Erster Auftritt

[275] Friedrich, hinter ihm. Ileburg treten aus dem Zelt. Friedrich ist einfach, ohne die Abzeichen seiner Würde gekleidet.


FRIEDRICH.

Niemand begleite mich, laßt mich allein.


Ileburg wendet sich zurück.


Sagt mir noch eins: die Stadt, die ich dort sehe –

ILEBURG.

Ist Brandenburg.

FRIEDRICH.

Und jener Strom?

ILEBURG.

Die Havel.


Ileburg tritt auf einen Wink Friedrichs in das Zelt zurück, dessen Tür sich hinter ihm schließt.


FRIEDRICH blickt auf Strom und Stadt.

An diesem Strom ward Brandenburg geboren –

Mark Brandenburg, so blick' ich dir ins Herz –

Sie haben mich gewarnt vor diesem Lande

Und sagten mir, sein Herz sei rauh und wild –

Du aber hast mich an dies Land gewiesen,

Allmächt'ger Gott; aus meiner eignen Brust

Nehm' ich das Herz voll Willen, Kraft und Liebe

Und pflanze es in dieses Landes Boden

Wie einen Samenkern, der Früchte treibt,

Daß niemand künftig mehr zu scheiden wisse,

Was Brandenburg empfing von Hohenzollern

Und Hohenzollern Brandenburg verdankt.[275]

Du Land des Sandes, du verhöhnt, verachtet

Von denen, die in Reichtums Armen ruhn,

Hier beug' ich dir mein Knie –


Läßt sich auf ein Knie nieder.


mit meinen Händen

Ergreif' ich dich –


Greift an den Boden und hebt eine Handvoll Sand auf.


und hier, wo nur das Auge,

Das schlummerlose deines Gottes und meines

Auf uns herniedersieht, wo nur das Ohr

Des ewig wachen Gottes mich vernimmt,

Schwör' ich dir Treue, Brandenburger Land. –

Ja, du bist arm, dich schmücken nicht Gebirge,

Nicht üpp'ger Wiesen Saft und schwellend Grün –

In deinen Söhnen nur, in deinen Töchtern

Ruht all dein Reichtum – schenke mir dein Volk.

Märkische Erde, dir vermähl' ich mich!

Die Pflugschar nehme ich in meine Hände,

Du sollst mir fruchtbar werden, dürrer Sand:

Wo Stahl gepflügt, da werden Männer wachsen,

Wo Pflicht geschenkt, wird Dankbarkeit empfangen,

Wo Liebe sä't, wird Treue auferstehn.


Die Sonne steigt langsam hinter den Türmen Brandenburgs empor; Friedrich erhebt sich, breitet die Arme dem Lichte entgegen.


Und sieh, du nahst, von taubeschwerter Wimper

Abschüttelnd Nacht und Dunkel, heil'ges Licht.

Dich grüß' ich, erster Tag auf märk'scher Flur.

Dich schick' ich vor mir her als meinen Boten

In jede Hütte und in jedes Herz;

Dein Gang sei Freude, Trost sei dein Geschenk,

Verheißung dein Panier und Hohenzollern

Der Morgengruß, der Brandenburg erweckt.


Aus der Stadt und rechts und links außerhalb der Bühne erhebt sich das Geläute der Frühglocken.


Quelle:
Ernst von Wildenbruch: Gesammelte Werke. Band 9, Berlin 1911–1918, S. 275-276.
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