Neunter Auftritt

[232] Konrad reißt von außen die Mitteltür auf.


KONRAD. Herein, Berlin, Dietrich von Quitzow ruft Euch!


Perwenitz, Dannewitz, Rathenow, Blankenfeld, Sechelweg kommen durch die Mitte. Reisige erscheinen hinter ihnen und bleiben in der geöffneten Tür und im Hintergrunde stehen.


PERWENITZ.

Nun, Dietrich Quitzow, wir haben Wort gehalten;

Dort ist Euer Bruder.

DIETRICH. Und so halt' ich Wort: seid willkommen!


Streckt ihnen die Rechte zu.


ALLE. Recht so! Recht so!

PERWENITZ ergreift seine Hand. Soll's gelten, Dietrich Quitzow?

DIETRICH. Ja, Henning Perwenitz.

PERWENITZ. Ihr kennt mich noch?[232]

DIETRICH. Ihr schlugt mir an der Tegeler Mühle eine Beule an den Kopf.

PERWENITZ. Und dafür schmisset Ihr mich aus dem Sattel.

DIETRICH. Ich grüße Euch, Hans Dannewitz, und Euch, Paul Blankenfeld.

DANNEWITZ. Was? Woher kennt Ihr uns?

DIETRICH. Ihr fingt mir einmal zwei Leute weg von der Köpnicker Mark.

BLANKENFELD. Dafür holtet Ihr Euch viere wieder von meinen aus Weißensee.

DIETRICH. Freilich, dem reichen Paul Blankenfeld, sagt' ich, tut's keinen Schaden. Berlin ist reich; was meint Ihr, Veit Sechelweg, der Kämmerer?

SECHELWEG. Teufel und eins, Ihr zählt unsere Namen herunter, als hättet Ihr sie aus dem Buche gelernt.

DIETRICH. Ratmannen, wißt, ich bin um Berlin herumgegangen all die Jahre lang wie das Kätzlein um den Herd – und Ihr war't der Braten.

DANNEWITZ. Und da habt Ihr Euch erkundigt, von was für Fleisch der Braten war!

DIETRICH. Wem ich einmal unter die Sturmhaube geblickt, den vergess' ich nicht wieder.

PERWENITZ zu den anderen. Was hab' ich Euch gesagt? Er ist ein Kriegsmann und ein Held![233]

DANNEWITZ. Ja, Ihr müßt wissen, Dietrich Quitzow, Henning Perwenitz ist in Euch verliebt, seit Ihr ihn in den Sand gesetzt.

DIETRICH. Dafür sollt Ihr mich unter den Tisch trinken, wenn's Euch gelingt, in des Rates Keller zu Berlin!

PERWENITZ. Das ist ein Wort!

DANNEWITZ. Ihr seid unser Mann!


Sie drängen sich um ihn, schütteln ihm die Hände.


DIETRICH. Ich habe Euch vorgearbeitet; die Pommern hab' ich hinausgeworfen aus Straußberg.

PERWENITZ. Das wissen wir und dafür danken wir Euch, und jetzt mit Euch zusammen wollen wir hinter ihnen drein, bis daß sie in Stettin erzählen können, die Mark ist eine Tenne, und da wird gedroschen!

DANNEWITZ. Und Ihr, Dietrich Quitzow, sollt uns führen!

ALLE. Seid unser Führer!

DIETRICH.

Ja denn, so sei's und führen will ich Euch!


Er erhebt die Rechte.


Von dieser Hand erbettelten sich Fürsten

Bündnis und Gunst – ich schüttelte sie von mir,

Denn Fürsten suchen Diener, Freunde nicht.

Männer Berlins, wir lernten uns erkennen,

Wo Männer sich erkennen, in der Feindschaft;

Wir habe beide uns in mancher Schlacht

Ins Blut gesehn.

Euer Blut geht seinen Gang wie meinen meins.

Was wir besitzen, danken wir uns selbst,

Drum sind wir frei. Wollt Ihr für meine Freiheit

Einstehn wie ich für Eure?[234]

PERWENITZ.

Ja!

ALLE.

Das wollen wir!

DIETRICH streckt die Hand aus.

Dann Bündnis also?

ALLE ergreifen seine Hand.

Bündnis!

KONRAD tritt hinzu.

Hand auch mir!

DIETRICH.

Auf Tod und Leben?

ALLE.

Ja! Auf Tod und Leben!

DIETRICH.

Kein Säumen denn; zu Roß, den Pommern nach!

Hinaus mit ihnen aus der Mark!

ALLE.

Hinaus!


Ab zur Mitte.

Der Zwischenvorhang fällt.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 9, Berlin 1911–1918, S. 232-235.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Quitzows
Die Quitzows; Schauspiel in Vier Akten

Buchempfehlung

Angelus Silesius

Cherubinischer Wandersmann

Cherubinischer Wandersmann

Nach dem Vorbild von Abraham von Franckenberg und Daniel Czepko schreibt Angelus Silesius seine berühmten Epigramme, die er unter dem Titel »Cherubinischer Wandersmann« zusammenfasst und 1657 veröffentlicht. Das Unsagbare, den mystischen Weg zu Gott, in Worte zu fassen, ist das Anliegen seiner antithetisch pointierten Alexandriner Dichtung. »Ich bin so groß als Gott, er ist als ich so klein. Er kann nicht über mich, ich unter ihm nicht sein.«

242 Seiten, 11.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier. Neun Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Dass das gelungen ist, zeigt Michael Holzingers Auswahl von neun Meistererzählungen aus der sogenannten Biedermeierzeit.

434 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon