Achter Auftritt

[35] Ale Schmalenbach ist während des letzten von außen an die Gittertür gekommen, steht dort, mit dem Rücken an den Pfeiler gelehnt, eine Tabakpfeife zwischen den Zähnen hängend.


ALE. Nanu? Wem wird denn da bravo geklatscht?

ILEFELD leise zu Lene. Nu kommt Lumpenonkel.

FRAU SCHMALENBACH. Herrn Ilefeld; wem denn sonst?

ALE kommt langsam näher. So – –?

LENE. Weil er doch ein Büttgeselle is?

ALE. Darum bravo? Is das so was Apartes?

LENE. Ein Büttgesell is ein Schöpfer![35]

ALE. Was denn sonst noch?

LENE. Das werden Sie doch wohl wissen, Onkel Ale, daß er das is.

FRAU SCHMALENBACH. Na weeßt du, Mädchen, dir hat aber Herr Ilefeld schon jehörig in Galopp gebracht, wie mir scheint.

LENE. Aber Mutter, man wird doch vergnügt sein dürfen?

ALE. Vergnügt? Warum denn?

ILEFELD. Mit Exküse, Herr Schmalenbach, warum denn nich vergnügt?

ALE. Warum? Er grunzt etwas vor sich hin. Was das nu wieder for ene Frage is.

ILEFELD. Ick meene man, wenn jemand nich zufrieden is, na, denn muß er doch 'nen Jrund haben, worum daß er's nich is?

ALE zwischen den Zähnen murmelnd. Dämlicher Jelbschnabel.

ILEFELD halblaut für sich. Oller Lumpenmantscher.

ALE. Vergnügt – bei die Zeiten – und bei die Verhältnisse und – und die Lage der Arbeiter – na ick sage man bloß – Er nimmt die Pfeife aus den Zähnen und spuckt aus.

LENE steht auf. Aber Onkel – hier in den herrschaftlichen Garten – Sie schaufelt mit dem Fuße Sand über den Auswurf.[36]

ALE. Ach so – na ja freilich – man is ja bloß en Arbeiter.

LENE. Na? Es is wohl etwa nich recht von den Herrn, daß er Muttern erlaubt hat, sich hier 'reinzusetzen in den Jarten?

ALE. Na ja – is ja schon jut.

ILEFELD. Wenn ick man bloß wüßte, Herr Schmalenbach, wat Ihnen die Zeiten getan haben?

ALE. Wat mir – die Zeiten getan haben.

ILEFELD. Und wat Sie von die Verhältnisse wollen? Es jeht uns doch hier wahrhaftig nich schlecht.

ALE. Na – jeder muß ja wissen, wieviel daß er wert is.

ILEFELD. Det stimmt.

ALE. So –? Stimmt det?

ILEFELD. Ick weeß, daß, wenn ick mir dran halte, ick für den Tag meine sechs Mark verdienen kann. So viel also bin ick wert.

FRAU SCHMALENBACH. Nu sagen Sie mal, Herr Ilefeld? Sechs Mark?

ILEFELD. Frau Schmalenbachen, das will ich Sie vorrechnen: for een Ries krieg' ick eene Mark, und wenn ick im Zuge bin, schaff' ick auf'n Tag sechs Ries.[37]

LENE klatscht in die Hände. Herr Ilefeld! Das is ja aber janz riesig!

ILEFELD mit einem leuchtenden Blick auf Lene. Und das kann ick Sie sagen: so wie jetzt, bin ick überhaupt noch nie im Zuge gewesen!

LENE erwidert seinen Blick, steckt den Zipfel ihrer Schürze in den Mund und kichert vor sich hin.

ALE hat die Hände in die Hosentaschen gesteckt und ist wütend auf und ab gegangen. Und das kann ich Sie sagen, Herr Ilefeld – Sie – Sie sind überhaupt noch ville zu jung.

ILEFELD. Zu was?

ALE. Zu was – wat Sie jelernt haben, wissen Sie, das habe ick schon lange wieder verjessen!

ILEFELD. Das wäre schade, Herr Schmalenbach.

ALE. Selber schade! Er holt aus der Rocktasche ein Zeitungsblatt hervor. Sie lesen ja nich mal die Zeitung nich!

ILEFELD. Wenn man hinter seine Arbeit her is, denn hat man dazu schlecht Zeit.

ALE. Wie soll man sich denn da überhaupt mit Sie unterhalten können?

ILEFELD. Ick hab' Sie ja jar nich dazu invitiert, Herr Schmalenbach.

ALE. Sonst würden Sie wissen, wie die Zeiten sind, und wie die Verhältnisse sind und – und die Lage der Arbeiter – aber von dem allen verstehen Sie ja rein nischt![38]

ILEFELD. Aber mein Handwerk versteh' ick; das kann ick Sie versichern.

ALE. Das verstehen andre auch.

ILEFELD. Möglich; aber es jibt heut unter die Arbeiter sehr ville, die viel besser in die Zeitung Bescheid wissen als in ihr Handwerk.

ALE. So? Meenen Sie?

ILEFELD. Nee, des weeß ick.

ALE. Allens quatsch.

ILEFELD. Und jrade die, die mit's Maul am mehrsten vorneweg sind, die sind gewöhnlich bei de Arbeit am mehrsten dahinten.

ALE. Und wer immer zufrieden is, der is wie'n Jaul vor'n Sandkarren; wenn man dem Stroh hinschmeißt und sagt: »Es is Hafer«, er frißt es und jlobt's.

ILEFELD. Und wer immer nur schimpft, und nich weeß, warum daß er schimpft, der is wie'n Esel, der immer iah schreit, bloß weil er nischt anderes weeß.

ALE. Aber so is es mit die Handarbeiter! Das hält sich immer für janz was Extraordinäres, das hat keenen Kohrdespri!

ILEFELD. Ick arbeite in eine Fabrike, und die Fabrike, die ernährt mir, und darum arbeete ick for die Fabrike so gut als ich es verstehe, und das is mein Espri.[39]

ALE. Und det kann ick man sagen: die Jedanken, die Sie sich aus Ihre Bütte geschöpft haben, det sind faule Jedanken.

ILEFELD. Und die Jedanken, die Sie sich aus Ihre Lumpen zusammensortiert haben, des sind muffige Jedanken.

LENE steht auf, geht zu Ilefeld und sagt leise, mit unterdrücktem Lachen. Jott, Paul, sind Sie doch man stille; der kriegt ja noch die Krepanze vor Wut.

ILEFELD ebenso zu Lene. Lassen Sie man, der is wie 'ne Lokomotive, das muß immer pfauchen und spucken. Eine Glocke läutet hinter der Szene. Na, nu jeht's an die Arbeit – Fräulein Schmalenbachen, kommen Sie mit?

LENE. Ja ick komme mit.

FRAU SCHMALENBACH. Aber Mädchen, du hast ja jar nichts zu suchen – in de Fabrike? Du sollst ja im Haus aufwarten?

LENE kichert zu Ilefeld, in dessen Arm sie sich gehängt hat. Jott, Paul, was sage ich denn nu rasch?

ILEFELD. Wissen Sie, Frau Schmalenbachen, sie kommt jleich nachher retour; es is nur, weil da eine Neue in die Fabrike jekommen is, und der soll sie zeigen, wie man das macht, daß man die Bogen auf die Leine hängt.

LENE drückt Ilefelds Arm. Ja siehste Mutter, dazu is es.

FRAU SCHMALENBACH. Daß du mir nur bald retour kommst; mehr sage ich nich.

ILEFELD. Keene Sorge, Frau Schmalenbachen, und adjes och.[40]

LENE huscht rasch zur Mutter, küßt sie. Adjes Mutter – Sie knickst lachend gegen Ale. adjes, Onkel Ale! Ilefeld, Lene am Arm, geht mit ihr durch die Gittertür ab; sie flüstern, kichern, drücken sich Arm an Arm.

ALE sieht ihnen nach. Na nu? Die zwee beeden?

FRAU SCHMALENBACH. Ja, die zwee. – Was hat Ihnen der Mann eigentlich getan?

ALE grunzt etwas Unverständliches.

FRAU SCHMALENBACH. Was sagten Sie?

ALE. Eigentlich weeß ick das selber nich – aber – er is immer so vergnügt.

FRAU SCHMALENBACH. Das is doch kein Malör.

ALE. Ich kann nu einmal die vergnügten Menschen nich leiden.

FRAU SCHMALENBACH. Das is doch aber nich recht?

ALE. Ach was; dem jeht's immer so jut. Aber als wie ick – immer mit die ollen Lumpen – det is so 'ne schwierige Jeschichte, sehn Sie – immer sortieren und nischt als sortieren – ob Leinewand oder Boomwolle – da schrumpelt man schließlich ein wie so'n oller Lappen Boomwolle Geht brummend auf und ab. – na, nu werd' ick man jehn – es wird Zeit – mo'jen.

FRAU SCHMALENBACH. Mo'jen.


Ale geht langsam durch die Gittertür ab.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 10, Berlin 1911–1918, S. 35-41.
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