Achter Auftritt

[260] Bernhard durch die Mitte zu den vorigen, geht auf Ludwig zu und läßt sich auf ein Knie nieder.


LUDWIG.

Wer naht uns hier?

BERNHARD.

Ich grüße meinen Kaiser.

Bernhard bin ich, der Graf von Barcelona!

LUDWIG.

Der Graf der span'schen Mark?

BERNHARD.

Den Ihr zum Pförtner

Am Pyrenäenfelsentor bestellt.

LUDWIG.

Ich wähnt' Euch kämpfend mit den Sarazenen?

BERNHARD.

Der Kampf ist aus! Der dunkle Wüstensturm

Er ist gebrochen – rückwärts bis Toledo –

LUDWIG.

Sie sind besiegt?

BERNHARD.

Sie sind es, gnädiger Herr,

Durch Gottes Gnade und durch Bernhards Schwert.

LUDWIG.

O hört, Ihr Herrn, die große Freudenbotschaft!

Ach, wackrer Streiter für die Christenheit,[260]

Gebt uns Bericht nachher – doch dies sogleich:

Von heute seid Ihr Kämmerer des Reiches.

BERNHARD.

In Ehrfurcht dank' ich meinem gnäd'gen Herrn.

LUDWIG.

Kommt zum Gebete; Dank gebühret Gott

Für solche Gnade.


Im Abgehen zu Judith.


Folgt uns, meine Liebe.


Ludwig, Wala, Ebo, Agobard ab nach links.


BERNHARD ist ihnen bis an die Tür gefolgt, dann bleibt er stehen und schließt hinter ihnen.

JUDITH hat den Abgehenden den Rücken gewandt, so daß sie Bernhard nicht gewahrt.

Nicht zur Kapelle will ich! Nicht zu Gott!

Du danke ihm, daß er dir Männer sendet,

Die dich, du halber Mann, zum ganzen machen.

Mut – Hoffnung – Leben – nun lisch aus, lisch aus!

Denn was soll Mut, dem keine Hoffnung leuchtet?

Und was soll Leben, dessen Zweck dahin?


Sie wirft sich verzweifelnd, das Haupt in den Kissen bergend, auf das Ruhebett.


Der Hirsch bekämpft den Hirsch für seine Hindin –

Das Weib des Menschen nur ist ausgestoßen

Aus dem Gesetz der liebenden Natur.

Mönchische Lehre stampft mit rohen Füßen

Das Weib in Staub! O Welt der Feiglinge,

Die sich verschwören wider eine Frau!

So viele tausend Männer und kein Mann!

BERNHARD tritt auf sie zu und wirft sich vor dem Ruhebett nieder.

Hier ist er, den Ihr sucht und der Euch hilft!

JUDITH richtet das Haupt auf.

Seid Ihr nicht jener Graf von Barcelona?

Was wollt Ihr? Hebt Euch auf.

BERNHARD.

Nein, laßt mich knien

Vor dieser schmerzgebrochenen Gestalt,[261]

Vor diesen Augen, die in Tränen schwimmend,

Mich anschaun – ein verletztes Götterbild –

JUDITH richtet sich mit dem Leibe auf.

Was soll mir dieser Überfall? Was wollt Ihr?

BERNHARD.

Euch dienen will ich!

JUDITH.

Mir?

BERNHARD.

Und Eurem Sohn,

Dem ich, zum Trotz den Söhnen Irmengards,

Zur Krone helfe!

JUDITH springt auf.

Sagt mir wer Ihr seid!

Wenn ich vertraute – doch ich trau nicht!

Sie schicken Euch! Zeig' mir das Netz, Verräter,

Das du um meine Füße schlingen willst!

BERNHARD erhebt sich.

So schwör' ich denn bei Gott –

JUDITH.

Schwört nicht bei Gott,

Denn Eid und Meineid hört er schweigend an,

Doch etwas ist in Euch – – ah – wenn Ihr täuscht

Und so mich fangt, dann brecht den Ritterschild,

Denn keine Kaiserkrone deckte jemals

Die unermeßne Schande solchen Siegs!

BERNHARD.

Bei meiner Seele denn – o, meine Herrin –

Herz, Leib und Leben geb' ich Euch zum Pfand –

Nicht heut zum ersten Male seh' ich Euch.

JUDITH.

Ihr saht mich schon?[262]

BERNHARD.

Am Tage war's, zu Straßburg,

Als nach dem Tod der blonden Irmengard

Ludwig der Kaiser sich die schönste wählte

Von all den schönen Frankenjungfrauen –

JUDITH.

Ihr wart dabei?

BERNHARD.

Ich war es, und ich sah

Den holden Kranz von blühnder Frauenschönheit –

Doch da kam eine – und ein staunend Flüstern

Lief durch die Reihen – und mein knirschend Herz

Schrie auf zum Himmel: Alle laß ihn wählen,

Nur diese nicht! Nicht Judith, Tochter Welfs –

Und unter allen wählte Ludwig Euch! – –

JUDITH.

Euer Herz ging hohen Gang.

BERNHARD.

Den Gang des Blutes,

Das edel ist wie das des Karolingers!

Wilhelm erzeugte mich, Graf von Toulouse.

Und also raubte mir der Karolinger,

Kraft des Verdiensts, daß er geboren ward

Als Sohn des Kaisers –

JUDITH.

Wißt Ihr, was Ihr redet?

BERNHARD.

Ja, denn ich weiß, was ich gefühlt! Er gab Euch,

Was ich nicht geben konnte, eine Krone,

Doch was er nicht zu geben Euch vermocht,

Das hatte ich! O Herrin meiner Seele,

Viel tausend Tage gingen hin seitdem;

Viel tausendmal vom Purpurstrahl des Abends

Sah ich geküßt das Haupt der Pyrenä'n –

Allein ihr Antlitz voller Majestät

Nie glich's dem wonneholden Angesichte,[263]

Das tieferglühnd in bräutlich süßer Scham

Zu Straßburg sich vor Kaiser Ludwig neigte.

Und während Ihr zum Bett des Kaisers gingt,

Trug ich mein Herz wie einen wunden Adler

Hinunter in den Sarazenenstreit!

Nicht für dies Reich, nicht für die Christenheit

Rang ich mit ihnen wütend Jahr um Jahr –

O Weib, in dessen Leid mein Herz dahinsiecht

Hier lieg' ich vor Euch


Wirft sich auf die Knie.


– geht nun hin zum Kaiser,

Sagt ihm, was ich gesagt –

JUDITH.

Ich könnt' es tun –

Doch wenn ich schwiege?

BERNHARD.

Dann seht diese Hand

Und dieses alles, Mannheim Kraft und Mut,

Bereit zu Eurem Dienst, ersehnte Frau.

JUDITH.

Tödliche Schuld ist jedes dieser Worte –

Verbrecher, wer sie spricht, und Frevlerin,

Wer ihnen lauscht! Ich weiß – dies war die Sprache,

Die in der Menschheit unbewachter Stunde

Vom Sündenbaume der Versuchung klang –

BERNHARD.

Nein, warum quälen solche Bilder Euch?

JUDITH.

Ein Bangen gibt's, dawider hilft kein Mut:

Das Bangen vor uns selbst.

BERNHARD.

Für Euren Sohn

So glaubt' ich, wollt Ihr kämpfen?

JUDITH.

Karl, mein Sohn –

Soll ich mich Euch vertrauen?

Nicht vom Himmel,[264]

Nicht von der Sterne sanftem Friedenslicht

Stammt Eure Glut –

BERNHARD.

Herrin, vertraut Euch mir.

JUDITH.

Sei's Himmelslicht – sei's wild Höllenflamme,

Berater meiner Not, o, seid mir treu

Wie ich mich Euch vertraue – Hier das Pfand.


Sie streckt ihm die Hand zu.


BERNHARD springt auf.

O, Hand – wie aus dem Alpenschnee geformt

Und heiß durchglüht vom Purpurquell des Lebens;

Gestalt der Wonne, Antlitz meiner Lust,

Nun fesselt uns ein königlich Geheimnis.

Und also weih' ich den verschwiegnen Bund.


Er küßt ihre Hand.


Ihr zittert?

JUDITH.

Ja – weil Ihr von Weihe spracht.

BERNHARD.

Nein, unsern Feinden bleibe Angst und Zittern,

Für uns Triumph! Mag dieses Frankenreich

Zerkrachen unter unsrem Schritt; das ist

Gesetz der Welt: was morsch ist, das zerbricht.

Stellt Wächter auf die Zinnen Eures Hauses,

Ihr Karolinger! In den Pyrenäen

Hebt sich ein Wetter – – langsam stieg's herauf;

Schnell wird es wandeln – Schicksal heißt sein Lauf.


Der Vorhang fällt.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 7, Berlin 1911–1918, S. 260-265.
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