Fünfter Auftritt.

[157] Nymphas; Apelles aus der Hütte.


APELLES sieht dem Fliehenden mit banger Unruhe nach.

Nymphas!

NYMPHAS mit unsicherer Stimme.

Mein Vater!

APELLES.

Wer war hier? Wer steigt dort

Zur Schlucht hinab? Der – Grieche?

NYMPHAS.

Nein.

APELLES.

Der Sänger?

Bei allen Göttern, sag's!

NYMPHAS.

Ich sagte: Nein.

Was macht ihn dir so schrecklich –[157]

APELLES aufatmend.

Still. – Er war's nicht; –

Wer dann? Wer sprach mit dir? Zu dieser Stunde,

In unsrer Einsamkeit?

NYMPHAS zögernd.

Vergönne mir,

Zu schweigen.

APELLES eine Weile stumm.

Nymphas! Nymphas!

NYMPHAS beklommen.

Zürnst du mir,

Vater Apelles?

APELLES.

Dahin kam's denn also?

Ein erst Geheimnis zwischen dir und mir?

Dies Seelenbündnis, innig wie kein andres,

Doch halb nur, wie sie alle?

NYMPHAS.

Vater!


Tiefbewegt, will reden; hält wieder inne.


APELLES.

Ja,

Du schweigst noch immer. – Laß denn mich dir's sagen,

Denn nun errat' ich's. In Palmyra streiten

Die Weißen und die Roten – oder wie[158]

Die Farben der Parteien diesmal heißen.

Und du, du streitest mit!

NYMPHAS nach kurzem Zögern.

Und mußt du so

Verächtlich davon reden? Wenn wir streiten

Um das, was heilig ist? Wenn wir dem Kaiser

Mitstreiten wollen, ihm vollbringen helfen,

Was er zum Heil der Welt erschaffen will?

APELLES.

Es ist! Es ist so! – Du!

NYMPHAS.

Warum nicht ich?

Bin ich nicht auch ein Jüngling meines Volks? –

Hast du's erraten, will ich auch nicht schweigen;

Vor dir zu heucheln, drückt mir längst die Brust.


Bittend.


Laß mich! Ich muß hinunter nach Palmyra –

APELLES.

Noch heut?

NYMPHAS.

Noch heut.

APELLES.

Des Kaisers Feinde töten –

NYMPHAS.

Wir töten niemand, der nicht sterben will.

Doch unsre Feinde – sind's doch auch die deinen[159]

Sie sind noch Herrn und sollen's nicht mehr sein!

Noch herrscht der Christen Bischof in Palmyra;

Der weibische Prätor dient ihm. Beide fangen

Wir diese Nacht und bannen sie hinweg,

Verkünden Freiheit und die alten Götter!

APELLES.

Und Bischof, Prätor werden willig gehn?

NYMPHAS.

Die Truppen alle sind in Persien.

Das Volk ist uneins – und der Feige fällt

Dem mutigen Sieger zu!

APELLES.

Und warum harrt ihr

Auf Julianus nicht, daß er euch bringe,

Was ihr begehrt?

NYMPHAS.

Der Kaiser ist zu milde,

Behutsam –

APELLES.

Weise –

NYMPHAS.

Und er harrt vielleicht,

Daß ihm die Völker, selbst sich regend, helfen:

Groß ist der Christen Macht. Gutheißen wird er,

Was wir vollbringen, und das Werk uns segnen![160]

APELLES.

Und wenn er stirbt? und wieder Christenkaiser

Im Reich gebieten? – – Kind! O Kind! Wollt ihr

Das Rad zurückdrehn? Hörst du nicht das Sausen

Des Windes, der es rollt? – und siegtet ihr

Auch heut für Einen Tag, wie wird er enden?

Auch wir befreiten einst die Stadt der Väter,

Wir schufen neues Recht für alle; doch

Weil Menschen Menschen sind, ward unser Werk

Bald faul, verderbt und nichtig gleich dem Alten.

»Zum Heil der Welt!« O Kind! Wie ist die Welt?

Sie steinigt heute den und morgen jenen.

Laß deinen Wahn und bleib!

NYMPHAS.

Vergib! Ich ehre

Dein Wort wie das der Götter; – doch ich muß

Hinab, ich hab's geschworen.


Will gehen.


APELLES.

Nein! Nein! Nein!

Ich laß dich nicht!


Tritt ihm in den Weg.


O Nymphas! Sieh mich an!

Auf dieser Erde hab' ich nur noch dich,

Nur dich – und du willst gehn und dich verderben.

Ja, dich verderben! Das Adonis-Lied

Tönt mir im Ohr noch, und das Spiel des Todes. – –


Abbrechend.


O bleib mir Kind! Ein Todesgranen bebt mir

Durch diese starre Brust. Du warst das Beste,

Holdeste, Liebste mir, das reinste Glück,

Die Sonne, die mir nie versank! Dich ließ[161]

Mir deine Mutter – und der Mutter Mutter,

Die bald der Gram erlöste – dich, ihr Abbild,

Doch angestrahlt vom goldnen Sonnenlicht

Taghellen Frohsinns, holden Ebenmaßes,

Drin jeder Makel wegschmolz; – ach, mein Nymphas,

Was preis' ich dich! Dein helles Auge sieht

Und weiß, was du mir bist. Und jetzt erhebt sich

Dein edler Geist auf seiner Jugend Flügeln

Und flattert mir hinweg, dem Abgrund zu; –

Doch nein, ich duld's nicht! Mit dir leben will ich

Und mit dir sterben, doch nicht um dich weinen!

NYMPHAS sinkt ihm ans Herz.

O du mein Vater! und mein Gott auf Erden!

Doch laß mich, laß mich; denn ich muß hinab.

Mich ruft die Ehre – und die Götter rufen –

APELLES hält ihn fest.

Nur einer ruft: der Tod!

NYMPHAS.

Ich hab' geschworen;

Soll ich meineidig werden?


Ein Feuerschein, allmählich wachsend, fällt von rechts auf die Bühne.


Götter! Weh mir!

Es leuchtet schon das Zeichen durch die Nacht.

Ich muß, ich muß! Fahr wohl!


Reißt sich los.


APELLES wild.

Nun denn, so ruft

Auch mich, ihr Götter – mich mit meinem Nymphas! –[162]

Dich laß ich nicht! Hinab denn! Edle Tollheit,

Nimm auch den Vater hin; mein Kind will ich

Beschützen, mit ihm siegen oder sinken!

Apelles von Palmyra schwingt noch einmal

Das Schwert für seine Götzen oder Götter;

Das Feuer ruft; hinab!

NYMPHAS.

Du willst, mein Vater –

APELLES.

Mein Schwert! Mein altes Schwert!


Reißt die Thür der Hütte auf, tritt hinein. Nymphas eilt zu dem Felsstück, hinter dem sein Schwert liegt, hebt es auf.


LONGINUS in der Hütte, unsichtbar.

Was gibt's? – Apelles!

APELLES tritt wieder hervor, mit seinem Schwert.

Es wächst der Schein. Und uns das Herz. Hinunter!

»Der Götter Feinde nieder in den Staub!«


Stürmt mit Nymphas hinweg, nach rechts.


LONGINUS in der Hütte.

Apelles! – Nymphas!


Quelle:
Adolf Wilbrandt: Der Meister von Palmyra. Stuttgart 61896, S. 157-163.
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