Dritter Auftritt.

[146] Die Vorigen; Pausanias kommt den Felspfad herab; in griechischer Kleidung, vollbärtig, eine vergoldete Leier über die Schulter gehängt. Es ist dunkel geworden; nach einer Weile kommt hellster Mondschein.


APELLES flüchtig hinschauend.

Wer ist das? der Hirtenbub?

NYMPHAS.

Ein fremder Mann.

APELLES erstaunt.

Was führt ihn her in diesen

Verborgnen Winkel? – Frag ihn, was er will.


Nymphas geht dem Pausanias einige Schritte entgegen. Longinus erwacht, blickt verwundert umher.


Die Nacht ist da, Longinus. – Doch der Mond

Wird kommen; gestern war er voll.

LONGINUS nachsinnend.

Ja, gestern.

NYMPHAS zu Pausanias.

Sei mir gegrüßt. Was führt dich her?[146]

PAUSANIAS.

Die Wand'rung.

Fernher vom Euphrat komm' ich

NYMPHAS.

Du vom Euphrat?

Wie kommst du dann zu uns?

LONGINUS nach hinten deutend.

Dort liegt der Westen und

Damaskus, nicht der Euphrat.

PAUSANIAS.

Ich ging irre,

Will nach Palmyra; – doch ermüdet bin ich.

Wenn hier der Gast nicht unwillkommen ist,

So gönnt mir kurze Rast.

LONGINUS.

Der müde Wandrer

Wird nie vertrieben. Setz dich.

NYMPHAS.

Trink auch eins –

PAUSANIAS ablehnend.

Ich danke dir. Ich trank schon.

NYMPHAS.

Wo?[147]

PAUSANIAS.

Ich stieß

Auf eine Karawane, wohl mit fünfzig

Kamelen, die nach Norden zog, gen Sura.

Zu meiner Leier hörten sie ein Liedlein,

Lobten und labten mich, dann zog ich weiter.


Legt die Leier ab. Sie sitzen unter dem Kastanienbaum; nur Apelles steht noch seitwärts, in seine Gedanken versunken, dann den Mond betrachtend, der – unsichtbar, von rechts vorne – zu scheinen beginnt.


LONGINUS verwundert.

Ein fahrender Sänger bist du?

PAUSANIAS.

Wohl.

LONGINUS.

Und wanderst

Durch diese Wüste?

PAUSANIAS.

Will ans Meer; zur Heimat.

NYMPHAS.

Du bist ein Grieche?

PAUSANIAS.

Ja. Pausanias heiß' ich.

NYMPHAS.

Pausanias! Guter Name für den Sänger:

»Der Sorgenlöser«.[148]

PAUSANIAS dem Nymphas fest ins Antlitz blickend.

Ja, man kann mich auch

Den »Sorgenlöser« nennen.

NYMPHAS.

Wenn du nicht

Zu sehr ermüdet bist, sag' mir noch eins.

Du kommst vom Euphrat; was erfuhrst du dort

Vom Heereszug des Kaisers Julianus?

PAUSANIAS.

Ich sah den Kaiser

NYMPHAS steht vor Ueberraschung auf.

Du?

PAUSANIAS lächelt.

Wie sollt' ich nicht? –

Ich kreuzte seinen Zug. Die Götter hatten

Ihn schwer getroffen: er, der große Feldherr,

Siegreich in West und Ost, daß schon die Schmeichler

Mit Herkules und Bacchus ihn verglichen,

Die West und Ost bezwangen, – er, am Tigris

In seines Feindes Hauptstadt Ktesiphon,

Er muß zurück! Es lockt ihn unterwegs

Ein schurkischer Ueberläufer in die Wüste,

Wo Sand und Glut und Durst und Perserpfeile

Das Heer verzehren; und der Siegesmarsch

Wird Irrfahrt, Rückzug. Doch in dieser Not

Bewährt sich nun der edle Held! Geduldig,[149]

Enthaltsam, weise, tapfer – Ich erlebt' es,

Als ich ihn sah. Er saß vor seinem Zelt,

Feldherrn und Krieger um ihn her; von Siechtum,

Das ihn befallen, war sein Antlitz bleich

Und mager, gelblich, und die Schläfen grau;

Doch dunkles Feu'r im Aug', hoch ausgerichtet,

Als läg' der Perser eben ihm zu Füßen,

Wie auf dem Throne saß er, und die Stimme,

Noch leidend, klang doch wie Trompeten durch

Die klare Wüstenlust. Und sind wir erst

In Syrien wieder sprach er, da ich's hörte,

So rollen wir das Rad! Die Glückesgöttin

Des alten Rom soll wieder oben stehn;

Der Götter Feinde nieder in den Staub!

NYMPHAS der dem Bericht mit lebhafter, wechselnder Bewegung – wieder sitzend gehorcht hat, springt unwillkürlich auf.

Schlag zu! Schlag zu!

LONGINUS fährt zusammen.

Was ist –?

APELLES hat etwas seitwärts gesessen, vor sich hinblickend; schaut betroffen auf.

Wie wird dir, Nymphas?

NYMPHAS faßt sich, sucht zu lächeln.

Vergib. – Mir fuhr's hinunter in die Glieder –

Und dann zur Zung' hinauf. – Ich bin schon wieder

Des Philosophen Schüler.


Zu Pausanias.


Wie verließest

Du dann den Kaiser?[150]

PAUSANIAS.

Jenen Abend noch –

Dies war das letzte – da sein Aug' mich sah,

Ließ er mich rufen: spiel und singe mir!

Ich that's – und ihm gefiel's.

NYMPHAS.

Der Kaiser, sagst du!

Hier diese Leier hat vor ihm erklungen –

PAUSANIAS.

Ja; vor dem großen Julianus.

NYMPHAS.

Laß mich

Die Leier sehn!


Nimmt sie in die Hand; fährt einmal über die Saiten.


Ich bitt' dich, spiel auch mir

Dasselbe Lied!

PAUSANIAS.

Gewiß. – Ein Lied von eurem

Adonis, doch im griechischen Geist gedichtet.

Wie zwischen Unterwelt und Oberwelt

Adonis wechselt, nach der Götter Willen –

NYMPHAS.

Das sing' auch ich.

PAUSANIAS.

So singe du; ich spiele.[151]

NYMPHAS nach kurzem Vorspiel des Pausanias, singt.

Also will's der ewige Zeus: du mußt nun

Niedersteigen unter die blühnde Erde,

Mußt die dunkle Persephoneia küssen,

Schöner Adonis.

APELLES horcht eine Weile gleichmütig sich der Stimme des Nymphas freuend; dann befremdet, erregt. Für sich.

Was für ein Saitenspiel ist das? – So spielt

Nur Einer, den ich hörte –

NYMPHAS beginnt die zweite Strophe.

Wenn im Lenz dann wieder die Quellen rauschen –

APELLES ist aufgesprungen, tritt vor Nymphas hin.

Schweig! Du bist – –

Nun kenn' ich dich!


Longinus und Nymphas schauen verwundert auf; Pausanias rührt sich nicht.


PAUSANIAS.

Wer bin ich?

APELLES.

Schweig, du Unhold!

Nenn deinen Namen nicht! nicht du, noch ich.

Doch diese Leier, die mein Haß verfluchte,

Nimm sie und geh!

PAUSANIAS.

Du irrst –[152]

APELLES.

Hinweg!

PAUSANIAS steht auf.

So geh' ich; –

Doch irrst du. Sahst du mich doch nie. Was schiltst

Du diese Leier; ist sie doch nicht anders

Als andre; schau sie an. Und wenn ihr Spiel

Dem Jüngling dort gefiel –


Nymphas nickt.


APELLES sieht es; entsetzt sich.

Hinweg mit dir!


Da Nymphas ihn befremdet und fragend anblickt, sucht er sich zu fassen. Ruhiger.


Laß ihn und uns; geh nach Palmyra weiter –

Und kehr' nicht wieder!

PAUSANIAS.

Wohl denn; nach Palmyra. –

Doch mich verkennst du –


Auf eine Bewegung des Apelles.


Doch ich schweige. – Hell

Scheint mir der Mond. Lebt wohl!


Geht vorne rechts ab. Apelles schaut ihm nach, bis er verschwunden ist. Nymphas betrachtet schweigend Apelles; legt ihm endlich schüchtern eine Hand auf den Arm.


NYMPHAS.

Was ist dir, Vater

Apelles –

APELLES.

Laß.


Für sich.


Nun ist er fort.[153]

LONGINUS.

Du sagst,

Du kanntest diesen Mann?

APELLES.

Ich sah ihn einst – –

Vielleicht auch irrt' ich. Laßt es, wie es ist.

Mög' ihn sein Weg denn nach Palmyra führen.

Spät ist's, Longinus. Deine Zeit ist kommen.

Ich führe dich ins Haus.

LONGINUS lehnt sich auf Apelles, um zu gehen.

Er spielte gut,

So deucht mir –

APELLES fährt zusammen.

Laß ihn; geh!

LONGINUS lächelt gutmütig.

Ei doch, wie herrisch. –

Du folgst uns, Nymphas?

NYMPHAS aus seinen Gedanken geweckt.

Bald. – Die Nacht ist schön,

Mein Geist noch schlaflos.

APELLES von seiner Bewegung übermannt.

Nymphas!

NYMPHAS.

Rufst du?[154]

APELLES faßt sich; ruhig.

Nein. –

Wir sehn uns noch.

LONGINUS an der Hütte.

Schlaf wohl!

NYMPHAS.

Schlaf wohl!


Longinus und Apelles ab in die Hütte.


Quelle:
Adolf Wilbrandt: Der Meister von Palmyra. Stuttgart 61896, S. 146-155.
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