Sechster Auftritt

[244] Peter Grechewitz ganz in Schwarz gekleidet, kommt von rechts; er lüftet den Hut.


GRECHEWITZ. Euch zum Gruß, Edle, Feste, Gestrenge und Getreue!

DIETRICH. Willkommen Peter Grechewitz, der Notar!

PERWENITZ. Willkommen!


Reichen ihm die Hand.


DIETRICH. Ihr kommt aus Böhmen?

GRECHEWITZ verneigt sich. Aus Böhmen.

PERWENITZ. Aus Prag?

GRECHEWITZ wie oben. Aus Prag.

DANNEWITZ. Vom Markgraf Jobst?[244]

GRECHEWITZ. Der Markgraf Jobst! O! O! O! O! Edle der Mark, Feste und Gestrenge von Berlin; Reisestaub deckt meine Füße, Asche mein Haupt, schwarzes Gewand meinen Leib. Die Axt ward gelegt an den Baum, und der Baum ist gefallen zur Tiefe. Seiner Spitze ward beraubt der Berg, seiner Herrlichkeit entblößet das Land. Der durchlauchtige Herr, der großmächtige Herr, der gestrenge Herr, der sanftmütige Herr, Jodokus, Markgraf von Brandenburg und des Lausitzer Landes ist –

DIETRICH. Jobst ist tot?

GRECHEWITZ. Weinet, zetert und klagt, Jodokus ist gestorben.


Tiefe Pause. Gemurmel im Saale.


DIETRICH. Einen Tusch die Pauken! Einen Tusch die Trompeten!

GRECHEWITZ. Herr Dietrich von Quitzow?!

DIETRICH. Einen Tusch sag' ich! Warum feiern die Musikanten!


Tusch von Pauken und Trompeten.


DIETRICH. Da, Peter Grechewitz, da habt Ihr das Grabgeläute für Markgrafen Jobst.

GRECHEWITZ. Herr von Quitzow! Mich faßt Entsetzen!

DIETRICH. Verflucht sei Heuchelei, die Mutter aller Feigheit und knechtischen Sinns! Ich habe ihn verachtet, solange er lebte; soll ich ihn achten, nur weil er starb? Was ist mir der Tod? Ich habe ihn zu meinem Knecht gemacht in fünfzig Schlachten! Ja, und hätte er ihn auf der Walstatt ereilt unter flatternder Sturmfahne – aber so – wie heißt die Krankheit, sagt mir doch, die ihn bezwang? Malvasier oder Muskat?[245]

PERWENITZ. Ja, sehr wahr.

DANNEWITZ. Sehr wahr.


Allgemeines und unterdrücktes Gelächter.


GRECHEWITZ. Herr von Quitzow, Herr von Quitzow, wenn es schon wahr ist, daß der höchstselige Markgraf dem Becher nicht abhold war –

DIETRICH. Begrabt ihn in einem Stückfaß! Das ist's, was ihm gehört!

PERWENITZ. Das ist wahr! Das ist gut!

DANNEWITZ. Das ist wahr!

ALLE. Ja! Ja! Ja! Lauteres Gelächter.

DIETRICH steigt die Stufen des Hintergrundes hinauf, ergreift den Becher. Den Becher zur Hand! Angestoßen mit mir, wer ein Mann ist! Der Malvasier soll leben, der uns den böhmischen Hanswurst vom Leibe gespült hat!

ALLE stürzen an den Tisch, ergreifen die Becher, stoßen an. Soll leben! Soll leben!


Wildes Gelächter.


GRECHEWITZ der unten geblieben ist. O! O! O! O! Wohin, Ihr Herren, wohin soll das führen?

DIETRICH. In die Freiheit, Peter Grechewitz! Wir haben keinen Herrn mehr! Jetzt sind wir frei!

PERWENITZ. Die Freiheit soll leben!

ALLE. Die Freiheit!


Alles stößt stürmisch mit den Bechern an.
[246]

PERWENITZ hebt den Becher. Und der Mann, dessen Hand uns die Pommern vom Halse geschafft hat und dessen Wort uns zur Freude geweckt hat von der dummen Traurigkeit, die keine Traurigkeit war, und der ein Mann ist von Kopf bis zu Fuß und ein Held ist von Leib und Seele – Dietrich Quitzow soll leben hoch!

ALLE mit donnerndem Schrei. Hoch! Hoch! Hoch!


Tusch von Pauken und Trompeten.


DIE MÄDCHEN. Fifat! Fifat! Fifat!


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 9, Berlin 1911–1918, S. 244-247.
Lizenz:
Kategorien:
Ausgewählte Ausgaben von
Die Quitzows
Die Quitzows; Schauspiel in Vier Akten

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Agrippina. Trauerspiel

Agrippina. Trauerspiel

Im Kampf um die Macht in Rom ist jedes Mittel recht: Intrige, Betrug und Inzest. Schließlich läßt Nero seine Mutter Agrippina erschlagen und ihren zuckenden Körper mit Messern durchbohren. Neben Epicharis ist Agrippina das zweite Nero-Drama Daniel Casper von Lohensteins.

142 Seiten, 7.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Biedermeier III. Neun weitere Erzählungen

Biedermeier - das klingt in heutigen Ohren nach langweiligem Spießertum, nach geschmacklosen rosa Teetässchen in Wohnzimmern, die aussehen wie Puppenstuben und in denen es irgendwie nach »Omma« riecht. Zu Recht. Aber nicht nur. Biedermeier ist auch die Zeit einer zarten Literatur der Flucht ins Idyll, des Rückzuges ins private Glück und der Tugenden. Die Menschen im Europa nach Napoleon hatten die Nase voll von großen neuen Ideen, das aufstrebende Bürgertum forderte und entwickelte eine eigene Kunst und Kultur für sich, die unabhängig von feudaler Großmannssucht bestehen sollte. Für den dritten Band hat Michael Holzinger neun weitere Meistererzählungen aus dem Biedermeier zusammengefasst.

444 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon