Fünfter Auftritt

[83] August kommt von rechts. Er trägt einen kleinen Strauß von ausgesucht schönen Rosen in der Hand.


AUGUST. Nein, Helene, gehen Sie nicht davon.

LENE hält die Hand auf der Türklinke, beugt das Haupt auf die Hand nieder.

AUGUST ist bis in die Mitte des Zimmers gekommen. Kommen Sie, geben Sie mir die Hand. Er streckt die Rechte nach ihr aus.[83]

LENE schüttelt stumm das Haupt und drückt das Gesicht tiefer in den Arm.

AUGUST. Fürchten Sie sich doch nicht, Helene; ich tue Ihnen nichts zuleide.

LENE löst sich langsam von der Tür, kommt abgewandten Hauptes zu ihm heran und legt zitternd ihre Hand in die seinige.

AUGUST. So kalte Hände – und geweint haben Sie auch.

LENE wischt mit der freigebliebenen Hand übers Gesicht. Ne – ne –

AUGUST. Ich seh's ja; es ist ja auch ganz natürlich. Lenchen, mein liebes, liebes Kind – nun soll es die Aufgabe meines Lebens sein, dafür zu sorgen, daß Sie nie mehr zu weinen brauchen, wenigstens nicht aus Gram, den Ihnen Menschen bereiten – Lene steht regungslos, gesenkten Hauptes. nehmen Sie die Blumen hier – ja? Bitte. Er hält ihr die Rosen hin, Lene hebt zögernd die Hand, nimmt die Rosen.

AUGUST. Machen sie Ihnen Freude?

LENE sieht auf die Blumen nieder, haucht. Ja – danke.

AUGUST breitet die Arme aus. Lenchen, komm zu mir – laß mich die Arme um dich schließen und mein Herz fröhlich werden an deinem jungen, geliebten Leben – Er tritt auf sie zu. Lenchen, komm zu mir!

LENE läßt beide Arme am Leibe niederhängen und duldet schweigend, daß er sie in die Arme schließt.

AUGUST. Warum zitterst du denn?

LENE leise, qualvoll gepreßt. Ich fürchte mich so –[84]

AUGUST. Vor mir?

LENE. Ich – weiß nich – so vor dem allen –

AUGUST. Vor dem allen? Vor der Zukunft?

LENE. Das is es vielleicht – ich kann's nich so sagen.

AUGUST. Traust du mir denn so wenig? Sitzt da nicht deine Mutter? Würd' ich in ihrer Gegenwart so zu dir sprechen können, wenn ich's nicht ehrlich, wenn ich's nicht gut mit dir meinte?

LENE richtet die Augen auf die Mutter, stürzt zu ihr und birgt ihr Haupt an ihrer Brust. Ach Mutter – Mutter –

FRAU SCHMALENBACH beugt sich über sie, flüstert ihr unter Tränen zu. Hör' doch bloß an, wie er spricht.

LENE flüstert in den Busen der Mutter hinein. Das is ja wahr – das is ja alles wahr – Sie wischt sich mit dem Taschentuch die Augen, streckt die Hand gegen August aus. ach sei'n Sie nur nich böse – ich – bin ja so einfältig –

AUGUST ergreift ihre Hand mit beiden Händen, zieht sie zu sich empor, mit leisem seligen Lachen. Du Närrchen, du liebes, einfältiges Närrchen! Das schadet ja nichts, das – ist ja grade so schön! Sei einfältig – sei töricht – sei was du willst – und wenn's darauf ankommt, sei dumm, dumm, dumm – nur glaub' mir, Lenchen, daß ich es gut mit dir meine; besser als ein Mensch auf der ganzen weiten Welt! Willst du mir das glauben? Willst du?

LENE sieht ihm zum erstenmal ins Gesicht. Wahrhaftigen Gott, ja, das glaub' ich Ihnen, Herr Aujust.[85]

AUGUST aufjauchzend. Helene! – Hat deine Mutter dir denn gesagt, wie ich dich brauche? Daß du der Sonnenschein bist für mein Herz und meine zwitschernde Lerche an jedem neuen Tage, den Gott mir werden läßt? Komm – mir zuliebe – sing' mir dein Lerchenlied.

LENE. Das Lerchenlied –?

AUGUST. Nu ja, das du des Morgens früh immer singst – wie fängt es an? »Reich bin ich nicht –«

LENE schwach lächelnd. Ach so – ach – ne ne –

AUGUST. Komm, sing's doch!

LENE. Es – jeht nicht.

FRAU SCHMALENBACH. Wenn er dich doch darum bittet?

LENE versucht zu singen. »Reich – bin ich –« Der Ton bricht heiser in ihrer Kehle ab. sehen Sie – es geht wirklich nich.

AUGUST. Quäle dich nicht, der Gesang wird wiederkommen, wenn du erst ruhig geworden bist; werde nur ruhig, Lenchen; komm, setz' dich, setz' dich zu mir. Er stellt zwei Stühle nebeneinander, setzt sich auf den einen, zieht Lene auf den andern nieder. Ist das denn recht, daß du dich fürchtest? Bin ich denn so schrecklich? Bin ich denn mit einem Male ein anderer geworden?

LENE. Mir is doch beinah so.

AUGUST. Aber wenn ich dir sage, daß ich derselbe bin, der ich immer war?[86]

LENE. Das alles – das fühle ich ja – aber – ach Herr Aujust, es is doch nich möglich!

AUGUST. Warum denn nicht?

LENE. Weil – weil – ich doch zu unjebildet bin für Sie.

AUGUST leise, innig lachend. Siehst du, nun muß ich lachen, und weißt du, es gibt ein Wort, wenn du das aussprichst, bist du für mich die gebildetste Frau von der Welt. Soll ich's dir sagen?

LENE. Ein – Wort?

AUGUST. Du kannst es mir auch ganz leise sagen, daß kein anderer es hört; so sprich: ich bin dir gut.

LENE. Ach – Herr Aujust –

AUGUST. So mußt du mich aber doch jetzt nicht mehr nennen.

LENE. Wie soll ich denn –?

AUGUST. Ich hab' dich »du« genannt, nun mußt du mich auch »du« nennen.

LENE rückt von ihm ab. Nein – nein, das kann ich nich!

AUGUST hält sie an der Hand fest. Helene –?

LENE. Nich um die Welt! Nein, nich um die Welt! Sie macht Miene aufzuspringen.[87]

AUGUST hält sie zurück. Lenchen, sei ruhig, ängstige dich nicht. Glaub' mir, ich verstehe dich besser, als du dich selbst. Siehst du, Lenchen, das, wovor du zitterst und bangst, davor zittert jedes Mädchen, wenn ihm gesagt wird, daß es einem Manne angehören soll. Und bei dir kommt nun noch hinzu, daß du dir einbildest, ich stände über dir, und zwischen uns wäre eine Kluft, und da müßtest du hindurch, und davor fürchtest du dich – aber gut – wir wollen einmal denken, es wäre solch eine Kluft da – weißt du, wie wir's machen? Ganz einfach: du springst drüber weg; ich gebe dir die Hände – an denen hältst du fest, tüchtig fest – dann machen wir »hopp« – Er faßt leidenschaftlich ihre beiden Hände; sie lächelt leise. siehst du, du lächelst schon – Frau Schmalenbach, passen Sie auf: sie nimmt schon den Anlauf – gleich wird sie springen!

ALE. Mit 'n Heidi.

LENE lacht auf. Der Onkel Ale –

AUGUST springt auf. Was hab' ich gesagt! Sie ist gesprungen! Nun ist sie herüber, ist nicht gefallen, nicht einmal gestolpert! Nun ist sie bei mir, nun halt' ich sie – Er umschlingt sie mit beiden Armen. für immer – für ewig – ah –

LENE liegt willenlos, totenblaß in seinen Armen; haucht. Ach – du mein Jott.

AUGUST. Und Onkel Ale hat geholfen – Er streckt ihm die Hand zu. geben Sie mir die Hand, Onkel Ale, das haben Sie gut gemacht!

ALE tritt heran, gibt ihm die Hand. Herr Aujust – ick hab's dem Mädchen jleich jesagt – nu wird sie's wohl jlauben.

AUGUST. Was haben Sie ihr gesagt?[88]

ALE. Daß sie das jroße Los gezogen hat.

AUGUST. Ist das so, Lenchen? Glaubst du das? Sagst du nichts? Nein, jetzt sollst du es auch noch nicht sagen, jetzt kannst du es noch nicht wissen. Aber übers Jahr –

LENE. Übers Jahr –

AUGUST. Ja, Lenchen, übers Jahr, wenn du dich daran gewöhnt haben wirst, meine Frau zu sein, da will ich's dich wieder fragen. Aber nicht, ob du das große Los gezogen hast – nein, ob du zufrieden bist, will ich dich fragen, ob du es warm hast im Leben – und das weiß ich schon jetzt, das versprech' ich dir, das schwör' ich dir: warm wirst du wohnen, Lenchen; ja, Lenchen, ja –

LENE hebt das Haupt, sieht ihm ins Gesicht, schüttelt leise, staunend das Haupt. Wie jut Sie sind.

AUGUST. So – so – so ist es recht, so ist es gut – so lehne dich an mich – denn dazu bin ich da, daß ich dich halte, dich stütze – o du mein alles, mein liebes, liebes Herz – und nun mußt du dich ruhen – Er läßt sie wieder auf den Stuhl nieder. es greift dich an – Frau Schmalenbach – Sie müssen mir dafür sorgen, daß unsere Lerche bald ins Nest kommt, damit sie morgen, wenn es Tag wird, wieder singen kann und die Menschen aufwecken kann zu Lust und Fröhlichkeit! Wollen Sie's tun, Frau Schmalenbach?

FRAU SCHMALENBACH. Ja, ja, Herr August.

AUGUST geht auf sie zu, nimmt ihren Kopf zwischen beide Hände. Ach was »Herr August« – hier ist kein »Herr August« mehr – Mutter Schmalenbach, alte, liebe Mutter! Er küßt sie auf den Kopf. Onkel Ale – geben Sie mir die Hand, Onkel[89] Ale! – Schüttelt ihm die Hand, streckt beide Arme aus. O Menschen, Menschen – wie bin ich glücklich! Er ergreift den Hut, geht eilend nach rechts ab.


Pause.

Lene hat die Arme auf den Tisch gelegt, das Haupt auf die Arme; es ist inzwischen fast dunkel geworden.


FRAU SCHMALENBACH. Weißt du, du solltest nu man zu Bett gehn.

LENE richtet sich auf. Will ich auch – ich bin wie zerschlagen an alle Glieder. Sie steht auf, zündet eine Petroleumlampe an, die auf der Kommode steht, setzt sie auf den Tisch. Es ist ja wohl schon ganz spät geworden. Sie nimmt ihre Näharbeit auf, geht damit an die Kommode, öffnet das Schubfach und legt die Arbeit hinein; indem sie damit beschäftigt ist, sinken ihr plötzlich die Hände nieder, sie blickt starren Auges auf die Tür. Da is er! – Sie läßt das Schubfach offen stehn und tritt rasch, als wenn sie sich fürchtete, in die Mitte des Zimmers hinter den Tisch.

ALE. Wer?

LENE die Augen auf die Tür gerichtet. Nu kommt er.

FRAU SCHMALENBACH. Wer denn?

LENE. Nu kommt er. Ein Klopfen an der Tür rechts.

ALE. Ach so –

LENE. Onkel – jeh' doch man 'raus zu ihm.

ALE. Warum denn?

LENE. Daß er nich 'reinkommt, Onkel; es is doch besser, Onkel. Abermaliges Klopfen.

AL. Ach, quatsch. Laut. Kommen Sie man 'rein, Leise. Herr Ilefeld.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 10, Berlin 1911–1918, S. 83-90.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Hume, David

Dialoge über die natürliche Religion

Dialoge über die natürliche Religion

Demea, ein orthodox Gläubiger, der Skeptiker Philo und der Deist Cleanthes diskutieren den physiko-teleologischen Gottesbeweis, also die Frage, ob aus der Existenz von Ordnung und Zweck in der Welt auf einen intelligenten Schöpfer oder Baumeister zu schließen ist.

88 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon