Zweiter Auftritt

[290] Bernhard in Mantel und Barett, kommt aus dem Garten heran.


JUDITH durch den Bettvorhang verhindert ihn zu sehen, horcht.

Horch – wessen Gang? Geräuschlos wie der Wille –

Und jeder Schritt das Denkmal einer Tat. –

BERNHARD tritt in den Saal.

JUDITH geht ihm entgegen, nachdem sie rasch den Vorhang vor Karl gezogen.

O Gott, er ist's! –

BERNHARD.

Ich bin's, geliebtes Leben,


Eilt auf sie zu, streckt ihr die Arme entgegen.


Warum erschrickst du? –

JUDITH weicht zurück.

Bernhard, gib mich frei –

BERNHARD.

Dich zu befreien, Judith, komm' ich her. –

Pflicht ist ein Wort, das Menschen sich erfanden,

Natur war längst geboren vor der Pflicht,

Und dies ist ihre Stunde. – Glanzgestirn,

Das meinem Tage leuchtend, in der Nacht

Mit süßem Lichte mir emporsteigt, Judith –


Er nimmt sie in die Arme.


JUDITH.

O leise – wecke nicht den Schläfer auf.

BERNHARD.

Dort hinterm Vorhang? Karl?

JUDITH.

Dort hinterm Vorhang –

Wenn er vernähme, Bernhard, wenn er sähe –

BERNHARD.

So säh' er heute das, was sich der Welt

Dereinst im Lichte offenbaren soll.[291]

O, dies Geheimnis ist ein Knechtsgewand

Für unsrer Herzen königlichen Bund.

Soll unsre Liebe ewig wie ein Bettler

Almosen heischen von der blinden Nacht?

JUDITH.

Flieg' nicht so wild, du ungestümer Adler –

Kann ich dich anders lieben als geheim?

Du stolzes Herz, es ist dir nicht genug,

Wenn du mich siehst, vom Sturm, den du entfachtest,

In deine Arme willenlos getrieben?

Laß mich zerschellen nicht an deiner Brust.

BERNHARD.

Doch dies ist nur der Anfang unsres Glücks.

Sprich, Judith – wenn das Hindernis nicht wäre,

Das zwischen uns sich drängt, das unsre Liebe

Zu schmählicher Verborgenheit verdammt –

JUDITH.

Das Hindernis?

BERNHARD.

Ja, – dies grauhaarige,

Das seiner greisen Tage dürft'gen Rest

Auf Borg vom Leben hat –

JUDITH.

Um Gott – was sinnst du?

BERNHARD.

Glück sinne ich, das deiner wert und meiner!

Wir leben einmal nur auf dieser Erde;

Nur einmal einen Willen sich und Kräfte

Und sagen uns: gebrauche, wir sind da,

Ein Stümper, wer aus diesem Leben geht,

Das halb er kostete, die andre Hälfte

Zur Beute lassend schwachgesinnten Toren,

Sprich – wenn du frei wärst –

JUDITH.

O – bei diesem »wenn«

Erstarrt mein Herz – sag' mir, furchtbarer Mann –[292]

BERNHARD.

Nein, laß mich schweigen, wenn mein Wort dich schreckt,

Doch dieses eine sage: liebst du mich?

JUDITH.

Wenn Liebe ist, was so in dunklen Tiefen,

Aus Widerstreben und allmächt'gem Drang,

Aus Scheu geboren wird und aus Bewundrung –

O dann –

BERNHARD.

Und wenn – ich sage nicht, es wird –

Wenn jenes eine fehlte, das uns scheidet,

Weib meines Lebens – wärst du mein?

JUDITH flüsternd.

Ich glaube.

BERNHARD küßt sie.

O dies »ich glaube« wandle dieser Kuß

Zum Zauberwort des großen Glückes, »ja«.

JUDITH.

Hinweg von hier – mir deucht, er regte sich –

BERNHARD.

Siehst du den Garten, der uns schattend winkt?

Der Wangen Glut erlischt in seinem Dunkel –

Geh in den Garten, bitt' ich, harre mein.

JUDITH.

Und du bleibst noch? Und wenn er nun erwacht?

BERNHARD.

Er soll erwachen, denn ich weck' ihn selbst.

JUDITH.

O du, vor dem sich Schrecken und Gefahren

Wie zahm gewordne Tiger niederbeugen,

Ist's Schuld, die mich zu deinem Herzen reißt,

So ist es Sünde, der kein Weib entginge,

Die dich gesehn![293]

BERNHARD.

Im Garten find' ich dich. –


Er führt Judith bis an den Ausgang des Saales, Judith kehrt noch einmal hastig um.


JUDITH.

Sag' mir noch eins: – Du schwurest einen Eid –

BERNHARD.

Erschreckt dich das?

JUDITH.

Wie konntest du ihn schwören? –

Denn schwurst du wahr, so hintergingst du mich,

Und schwurst du falsch, wie soll ich dir vertraun?

BERNHARD.

Kraft meiner Liebe sollst du mir vertraun.

JUDITH.

Und fürchtest du nicht Gott?

BERNHARD.

Holdsel'ge Törin,

Man fürchtet nur den Gott, an den man glaubt.

JUDITH nach dem Hintergrunde ab.

BERNHARD tritt an das Fußende des Lagers.

Heut morgen ward er König – und er schläft. –

Knabe, du hast zu viel von deinem Vater,

Zu wenig von der Mutter stolzem Geist.

Karl – ganz und gar in Schlafes Banden – Karl!

KARL erwacht.

Mutter, bist du's?

BERNHARD.

Nein, König, nicht die Mutter.

KARL richtet sich auf.

König? – Ja so – Schlaf macht mein Auge trübe –

Wer bist du? Wie? der Graf von Barcelona?

Ich grüße Euch – doch warum brecht Ihr so[294]

Ins friedliche Gehege meines Schlafs?

So in der Nacht?

BERNHARD.

Was gilt hier Tag und Nacht?

Die Zeit, in der wir leben, hat das Fieber,

Die Stunden rollen wie empörtes Blut,

Und fern am dunkel nächt'gen Firmamente

Zuckt die Gefahr.

KARL.

Gefahr? Wem dräut Gefahr?

BERNHARD.

Seltsame Frage; Ludwig und Lothar

Sind bei Pipin. Muß ich Euch mehr noch sagen?


Schlägt den Mantel auseinander, zeigt aufs Schwert.


Seht Ihr dies Schwert? Ich selber halte Wache

Und Rundgang heute in der Kaiserpfalz;

Befürchtend jede Stunde und Minute –

KARL.

Befürchtend? Was?

BERNHARD.

Das Mordgeschrei zu hören,

Wenn sich Pipin mit seinen Aquitaniern

Auf Euch und Eure Mutter stürzt!

KARL erhebt sich.

So schlief ich

Arglos an des Verderbens Schwelle – Herzog,

Denkt nicht, ich bitte, daß ich furchtsam sei,

Wenn Ihr mich schaudern seht. Ihr hieltet Wacht –

Reicht mir die Hand – Ihr mögt es unklug schelten,

Wenn ich Euch sage, was ich sagen muß –

BERNHARD.

Was müßt Ihr sagen?

KARL.

Bis zu dieser Stunde

War etwas in mir – nein, ich bitte, zürnt nicht –

Das mir verwehrte ganz Euch zu vertraun.[295]

BERNHARD.

O junger Fürst die Luft geht scharf und rauh

Auf jenen Höhen, wo die Throne stehn.

Freundschaft ist eine Blume, die im Tale,

Nicht auf der Menschheit strenger Höh' gedeiht.

Euch feßle Liebe nicht und nicht Gefühl.

Glaubt dem Gefühle nicht, es ist ein Maler,

Der falsch die Dinge schildert. Der Verstand

Sei Euch Genosse – er allein betrügt nicht.

Lest jedem Herzen seine stummen Wünsche

Und jedem Auge seine Ziele ab;

Und wo Ihr Vorteil seht, der mit dem Euren

Verschwistert geht, von gleichem Feind bedroht,

Wie Euer Vorteil, da vertrauet Euch.

KARL.

Ihr malt mir diese Welt mit düstren Farben.

BERNHARD.

Die Wirklichkeit führt eine rauhe Sprache,

Wer mannbar werden will, muß sie verstehn.

Der Kaiser, Euer Vater, Herr, ist alt.

KARL.

Alt? Nun bei Gott, ich dachte nie daran.

BERNHARD.

Ihr seid der letzte heut von Euren Brüdern,

Stirbt Euer Vater, seid Ihr vogelfrei,

Und Kampf mit Euren Brüdern Euer Leben.

Und wenn Ihr siegt, was ist der Preis des Sieges?

Ihr werdet König, Kaiser wird Lothar.

Ein König neben größrem Könige,

Was ist es anders als ein großer Knecht?

KARL.

Wahr – allzuwahr.

BERNHARD.

Nun denn, statt dieses Lebens,

Unköniglich, unmenschlich, unfruchtbar,

Hört, was ich biete.[296]

KARL.

Was könnt Ihr mir bieten?

BERNHARD.

Herrschaft für Knechtschaft, Ehre für Gefahr:

Wollt Ihr der Kaiser sein des Frankenreichs?

KARL.

Was sagt Ihr mir?

BERNHARD.

Was ich zu halten denke.

KARL.

Könnt' es denn möglich sein?

BERNHARD.

Ja, wenn Ihr wollt.

Kaiser der Franken – in der Menschenwelt

Nicht einer, neben dem Ihr zweiter seid –

Der erste überall – von Eurem Haupte

Geht Ehrfurcht wie ein heil'ger Sturmwind aus

Und beugt die Menschenhäupter vor Euch nieder –

KARL.

Ihr malt zu üppig mir dies Bild – hört auf.

BERNHARD.

Warum wollt Ihr's nicht hören?

KARL.

Weil – ich weiß nicht –

Ist's Torheit, ist es Weisheit; diese Krone

Ward mir vom Schicksal, denk' ich, nicht bestimmt.

BERNHARD.

Wollt! Menschenwille ist des Menschen Schicksal!

KARL.

Tu' ich nicht Unrecht an den ältren Brüdern?

BERNHARD.

Karl, Euer großer Ahnherr, wie Ihr wißt,[297]

War Karlmanns jüngrer Bruder – Karl ward Kaiser

Und Karlmann mußte weichen.

KARL.

Mußte weichen –

Heißt das –

BERNHARD.

Das heißt, daß Unrecht nur ein Wort ist,

Dem jeder Inhalt gibt, soviel er will.

KARL.

Sah' ich das letzte Ziel von Euren Worten –

So fürchte ich –

BERNHARD.

Ach laßt – und fürchtet nichts.

Dies Wort, das ich wie eine Wünschelrute

In Euer Herz getaucht, um Stahl zu finden,

Ihr wägt es ängstlich sorgend hin und her?

Karl will nicht Kaiser sein, so sei's Lothar;

Doch legt die Krone heut noch, rat' ich, nieder,

Denn nie vergißt er Euch den einen Tag,

An dem Ihr König wart –

KARL.

Herzog, dies eine

Erklärt mir nur – so tu' ich wie Ihr wollt.

BERNHARD.

Was ist dies eine?

KARL.

Seht; Ihr türmt auf mich

Von Stund' zu Stunde wachsend Ehr' auf Ehre.

Den Reichstag sprengtet Ihr – es war für mich.

Des Reiches Ordnung stoßt Ihr um – für mich –

Für Ludwig konntet Ihr und für Lothar

All dieses tun – Ihr tatet es für mich –

Was ist's, das so mir Euer Herz gewonnen?

BERNHARD.

Seltsam – Ihr seid so jung noch an Entschlüssen

Und schon so alt an Zweifeln und an Fragen?[298]

KARL.

Sagt mir –

BERNHARD.

Wohlan denn – für das Wohl des Reichs

Ersah ich Euch zum Kaiser.

KARL.

Sprecht Ihr wahr?

O zürnt mir nicht – doch wenn Ihr fühlen könntet

Was dieses Wort mir gilt –

BERNHARD.

Wollt Ihr?

KARL.

Es sei.

BERNHARD.

Nun denn, im Kampfgebiet der großen Dinge

Begrüß' ich Euch, gekrönter junger Karl.

Nun keines Auges feiges Blinzeln mehr!

Kein Schaudern, wenn der Taten großer Sturm

Den blut'gen Schaum Euch bis zum Kinn emporwirft!

KARL.

Ihr gabt zwei Kronen mir an einem Tage –

Ich gebe Euch dafür den Frieden hin

Des Herzens – das ist wenig nur für Euch,

Doch alles ist es mir – o teurer Herzog,

Ich bitte Euch, seid sparsam mit dem Gut.

BERNHARD.

Nein, seid nicht weich – ein zu gefühlvoll Herz

In harten Zeiten, ist selbstmörderisch.

In meinen Händen ruhen Eure Taten.

KARL.

Ich will nun gehn.

BERNHARD.

Wohin?

KARL.

Dort in den Garten;

Laßt mich für einen kurzen Augenblick

Die Stirn mir kühlen.[299]

BERNHARD.

Geht nicht in den Garten.

KARL.

Warum?

BERNHARD.

Der Garten hat verborgne Gänge

Und Eure Brüder haben Meuchelmörder.

KARL.

O Kaiserkrone, wirfst du solche Schatten?

Die Mutter saß vorhin an meinem Lager –

Wißt Ihr, wohin sie ging?

BERNHARD.

Ich weiß es nicht.

KARL.

So mein' ich, find' ich sie in ihren Zimmern –

Denn meine Mutter, denk' ich, schlummert nicht.


Ab nach links.


BERNHARD betrachtet seine Hand.

Betracht' ich's recht, so gleicht die Hand des Menschen,

Wenn sie die Finger ausreckt, einer Spinne –

Ein Griff – sie hält – und läßt nicht wieder los.

Doch solche Kunst gehört in die Paläste –

Im Blachfeld nun, Ihr Söhne Irmengards

Zeig' ich die Künste Euch, die ich mir lernte

In hundert Kämpfen wider's krumme Schwert.

Ja, Tod sei mein Genoß; du Bluterfrischer

In dieses Lebens schalem Einerlei,

Tragöde du im Possenspiel der Welt.

Ludwig, du mußt hinweg, du bist zuviel –

Und diese Welt ist dann für Karl und mich.

Für Karl? Jawohl, so lang in Judiths Herzen

Auf gleichen Schalen Karl und Bernhard ruhn –

Doch du, armsel'ger Knabe, bist zu leicht;

Nein – kommen soll die Stunde, da ihr Herz

Nur noch den Namen Bernhard kennt – und dann –

Dann Karolinger, Bernhard über Euch!


Er geht an den Ausgang, blickt hinaus und winkt.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 7, Berlin 1911–1918, S. 290-300.
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