Sechste Vorlesung.

[68] Nach der gegebenen Einleitung, meine Herren, wird es Ihnen klar geworden sein, daß wir der Ästhetik sowohl einen weitern Umfang, als eine tiefere Bedeutung einzuräumen haben, als dies in den gewöhnlichen Ästhetiken zu geschehen pflegt. Es gibt Wissenschaften, deren Zeitraum und Peripherie seit alters so ziemlich gleichmäßig bestimmt gewesen, wie z.B. die Mathematik, die Logik. Diese stehen gleichsam über der Geschichte, indem sie sich zu allen Zeiten wesentlich gleich sehen und in Anlage und Ausführung, wenn auch nicht unveränderlich, dennoch nur solcher Veränderungen fähig sind, welche als bloße Erweiterungen von innen heraus treten. Sie gedeihen in allen Zeitläuften und auch, wenn die Zeit stille steht, das heißt, wenn das geschichtliche Leben der Völker tot und abgestorben ist; daher denn auch Logik und Mathematik am allerwenigsten den menschlichen Geist in seiner Bewegung abspiegeln, und wie dies die Erfahrung lehrt, das eifrige Studium derselben keinen Schluß auf die Wüte anderer Studien zu ziehen erlaubt. Es erscheint[69] in ihnen das Geistige nur in den allgemeinsten Formen, Denk- und Anschauungsgesetzen, aber man vermißt Herz und Leben und hat es nur mit einem Skelett zu tun. Mit vollem Recht kann man behaupten, daß der Logiker, Mathematiker weder Blut noch Gewissen, weder Geist noch Herz zu besitzen braucht, daß ihm alles fremd bleiben kann, was des Menschen Busen erfüllt und begeistert, was ihn zum Menschen macht, daß ein Logiker und Mathematiker ebenso gut auf dem Jupiter oder Uranus seine Heimat finde, daß es nur gleichsam reine Zufälligkeit ist, wenn er seine Operationen und Berechnungen auf der Erde innerhalb der gewölbten Wände eines menschlichen Gehirns anstellt. Diese Wissenschaften geben uns keine Ahnung von der Fülle der Menschheit, es ist ihr Charakter, ihre Aufgabe von allem denkbaren Inhalt zu abstrahieren. Glauben Sie nicht, daß dies zur Verachtung derselben gesagt werden soll, ich verehre insbesondre die Mathematik und erkenne nur zu wohl ihren ungeheueren jetzigen und künftigen Einfluß auf die materielle Fortbildung der Gesellschaft. Allein es war auch nur meine Absicht, diese Wissenschaft in ihrer theoretischen Abstraktheit aufzustellen und sie zum Gegensatz auf jene andern Zweige des Wissens zu leiten, welche von vornherein sich mit irdischem Heimatsgefühl zum Menschen gesellen und an den höheren geistigen Evolutionen des Geschlechts innigen Anteil nehmen. Dahin zähle ich die Studien der Natur und Kunst, die gleichsam Hand in Hand mit ihren Zeitaltern fortgehen, ihre Geschichte teilen. Dieselbe geschichtliche[70] Natur hat die Ästhetik. Sie beruht auf dem Leben, ist mehr oder minder lebendig, tief oder oberflächlich, welk oder blühend, je nachdem das Herz, das in einem Zeitalter pulsierte, das eine oder das andere war. Man sieht sie von Zeit zu Zeit bei Plato, Plotin, Hemsterhuis, Solger in verändertem Gewande hervortreten, in schöner Form, in Unform, als tiefsinnigste Lebensphilosophie, als Tagesgeschwätz, bald unter diesem, bald unter jenem Namen. Lassen Sie sich nicht irre machen über ihre Natur und Existenz! Jeder ausübende Künstler, jeder handelnde und fühlende Mensch trägt seine Ästhetik in sich, bewußt oder unbewußt fällen wir täglich Hunderte von ästhetischen Urteilen, aus denen gerade das Eigentümlichste unserer Gesinnungs- und Denkweise unmittelbar hervorbricht.

Folgen Sie mir, meine Herren, in das Gebiet der Geschichte. Es müßte Schuld meiner Darstellung sein, oder es wird aus den wenigen großen welthistorischen Zügen, welche ich anzuführen gedenke, in Ihrer Seele der Begriff der Ästhetik in höchster Potenz sich als der Begriff dessen lebendig machen und erweitern, was man in neuerer Zeit so passend Weltanschauung genannt hat, eine Bezeichnung, die ebenfalls nur der deutschen Sprache oder vielmehr dem deutschen Gedanken eigentümlich ist.

Erkennen und Handeln sind die beiden Pole unseres Geistes. Das ästhetische Element tritt zwischen beide in die Mitte, es ist ein Denken und zugleich ein Fühlen, das in jedem Moment beim Künstler ins Handeln umschlägt. Alle ästhetischen[71] Urteile sind von diesem Gefühl begleitet, sie sind nichts ohne dasselbe, das bald anziehend, bald abstoßend, bald beifällig, bald mißfällig das Gemüt in elektrischen Strömungen lebendig erhält. Was uns nur als schön oder häßlich, als gut oder böse anmutet oder widersteht, ist ästhetischer Natur, hat seine Wurzel im sinnlich-geistigen Urgrund unseres Wesens und erkennt in dieser Unmittelbarkeit keinen höheren Richter über sich. Nach Verschiedenheit der Individualitäten sind die ästhetischen Gefühle und Urteile so verschieden, wie die menschlichen Grundnaturen; alle vereinigen sich wieder in gewissen Grundgefühlen, Ansichten und Urteilen, welche den besonderen Charakter eines Volks, einer geschichtlichen Epoche ausmachen.

Schlagen wir zunächst unsere Blicke auf jene uralte indische Welt, von deren Größe uns nur ein armseliger Schatten übrig geblieben; betrachten wir jene träumerischen Menschen, welche die Ufer des Ganges bevölkerten und gleich menschlichen Sinnpflanzen unter Lotos und Bananen blühten. Große Werke der Religion, Philosophie, Poesie und Kunst haben sie uns hinterlassen, zu deren Verständnis erst die neueren Zeiten den Schlüssel geliefert. Dennoch können wir über das Verständnis nicht so recht zum Genuß derselben durchdringen – die ästhetische Grundanschauung der Inder ist zu verschieden von der unsrigen. Legen wir den Maßstab unserer Moral und Ästhetik an die Moral und Ästhetik der Inder, so offenbart sich das entschiedenste Mißverhältnis, obgleich wir bekennen müssen, es spreche sich wirkliche Natur und wirklicher menschlicher[72] Zustand nicht weniger im Indischen als im Europäischen aus. Bedenken wir uns nun jenes ästhetische Grundprinzip, das der indischen Weltanschauung zugrunde liegt und das Krischnas in der Bagavadgita (Unterredung des Krischnas) mit den Worten ausspricht: nie ist der Wert einer Handlung in die Frucht gesetzt, so fühlen wir schon gleich alle Konsequenzen, welche aus diesem Grundsatz für Leben und Kunst ohnedies herausfließen müßten. Nie ist der Wert des Handelns in die Frucht gesetzt: das heißt: nicht die Tat ist etwas, nicht der Erfolg, nur der Gedanke, die Absicht. Wilhelm Humbod, der über die Bagavadgita sich in einer eigenen Schrift verbreitet hat, nennt eine solche Stimmung eine unleugbar philosophische, eine an das Erhabene grenzende. Das erstere wird man ihm leicht zugestehen, da die Philosophie als solche, oder die Metaphysik, sich nicht allein aus dem Kreise menschlicher Handlungen, sondern aus allem Stoffartigen der Natur und Menschheit zurückzieht und, wie schon bemerkt, mit der entkörpernden Mystik in nahen Verhältnissen steht. Auch die Bezeichnung des Erhabenen oder dessen, was an das Erhabene grenzt, mag man unangetastet lassen, da das Erhabene auch in unsern Augen dann hervortritt, wenn ein Mensch, ohne Aussicht auf Erfolg, sich für eine große Sache aufopfert und nur die Heiligkeit und Schönheit des Gedankens, der ihn begeistert, vor Augen hat. Allein schon hierin müssen wir auf der Hut sein, das indische Gesetz nicht europäisch auszulegen und darin etwa Kants kategorischen[73] Imperativ zu sehen, nach dem man die Pflicht nur um ihrer selbst willen tun soll; selbst Schleiermachers in den Monologen ausgesprochenes Prinzip, das fast wörtlich so lautet wie das indische in der Bagavadgita, stimmt dem Sinne nach, wenigstens nicht in allen indischen Konsequenzen, damit völlig überein.


Denn, betrachten wir nun, wie das indische Leben, ihre Philosophie und Poesie sich gestaltet hat, so sehen wir so recht deutlich, wie tiefgreifend der ästhetische Grundsatz durch alles dieses hindurchgeht und dem ganzen Indertum Farbe und Gepräge gibt. Die Negation der Tat ist nichts anderes als die indische Geschichte, Kunst und Poesie selber.


Das Handeln wird überall vom Denken, Träumen, Phantasieren absorbiert; selbst dieses Denken und Phantasieren zieht sich immer weiter zurück von der Welt der Sinne, es versenkt sich in sich selbst, es läßt im indischen Philosophen und Mystiker die ganze Welt hinter sich zurück, um als einsames Ich über seinem Ich zu brüten und das goldene Ei der indischen Weltphilosophie auszuhecken, das nichts und doch alles in sich faßt. Nichts zu denken, war gerade die höchste Aufgabe der Yogalehre.


In der Vertiefung der Mensch muß so vertiefen, sinnentfremdet sich,

Tilgend jeder Begier Streben, von Eigenwillens Sucht erzeugt,

Der Sinne Inbegriff bändigend mit dem Gemüte ganz und gar,[74]

So strebend nach und nach ruh' er, im Geist gewinnend Stätigkeit,

Auf sich selbst das Gemüt heftend und irgend etwas denkend nicht –


So lauten Krischnas Worte in der Bagavadgita. Weitere Vorschriften und Züge stellt Wilhelm Humboldt aus indischen Schriften zusammen: der Fromme soll in einer menschenleeren reinen Gegend einen nicht zu hohen, nicht zu niedrigen, mit Tierfellen bedeckten Sitz haben, Hals und Nacken unbewegt, den Körper im Gleichgewicht halten, den Odem hoch in das Haupt zurückziehen und gleichmäßig durch die Nasenlöcher aus- und einhauchen, nirgends umherblickend, seine Augen gegen die Mitte der Augenbrauen und die Spitze der Nase richten und die berühmte Silbe Om! aussprechen. – Zu solchem unschönem, unnatürlichem, stumpfem und dumpfem Zustande führte auf geradem Wege das Prinzip, das der indischen Weltanschauung zugrunde lag. Dennoch haben wir es bezeichnet als ein ästhetisches, obwohl es in unserm und griechischem Sinne der Ästhetik geradezu als unästhetisch erscheint. Allein ebensogut wie wir die Poesie in indischen Gedichten Poesie nennen und zur Anerkennung derselben uns genötigt fühlen, ebensogut dürfen und müssen wir jene Grundansicht, die auch der Poesie vorschwebt, als ästhetisch bezeichnen, weil sie auf einem ästhetischen Punkt wenigstens beginnt und von ihm ausgeht: nämlich von einem bestimmten Grundgefühl des Lebens, das einmal vorhanden war, mögen wir dasselbe gegenwärtig teilen oder nicht.[75]

Nur kann uns keine Pietät gegen die Geschichte und gegen die geistigen Äußerungen eines der Urvölker des Menschengeschlechts die Freiheit benehmen, nach unsern Ansichten und Grundgefühlen sowohl das Prinzip selbst, als dessen Einfluß auf Leben, Kunst und Poesie zu beurteilen. Der in den indischen Dichtungen herrschende Geschmack ist für uns ein Ungeschmack, und als solchen hat ihn auch Goethe gegen die Anpreisung der modernen Inder dargestellt. Wir verlangen für Poesie und Kunst vor allen Dingen Charaktere mit scharfbegrenzter Individualität, sie sollen ihren Geist auf bestimmte Zwecke richten, deren Verwirklichung fordern und anstreben, und nur in dieser Eintracht des Willens mit der Tat sehen wir poetische Lebendigkeit und poetische Wirkung. Der indische Dichter hingegen, dem es auf die Tat nicht ankommt, der die Harmonie zwischen Verstand und Willen, Denken und Tun nicht als das höchste Gesetz anerkennt, überläßt sich ganz naiv der vollen Absurdität der Phantasie und der träumerischen Richtung der Gefühle und erfüllt auf diese Weise das ästhetische Gesetz im Sinne seines Volks, wie er es im Sinne der neueren Völker übertritt. Man kann sich kaum einen Begriff machen von den ungeheuerlichen Schöpfungen, mit denen ein indisches Dichterhirn schwanger ging. Am ausführlichsten und glänzendsten ist in dieser Hinsicht die Episode des Ramajuna, dieses indischen Nationalgedichts, das sich der größten Berühmtheit erfreut.


Verfolgen Sie nur die charakteristischen Züge, die den Umriß des Gedichts ausmachen:[76]

Wuschista, ein Brahmin, lebt in einer Einsiedelei, die mit Blumen, rankenden Pflanzen bedeckt ist, beobachtend heilige Gebräuche, umringt von Weisen, die dem Opfer und der Wiederholung des heiligen Namens (Om! Om!) ihr Leben widmen, 60000 Weisen, entsprungen aus den Haaren und Nägeln Brahmas, alle so groß wie ein Däumling. Nun kam einmal der König Wischwamitra zu jenem Weisen, weil er die Kuh besaß, die der König zu erhalten wünschte; zum Preise bietet er erst 100000 Kühe, dann 14000 Elefanten mit Sätteln und Zeug von purem Gold und außerdem 100 goldene Wagen, jeden von vier weißen Rossen gezogen. Aber umsonst. Er nimmt sie also mit Gewalt. Durch Brahmas Hilfe erhält der Weise eine Armee von hundert andern Königen, und diese zerstören die Armee des Königs Wischwamitra; und Wischwamitra geht verzweiflungsvoll in eine Wildnis. So groß ist die Macht des Brahma.

Allein in der Wildnis übernimmt der Flüchtige die strengsten Übungen, um Shivas oder Mahadevas, des bösen Geistes, Geist und Unterstützung zu erlangen; er steht auf den Spitzen seiner großen Zeh, mit aufgehobenen Händen, wie eine Schlange von Luft gefüttert – hundert Jahre lang. Der Gott gewährt dem Könige die von ihm verlangte Kunst des Bogens in ihrem ganzen zerstörenden Umfang. Er gebraucht sie, um an dem betenden Brahminen Wuschista Rache zu nehmen, er verbrennt und verwüstet den Wald, den Schauplatz der Devotion desselben, so daß die Weisen, Tiere, Vögel zu Tausenden davonfliehen. Aber Wischnus[77] Bogen, vor dem sonst die Götter und alle drei Welten in Schrecken geraten, wird zuschanden vor dem einfachen Stabe, den Wuschista in der Hand führt. So groß ist Brahmas Macht. Der König sieht es, seufzt und fängt eine neue Laufbahn strenger Übungen und Abstraktionen an, um nur erst Brahmane zu werden. Darüber bringt er tausend Jahre zu.

Dieses gefällt Brahma, und nach Berlauf der Zeit erklärt er ihn für einen königlichen Weisen.

Wischwamitra läßt aber sein Haupt mit Scham hängen und spricht voll Verdruß: nachdem ich solche Übungen vollbracht, nur ein königlicher Weiser (die königliche Weisheit muß schon damals für nicht weit her gehalten sein). Ich achte mich für nichts, und damit beginnt er von neuem seine Übungen und Abstraktionen. Indessen fällt es einem gewissen Fürsten Trichunko, einem Mann der Wahrheit, von besiegten Leidenschaften, ein, ob er nicht in seinem körperlichen Zustande unter die Götter kommen könne. Er wendet sich an Wuschista, allein dieser erklärt ihm die Unmöglichkeit der Sache, spricht einen Fluch über seinen Frevel und macht eine niedrige Kreatur aus ihm. Der eifersüchtige Wischwamitra aber erbietet sich, durch ein Opfer den unglücklichen Fürsten wirklich in den Himmel zu versetzen. Er ladet den Wischusta und die Götter zu diesem Opfer ein, aber unwillig schlagen sie die Einladung aus. Voll Zorn ergreift nun der große Wischwamitra den geheiligten Kochlöffel und schwört, kraft seiner geübten Enthaltsamkeiten, seinen Freund und Schützling wohl von selbst in den Himmel zu[78] bringen. Trichunko steigt wirklich in den Himmel empor; allein, angekommen, wirst ihn Indra, der Gott des Himmels, wieder heraus. Wischwamitra sieht ihn fallen und nach Hilfe schreien; er ruft halt, und auf diesen Zuruf bleibt er so zwischen Himmel und Erde hangen. Dann schafft Wischwamitra im vollen Zorn einen ganz neuen Himmel und andere Götter darin und an ihrer Spitze einen neuen Indra.

Die Götter und Weisen, versteinert vor Erstaunen, wenden sich hierauf an Wischwamitra um Einhalt und bitten ihn demütig, nicht auf die Versetzung eines vom Brahminen Verfluchten ohne vorhergängige Reinigung zu bestehen und überhaupt die alte gute Ordnung im Himmel und auf Erden zu zerstören. Der König beharrt auf dem, was er sprach, doch vereinigt er sich zuletzt auf gütliche Weise über einen Platz nicht im Himmel, sondern am Himmel.

Nach tausend Jahren vollbrachter Abstraktionen erklärt Brahma den König für einen obersten Weisen. Noch nicht zufrieden damit, fängt er einen neuen Kursus an; hier kommt aber zu seinem Unglück ein schönes Mädchen (die Mutter der Sakontula) zu ihm und nimmt so sehr seine Sinne gefangen, daß er 25 Jahr mit ihr vertändelt. Erwachend aus dieser Vergessenheit fängt er ein neues Jahrtausend strenger Büßungen an. Die Götter geraten schon in Bangigkeit, er werde ihnen durch seine stupende Frömmigkeit neues Unglück bereiten. Brahma gesteht ihm darauf das Prinzipat unter den obersten Weisen zu. Auf des Königs Frage, warum er noch nicht zu einem Brahmaweisen ernannt[79] werde, erklärt Brahma: noch hast du deine Leidenschaften, Zorn, Lust und Liebe nicht unterjocht.

Abermals beginnt er seine Übungen; aber vergebens sucht ihn Indra durch das schönste Mädchen zur Liebe und durch allerhand Schelmenstreiche zum Ärger zu reizen. Nachdem der Chef der Weisen tausend Jahr lang geschwiegen, wird dem Gott Indra im Himmel bang um den Himmel. Er wendet sich an Brahma. In diesem großen Weisen, sagt er, ist nicht der kleinste Schatten einer Sünde mehr – wenn das Verlangen seines Geistes nicht gestillt wird, wird er mit seiner Abstraktion das ganze Universum zerstören. Die Extreme der Welt sind in Verwirrung, das Meer braust, die Berge stürzen ein, die Erde zittert – o Brahma!

So wird nun Wischwamitra von Brahma endlich zum Brahmaweisen erklärt und versöhnt sich mit Wuschista, der, weniger kühn, es noch nicht so weit gebracht hat als er.

In diesem Gedicht liegt die indische Weltanschauung, wie in dem Satz des Krischna die ästhetische Quelle derselben. Wie anders lautet das ästhetische Prinzip im Wunde eines griechischen Gottes, und wie sehr verschieden ist das christliche von beiden. Die ästhetische Weltanschauung, die im Griechentum und Christentum sich offenbart, wird das Objekt der nächsten Vorlesung sein.

Quelle:
Ludolf Wienbarg: Aesthetische Feldzüge. Hamburg, Berlin 21919, S. 68-80.
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