Siebzehnter Auftritt

[196] Männer, Frauen, Kinder mit Bündeln bepackt, kommen von rechts und lassen sich gruppenweise auf den Straßenpflaster nieder. Berliner Bürger kommen mit ihnen von rechts.


STROBAND zu Wins. Gott? Der fragt schon lange nich mehr nach der Mark.

WINS.

Er muß! Er muß! Er darf uns nicht vergessen.

Er hat die Mark an einem Tag gemacht

Mit aller andern Welt!


Sinkt in die Knie.


Hör' mich, hör mich!

Die Menschen wollen von dem Land nichts wissen,

Das zwischen Elbe liegt und Oder – du

Darfst nicht so denken, denn du bist kein Mensch!

Sie sagen, unser Land ist häßlich, sandig –

Du aber hast das sand' ge Land gemacht!

Und du hast Menschen in die Mark gesetzt;

Und wir sind Fleisch und Bein wie andre Menschen!

Wenn man das Brot uns nimmt, so hungern wir,

Wenn man uns Recht und Haus und Kleider nimmt,

So sind wir nackt und frieren wie die andren;

Und alles das geschieht uns jeden Tag,

Du aber läßt's geschehn und hinderst nicht!

Du bist ein reicher Herr und wir sind arm,

Und deine Kinder sind wir darum doch!

Ein Vater soll für seine Kinder sorgen,

Das hast du selber uns gelehrt – so hilf uns!

Verlaß die Mark nicht! Hilf uns!


Sinkt mit dem Gesicht auf den Boden.


MÄNNER UND FRAUEN die Hände erhebend. Hilf uns! Hilf uns![196]

STROBAND. Herr Thomas Wins, wenn's eine Stadt gibt, die Euren Jammer begreift, so ist es Berlin; wenn's einen Menschen in Berlin gibt, der ein Herz hat für alles, was man Euch getan hat, so bin ich es – gebt Euch zur Ruhe.

WINS steht auf. Henning Stroband, seht Euch das an und sagt, ich soll mich zur Ruhe geben; Zeigt auf die Gruppen der Flüchtlinge. der Jammer, das Elend, die Verzweiflung! Ihr habt Straußberg gekannt – wenn Ihr jetzt hinkommt, findet Ihr's nicht wieder. Ihr sagt, Straußberg war eine kleine Stadt – unser Jammer ist groß wie die Welt! Alles zerbrochen! Alles in Asche! Alles in Trümmern! Die Hälfte von unsren Bürgern tot! Was noch übrig ist – da liegt's auf Eurem Pflaster. Ihr habt gesehn, wie wir unsre Felder bestellt haben, mit Mühe und Not jeden Tag, jetzt sind sie zertreten, zertrampelt, zerwühlt! Haben wir zu viel verlangt von dem da oben? Nein! Nein! Nein! Wenn wir genug gehabt haben, unsere hungrigen Kinder zu füttern, sind wir zufrieden gewesen und haben Gott gedankt! Und auch das sollen wir nicht haben dürfen? Nicht einmal das?

STROBAND. Wenn mir doch nur irgend etwas einfiele – ist Eure Frau gerettet?

WINS. Ja.

STROBAND. Und Eure Tochter? Die Agnes?

WINS schlägt sich vor die Stirn. Mein Kind! Mein Kind!

STROBAND. Ist sie tot?

WINS. Ich wollte, sie wär's.

STROBAND. Thomas Wins, versündigt Euch nicht![197]

WINS. Wer fordert Rechenschaft von mir? An mir ward Sünde getan! Ihr habt mein Kind gekannt; ich bin ein armer Mann, wenn sie mir über die Straße entgegengesprungen kam, war ich reich! Ich bin alt geworden in Sorge um die Stadt, alt und grau in Sorgen um mein Haus – wenn ich ihr Lachen hörte, war ich wieder jung – ich werde ihr Lachen nicht mehr hören – nie mehr –

STROBAND. Aber wenn sie doch lebt?

WINS. Henning Stroband – sie kennt ihren Vater nicht mehr! Das Licht ist ausgelöscht in ihrem Kopf!

STROBAND. O du Heiland der Welt –

WINS zeigt nach rechts. Seht dahin, ich kann den Jammer nicht mit ansehen mehr!


Wendet sich ab.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 9, Berlin 1911–1918, S. 196-198.
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