Der Dichter als Ehestifter

(1904)

[204] Laßt mich einmal großtun; oder nennt es lieber mit mir: ein höchstes Glück innig dankbar bekennen. Sophokles, Shakespeare, Goethe, ihr Göttlichen! in einem glaub' ich mich begnadeter als ihr. Das ward euch wohl nie, daß ihr zwei Menschen zusammendichtetet, die füreinander geschaffen waren und es sonst verfehlten.

Ja, so weit menschliches Ermessen reicht, sie hätten es wohl sonst verfehlt!

Ich ging über die alte Brücke zwischen den bayrischen Orten T. und E. (die Namen verschweig' oder verändere ich, aus äußeren Gründen; sonst ist alles wahr bis zum letzten Wort). Es war dunkler Abend; als einsamer Sommerfrischler war ich umhergewandert (1890) und wollte in meinen Gasthof zurück. Eine bekannte Stimme redete mich an, Graf Bernhard B. stand vor mir, mein sehr lieber Freund aus alten Zeiten. Er hatte jetzt in E. eine Villa gebaut, um seine kranke Frau drin gesund zu machen; sie hatte sich aber dort zum ewigen Schlaf gelegt. Als traurigsten aller Menschen sah ich ihn nun wieder. Mit ihm seine hochaufgeschossenen Kinder, Tochter und Sohn, und den mir fast noch unbekannten Doktor Ferdinand S., der den nun sechzehnjährigen Sohn unterrichtet hatte.[204]

Ich kam an einem der nächsten Tage in die Trauervilla; ich ward fast täglicher Gast; ich sah das tief rührende, beinahe genial zu nennende Zusammenleben dieser Familie, die, von noch frischem Schmerz erfüllt, von dem edlen Geist der Toten umschwebt und durchdrungen, doch in der gemeinsamen Liebe wie in einem verjüngenden Element sich badete, jeden Sonnenblick des Lebens miteinander fühlte, die Trauer in vornehmster Natürlichkeit hinter liebenswürdigster Heiterkeit verbarg. Es war ein rasches Verstehen zwischen ihnen und mir; ich konnte wohl nach wenigen Tagen für einen Freund des Hauses gelten. Zum Haus gehörte wie eine Mischung von Sohn und Bruder auch dieser Ferdinand S., der nicht nur den Sohn unterrichtet, der auch die Tochter gebildet, die Mutter gefördert, ja »auch den Vater erzogen« hatte, wie mir Graf Bernhard mit seinem grundehrlichen, weichen Lächeln sagte. Alle hingen an ihm. Es war selbstverständlich, daß er blieb, immer blieb, daß er die drei Verwaisten nicht verlassen konnte. Aus dem Lehrer und Erzieher war der Helfer, der Führer, der Unentbehrliche geworden. Diesen drei schön begabten Menschen war er mit seinem norddeutschen Verstand, seiner preußischen Charakterkraft, seiner schonungslos schneidigen Aufrichtigkeit der Stärkere, sozusagen der Herrschende, und mit seinem liebedurstigen Herzen gleichsam die Herdesflamme, an der sie sich wärmten.

So sah ich die vier Vereinten jetzt, so fand ich sie im nächsten Jahr in ihrer Villa wieder; denn es zog mich nun schon an einem goldenen Faden hin. Gräfin Berta, die nun einundzwanzigjährige Tochter, hatte von der Mutter eine außerordentliche musikalische Begabung,[205] aber auch vielartige geistige Bedürfnisse geerbt; nachdem sie vom Doktor Ferdinand S. Griechisch gelernt, mit ihm Philosophie studiert, ließ sie jetzt ihre Sprechstimme von ihm nach einer besonderen Methode bilden, da sie eine starke Sehnsucht nach der Bühne hatte. Wie hätte ich mich wundern dürfen, wenn ich zwischen diesen beiden Menschen eine wachsende Herzensneigung wahrgenommen hätte: so hochgestimmte Geister, so verwandtes Streben, tiefer Humor, vollkommene Ehrlichkeit, und die gleiche Liebeskraft. Nein, das war kein Wunder; das Wunder war nur, wie sich das begab. Das Schicksal hatte beiden große Gaben beschert, sie aber auch, auf verschiedene Weise, neurasthenisch gemacht; diese Krankhaftigkeit des Nervenlebens hatte bei der jungen Gräfin eine lieblich seelische Form gewonnen, die vielleicht nur durch noch unbekannte elementare Wirkungen zu erklären ist. Sie lebte gleichsam das Leben ihres Lehrers mit; sie fühlte wie mit hellseherischer Kraft, was in seinem Organismus vorging; ja sie fühlte auch, was erst vorgehen wollte, ihm selber noch unbewußt. Irgend eine Nervenpein, die plötzlich in ihm erwachte, hatte, wie ein werdendes Gewitter, ihr Inneres schon vorher verstört. So wundersam abhängig war sie auch nach und nach von seinem Fühlen und Denken geworden; sie, das sonst freieste, vorurteilsloseste, unabhängigste Wesen, von unerschrockenster Geisteskraft und tief in sich beruhendem, gern verschlossenem Gemüt, sie erschien fast wehrlos gegen die magische Gewalt, die aus seinem Ich auf sie überging. Etwas Erstaunlicheres hab' ich nie gesehn. Denke aber niemand, daß dies alles sich in einem bleichen Seelennebel oder in unheimlich[206] schwüler Krankenluft zutrug, wie etwa ein »Moderner« es schildern würde; es waren im tiefsten Grund urgesunde Menschen, lustige, duftige Humorblumen blühten um sie her, und mit der heitersten Tapferkeit gingen sie ihren von Rätseln umraunten, märchenhaften Dornenweg.

Was für Humore aus diesen Rätseln aufstiegen, zeige folgendes Scherzgedicht, das ich im Sommer des nächsten Jahres machte, als ich mit den Freunden in Tutzing am Starnberger See mich wieder zusammenfand und die beschriebenen »hellseherischen« Zustände zu ihrer üppigsten Blüte gediehen sah. In diesem »Lied des Doktors Ferdinand« parodierte ich zu gleich ein wenig seine kräftige, oft vollsaftige Redeweise:


Ich bin kein »unverstandener Mann«;

O je! mich versteht eine gut.

Die hat einen Nerv, der fühlt mir's an,

Was einer, den ich hab', tut.


Ein verfluchter Kerl; ich weiß nicht genau,

Wo sich der Racker versteckt;

Doch der Brudernerv in der lieben Frau,

Der hat ihn elektrisch entdeckt


Der Kerl ist mein Feind; ein fideles Haus:

Doch mein Elend ist sein Pläsier.

Wenn er schläft, ist's gut; wacht er auf, ist's aus;

Dann erschrickt schon der Bruder in ihr.


Dann erst? O mein! Wenn mein Kerl sich nur rührt,

Wenn der Hund nur, im Traum noch, sich reckt,[207]

So hat's schon der Bruder, der zarte, verspürt

Und alle viere gestreckt.


Und sich streckend stößt er den Nachbar an,

So 'nen Hausknecht der lieben Frau;

Der zieht die Klingel zum Herzen an –

Man weiß die Geschicht' nicht genau –


Da wundert das Herz sich, gut wird ihm nicht;

Dumm ist's, weiß nicht, was es will,

Es klingelt hinauf zum lieben Gesicht –

Das steht auf einmal still.


Ich fühl' mich manchmal pumperlgesund;

Da bleibt ihr Gesichterl stehn.

Ui je! In einer Viertelstund'

Wie wird mir's da ergehn!


Indessen wie auch der Tröster Humor dies alles vergolden und verklären mochte, am Himmel stand doch immer das große, ernste Fragezeichen geschrieben: Wie wird das? Wie endet das? Wer die beiden sah, mußte sich wohl sagen, daß sie nicht nur so »elektrisch« verbunden waren; es erschien je länger je heller als ein Seelenbund, der, wenn es nicht zur Trennung kam, zur Erfüllung drängte. Oder waren die beiden so geschaffen oder durch die Macht der Zeit so gewöhnt, daß sie in dieser reichen, vergoldeten Halbheit, diesem zur Wirklichkeit gewordenen Märchen das Gefühl einer Ganzheit haben, ein resignierendes Genüge finden konnten? – In dem Tutzinger Sommer hatte sich der Gräfin Berta Nervenleben so hoch überreizt und gespannt, daß wir bange sorgten; Ferdinand S. war dagegen[208] in eine Senkung geraten, die ihm peinvoll zu schaffen machte, insbesondere ein Fuß war so erkrankt, daß ihm fast das Marschieren verging und die Gräfin als barmherzige Schwester mit ihm den Starnberger See befuhr, damit er sich wenigstens als Ruderer streckte und bewegte. Was tun wir mit der Berta, fragten wir uns, damit sie gesund wird? Was tun wir mit beiden, dachte ich, damit das Fragezeichen vom Himmel kommt? Ich konnte sie nicht ohne Bewegung sehn. Ich kannte kein zweites Paar wie dies, nichts ihm Ähnliches. Zusammenbestimmt und zusammengeschaffen wie nur irgend eines; aber fast durch alles getrennt, was unter den Menschen gilt. Sie aus altgräflichem Geschlecht von Vater und Mutter her, Österreicherin, katholisch; er ein Bürgerlicher, Preuße, Protestant, und durch seine Leiden vielleicht noch lange gehindert, seine Geistesgaben »praktisch« zu verwerten. Sollte es immer ein tragisch schönes Märchen, ein Geheimnis bleiben, von dem nur leise der Dichter singt?


Ein paar Bundesleut' kenn' ich,

Ihr Bund, der ist stumm;

Ihre Namen nicht nenn' ich,

Wozu auch? warum?

Was sie treibt, ist so eigen,

Aug' zu Aug' ohne Ruh,

Und doch darf sich's nicht zeigen –

Warum auch? wozu?


Förmlich Luftblasen treibt es,

Wie das Herz geht sein Schlag;[209]

Und Geheimnis doch bleibt es

Am lichtesten Tag.

Wie der Herr ohne Fehle

Paradiesesrevier,

So die goldene Seele

Erschuf er in ihr.


In ihm lebt nun und webt sie

Wie die Goldfrucht am Baum;

Sein Erbeben durchbebt sie,

Was er fühlt, ist ihr Traum.

Wozu Wort noch und Tat ihm?

Was Bräut'gam und Braut?

Sie ward ihm, sie hat ihm,

Sie ist ihm vertraut.


Und auf wogender Welle

Sie rudern bei Nacht;

Die Sterne so helle,

Das Dunkel erwacht.

Droben brennen die Flammen,

Und so brennen sie hier,

Und sie schweigen zusammen –

Und was fraget denn ihr?


Ich kann nicht deutlich sagen, denn ich weiß es nicht, was mich trieb, diese Verse, die auch in Tutzing entstanden, dem Doktor Ferdinand in die Hand zu geben; vielleicht, weil ich ihm nur zeigen wollte, wie ich mit ihnen – schweigend – fühlte; vielleicht auch aus Sehnsucht, irgendwie zu erfahren, wie es in ihm aussah.[210] Er las das Gedicht, schien sich an der Form zu freuen, sagte mir dann lächelnd: »Aber Sie täuschen sich!« Damals nannten wir uns noch Sie. Als wir alle dann in meinem Gasthof, in unserm Saatwinkel, beim Essen saßen, zog er mit seinem ernsten Schalksgesicht das Blättchen hervor: »Padre!« sagte er (so nannten wir alle den Grafen Bernhard, den Vater), »ich hab' ein Gedicht gekriegt, das müssen Sie doch hören; es ist Melodie darin!« Und so las er's vor, mit gedämpfter Stimme; die anderen Gäste saßen fern. Der Padre hört schweigend zu; was der wohl dabei denkt? dachte ich; sein gutes, schönes Gesicht verriet nichts davon, so wenig wie der Charakterkopf des andern, der die Verse vorlas. Gräfin Berta, die wohl gerade in einem ihrer schwelenden oder ebbenden Dämmerzustände dasaß, schaut tief träumerisch auf. »Von wem ist denn da die Red'?« fragt sie, als es aus ist. Der ahnungslos unschuldige Ausdruck ihrer Züge und diese Worte überraschten, überfielen mich so, daß ich mich nicht halten konnte, der Humor des Augenblicks war zu groß; ich sprang auf, lief zum Klavier, das hinter mir stand, lehnte mich daran und lachte, bis ich mich freigelacht hatte.

Damit endete dies; von dem Gedicht sprach keiner mehr, nur der Graf als Kollege (er dichtet auch), wie es geformt und gemacht sei; ich reiste ab, und mit Gräfin Berta geschah, was auch ich gewünscht und geraten hatte: sie ging in eine vielgepriesene Nervenheilanstalt. Während sie dort mehr und mehr genas, der Padre und der Doktor in Stuttgart ihr verzweisamtes Leben führten, lag mir was auf der Brust; Kobolde[211] oder Musen oder Schicksalsgeister raunten mir ins Ohr (wie ich's später in einem Gedicht erzählt hab'):


Schreib ein Paar zusammen, das wir lieben,

Das des Lebens Erdenmächte trennen,

Das des Dichters Feder soll vereinen!

Freie Geister, kühn in Wolkenhöhe

Über der Erde Maulwurfshügel schreitend,

Starke Seelen, gotterfüllte, glorreich

Mit der Schwäche ihrer Hüllen kämpfend,

Reine Herzen, nicht zum Tändeln, Liebeln,

Doch zur höchsten Liebeskraft geschaffen.

Doch es scheiden sie die Maulwurfshügel

Und die Mauern der versteinten Menschen

Und der Mauern Schatten tief im Herzen.

Nimm die Feder, tauche sie in Liebe,

Ahnung, Wagmut, schreib sie uns zusammen!


Ich schrieb einen Roman – den ich hier nicht nenne. Ich schilderte darin neben andern auch die vier Menschen aus der Villa in E.; ich gab ihnen zu ihrer eigenen Art und Verkettung andere Schicksale, die nach allerlei Herzensnot so endeten, wie die Natur und mein Herz es verlangten: mit seliger Vereinung. Ich wußte, während ich schrieb: dieser Roman kann nie erscheinen, wenn nicht auch die Urbilder so zusammenkommen! Doch wie ich ihn mutig hoffend hingeschrieben hatte, so schickte ich ihn nun geradeswegs an den einen, den er zunächst betraf, an Ferdinand S.; ungefähr mit den Worten: Sagen Sie mir, was Sie davon denken; er wird nur gedruckt werden, wenn Sie Ihr Ja und Amen sagen! – Ferdinand S. antwortete: »...Ihr Roman[212] kam heraus aus der Emballage, wie ein morgenfrisches Kind aus den blauseidenen Wiegenschnuren; so sauber, so zart, so empfindlich fast, als wäre nicht von – uns darin die Rede! Heute wird er sofort in Angriff genommen – wie ein fremdes Werk aus unbekannten Breitegraden, dessen Verfasser wir nicht kennen, dessen Inhalt uns nicht trifft. Niemand hat Anstoß an dem Stoff zu nehmen, und wenn er mit Hörnern und Zähnen auf uns losginge. Das Leben gehört dem Künstler. Jeder kann sich glücklich preisen, wenn er in dem ›farbigen Abglanz‹, den der Genius hinhaucht, seine eigene armselige Nase wiederfindet...«

Indessen bei der Lösung dieser Frage sollte noch ein großer Humor mitspielen, der aus des Doktors Elend hervorwuchs: seine Augen waren um diese Zeit die gequälten, er konnte nicht lesen, und das Buch, das nur für ihn bestimmt war, kam so in des Grafen, des Vaters Hand. Dem fraglichen Zukünftigen las Bertas Vater das von mir gedachte Schicksal vor! – Es dauerte eine gute Weile, der Roman, der auch von vielem andern handelt, ist lang, und der Graf konnte täglich nur zwei Stunden lesen. »Als es im Verlauf des Romans immer offenbarer wurde,« schrieb Ferdinand S. mir später, »wer X. und Y. waren, da waren wir ein jeder auf eigene Verantwortung aufs äußerste gespannt. Aber keiner wollte es dem andern zeigen – es erschien uns wie künstlerische und tatsächliche Undelikatheit. Aber wir fühlten beide, hier wird Schicksal gemacht! Wir wußten voneinander sehr gut Bescheid, und gerade das machte uns lampenfiebrig. Schließlich sprach Padre: ›Die entsprechenden Passus sollte man doch der Berta[213] schicken!‹ Die ›entsprechenden‹ – das war doch sein – und ich ›entsprach‹ sehr gern! – Noch wußten wir nicht, wie's endigte. Keiner blätterte nach hinten – jeden Abend wurde das Manuskript mit dem blauseidenen Band wieder zusammengebunden und nur die schon gelesenen Bogen wurden umgekehrt daraufgelegt. Padre besorgte alles selber mit peinlichster Genauigkeit. Dann schaute er mich an, als wollte er sagen: ›du, das ist plombiert!‹ und dann gingen wir spazieren! So lag das Manuskript tagelang auf meinem Diwan, ich ging alle Abend daneben zu Bett, und alle Abend schaute ich zum blauseidenen Band und fragte mich: ›Wie's dahinter wohl schließlich zugeht?‹ Einmal aber packte mich's, es schmiß mich ordentlich zum Bett hinaus, grad auf die Diwanecke los – in zwei Minuten war alles durchflogen – ich kroch atemlos ins Bett zurück und konnte nicht mehr einschlafen... Es stand fest, wie ein Evangelium, mit der Kraft eines neuen Glaubens: du wirst die Berta kriegen! So hatte ich's gelesen – es tanzte vor meinen Augen wie ein Götterspruch!

Am nächsten Morgen früh sagte ich: ›Padre, sie haben sich schon!‹ Padre, der langsame, schnellte sofort fröhlich in die Höhe: ›Is eh 's Gescheiteste!‹ – Dann kamen wir lesend zum Schluß – Padre wurde immer lustiger – und als der Dornenweg in den Rosenpfad mündete, sagte er: ›Ist doch ein großartiger Kerl, dieser Adolf! – Gleich der Berta abschreiben!‹«

Abschreiben, das erlaubten Doktor Ferdinands Augen. Die Gräfin antwortete sofort; aber nicht viel mehr als: »Vetter Adolf (so nannte sie mich damals) größter Menschenkenner!« In der ganzen Schlichtheit ihrer[214] großgestimmten Seele nahm sie diese Sendungen als Werbung und zugleich als Schicksal: ja, so soll's denn sein! In der Träumerin war die Heldin erwacht; sie ging auf die Reise, um sich da, wo noch etwa Widerstand zu erwarten war, bei der Mutter ihrer Mutter, den Gatten zu erkämpfen. Sie fand edles Verstehen, frommes Resignieren, liebevolles Helfen. Im März hatten sie den Roman gelesen, im Juni ward die Hochzeit gefeiert, die stille, schöne, ich mit dabei: sie zwangen mich, »die Vorsehung«, sie mit »einzusegnen«.

Nie ist mir etwas besser geglückt! Nie denk' ich mit reinerer Freude an irgendwas, das ich wollte und das ich vollbrachte. Was ich in meinem Trinkspruch beim Hochzeitsmahl vertrauensvoll gesagt: hier sind zwei zusammengekommen, die werden im echtesten Sinn der Ehe als Kameraden durchs Leben gehn! das hat sich nun schon länger als ein Jahrzehnt wunderbar bewährt. Die halb, aber doch nur halb überwundenen Leiden nun gemeinsam als »barmherzige Geschwister« tragend, sich gegenseitig die Augen leihend, wenn sie's brauchen, und den Humor zu jeder Zeit, haben sie sich ein ganz persönliches Wander-und Arbeitsleben geschaffen, an dem der Padre als dritter teilnimmt, so viel er will und vermag. Sie haben halb Europa und fast das ganze Mittelländische Meer bereist, aber nicht wie der geneigte Leser und ich: jede Reise wurde vorbereitet wie ein großer Feldzug, in winterlangen oder sommerlangen Studien lernten sie die Sprache des Landes, seine Geschichte, seine Kunst, seine Literatur, seine Gegenwart, alles gemeinsam. So haben sie, die schon gute Franzosen und Engländer waren, Italienisch, Holländisch,[215] Spanisch, Neugriechisch gelernt, in jeder dieser Sprachen reden sie mit den Landeskindern. Jetzt wollen sie ans Arabische gehn, da der schon betretene Orient sie weiter und weiter lockt.


»Ein paar Bundesleut' kenn' ich,

Ihr Bund, der ist stumm...«


Als mir diese Tutzinger Verse im letzten Winter wieder einmal vor Augen kamen, zugleich mit einer Fülle von Ansichtskarten, die mir die »Bundesleute« aus Ägypten schickten, da begann es in mir in demselben Versmaß zu denken, und dankbar glücklich summte ich's vor mich hin:


Auf dem Starnberger See

Ihr rudernden zwei!

Wie war euch so weh

Und so wohlig dabei.

Tief wohlig von innen,

Und ihr rein wie der Schnee;

Doch eu'r schweigendes Minnen

Dumpf hoffnungslos weh.


Nun zieht ihr Verbundnen

Von Meere zu Meer,

Ihr selig Gefundnen,

Wie Götter umher.

Ob Ebro und Jordan,

Ob Tiber und Nil,

Ob Elf auch und Fjord dann,

Ihr selbst euer Ziel!
[216]

Selbander zu wandern,

Die Welt euer Chor,

Und eines im andern

Zu wachsen empor;

Mit weltfrohen Händen

Zu greifen ihr Gold

Und in euch zu vollenden,

Was Gott hat gewollt!


Ihren elften Hochzeitsjahrestag feierten sie heuer bei mir; »Padre« war dabei, und meine Kinder, und drei meiner Nichten, die mein Leben mitleben und so auch diesen denkwürdigen »Fall«. In meiner dämmerigen Bücherei, die Tags das Licht einer »ewigen Lampe« erhellt, saßen und feierten wir bis tief in die Nacht; Goethe, Schiller, Shakespeare, aber auch Amor und Venus sahen auf uns nieder. Graf Bernhard, der glückliche Vater, zog ein Blatt hervor, auf dem er »Adolf den Stifter« angedichtet hatte; und sein Gedicht sagt alles so gut, es gibt so schön die Stimmung dieses Abends und den ganzen Inhalt dieses Schicksals wieder, daß ich es hier zum Abschluß niederschreibe, auf die Gefahr, dem und jenem für ruhmredig zu gelten.»Lebensvirtuos« werd' ich drin genannt. Ein guter Freund nennt mich so. Mögen mich zehn gute Feinde einen talentlosen Prahler nennen; dann ist's ausgeglichen!


»Im Glockenton die Schaumweingläser hallen,

Und Rosen blühen am Pokal empor,

Und Jubelrufe durcheinanderschallen:

Zwei Treuvermählten gilt der Freudenchor.

Elf Jahre sind's, daß sie selbander wallen,[217]

Und lange Jahre harrten sie zuvor,

Bis es der Herrgott just so eingerichtet,

Wie Adolf Wilbrandt es ihm vorgedichtet!


Der fand die zwei auf Dornenwegen schreiten,

Die scheue Maid vor Sehnsucht schier vergehn,

Den starken Mann, verschwiegen ihr zur Seiten,

Zerquält von ungesprochnen Liebeswehn –

Da dacht' er: ich will's in die Wege leiten,

Daß die sich kriegen, die sich so verstehn!

Der Welt tät' er die Herzensmäre künden

Und ihren Schluß nach Dichterrecht erfinden.


Da sahn die beiden, wie sie's machen sollen,

Und fröhlich fängt ihr Weizen an zu blühn,

Sie finden sich vortrefflich in die Rollen,

Die zage Maid, wie wird sie löwenkühn!

Und sieh! sie brauchen kräftig nur zu wollen

Und siegen, wie sie wollen, ohne Mühn,

Ja, lachend bald erkennen sie's am Ziele:

Brautvater selbst war mit im Kuppelspiele!


Nie hat ein Paar sich richtiger gefunden,

Den Stifter braucht die Stiftung nicht zu reun;

Wir sehn die zwei, zu ernstem Tun verbunden,

Sich aller Schönheit schwelgerisch erfreun,

Sie sammeln Schätze auf zu allen Stunden,

Die Tag für Tag sich mehren und erneun,

Und daß ihr Horizont sich nie verkleinert,

Wird wanderselig durch die Welt zigeunert. –


Mein Adolf! Schicksal in die Dichtung fassen

Ist der Poeten Brauch und schönes Los,[218]

Doch eine Dichtung Schicksal machen lassen,

Gelang nur dir, du Lebensvirtuos!

Galt's nur zwei Hälften aneinanderpassen,

Die gibt's gar viel – die Kunst wär' nicht so groß.

Du ließest uns – was selten ist auf Erden –

Zwei Ganze hier zu einem Ganzen werden!


Und mehr noch tatest du in diesen Tagen,

Da du so kühn den Zauberstab geschwenkt:

Du hast auch mich, den schweres Leid geschlagen,

Mit zarter Hand vom Dornenweg gelenkt.

Verklärter Schmerz hört auf, als Wurm zu nagen,

Der Meinen Glück, es ward auch mir geschenkt.

So sei der Dank dir dreifach heut verkündet:

Dem Dichter Heil, der so viel Heil gegründet!«


Ich bitte, gönnt mir dieses Glück!
[219]

Quelle:
Wilbrandt, Adolf: Erinnerungen. Stuttgart, Berlin 21905, S. 204-220.
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