Zweite Vorlesung.

[8] Meine Herren. Ich bitte Sie, sich aus der ersten Vorlesung den Satz ins Gedächtnis zurückzurufen, daß der Gegenstand der Ästhetik, die Schönheit und deren Erscheinung in den Gebieten des Lebens und der Kunst weder von abstrakter Philosophie, noch von geist-und ahnungsloser Gelehrsamkeit aufgewiesen und dargestellt werden könne; daß aber die deutsche Ästhetik, als akademische Wissenschaft, mit wenigen Ausnahmen eben das Schicksal gehabt habe, von solchen Männern geschrieben und gelehrt worden zu sein, denen der rechte Natursinn und die Bildung für die Schönheit bald völlig abging, bald nur in sehr geringem Grade beiwohnte. Einseitigkeit in jeder Art ist keiner Wissenschaft nachteiliger, als der Lehre vom Schönen, ja es steht eben die Einseitigkeit im graden Widerspruch mit der Schönheit, welche die freie Entfaltung liebt und nur im Elemente der Freiheit sowohl gedeihen, als verstanden werden kann. Wenn in der Philosophie, in der Wissenschaft eine große einseitige Schärfe des[9] Verstandes, der Abstraktion, wenn in Sachen der Gelehrsamkeit eine gewisse einseitige Stärke des Gedächtnisses bedeutenden Leistungen nicht nur nicht hinderlich, sondern förderlich scheint – eine Bemerkung, die sich Ihnen bei der Geschichte der Philosophie und der Gelehrsamkeit aufdringen wird –, so ist dies der umgekehrte Fall bei den Lehren des Geschmacks, welche bei einseitigen Richtungen der darstellenden Individuen und ganzer Zeitalter um desto geschmackloser und den Sinn für das Schöne um desto weniger erregend und bildend sind, je naturwidriger und unharmonischer, das heißt, je einseitiger die Bildung ihrer Urheber war. Ich möchte noch immer, nach allem, was bisher in Deutschland Ästhetisches und über Ästhetik geschrieben worden, so viele Goldkörner Lessing, Herder, Jean Paul, Schiller, selbst Bouterwek auf diesen dürren Boden hingestreut haben, ich möchte noch immer dem Jünger des Schönen und dem Freund seiner eigenen harmonischen Ausbildung den Rat geben, sich seinem eigenen Genius zu überlassen und statt sich durch mehr oder minder willkürliche Räsonnements über die Schönheiten in Kunst und Poesie verwirren zu lassen, sich nur an die meisterhaften Kunstprodukte der alten und neuen Zeit selbst zu halten und bei ihrer Lesung, ihrem Anschauen sich von den unausbleiblichen Wirkungen der geistigen Kraft der Schönheit lebendig zu erfüllen, wozu dem Deutschen insbesondere Goethes Werke als musterhaft vorschweben.

Doch vielleicht, meine Herren, kommt den Deutschen, als Nation, die Schönheitslehre und[10] der Schönheitssinn viel zu früh, und dies war der zweite Hauptsatz der ersten Vorlesung, in der ich diese Behauptung aufzustellen gewagt habe. Die Schönheit, sagte ich, beruht auf Kraft und Charakter, sie beruht auf leiblicher und geistiger Gesundheit, auf Lebensfrische, auf Behaglichkeit, auf Freiheit und Harmonie; denn unter diesen Grundbedingungen kann jedes Volk des Erdbodens, nicht allein das griechische unter seinem ewigblauen Himmel und mit seiner offenen, sonnigheitern Sinnlichkeit, sondern auch der Deutsche, der Nordmann unter rauherem Himmel, den Sinn für Schönheit unter sich ausbilden und aller Segnungen desselben und des doppelten und dreifachen Lebensgenusses, der aus diesem Sinn entspringt, teilhaftig werden. Aber fast mehr noch als der Grieche, der Sohn des Südens, hat der Deutsche, der Nordmann auf die Ausbildung seines Charakters hinzuarbeiten; unser Geist ist von Natur formloser, als der griechische; zwischen untätiger Ruhe und träger Beharrung und momentaner heftiger Aufregung und aufblitzenden Leidenschaften schwanken die Besseren und die Besten unter uns hin und her, die geistigsten Äußerungen und die tiefsten Gemeinheiten vereinigen sich oft in einer und derselben Person. An Leuten, die vor Gelehrsamkeit strotzen und halb darüber platzen, wie an Leuten, die vor lauter Scharfsinn und Spitzfindigkeit beständig auf Nadeln gehen, an überschwänglichen Poeten, an wahnsinnigen Musicis, an eingehimmelten, augenverdrehenden Frömmlern, an Charakteren dieser Art, fehlt es allerdings nicht in Deutschland, allein ihre Fülle und[11] Anzahl bestätigt eben meine Behauptung, daß man zu wenig Charakter und Ausbildung desselben unter uns antreffe. Es sind diese und ähnliche bizarre Originale (die noch dazu oft nur schlechte Kopien), lebendige Muster der charakterlosen Einseitigkeit einer zersplitterten Zeit, die sich zum wahren Charakter der Humanität in gar kein anderes Verhältnis stellen lassen, als in das der Scheuchbilder einer menschlichen Gestalt zur menschlichen Gestalt selber. Daß solche und ähnliche Charaktere oder Charakterverzerrungen unfähig sind, den Stempel der Schönheit aufzunehmen, bedarf wohl keiner Erläuterung. Eine zweite und noch zahlreichere Gattung von Charakteren liefern uns die Geschäftsmänner in allen Zweigen des Lebens; die Amtleute, Juristen, Advokaten, Sachwalter; diese Generalpächter des Gesetzes und der Gerechtigkeit, die noch in so vielen Ländern die Barbarei eines unbekannten, undeutschen, unvolkstümlichen und daher rechtlosen Rechts täglich verewigen und die daher seit alter Zeit eine pedantisch gelehrte Kaste bilden, welche, wie alles Kastenwesen, der freien Bildung und schönen Humanität schnurstracks entgegenläuft, – die Ärzte, welche ebenfalls ihre Wissenschaft und ihr ganzes Treiben vor den Augen der gebildeten Nation verbergen und sich in den Nimbus einer Kunst hüllen, die an unsern eigenen Leibern experimentiert und tastet, – die Schulmänner, die sich noch immer nicht entschließen können, ihre Perücke abzulegen und deutsche Jünglinge statt Latinisten und Gräzisisten fürs Leben heranzubilden[12] – die Theologen – kurz alle Ämter, die als sogenannte Brotstudien auf unseren Universitäten in eigenen abgeschlossenen Disziplinen gelehrt werden, wie wenig entsprechen sie im ganzen, großen, wie im einzelnen dem reinen Bilde der Humanität, und wie selten kann man beim Anblick des Wirkens der in diesen und durch diese Disziplinen ausgebildeten Männer freudig ausrufen, hier ist ein Charakter, der rein und freudig im Geiste seines Volkes und im Höheren der Menschheit ruht, ein individueller Mensch, der natürlich und aus dem Grunde lebt, der die Wissenschaft, die Kunst und alles was er treibt, nicht auf angelernte Weise handwerksmäßig treibt, sondern mit innerem Drang, mit eigenem Denken und nach selbstgemachten Erfahrungen, ein Geist, dessen charakterischer Zug es eben ist, die Bahn, die Art und Weise seiner Tätigkeit sich weder von außen aufdringen zu lassen, noch sich selber mit Willkür zu setzen, sondern mit klarer Besonnenheit zu wählen. An der Bildung eines solchen Mannes, meine Herren, mag vielleicht die letzte Feile fehlen, seiner geistigen Gestaltung, seiner leiblichen Erscheinung noch manches abgehen, was der Grieche des Perikles, der auf jeden Zug, auf jedes Wort, auf jede Bewegung achtete, Sorgfalt verwandte, was der ungern vermißt hätte, es mag ihm noch nicht der rechte Sinn aufgegangen sein für die tiefe Bedeutsamkeit der äußeren schönen Form, für die himmlische Blüte des Geistes, für den reinen Abdruck der innern Harmonie, es mag ihm Sinn und Gemüt noch nicht gehörig aufgeschlossen sein für die Freuden der Kunst, für den Genuß der Poesie, er[13] mag den Apoll von Belvedere noch nicht bewundern, sich für die Goethesche Iphigenie noch nicht begeistern, sich vom Zauber einer schönen Gegend, einer Mozartschen Musik nicht hinreißen lassen, sich überhaupt noch nicht über den bloßen baren Ernst des Lebens in die freiere Region erhoben haben, wo der Ernst ein Spiel und das Spiel ein Ernst ist, ich meine die Region der Kunst, der ästhetischen Anschauungen des Lebens – aber er ist vorbereitet, er ist des Besten würdig, was Gott für uns bestimmt hat, des Genusses, den nur derjenige ahnt, dem er dafür Empfänglichkeit gegeben, und dem Welt, Erziehung und Gesellschaft dessen nicht beraubt haben.

Allein, solange noch das Leben selbst, das uns von der Wiege auf umfängt, solange noch die Schule, die Universität, diese Bildungsmittel unseres Geistes, später der Staat und das, was jetzt unter dem Namen der guten Societé und im weitern Umfang der bürgerlichen Gesellschaft besteht, solange dies alles der eigentümlichen Bildung und Entwicklung unsers Charakters mit Händen und Füßen entgegenarbeitet, werden solche Männer immer nur zu den seltenen Erscheinungen gehören und somit auch die Ausbildung des Schönheitsinnes, nach meiner innigsten Überzeugung, eine vergebliche, ja in vielen Fällen schädliche sein, eine Erfahrung, die wir sowohl an jenen geschmackvollen Kunstkennern machen, welche in unmännlicher Sorglosigkeit und Unbekümmertheit die Wissenschaft ums Vaterland und die großen Interessen der Zeit, in italienischen und antiken Kunstgenüssen[14] schwelgen, oder wenn sie es nicht zur Kunstkennerschaft bringen, fade Schöngeister werden, die sich bei den Gebildeten und die Ästhetik mit ihrer. Person beim großen Haufen lächerlich machen. Vom letzteren habe ich bisher noch gar nicht einmal gesprochen, indem ich die Unfähigkeit unserer Zeit Zum Genuß und zur Würdigung des Schönen in dieser Einleitung berührte. Wer hat ihn, diesen großen Haufen, besser geschildert als Kant in seinem Werke über das Gefühl des Schönen und Erhabenen, wenn er spottend fragt: wohlbeleibte Personen, deren Autor der Koch ist und deren Werke von seinem Geschmack im Keller liegen, werden bei gemeinen Zoten und einem plumpen Scherz in eben so lebhafte Freude geraten, als diejenige ist, worauf Personen von edler Empfindung so stolz sind. Ein bequemer Mann, der die Lektüre der Bücher liebt, weil es sich so wohl dabei einschlafen läßt; der Kaufmann, dem alles Vergnügen läppisch erscheint, dasjenige ausgenommen, das ein kluger Mann genießt, wenn er seinen Handlungsvorteil überschlägt; der Liebhaber der Jagd, er mag nun Fliegen jagen, wie Domitian, oder wilde Tiere, alle diese haben ein Gefühl, welches sie fähig macht, Vergnügen nach ihrer Art zu genießen, ohne daß sie andere beneiden dürfen oder auch von andern sich einen Begriff machen können – allein, ich wende für jetzt keine Aufmerksamkeit darauf. Es gibt noch ein Gefühl von feinerer Art, und so fort, unter diesem Gefühl verstand Kant das Gefühl für das Schöne und Erhabene, das in ihm selbst, wenn auch mit Übergewicht[15] für das geistig und moralisch Erhabene lebendiger war als in den meisten seiner späteren Jünger, Fichte und Schelling ausgenommen.

Überhaupt bin ich weit entfernt, wenn ich den Deutschen der nächstvergangenen und heutigen Welt das rechte Lebenselement und daher den rechten Sinn der Schönheit abspreche, in dieser Behauptung den Einflüsterungen gewisser Schriftsteller Raum zu geben, die allzu leichtfertig über unsere Nation den Stab brechen. Vor dieser Gesinnung schütze uns nicht eben die Stumpfheit, die man uns überm Rheine vorwirft und die Gleichgültigkeit gegen das Urteil der Welt – denn man kann wohl sagen, daß die ganze Welt über uns richtet, und daß wir nicht allein dem raschen Franzosen, sondern auch dem bedächtigen Engländer, ja selbst dem knechtisch-feigen Italiener ein willkommner satirischer Stoff sind – sondern der Glaube an unsere Nation, das Vertrauen auf die Zeit, die Rosen und Ketten bricht, die Kenntnis unserer Geschichte, die uns einen Spiegel vorhält, worin wir eine bessere und glänzendere Vorzeit beschauen.

Ja, ich bin im Gegenteil so weit entfernt von Kleinmut, daß ich der Überzeugung lebe, keine einzige von den großen europäischen Nationen sei von der Natur besser bedacht, als eben die unsrige, Das sehen wir am Mittelalter, an demselben Mittelalter, das, als es veraltet war, Luthers Hand, und der dreißigjährige Krieg, und der siebenjährige, und die Revolution und Napoleon und die Befreiungskriege, alles, was auf Deutschland[16] losgestürmt hat, nicht so weit hat zerstören und abbrechen können, daß nicht noch gegenwärtig die alten zerbröckelten Säulen und Bogengänge in Schulen und auf Universitäten, in Kirche und Staat vor unsern Augen daständen und uns an eine Zeit ermahnten, deren geistiges Prinzip längst untergegangen ist, deren leiblicher Schutt aber noch immer unausgekehrt, Leben und Wachstum hemmend in der Gegenwart liegt. So großartig baute jenes granitne Mittelalter, solche Massen türmte es in die Luft, mit so festem Kitt band es die Formen seines Lebens aneinander fest und so lange Zeit muß es dauern, daß nach seinem Fall, eine neue Generation sich wieder erheben und auf eigenem Grund und Boden für sich dastehen kann. Unzweifelhaft leiden wir Deutschen bloß am Mittelalter – daher unsere Pfaffen, daher unsere Höfe, daher unsere Ritter, daher unsere lateinischen Juristen, medici, theologi, Promotionen und Dissertationen und das ganze Spießbürgertum unserer politischen und gelehrten Welt, worüber unsere Nachbarn und wir selbst im guten Humor uns so oft lustig machen. Allein, beweist nicht eben diese Zähigkeit und Unzerstörbarkeit der mittelaltrigen Formen, die ein ganz anderer Geist beseelte, für die ungeheure aufbauende Kraft jener Zeiten?

Das ist aber klar, sagt Moriz Arndt, daß, wenn man diese Zeit aus ihren Werken und Schöpfungen erklären und erkennen will, man bei ihnen nicht stehen bleiben darf. Ein tapferer und höherer Lebensgrund, in der frühsten Zeit geworfen, eine uralte, geistreiche und seelenvolle Religion[17] die aus Asien in die Wälder Germaniens eingewandert war, die innigste und tiefste Weltanschauung und Weltdurchdringung, die sich in tausend Zeichen und Bildern in der frühesten Sprache widerspiegelt, einer Sprache, welche die Geister des Lichts erfunden haben – alles dieses muß man glauben, wenn man begreifen will, wie ein Volk, das sie im neunten Jahrhundert noch Barbaren nannten, im zwölften und dreizehnten Jahrhundert schon so herrlich schaffen und bilden konnte. Woher ist alles das Namenlose und Unendliche, was jene frühste Zeit geboren hat? Aus welcher Brust klang zuerst das Nibelungenlied und so viele süße Volksgesänge? Wer hat die Dome in Mailand, Ulm, Köln, Wien, Straßburg und Pisa gebaut? Woher entsprangen die unendlichen Bilder, gleichsam aller Weltkräfte Spiegel, die in tausend Gestalten uns wie Träume und Dämmerungen aus einer lange vergangenen oder wie Andeutungen und Weissagungen einer zukünftigen Zeit zu umflattern scheinen? Wahrlich, diese Werke und Bilder sind beides, denn diese freudigen Menschen lebten mitten in Gott, und er selbst schuf aus ihnen.

In der Tat, wenn es nach des schönen Griechenlands Entartung eine Epoche in der Weltgeschichte gab, welche sich durch ihr reges Walten und Wirken und durch ihren Sinn für Kunst und Schönheit die Auszeichnung erwarb, nicht mit Griechenland verglichen, sondern Griechenland an die Seite gestellt zu werden, so ist dieses die Epoche des deutschen Mittelalters.[18]

Von sonstiger Vergleichung zwischen beiden kann allerdings nicht die Rede sein, jede ist zu eigentümlich ausgeprägt und kann daher nur aus sich selbst begriffen und mit sich selbst verglichen werden. Man hat die Kunst und Poesie des Mittelalters mit dem Namen der romantischen, die Kunst und Poesie der Alten mit dem Namen der klassischen getauft, welcher Name und Gegensatz von einer deutschen Dichterschule, Tieck und den beiden Schlegeln, die man selbst zur neuromantischen Klasse zählte, ausging, in Deutschland viel Streit und Gerede machte und seit einem Dezennium auch in Frankreich und Italien die größten Spaltungen erregte, indem die jungen französischen und italienischen Dichter sich zu den deutschen Romantikern schlugen, und im Gegensatze zu den Nachahmern des altklassischen Stils sich mehr der britischen und deutschen Phantasiefülle und Regellosigkeit hingaben, worin sie hauptsächlich das Wesen der Romantik erblickten. Überhaupt hat man viel Mißbrauch mit beiderlei Namen getrieben, und man ist sich noch jetzt, weder in Deutschland, noch bei unsern Nachbarn selten klar, worin denn eigentlich das unterschiedliche Wesen der einen und der andern Art bestehe. Vielleicht drückt man sich darüber am richtigsten aus, wenn man sagt, die Kunst der Alten, das ist die Klassik, habe darin bestanden, daß sie jede Idee, die sie darstellen wollten, sei's mit dem Meißel, am Stoff des Marmors, sei's mit dem Griffel, am Stoff der Sprache, daß sie jede darzustellende Idee, so vollkommen an diesem Stoffe ausdrückten, daß nichts[19] mehr und nichts weniger als eben die Idee selbst sinnlich vor Augen trat; dagegen die Kunst der Romantiker darin bestand und besteht, daß sie die Idee im sinnlichen Stoff keineswegs vollkommen erschöpften, sondern nur symbolisch an ihm darstellten, so daß man bei ihren Gebilden immer etwas mehr hinzuzudenken habe, als man vor Augen sähe. Die Ursache war denn die, daß die alten griechischen Künstler, nach ihren Begriffen von sinnlicher Form und Schönheit, alle diejenigen Ideen Zur Darstellung verschmähten und von sich wiesen, welche sie nicht in feste Form vollkommen einfassen konnten, die Künstler und Dichter des Mittelalters aber sich kein Bedenken daraus machten, das Höchste und Tiefste, was nur die Menschenbrust fassen, aber kaum ein sterblicher Mund aussprechen konnte, symbolisch in Formen und Gestalten wenigstes anzudeuten. Daß uns eine solche Kunst der Bedeutsamkeit, eine solche Symbolik der Religion und der Liebe aus den Denkmälern des Mittelalters überall anweht, uns bald heimlich, bald großartig, band abenteuerlich ergreift und etwas Unendliches, Ahnungsvolles, Sehnsüchtiges in uns anregt, wird jeder gestehen, dem das Mittelalter bekannter geworden ist wie aus Büchern der neuern Zeit über dasselbe.

Sollte es nun diese romantische Art der Schönheit sein, die uns als Muster, als nationelles Element vorschweben muß, wenn wir uns aus dieser Zeit nach einer schöneren umsehen?

Ehe ich mir diese Frage zu beantworten getraue, werfe ich einen kritischen Blick auf gewisse[20] Erscheinungen des Mittelalters, die als die glänzendsten von den romantischen Dichtern gepriesen worden sind; bewähren sich diese als echt, als für alle Zeiten echt, sind sie nicht allein dem Schoß einer gewissen Bildungsstufe, sondern dem ewigen Schoße der Natur selbst entsprungen, so würden sie für die romantische Schönheit, mit welcher sie in sehr genauer Verbindung stehen, in unsern Augen ein sehr günstiges Vorurteil erwecken. Ich meine hier insbesondere die Andacht, die Ritterehre und die Frauenliebe des Mittelalters, drei der schönsten Strahlen aus dem Leben dieser wunderbaren Zeit.

War, frage ich mit Herder, war jene Andacht hes Mittelalters, ich spreche nur von der reinen und uneigennützigen, von der hohen, mystischen Andacht und nicht von der pfäffischen mit ihrem Klingklang und ihrer Selbstsucht, jene Andacht, welche die ungeheuren Dome baute, welche sich unermeßlichen und unnennbaren Gefühlen hingab, war sie rein menschlich, oder lag nicht etwas Übertriebenes, Ungestaltetes und Falsches darin? Ich glaube, ja. Das Unermeßliche, sagt Herder, hat sein Maß, das Unendliche keinen Ausdruck. Je länger man an diesen Tiefen schwindelt, desto mehr verwirret sich die Zunge, Du sagst nichts, Wenn Du vorhattest, etwas Unaussprechliches zu fragen.

Und jene Frauenliebe, jene Galanterie der Liebe, war sie nicht ein falscher Geschmack, war es die Sprache des Herzens, der rein menschliche Erguß des Gefühls und natürlicher Neigungen,[21] welche in diesen Bildern, Schwüren, Worten, Witzen und Wendungen der mittelaltrigen Gerichte (das Nibelungenlied ist überall auszunehmen) spielt. – Ich denke ja, und dasselbe denke ich von der übertriebenen Ritterwürde. Alles Geklirr, sagt derselbe Herder, alles Geklirr an Mann und Roß kann uns, wo Verstand, Zweck, Ebenmaß, wo Humanität fehlt, kein Klang einer himmlischen Muse werden. – Daß die Raubritter des spätern Mittelalters zu diesem Gemälde nicht einmal gesessen haben, sehen Sie von selbst.

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Aesthetische Feldzüge. Hamburg, Berlin 21919, S. 8-22.
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