Zwölfter Auftritt

[182] Rieke Stroband kommt von rechts; die Mädchen gehen ihr entgegen.


KÄTHE. Du, Rieke, wir sprechen eben von Köhne Finken.

RIEKE bleibt betroffen stehen. Von – Köhne Finken?[182]

GRETHE stößt sie an, zeigt auf Köhne Kinke, leise. Guck' doch mal den an.

RIEKE. Ach, du mein Herr und Heiland! Kinder, laßt mich fort! Will gehen.

KÄTHE hält sie fest, leise. Bleib' doch man, er will's ja nich Wort haben, daß er's is. Sie unterhalten sich flüsternd.

FINKE für sich. Um bucklig zu werden is das! Da soll man hier sitzen und keen Wort zu dem Mädchen reden dürfen und das Mädchen nich mal ansehen dürfen, und dabei möchte man jleich anbeißen und das janze Ding auffressen mit Haut und Haar!

RIEKE laut. Was Ihr Euch denkt. Gar nichts frage ich dem nach, gar nichts.

FINKE für sich. Kommst du mir so? Na warte!


Nimmt die Fiedel, singt laut.


»Unterm Machandelbaum

Da ist ein Platz –

Susala – Dusala –

Da sitzt mein Schatz.

Sitzt auf dem grünen Gras,

Sitzt auf dem grünen Klee,

Hast ja die Augen naß?

Bist ja wie Milch und Schnee?

Susala – Dusala –

Wo tut's denn weh?

Kommst du so spät zurück?

Nun ist's zu spät fürs Glück.

Kenne dich gar nicht mehr.

Mir ist das Herz verquer,

Susala – Dusala –

Wollt', tot ich wär'!

Schwarz ist das Grabeloch,

Leb' doch ein Weilchen noch;

Wart' noch bis Sankt Kathrein,

Da will ich um dich frei'n.[183]

Wart' noch bis Sankt Martein,

Da soll die Hochzeit sein –

Susala – Dusala –

Gib dich darein.«


KÄTHE jauchzend. Da soll die Hochzeit sein, Rieke!

GRETHE. Gib dich darein, Rieke!

KÄTHE. Bis Sankt Martein mußt du noch warten, Rieke!

GRETHE. Is ja nich mehr lange hin!

ALLE MÄDCHEN jubelnd sie umdrängend. Zu Sankt Martein is Hochzeit!

RIEKE reißt sich von ihnen los. Laßt mich gehen, sag' ich. Tritt zu Finke heran. Und so einer bist du also jetzt, daß du ein ehrliches Mädchen in Schimpf und Schande bringst?

FINKE springt auf. Herr du meine Jüte – Jungfer Rieke, seid Ihr das?

RIEKE. So? Nu tust du noch, als hättest du mich vorhin nich gesehn? Und dabei singst du schändliche Lieder auf mich? So? Sie bricht in Tränen aus.

KÄTHE. Aber Rieke, so sei doch nich so.

RIEKE setzt sich schluchzend an den Tisch. Das – is schändlich – und Ihr sollt mich gehn lassen, sag' ich. Legt den Kopf auf den Tisch.

GRETHE zu den übrigen. Kommt doch man fort, mit der is ja nichts anzufangen jetzt.[184]

KÄTHE. Ne, wenn die einmal ihren Kopf aufsetzt –

ALLE. Kommt man, kommt man.


Die Mädchen Arm in Arm, sich kichernd umblickend, links ab.


FINKE steht am Tisch, auf Rieke blickend. Aber Jungfer Rieke –

RIEKE. Kein Wort redest du mehr zu mir! Mit uns is es aus!

FINKE. Das habt Ihr mir ja schon vorhin zu verstehen gegeben.

RIEKE hebt das Haupt. Ich dir? Was so einer sich einbildet! Gar nich acht hab' ich auf dich gegeben.

FINKE. Na eben drum. »Dem frage ich gar nich nach« – Hm?

RIEKE. Und dann so ein schändliches Lied auf mich zu singen!

FINKE. Wenn's Euch nich gefällt, tut mir's leid; was so schändlich dran sein soll, verstehe ick nich.

RIEKE. Mich vor allen denen seinen Schatz zu nennen!

FINKE. Kommt denn Euer Name in dem Lied vor? Wer sagt Euch denn, daß es auf Euch geht?

RIEKE. Als ob das nich alle gleich gesagt hätten!

FINKE. Wer wird denn hinhören, wenn die Gänse schnattern?[185]

RIEKE steht auf. Damit daß du's aber nur weißt; wenn dich jemand fragt: ich bin's nicht, die bis Sankt Martein wartet.

FINKE. Ne, Jungfer, das habt Ihr mir ja schon gesagt.

RIEKE. Und ich sitze nich unterm Baum und für mich is es gar nich zu spät mit dem Glück, denn wenn ich will, kriege ich Männer, soviel ich will.

FINKE. Das globe ich Euch, Jungfer.

RIEKE. Ordentliche Männer, Bürgerssöhne, Sohne von Meistern, und keinen – keinen Landstreicher.

FINKE. Iratuliere im voraus, Jungfer Stroband.

RIEKE. Und nun dächt' ich, du gingst deine Wege.

FINKE. Wollte schon, muß aber den Herrn Burgemeester hier abwarten.

RIEKE. Dann werde ich gehen, denn wenn man mich mit – so einem sähe – das wäre mir ja eine Schande.

FINKE. So?! Na dann jeht man, in Jottes Namen!


Dreht ihr den Rücken zu.


RIEKE. Das will ich auch.


Geht langsam bis an die Straßenecke links, bleibt dort stehen.


Na – nu – gehe ich.

FINKE ohne sich umzusehen. Immerzu.


Pause.
[186]

RIEKE. Aber – man sagt doch 'nem Menschen adjes?

FINKE wie oben. Ihr werdet Euch ja wohl nich verlaufen in Berlin.

RIEKE zögernd. Wo bist du denn eigentlich das ganze Jahr lang gewesen?


Pause. Sie kommt zwei Schritte zurück.


Du – hörst wohl gar nich mehr?

FINKE ohne sich umzusehen. Ick denke, Ihr seid längst fort?

RIEKE dreht kurz um So'n Grobian!

FINKE ohne sich umzusehen. Wo ich gewesen bin? Da, wo ich wieder hingehe: in die weite Welt.

RIEKE. Da gehst du wieder hin?

FINKE. Ja.

RIEKE. Warum denn?

FINKE. Weil ich mir in Berlin nich mehr zurechtfinde.

RIEKE. Is dir Berlin denn so zuwider geworden?

FINKE. Ja

RIEKE. Und – da is nichts in Berlin – und niemand –?

FINKE. Ne!

RIEKE. So ein schlechter Mensch bist du geworden?[187]

FINKE. Nu wird's mir aber zu arg! Wendet sich. Weil ich ein ehrlicher Kerl bin! Dadrum is es, daß ich gehe, damit daß Ihr es wißt, Jungfer!

RIEKE leise. Wie denn so?

FINKE. Weil ich mir nich von gewissen stolzen Herren will sagen lassen, daß ich den Mädchen den Kopf verdrehe! Weil ich weiß, daß for 'nen armen Schmiedegesellen die Schmiedemeisterstöchter nich gewachsen sind, und weil ich weiß, daß wenn ein armer Deibel nach einem reichen Mädel ein Herz faßt, alle Welt schreit: »Des is ein Dieb!« und weil ich kein Dieb nich bin, Jungfer Rieke, sondern ein ehrlicher Kerl – und kein Landstreicher nich – sondern – na, un nu habt Ihr's gehört und nu wißt Ihr's und nu jeht – jeht.


Pause.


RIEKE. Du – Köhne Finke? Warum nennst du mich denn nich mehr du?

FINKE. Weil ich's Meister Stroband seine Tochter nich zumuten will, daß sie sich mit einem Landstreicher duzt.

RIEKE. Dann darf ich dich doch auch nich mehr du nennen?

FINKE. Wäre auch schon das Beste; denn wo zwei Wege sich scheiden, da steht ein Wegweiser, der sagt »auseinander«.

RIEKE. Muß denn das so sein?

FINKE. Ich denke, Ihr wißt es noch besser als ich.

RIEKE bricht in Tränen aus. Köhne – is denn das alles dein Ernst?[188]

FINKE. Rieke – Jott steh mir bei – Rieke!


Breitet die Arme aus, sie sinkt an seine Brust.


RIEKE. Hast du denn keine Ahnung, wie ich nach dir geangt und gebangt habe das ganze Jahr?

FINKE. Das hast du getan?

RIEKE. Bist du mir denn nich ein bißchen mehr gut?

FINKE. Riekchen, wenn ich dir nich jut wäre, würde mir das Herz denn so in Stücke gehn, jetzt wo ich dich lassen soll? Wischt sich die Augen. Siehste, die Menschen denken, weil ich so'n bisken vorneweg bin mit's Mundwerk, bei mir im Herzkasten drin wär' alles immer fidel – glaub's nich – es is so duster da drin, daß du nich die Hand vor Augen sehen würdest. Jestern, siehste, haben mich die Pommern an einen Baum ufhängen wollen –

RIEKE umschlingt ihn. Hängen haben sie dich wollen?

FINKE. In die Jegend von Straußberg war's – und wie ick nu schon die Strippe um'n Hals hatte, was doch gar nich sehr angenehm zu sein pflegt, siehste, da hab' ich so bei mir gedacht: Rieke Stroband kriegste ja doch nich, also wozu soll das dumme Zeug von Leben noch, und janz zufrieden bin ick gewesen.

RIEKE an seinem Halse. Köhne, mein armer guter Köhne!

FINKE. Mein Putthüneken –

RIEKE. Und soll es keine Möglichkeit sein, daß wir uns kriegen?[189]

FINKE. Rieke, ick habe die Hoffnung festgehalten, solange noch ein Zipfel zu sehen war – nu is es damit aus! Wie dein Vater mir den Stuhl vor die Türe gesetzt hat, bin ick nach Bötzow gegangen und habe gearbeitet bei Meister Balzern auf Mord und Tod – wirst dir was ersparen, hab' ick mir gesagt, daß du vielleicht in ein paar Jahren soviel hast, daß du Meister werden kannst – Riekchen wird solange wohl aushalten –

RIEKE. Und wenn ich alt und grau werden sollte, keinen andren als dich will ich haben!

FINKE. Und wie nu's Jahr um is – da kommt das Kriegsgeschrei – und nu is Bötzow kaput und Meister Balzer kaput – nu kann ick von vorn anfangen; und übers Jahr, wenn ick wieder ein paar Groschen hinter mir habe, denn wird's wieder so kommen, und denn übers Jahr wieder und immer wieder Krieg und Raub und Sengen und Brennen – o du blutiger Heiland im Himmelreich, ick weiß nich, wie es sonst in der Welt aussieht, aber uns armen Leuten in der Mark geht es zu schlecht!


Sinkt an den Tisch, legt verzweifelnd das Haupt auf die Arme.


RIEKE legt die Hand auf seine Schulter. Köhne, ob es denn nicht einmal besser werden wird?

FINKE steht auf. Rieke, der da oben im Himmel is ja klüger als wir hier unten auf der Erde, der weiß vielleicht noch einen Ausweg – meine Weisheit is zu Ende.


Sie halten sich schweigend umschlungen. Von links hört man Gelächter und fröhliches Gekreisch.


RIEKE reißt sich von Finke los. Wer kommt denn da?

FINKE geht an die Straßenecke und blickt nach links. Es sind die adligen Junker von Propst Ortwin seine Domschule; die spielen Fangen und Zeck mit die Mädchen.[190]

RIEKE. Ach dann komm fort!

FINKE kommt nach vorn. Da sind sie schon.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 9, Berlin 1911–1918, S. 182-191.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Quitzows
Die Quitzows; Schauspiel in Vier Akten

Buchempfehlung

Weiße, Christian Felix

Atreus und Thyest. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Atreus und Thyest. Ein Trauerspiel in fünf Aufzügen

Die Brüder Atreus und Thyest töten ihren Halbbruder Chrysippos und lassen im Streit um den Thron von Mykene keine Intrige aus. Weißes Trauerspiel aus der griechischen Mythologie ist 1765 neben der Tragödie »Die Befreiung von Theben« das erste deutschsprachige Drama in fünfhebigen Jamben.

74 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier II. Sieben Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Michael Holzinger hat für den zweiten Band sieben weitere Meistererzählungen ausgewählt.

432 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon