Siebenter Auftritt.

[41] Gracchus, Sclaven, Licinnia hat sich auf den Sockel der Bildsäule des Tiberius gesetzt und starrt mit schmerzlichem Ausdruck vor sich hin; später Cornelia.


GRACCHUS ohne Licinnia zu sehen. Der Feuerstrom fließt dahin! Fließt durch die Nacht. Nun, so mag er fließen, schwellen und alle Dämme zerreißen!

LICINNIA. Und unsre Herzen dazu – und dann Frieden im Grab!

GRACCHUS betroffen. Wer spricht da? – Licinnia? Du noch hier? Winkt den Sclaven, zu gehn. Schließt die Thür! Sie verschwinden nach hinten, lassen den Teppich nieder. Nur ein Paar Fackeln brennen, an der Wand befestigt, neben dem Altar. Was giebts; was willst du?

LICINNIA. O Gajus, Gajus! Steht auf.

GRACCHUS. Warum rufst du mich so kläglich an? Sucht zu lächeln. Liebes, thörichtes Weib! Statt den Göttern zu danken, daß ich so unverletzt und aufrecht vor dir stehe, daß mich diese scharfen, langen Dolche nicht trafen? – Geh, laß im Speisezimmer die Tafel rüsten: ich esse heute mit dir und der Mutter zu Nacht.

LICINNIA. Mit diesem sanften Lächeln – indeß deine Augen glühn – schickst du mich hinaus; jetzt, in dieser Sunde! da es mich schaudernd und bangend dir aus Herz zieht –

GRACCHUS nimmt ihre Hände. Ich verstehe dich nicht: wovor schauderst du? Soll meine Mutter dich schelten, du verzagtes Herz – – Meine Mutter – wo bleibt sie? Hat der blutige Spuk dieser Nacht sie nicht hergeschreckt –[41]

LICINNIA. Drüben bei deiner Schwester ist sie, in des Scipio Haus. Euporus wird sie rufen – – O Gajus! Mein Gemahl! Schick mich nicht hinaus. Laß mich deine Hände halten, dir in die starren Feueraugen sehen – die Gedanken errathen, die in den tiefen Runzeln deiner Stirn wie Nachtvögel brüten. Mit tiefem Schmerz. Du lebst, du lebst – und doch ist mir, als müßt' ich dich beweinen! Gracchus der große Volkstribun steht vor mir da: Gajus der Gemahl ist mir gestorben!

GRACCHUS mühsam. Was willst du; wie meinst du das? Sie bricht plötzlich in Thränen aus, schluchzt und bedeckt ihr Gesicht. Licinnia! Du weinst?

LICINNIA. Ich sehe dich an – und es faßt mich so! Es ist heute der Tag – doch du denkst nicht dran – unser Hochzeitstag! Da ich über deine Schwelle trat – – O Gajus! du liebst nicht mehr dein Weib – du liebst deinen Haß und deine Rache!

GRACCHUS erschüttert. Licinnia! Bei allen Göttern, was sprichst du!

LICINNIA sieht mit aufgeregten Augen umher und auf die Statuen hin. An jenem Hochzeitstag – damals, damals begann es!

GRACCHUS. Was begann? – Du bist außer dir! Hebe nicht so die Hände, Licinnia! Was begann?

LICINNIA. O du, den ich anbetete wie einen Gott – als der goldene Abendstern heraufging und die Mädchen dich hereinriefen zu deiner lächelnden, weinenden Braut – und ich bei Fackeltanz und Flötenspiel im Festzug wie trunken neben dir dahinging! Und endlich stand ich hier in deiner Halle, mit dir allein. Und du nahmst mich bei der Hand und sagtest: Das, Licinnia, sind meine Todten: Auf die Statuen deutend. das mein Vater, der edle Sempronius, – und das mein Bruder Tiber! – Und wie du das sagtest, zuckten[42] dir die Lippen. Ich sah es – und küßte dich. Doch du seufztest tief, führtest mich weiter in das Brautgemach; verstohlen bebte deine ganze Gestalt. Und wie ich dich nun im Schein der Lampe dastehen sah: bleich und still wie ein Geist, augenlos in das Leere starrend, geheime Worte auf den Lippen, die ich nicht verstand – Damals, damals begann es!

CORNELIA ist hastig von rechts eingetreten, sieht die Beiden und bleibt neben dem Teppich stehn.

GRACCHUS starrt vor sich hin. Es war meines Bruders Geist, der vor mir stand! Er blickte mich an, und mir schien's, als sage sein drohendes Gesicht: Warum feierst du Feste, Gajus? Dein Leben ist mein, dein Geschäft ist Rache!

LICINNIA auf Tiberius' Statue deutend. Dir stand sein Bild noch in den Augen; dich verstörte die Nacht. Wirft sich plötzlich vor ihm hin. Gajus! Tödte mich nicht! Sei ein Mensch wie wir – und entsage der Rache!

GRACCHUS. Steh auf, steh auf! Wie, ist das dein Platz? Will sie, voll Bewegung, in die Höhe ziehn; sie wehrt es ab. Licinnia! Wenn meine stolze Mutter sähe, daß ein Weib vor einem Manne kniet!

CORNELIA tritt vor; Gracchus steht überrascht. Mit düsterer Ruhe. Du irrst. Und müßt' es sein, deine eigene stolze Mutter wollte sich hier in den Staub werfen und rufen: Kind, Kind, halt ein! Was für ein Dämon ist in dich gefahren?

GRACCHUS. Was für ein Dämon? Ich verstehe dich nicht –

CORNELIA. »Rache für Tiberius Gracchus!« ruft es auf den Straßen. »Seinen Bruder Gajus wollten sie ermorden, seht hier die Leiche des Mörders; – sein Bruder Gajus wird dafür den ganzen Senat vernichten mit Feuer und Schwert! Rache hat er geschworen; hört's, ihr römischen Bürger!« Und die blutige Leiche[43] tragen sie umher, schwenken ihre Fackeln, ziehn wie Furien, die sich in Männer verkleidet, mit einem feierlich eintönigen Eulengesang die heilige Straße hinab. Ich stand vor Scipio's Thür – sah ihnen nach. Gajus! Gajus! Starre nicht so vor dich hin. Das ist dein Werk! Dieser Mörder kam dir zur rechen Stunde: wie eine Brandfackel wirfst du ihn wieder auf die Straße hinaus! Nicht Frieden und Freiheit zu bringen, zogst du von Sardinien heim; ich seh's, wie es enden soll: mit Blut, Frevel und Schande!

GRACCHUS auffahrend. Mit Schande – wer sagt das? Wer darf mir das sagen – Sich fassend. wer, als meine Mutter? – Wie es enden wird, wissen die Götter allein. Blut ist geflossen bei meines Bruders Tod, Blut kann wieder fließen; doch müßt' ich auch untergehn, würd' ich ohne Schande fallen, wie mein Bruder Tiber!

LICINNIA seine Hand ergreifend. Fallen! Untergehn! – Nein, nein, lebe für uns und entsage der Rache!

GRACCHUS. O ihr – – Still! Leben, athmen, ohne daß seine Mörder büßen, ohne daß ich sie richte! Was bin ich, wenn ich Tiberius nicht rächen kann? Ein Nichts, nicht werth, daß ich mich ankleide oder schlafen lege; eine Schmetterlingslarve, die in ihrem Sarg vom Fraß ihrer Raupentage träumt; – ein Geschöpf, zu zwecklos, um's auch nur zu verachten! Tritt in wachsender Erregung auf Tiberius' Statue zu. Nein, nein, nein, Tiberius – ich zögere nicht! Ein Todtenopfer will ich dir anzünden, wie nicht Achilles für Patroklus gethan! Mit aller ihrer Macht in den Staub gedrückt, sollen sie dem Blutgericht verfallen, oder die Furien mögen mich über die Erde verfolgen!

CORNELIA. Götter, hört ihn nicht an! Ich, seine Mutter, ich, ich widerruf' es!

GRACCHUS. Du bist Tiberius' Mutter und wehrst mir, ihn zu rächen?[44]

CORNELIA. O Kind, Kind! ich bin nicht in einer menschenlosen Wüste allein. Unsern alten, heiligen Staat mußt du vernichten, den furchtbaren Bodensatz des Volks emporwühlen, den Aufruhr loslassen wie ein wildes Thier, wenn meines Sohns Tiberius Tod gesühnt werden soll. Bin ich nur seine Mutter – bin ich nicht die Tochter dieser Stadt? Tage und Nächte hab' ich um ihn geweint wie ein Kind: lieber will ich um ihn weinen bis an meinen Tod, als auf den Trümmern Roms über die Vergeltung seines Untergangs jauchzen.

GRACCHUS verwirrt. Mutter, – was sprichst du da? Du, die du ihn liebtest – die du dein Haupt über allen Römerinnen in den Wolken trugst –

CORNELIA. Damals – o Zeus! Als dein Bruder Tribun ward und das Volk ihn liebte, da wußt' ich noch nicht, was Zittern und Bangen sei: nur mein unsäglicher, unerschöpflicher Mutterstolz schwellte mir das Herz! In wachsendem Schmerz. O, ich war eitel, eitel wie Niobe! Ich jauchzte ihm zu, segnete ihn, betete ihn heimlich an wie einen Halbgott, den ich den Römern geboren – dachte nie, wie es enden könnte! Vor sich hinstarrend. Sein Tag kam; er starb. – Gajus! mein Sohn! Du, mein Letzter, mein – Höchster, sollst mir nicht untergehn wie er! Lebe für uns und entsage der Rache!

GRACCHUS mit seiner Erschütterung kämpfend. Was will ich denn? Ich will Rom befreien und Tiberius rächen!

CORNELIA. Kann das mit Freiheit enden, was mit Rache beginnt? Er verwirrt sich, schweigt. Gajus! Soll unser Haus zum Fluch werden in Rom? Sollen die Steine sich vor mir aufrichten, wenn ich durch die Straßen schreite, und mir entgegenschreien: du, du hast uns die falschen Befreier, die echten Verderber geboren? – Gedulde Dich wenigstens, bis ich's nicht mehr fühle! Wenn ich im Grabe bin, thu was du willst; gieße das Todtenopfer über mir aus, ruf' irgend einen Dämon als Vater[45] und Mutter an, und dann hebe die Fackel, Rom in Flammen zu setzen! Doch so lang' ich noch athmen und weinen kann, schone mein graues Haupt. Alle meine Söhne liegen unter der Erde; soll der letzte mich durch sein Leben elender machen, als sie allesammt durch ihren Tod?

GRACCHUS. Mutter! Mutter! Was willst du? Was soll ich thun?

CORNELIA. Was du thun sollst? Der Wohlthäter Roms, nicht sein Verderber sein; heilen, nicht rächen. Es sind auch edle Männer unter deinen Feinden: Metellus, Scipio – die Ersten und die Besten im Senat – wenn sie sehen, daß du für Rom lebst und nicht für dich selbst, werden sie dich segnen, deine Freunde werden. Der Gemahl deiner Schwester, dein Feldherr von ehedem, der Mann, den du verehrt hast von Jugend auf, Scipio Africanus kommt aus Spanien zurück; – kommt, weil meine heimlichen Briefe ihn beschworen. Er blickt sie befremdet an. Deiner Mutter Briefe; ja, du hörst; ich bekenn' es. Er wird kommen, Gajus; und findet er dich gut, groß und edel gesinnt, so bezwingt er sich, reicht dir die Hand zum Frieden, und ihr Beide steht da als die Säulen Roms. Gajus, mein einziger – Sich in Rührung und Scham zur Seite wendend. mein vergötterter Sohn – bezwinge du dich auch! Verewige nicht den Bürgerkrieg, der mit Tiber begann: sei größer als Dein Haß, gieb uns Frieden! Du hast zwei Mütter, denen Du's schuldig bist: Rom und ich, wir haben dich geboren!

GRACCHUS zerschmolzen. O Mutter – o Weib! – – Ja, beim Zeus, ihr habt Recht: es ist etwas krank in mir. Mein Blut läuft zu rasch; in diesem blasenwerfenden Hirn Tag und Nacht keine Ruhe. Wär' ich ruhiger, würd' ich auch sanfter sein! In plötzlicher heftiger Bewegung. Mutter – ich kann nicht knien, aber hier nimm meine Hand! Dein letzter Sohn soll dir nicht ins Herz stoßen; ich will – wie sagtest du – ich will »heilen, nicht rächen«; will größer sein als mein Haß Die Hand am Herzen. und diesen Abgrund verschließen![46]

CORNELIA. O mein Sohn!

GRACCHUS. Laß Scipio kommen; ich will weise sein, es soll gut werden, soll Frieden werden in Rom. Ich gelob' es euch. Eines Tages sollen sie sagen: Gajus Gracchus hat uns Auf Tiber's Statue blickend. sein Herz zum Opfer gebracht, und sein Opfer ward von den Göttern gesegnet! – Das sei meine Rache!

CORNELIA gerührt. Gajus! ich segne dich!

LICINNIA in Seligkeit. Mein Gajus Gracchus! Wirft sich vor ihm hin, drückt seine Hand an ihr Antlitz. Das ist mein Hochzeitstag!


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Adolf Wilbrandt: Gracchus der Volkstribun. Berlin [1872], S. 41-47.
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