meine Herren, wird jede andere schöne Tat unter uns erleben: viele werden sie schön finden, nicht als Ereignis der Geschichte, nicht als sittliche Handlung, nicht als wiederbegeisternde Begeisterung schöner Seelen, sondern als ein schönes Natur- oder Kunstprodukt, dessen bequeme und ruhige Betrachtung wohl eine angenehme Wärme im Herzen verbreitet, aber eine Wärme, die für das Herz so flau und unschuldig ist wie eine Tasse Tee für den Magen; immer nur wenige wird es geben, denen die Tat aufs Herz schießt wie ein Blitz, entzündend, begeisternd, zu ähnlichen Taten beflügelnd, kurz, auf deren Gemüt die geschichtliche, lebendige Schönheit, wie es in ihrem ursprünglichen Wesen liegt, geschichtlich und lebendig wirksam ist.[116]

Leichter, werden Sie sagen, vereinigt man sich über die Schönheiten der Kunst und Dichtung. Sie haben recht, und das ist es auch eben, was dem Künstler und Dichter nicht allen Mut nimmt in dem Maß wie dem handelnden Menschen, das ist sogar die Ursache, weswegen der Ästhetiker, wenn er auch seiner Aufgabe nicht entsprechen kann, die Ästhetik nicht ganz fahren läßt. Lassen Sie ein Dichtergenie, gleich dem des Shakespeare, die Polenrevolution, den Kampf und Untergang der Freiheit, großartig poetisch in ruhiger Zeit auf die Bretter bringen, »welche nicht die Welt sind, sondern die Welt bedeuten« wie Schiller sagt, dann werden Sie hören, wie alle Urteile sich vereinigen, wie das Parterre klatscht, wie die Fähnriche sich in die Brust werfen, wie die Kritiker ihre Brillen wischen, welcher Enthusiasmus sich in den Logen verbreitet, und wie vielleicht selbst ein erstarrtes Amts-und Ministergesicht am Schluß des Stücks und der Freiheit Tränenwasser und einen Rest von Mitgefühl und Wehmut auf den Wangen hat.

Woher diese Erscheinung? Hat der Dichter Begeisterung und Schmerz der Tat erst hinzugedichtet, oder gehören sie nicht vielmehr der Tat an; hat der Dichter Erhabenes und Schönes aus seinem Hirn geboren, oder ist nicht bereits die Tat erhaben und schön, liegt alles, was so mächtig, rührt, nur darin, daß es in Versen ausgesprochen und in fünf Akte verteilt ist, oder hat die Poesie einen tieferen Grund, weswegen sie zum Herzen spricht? Ja, die Poesie hat einen tieferen Grund.[117] Die dramatische Poesie wäre gar keine ohne die Poesie der Tat, der Dichter ist kein Gott, der uns aus angeborenem Kraftvermögen neue Welten erschaffen könnte, er ist auch kein Taschenspieler, der durch Reim und Klang, durch eine rhythmische Abwechselung von sechs metrischen Füßen, allerhand Phantome der Lust und des Schmerzes, der Furcht und der Begeisterung in der Seele seiner Zuhörer aufregen könnte; der Dichter nimmt Stoff und Begeisterung aus der Tat, und die höchste Palme hat er errungen, wenn die Schönheit der Tat aus dem Leben in eine andere Welt, in die Kunstwelt, von ihm verpflanzt, sein Gedicht durchstrahlt und wieder vom Gedicht, wie ein Juwel in der Einfassung, neuen Glanz annimmt. So durchläuft die Schönheit einen doppelten Kreis und bringt zweifache Wirkung hervor, einmal im Leben als sittliche, poetische, historische, gesellschaftliche, das andere Mal in der Dichtung als künstlerische, dramatische, epische. In beiden Fällen wirkt sie ein ästhetisches Gefühl, aber im ersten mehr ein tätiges, im andern mehr ein leidendes, im ersten mehr ein unmittelbar, im zweiten ein mehr mittelbar rückwirkendes. So sollte, wollte ich sagen, die Schönheit einen doppelten Kreis durchlaufen und sowohl auf den Willen wie auf das Gefühl ihren zaubervollen Einfluß ausüben; allein wir gingen mit Recht davon aus, daß der Zauberstab der Schönheit, womit sie die Zuschauer und Hörer schöner, großer Taten, selbst wieder zu schöner und großer Tat bewegt, leider keine Macht über uns ausübt, und daß nur das Lustigere der Kunst unsere[118] Gemüter bewegt, und zur passiven Mitempfindung anreizt.

Über das Schöne in Kunst und Dichtung findet daher eine leidliche Verständigung in der Regel statt, auch teilen wir beim Anblick schöner Gemälde und Gedichte miteinander so ziemlich denselben Eindruck; allein im Gebiet des Tatsächlichen zerfallen die Meinungen und Gefühle, und hier, wo das Schöne unmittelbar aus der Quelle sprudelt, wo es vom göttlichen Atem noch gleichsam warm angehaucht ist, hier läßt es so viele kalt; hier wird es von so vielen verschmäht. Plato wollte keine Dichter in seine Republik aufnehmen, sondern nur handelnde Männer, unsere Gesetzgeber wollen keine Männer, nur Dichter im Staat, keine Taten, nur die Schatten derselben, keine anderen Schönheiten als gereimte und gemalte.

Ebendaher ist uns denn auch der Begriff der Schönheit so zusammengeschrumpft, daß der Name: ein schöner Geist, eben nur einen Belletristen von Fach andeutet, der Ausdruck einer schönen Tat uns an ein gegebenes Almosen und an alles eher, als an eine heroische Handlung erinnert; die schönen Wissenschaften und Künste aber mitsamt den Schönheiten der Natur, schönen Weibern, schönen Blumen den ganzen Inbegriff des Schönen ausfüllen.

Unsere Ästhetiker, wenn sie die Frage, was ist die Schönheit, aufwerfen, haben dabei fast nur die Proportionen des Gesichts und der menschlichen Gestalt vor Augen, und wenn sie diese besondere Schönheit in eine Definition gezwängt[119] haben, so glauben sie die Weihe der Ästhetik damit erteilt zu haben, noch dazu schlug der Gott der Schönheit die meisten mit Blindheit.

Übereinstimmung der Teile erklären viele als das Mysterium der Schönheit, wobei noch dazu die kläglichste Verirrung zur Einseitigkeit hinzutritt; denn die Teile eines Kamschadalen stimmen ebensogut überein wie die Teile eines Antinous, und überhaupt ist Proportion nichts weiter als Maß. Man kann alle Verhältnisse beobachten, jede Figur in so und so viel Kopflängen einteilen, ohne doch eine schöne Gestalt zustande zu bringen. Die Schönheit liegt auch da wieder in etwas, was in der Definition nicht liegt. Andere sprachen von der Angemessenheit jedes einzelnen Teils zum Zweck des Ganzen. Aber Polyphems großes Stirnauge ist ebensogut zum Sehen geschickt als Apolls, und so zweckmäßig auch und harmonisch mit dem ganzen Leibe die Stacheln eines Stachelschweins emporstarren, so wenig schön finden wir diesen Anblick. Der englische Maler Hogarth fand die Lineamente der Schönheit in der Wellenlinie, wonach denn auch das unförmlichste Ganze, die ödeste Seeküste mit den Spuren der Wellenlinie darin schön genannt werden müßte.

Fragt die Kröte, sagt Voltaire, was schön ist, oder einen Schwarzen von Guinea, oder einen Philosophen, – dieser allein wird euch mit einem Gallimathias antworten. Man kann Voltaire nur beistimmen. Selbst Platons Erklärung der Schönheit ist nur eine schöne Mythe, welche bei näherer Betrachtung das Wesen der Schönheit[120] eigentlich aufhebt. Sie erinnern sich, wo er von dem Entzücken spricht, worein jemand geraten würde, erschien ihm die Idee der Schönheit selbst in leicht verkörpertem Gewände. Allein dies Entzücken wird keinem Sterblichen zuteil werden, Platons Idee der Schönheit ist, bei Licht betrachtet, von jeder anderen abstrakten Idee durch nichts unterschieden, wir können die Schönheit nicht ablösen von den individuellen Organismen, in denen sitz zur Erscheinung kommt, die schöne Tat nicht vom Charakter des Menschen, der sie ausführt, die schöne Rosenknospe nicht von dem schlanken, grünen Stengel, worauf sie wächst, die schönen Augen, den bezaubernden Mund, die seine Nase nicht von dem Gesicht und das Gesicht nicht von dem Rumpfe des einzelnen Wesens getrennt und abgesondert denken, ohne uns überhaupt den Eindruck der Schönheit zu zerstören.

Es ist nicht meine Absicht, hier alle Definitionen der Schönheit zu beleuchten. Bemerke ich nur, daß gerade die tiefsinnigste auf dem Grundfehler beruhe, die Schönheit als ein ideelles Etwas, als eine einzige bestimmte Ursache für alle Wirkungen des Schönen zu betrachten. Allein mannigfaltig ist des Schönen Natur und viele Elemente gibt es, die das Schöne darstellen.

Doch halte ich es für wichtig, ehe ich Ihnen darüber meine Ideen mitteile, Sie vor der so gewöhnlichen Verwechselung des Schönen, sei es mit dem Nützlichen und Angenehmen, sei es mit dem Interessanten, zu warnen. Ganze philosophische Sekten, wie die stoische, haben das Schöne mit dem[121] Nützlichen verwechselt; alle Dialektik der Stoiker konnte den ästhetischen Sinn nicht ersetzen. Das Schöne befriedigt wie das Nützliche und Angenehme, allein das Schöne befriedigt, wie es gesucht wird, um seiner selbst willen, das Nützliche nur um eines andern willen, wozu es nütz ist, und, obwohl wir das Angenehme oft ohne weitere Nebenrücksichten begehren, und es also mit dem Gefallenden und Mißfallenden im nahen Verhältnis steht, so fehlt uns doch noch öfter der bestimmte Gegenstand dafür, und es schwebt nur als ein dunkles Gefühl in uns, ohne uns, wie das Schöne, als Gegenstand entgegenzutreten und sich der Beurteilung zu unterwerfen. Das Angenehme ergötzt sich mit augenblicklichen Gefühlen, die, sobald man sie aufklärt, in nichts zurücktreten und verschwinden, dagegen ist das Schöne, je länger man es betrachtet, je schärfer man seine Natur untersucht, desto lebendiger und nachhaltiger von Wirkung auf das Gefühl, so wie nur der Kenner der Kunst den vollsten Genuß vom Anschauen der Meisterwerke hat und dem Kenner der Musik tausend Fibern im Ohr berührt werden bei Anhörung eines wohlexerzierten Orchesters, gegen eine Fiber im Ohr des Unkundigen. Nur das Schöne, wenn man den Ausdruck genau nehmen will, nur das Schöne gefällt, nicht das Nützliche, nicht einmal das Angenehme, obwohl dieses auf unmerklichen Wegen sich zum Schönen steigern kann; besonders wenn es den Sinn des Gesichts affiziert, wie bei den Farben, als bloßen Pigmenten, oder bei einem Stück blauer Luft, oder grünem Rasen und dergleichen.[122] Doch ist der Sprachgebrauch hierin ziemlich lax, und obwohl niemand sagen wird, daß ihm der Zirkel gefällt, weil er rund ist, so wird mancher schon von dem Geruch einer Hyazinthe, als etwas, das ihm gefalle, sprechen können.

Das Interessante ist aber, was sich dem Schönen beigesellt, ohne selbst das Schöne zu sein. Gin Dichter, der es darauf anlegt, unsere Aufmerksamkeit auf mehrere Stunden in Anspruch zu nehmen, erreicht diesen Zweck selten nur mit bloßer Hilfe des Schönen, er muß unsere Aufmerksamkeit durch den Wechsel der Personen und Szenen, durch den Wechsel des Ernsten und Heitern, überhaupt durch Abwechselung zu unterstützen suchen, er muß für unsere Unterhaltung sorgen, wenn er uns das Schöne zu genießen gibt. So kann z.B. ein Trauerspiel von 24 Akten sehr schön sein, aber ich zweifle, daß es auch unterhaltend ist. Voltaire hat nicht unrecht, wenn er von den Gattungen der Dichtkunst sagt: jedes Genre ist gut, ausgenommen das langweilige.

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Aesthetische Feldzüge. Hamburg, Berlin 21919, S. 113-123.
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