Zwanzigster Auftritt

[201] Stadtknechte kommen mit Körben voll Brot aus dem Rathause; sobald sie erscheinen, stürzen sich die Straußberger über die Körbe her, reißen sie an sich.


DIE STRAUSSBERGER.

Mir her! Hierher!


Es entsteht ein wütender Kampf.


PERWENITZ schreit in den Tumult.

Haltet Ordnung! Das Brot soll verteilt werden!


Der Tumult dauert fort.


KONRAD.

O gräßlich! Unerhört!

ORTWIN.

Konrad von Quitzow,

Dies waren Väter einst, dies waren Mütter,

Das Elend hat zu Tieren sie gemacht,

Und solches Elend schufen ihnen Menschen!

Lerne, mein Sohn![201]

KONRAD zeigt auf Agnes.

Seht Ihr die Frauen dort?

Sie ließen ihnen nicht ein Stückchen Brot.

ORTWIN.

So zeig', daß du ein Christ bist – nimm ein Brot

Und bring' es ihnen.

KONRAD.

Ja, ich will es tun.


Er nimmt aus einem der Körbe ein noch vorhandenes Brot, geht damit zu Gertrud Wins.


Nehmt, arme Frau, für Euch und Eure Tochter.

AGNES wendet die Augen auf Konrad, ihr Blick wird starr, als erkennte sie ihn und als kehrte ihr Bewußtsein zurück.

Die Flamme loht – in Lüften saust das Schwert –

Das rote Blut geht über mich –


Sie springt auf.


der Quitzow!!


Thomas Wins springt auf, tritt einen Schritt zurück, Konrad anstarrend; die Straußberger drängen heran; eine lautlose Pause.


WINS faßt Gertruds Hand, murmelt.

Aus Wahnsinn spricht Vernunft – sieh das Gesicht –

KONRAD will Agnes das Brot reichen.

Nehmt, Jungfrau, warum schreckt Ihr so vor mir?

WINS entreißt ihm das Brot, wirft es zu Boden.

Die Gabe, die sie nimmt aus deinen Händen,

Verwandle sich in ihrem Mund zu Gift!

KONRAD.

Rasender Alter –?

WINS.

Wie man Teufel bannt,

So bann' ich dich aus meines Kindes Nähe!

Ein Geier bist du! Breite deine Schwingen,

Flieg' auf, hinaus, zur menschenleeren Öde,

Wo auf dem blut'gen Horst dein Bruder haust,

Dietrich von Quitzow![202]

DIE STRAUSSBERGER.

Dietrich Quitzows Bruder?

KONRAD.

Sein Bruder! Ja!

WINS reißt Agnes an sich.

Erschlagt!

DIE STRAUSSBERGER.

Schlagt tot!

AGNES reißt sich von ihrem Vater los.

Der Pommer!

Er will Gewalt mir tun!

WINS.

Agnes, mein Kind?

Dein Vater – kennst du deinen Vater nicht?

AGNES schmiegt sich an Konrad.

Errette mich vor ihm! Errette mich!

WINS.

Vor deinem Vater fliehst du zu dem Quitzow? –

Du sollst mein Kind aus deinen Armen lassen,

Du Bruder des Mordbrenners!


Packt Konrad an.


KONRAD.

Ah, Verdammter!

Beschimpfst du mir so schmählich meinen Bruder?


Er stößt Wins zurück, so daß dieser taumelt und fällt.


AGNES.

Hilf Gott! Der alte Mann dort an der Erde –

Ist das mein Vater nicht?

WINS am Boden liegend.

Agnes, mein Kind,

Mußt' ich bis in den Staub hinuntersteigen,

Damit du deinen Vater wiederkennst?


Agnes beugt sich zu ihm nieder, er umarmt sie.
[203]

KONRAD.

O Bild des Leids – kommt, alter Mann, steht auf,

Ich biet' Euch meine Hand.

WINS.

Ich brauch' sie nicht,

Ich will nicht deine Hand. Denn wie ich hier

Durch deine Hand in Staub geworfen liege,

So liegt das ganze brandenburg'sche Land

Zertreten unter deines Bruders Füßen.

Kommt, helft mir auf –


Er erhebt sich, auf Gertrud gestützt.


freue dich deines Sieges –

ALLE STRAUSSBERGER.

Schlagt den Quitzow tot! Schlagt ihn tot!


Drängen auf Konrad ein.


KONRAD.

Kommt an! Ich steh' Euch allen, fürcht' Euch nicht!

WINS.

Ah hört den mut'gen Junker! So ist's recht!

Das ist der Junker einziges Gesetz:

Nur niemals Furcht! Wenn sich das Recht beklagt,

So macht die Faust und schlagt dem Recht aufs Maul!


Er zieht die Kinder, die umherstehen, zu sich heran.


Ankläger her! Sieh diese Kinder an:

Die Augen hohl – die Lippen bleich – die Wangen

Verhagert und vermagert vor der Zeit –

Und hinter diesen hundert, aberhundert,

Elend wie sie, ein Feld geknickter Halme,

Und Quitzow heißt der Hagel, der sie schlug!

Hörst du, was diese Kinderlieppen wimmern?

Verstehst du's? Ja, du mußt verstehn, du mußt,

Denn deine eigne Muttersprache ist's:

»Gib Vater uns und Mutter wieder!«

KONRAD.

O!!


Beugt sich zu den Kindern nieder.


Ihr Kinder! Ihr unsel'gen armen Kinder![204]

WINS.

Du fürchtest dich vor den Lebend'gen nicht?

Geh, sieh dir Straußberg an, die tote Stadt!

Dein Bruder warf den Feuerbrand hinein!

Sieh in das bleiche Angesicht der Toten –

Dein Bruder warf sie in den brand'gen Schutt!

Sieh in ihr rinnend Blut, es hat die Farbe

Des deinen, es ist brandenburgisch Blut,

Und Ihr vergoßt es!

KONRAD.

Nein!!

WINS.

Ihr tatet's!

ALLE.

Ja!

WINS.

Gib unser Glück uns wieder, Hab' und Gut!

Gib unsre Häuser, unsre Felder!

ALLE.

Gib wieder!

WINS.

Gib unsre Toten wieder!

ALLE.

Gib wieder!

KONRAD.

Hier bin ich selbst und dies mein Selbst ist alles,

Was ich Euch geben kann! Nehmt, schlachtet mich!

Ich habe Eurem Drohen widerstanden,

Doch Euer Jammer greift in meine Brust,

Und reißt aus meinem Leib mein eigenes Herz

Zur Bundsgenossenschaft auf Eure Seite.


Schlägt die Hände vor das Gesicht.


O Brandenburg! O Heimat! O mein Land!

PERWENITZ tritt heran, legt die Hände auf Konrads Schulter.

Die Tränen braucht Ihr nimmer zu verbergen,

Die tun Euch keine Schande. Hört mich an![205]

Quitzow schlug tiefe Wunden in die Mark,

Die Wahrheit ist's – doch dies ist auch die Wahrheit,

Daß nur ein einziger sie heilen kann,

Und das ist wieder Quitzow – wenn er will!

Ich seh' Euch ins Gesicht, und was ich sehe,

Gefällt mir wohl. Konrad von Quitzow sprecht,

Wollt Ihr aufrichten helfen das Zerstörte?

Den Obdachlosen wieder Häuser bau'n?

KONRAD.

Ob ich es will? Ihr fragt mich, ob ich Taten,

Die nur der gnadenreiche Gott vermag,

Vollbringen will? Sagt mir, wie ich's vollbringe,

Und all mein Leben lang gehör' ich Euch!

PERWENITZ.

Propst Ortwin, les't uns, bitt' ich, Quitzows Brief.

ORTWIN tritt heran, zieht den Brief hervor.

So schreibt zu meinen Händen Dietrich Quitzow:

Wenn Konrad, seinen vielgeliebten Bruder,

Wir ungekränkt ihm führen in die Hand,

So will er den Stettiner Herzögen

Absagen und mit allen seinen Leuten

Will er sich setzen zur Mark Brandenburg

Und mit der Stadt Berlin ein Bündnis machen –

WINS.

Bündnis mit Dietrich Quitzow?

PERWENITZ.

Thomas Wins,

Ihr habt das Wort gehabt, jetzt spricht Berlin.

ORTWIN.

Und mit der Stadt Berlin ein Bündnis machen,

Nach Straußberg heimzuführen die Vertriebnen,

Gemeinsam anzugreifen die Stettiner

Und sie hinauszujagen aus der Mark.

PERWENITZ.

Hans Dannewitz, Ratmannen von Berlin,[206]

Streckt Eure Hände her!


Er reicht Konrad die Hand, die Ratmannen strecken die rechte Hand aus.


Konrad von Quitzow,

Das Herz von Brandenburg schlägt in Berlin;

Hier unsre Hand – wollt Ihr ein Bündnis machen

Mit Eurem Vaterland?

KONRAD ergreift Perwenitz' Hand.

Landsleute! Ja!

Landsleute, o die weite warme Welt

In diesem Wort! Ein Schicksal über uns,

Gemeinsam unser Leid und unsere Freude!

Wie mir die Seele aufgeht, wie das Herz

Mir groß und fruchtbar wird zu guter Tat!

Ich, Sohn der Mark, wie Ihr, ich liebe Euch!

PERWENITZ.

Gott lohn's Euch, das war gut!

ALLE.

War gut! War gut!

PERWENITZ.

Und kommt Ihr jetzt zu Eurem Bruder mit?

KONRAD wirft den Mantel ab.

Ein Schwert an meine Hüfte! Roß herbei;

In Rosses Sattel und hinaus, hinaus!

ORTWIN dem ein Stadtknecht ein Schwert gereicht hat, übergibt es Konrad.

Konrad, nimm hin –

Ich habe dich gehütet und gehegt;

Heut geb' ich dich zu größrer Lehre frei:

Jüngling sei Mann und Mann geh aus ins Leben.

KONRAD hebt das in der Scheide ruhende Schwert empor, indem er es in der Mitte faßt.

So schwör' ich hier vor Menschen und vor Gott:

Wird diese Junge, diese stählerne,

Die stumm jetzt ruht, zu reden einst beginnen,

So sei ihr erstes Wort: Für Brandenburg![207]

ALLE.

Für Brandenburg!

PERWENITZ.

Auf den Weg!

ALLE.

Auf den Weg!


Brausender Jubel.

Vorhang fällt.


Ende des ersten Aktes.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 9, Berlin 1911–1918, S. 201-208.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Quitzows
Die Quitzows; Schauspiel in Vier Akten

Buchempfehlung

Schnitzler, Arthur

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Der einsame Weg. Schauspiel in fünf Akten

Anders als in seinen früheren, naturalistischen Stücken, widmet sich Schnitzler in seinem einsamen Weg dem sozialpsychologischen Problem menschlicher Kommunikation. Die Schicksale der Familie des Kunstprofessors Wegrat, des alten Malers Julian Fichtner und des sterbenskranken Dichters Stephan von Sala sind in Wien um 1900 tragisch miteinander verwoben und enden schließlich alle in der Einsamkeit.

70 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantische Geschichten. Elf Erzählungen

Romantik! Das ist auch – aber eben nicht nur – eine Epoche. Wenn wir heute etwas romantisch finden oder nennen, schwingt darin die Sehnsucht und die Leidenschaft der jungen Autoren, die seit dem Ausklang des 18. Jahrhundert ihre Gefühlswelt gegen die von der Aufklärung geforderte Vernunft verteidigt haben. So sind vor 200 Jahren wundervolle Erzählungen entstanden. Sie handeln von der Suche nach einer verlorengegangenen Welt des Wunderbaren, sind melancholisch oder mythisch oder märchenhaft, jedenfalls aber romantisch - damals wie heute. Michael Holzinger hat für diese preiswerte Leseausgabe elf der schönsten romantischen Erzählungen ausgewählt.

442 Seiten, 16.80 Euro

Ansehen bei Amazon