Vierter Auftritt

[111] Ale erscheint draußen am Fuße der Gartentreppe.


HERMANN. Was kommt denn da für ein Gartenspargel angewachsen?

ONKEL. Ale!

ALE bleibt grinsend unten stehen.

HERMANN macht Lene auf Ale aufmerksam, singt. »Dies Bildnis ist bezaubernd schön« – was wünschen Sie Wahlvorstand über Boomwolle und Leinen?[111]

ALE ist die Stufen heraufgekommen, steht draußen an der Gartentür. Es is etwas für den Herrn Aujust.

HERMANN. Für den Schwiegerneffen? Weiß nicht, ob Seine Majestät schon Audienzen erteilt; nehmen Sie mit mir vorlieb; kommen Sie 'rein in die gute Stube!

ALE grinst verlegen.

HERMANN. Kommen Sie 'rein, Onkel Ale!

ALE tritt verlegen herein.

HERMANN zeigt auf einen Stuhl am Tische. Setzen Sie sich, Onkel Ale!

ALE setzt sich. Na – wenn Sie meenen –

HERMANN. Was ist denn los?

ALE beugt sich dicht zu ihm, flüstert ihm ins Ohr. Mit dem Ilefeld is es – er möchte dem Herrn Aujust sprechen.

HERMANN. Und dazu schickt er Sie? Na ja, ich verstehe; Sie sind ja nun ein wichtiger Mann.

ALE dumm-pfiffig und geschmeichelt. Sei'n Sie so jut.

HERMANN. Woll'n mal anstoßen, Kompagnon. Aber Kaffee? Faules Gesöff – Maitrank is besser? Hm? Er gießt aus der Rumflasche in zwei Wassergläser, schiebt eins derselben Ale zu.

ALE. Maitrank – is iut.[112]

HERMANN. Pros't, oller Kompagnon. Stößt mit ihm an.

ALE wie vorhin. Sei'n Sie so jut. Trinkt, beugt sich dann wieder zu Hermann, ihm bedeutend, leise zu sein. Ick jloobe – er will weg – der Ilefeld.

HERMANN. Warum denn?

ALE mit einem Augenzwinkern nach Lene hin, grinsend. 's hat ihm 'nen Strich durch die Rechnung jemacht, – is neid'sch.

HERMANN. Hm – hm? Er holt die Zigarrentasche heraus, hält sie Ale hin. Na – wie wär's?

ALE. Aber doch hier man nich?

HERMANN. Dann also für nachher. Er nimmt die Zigarren aus der Tasche, stopft sie Ale zwischen die Knopflöcher seines Rocks.

ALE. Nanu? Was wird denn das?

HERMANN. Lene, hast du schon gewußt, daß Onkel Ale 'ne Kanone ist?

LENE prustet vor Lachen. Onkel Ale is 'ne Kanone!

HERMANN. Sieh mal her: hier wird er geladen; eins, zwei, drei, vier, fünf, sechs Patronen – die reine Revolverkanone.

ALE. Soll'n das alles for mir sein?

HERMANN. Jedem das seinige; für die Lene hab' ich auch etwas, aber was Feines, wollen Sie's mal sehen, Onkel Ale?[113]

LENE. Für mich?

HERMANN holt ein Päckchen in Seidenpapier aus der Tasche, entfernt das Papier; es erscheint eine goldene Halskette mit Medaillon, er hält sie empor. Na nu mal!

ALE. Des is aber wunderscheen! Fein is das! Piekfein!

HERMANN. Was sagst denn du dazu Lene?

LENE. Das soll doch aber nich für mich sein?

HERMANN. Für wen denn sonst?

LENE. Aber nich doch –

HERMANN. Dann kriegt's Onkel Ale. Er hängt ihm die Kette um.

ALE. Na aber – sei'n Sie so jut.

HERMANN. Halten Sie stille – nu sieh ihn dir mal an, – Lene, wie er aussieht.

LENE schlägt in die Hände. Wie Sie aussehn, Onkel – ne, wie Sie aussehn!

HERMANN. Zum Verlieben! Schade, daß Sie kein Mädchen sind, Onkel Ale, schade!

ALE nimmt die Kette ab. Wie lange soll ich denn hier statt 's Affen sitzen? Sei doch nich dämlich, Mädchen. Er steckt ihr die Kette zu. Wenn der junge Herr dir's doch schenken will?[114]

LENE steht auf, nimmt die Halskette in die Hand. Das is ja aber was Kost-bares?

HERMANN. Werd' ich denn meiner Schwägerin was Ordinäres schenken? Häng' sie um, Lene, häng' sie um.

LENE steht unschlüssig. Aber – ich weeß doch jar nich –

HERMANN. Dann muß man dir helfen. Er ergreift die Kette, wirft sie ihr über. Da!


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 10, Berlin 1911–1918, S. 111-115.
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