Der Waldgang

[29] Das improvisierte Gastmahl machte der Frau Amtmännin und Friederike alle Ehre, auch die Unterhaltung war lebendig, und der neue Gast wurde mit der gemütlichen Höflichkeit des Hauses in den Kreis aufgenommen; nur der Amtmann brachte ihn dadurch etwas außer Fassung, daß er ihn beharrlich »Herr Haberstock« anredete und sich, da er in Welsburg bekannt war, in ausführliche Erörterungen über die Familie Haberstock und mehrere alte Haberstöcke mit ihm einließ.

Der Oberamtmann war nichts weniger als ein Polizeispion und froh, wenn man ihn außeramtlich mit Amtsgeschäften in Ruhe ließ; bei dieser Namensveränderung wandte er aber doch ein aufmerksames Ohr hinüber und fragte: »Haberstock?«

»Allerdings Herr Kameralis Studiosus Haberstock aus Welsburg,« stellte der Amtmann förmlich vor und fügte halblaut gegen den Oberamtmann entschuldigend bei: »Der Name Nordstern ist nur so eine Art von Cerevisname oder Unnamen, wie sich die jungen Leute als zum Spaß geben.« – »Hab' nichts dagegen,« sagte der Oberamtmann; selbst Minna nahm den Namenwechsel nicht zu hoch auf, ihr war er ein Nordstern und ein Südstern, ein Morgen- und Abendstern geworden, ein Stern, der allenthalben an ihrem Himmel stand.

Die Tafel war aufgehoben, der Kaffee unter der Linde getrunken, der Oberamtmann hatte auf dem Sofa der Visitenstube[29] ein ruhigeres Schläfchen gemacht als auf dem trügerischen Element und sich dann mit dem Amtmann aufs Rathaus begeben. Die Jugend trat den Waldspaziergang an, zu dem sich diesmal auf eifriges Zureden der Mutter auch Friederike bewegen ließ, nicht ohne ein umfangreiches Strickzeug, leinene Socken mit zweierlei Garn, in die Tasche zu stecken.


»Zum Wald, zum Wald! da steht mein Sinn –«


wurde nun angestimmt, und die grüne Dämmerung, mit ihren lockenden Pfaden, mit ihrem Wehen und Rauschen, mit den fernen blauen Bergen, die sich zwischen die hohen Eichen stehlen, mit all ihrem vielbesprochenen und vielbesungenen und doch so unergründlichen Zauber, nahm sie auf.

Sie suchten die letzten Maiblumen und die ersten Erdbeeren; sie banden Kränze von jungem Eichenlaub und entdeckten heimliche und unheimliche Plätzchen und Verstecke; nur die arme Mathilde ließ heute das Gefühl der beleidigten Würde ihres Geschlechtes nicht zum reinen Genuß der Gegenwart kommen. »Nun bitte ich dich, wie war's denn möglich; nach einem solchen Dejeuner noch so zu essen wie dieser Oberamtmann, und immer wieder zuerst genommen!« – »Aber so gönne ihm doch, wenn's ihm schmeckt!«

»Nein, und die Umstände, die ihr mit ihm macht! Ein Oberamtmann ist ja gar nichts so Großes! Mein Vater war doch Medizinalrat, das ist immerhin noch mehr, und es ist uns noch nie eingefallen, darauf Ansprüche zu begründen.« – »Ich weiß aber wirklich nicht, was du auf den armen Oberamtmann hast; er ist ein harmloser Mann und guter Beamter, und du hast ihm dazu noch heute das Leben gerettet! Und als du diesen Mittag den Tisch verlassen, sah er dir noch nach und sagte zu der Mutter: ›Artiges Frauenzimmer!‹ das ist vom Oberamtmann schon unerhört.« – »In der Tat, ihr seid doch recht bescheiden!« sagte Mathilde mit einigem Erröten. »Nun freilich, was das Essen betrifft, so hat der Nordstern für einen Dichter auch einen recht gesunden Appetit gezeigt.«[30]

»Das habe ich nicht bemerkt, bin auch nicht gewöhnt, unsern Gästen die Bissen in den Mund zu zählen,« sagte Minna höchlich pikiert. – »Nun, nun, Minchen, sei zufrieden! Wir wollen darüber nicht unsern ersten Streit bekommen; schau, da geht dein Nordstern auf!«

Während Minna und Arwed sich Kränze von Eichenlaub flochten, saß Friederike auf einer Steinbank und strickte so eifrig, als bedürfte heute noch jemand besagter leinenen Socken, um seine Heimat zu erreichen. Der gute Wilhelm leistete ihr Gesellschaft. »Hättest du denn nicht Lust, Rikchen, auch ein wenig tiefer in den Wald zu gehen?« fragte er sie. »Ach nein, es kommt mir unnötig vor, wir sind ja durch den Wald heraufgekommen, und hier ist mir's schön genug.«

»Gewiß, aber vielleicht finden wir noch einige Maiblumen.« – »Oh,[31] man wird von den Bettelkindern so mit Sträußen überlaufen, ich wüßte nicht wohin mit neuen!«

»Sieh, wie hübsch!« rief Wilhelm, als Arwed und Minna mit Eichenlaubkränzen den grünen Pfad herabkamen; auch Emma erschien hoch errötet mit einem Kranz um ihren Strohhut, und Eduard trug nach Jägerart einen Zweig an der Mütze; Mathilde hatte mit Otto ein notgedrungenes Bündnis geschlossen und sarkastische Bemerkungen über die anwesenden Paare und den abwesenden Oberamtmann ausgetauscht; auch sie hatte einen Kranz um ihre blonden Haare nicht verschmäht. »Nun müssen wir uns doch auch bekränzen,« meinte Wilhelm, eifrig Eichenlaub pflückend. – »Ich danke, um den Kopf tue ich keinen Kranz,« sagte Friederike trocken, »die Leute halten uns ja für Narren, wenn wir so heimgehen.«

»Immerhin!« rief Arwed, »eine Stunde glücklicher Narrheit ist ein ganzes, langes, vernünftiges Leben wert!«

Friederike ließ sich denn doch noch bewegen, ein Sträußchen anzustecken, packte dann eifrigst ihr Strickzeug zusammen und erklärte, sie müsse heim, die andern könnten tun, was sie wollten.

Die Paare setzten sich in Bewegung; die Gitarre hatte Arwed daheim gelassen, deklamierte aber dafür ein Waldlied, eigene Dichtung, mit dem Kehrreim:


»O du grüne Nacht, du heimliche Nacht,

O du süße, du herrliche Waldespracht!

Ich trage mein tiefes, unendliches Leid

In deine stillheilige Einsamkeit.«


Mathilde, die heute recht bösartig sein konnte, unterbrach ihn nach einer Strophe: »Aber, Herr Nordstern, worin besteht denn eigentlich Ihr tiefes Leid? Sie haben uns ja erst diesen Morgen gesungen:


Die Erd' ist eine Schale

Von grünem Edelstein,

Draus schlürf' ich froh das Leben,

Den glüh'nden Feuerwein!«
[32]

Ein zorniger Blick traf sie, dessen man Minnas sanfte Augen nicht fähig gehalten hätte; Arwed aber ließ sich nicht niederschlagen und erwiderte der Spötterin aus dem Stegreif:


»Was ist des Dichters Freude?

Nur eine schimmernde Träne.

Was ist des Dichters Leide?

Ach, nur ein seliges Sehnen.«


»Hat einen Buchstaben zu viel,« flüsterte die boshafte Mathilde, der Minna beinahe die Freundschaft aufgekündet hätte.

Man näherte sich indes dem Amthause. Die Bauern, die dem kleinen Zuge begegneten, sahen etwas verwundert auf die bekränzten Paare; ein kleines Mädchen fragte zu Minnas tiefem Erröten: »Mutter, ist dehs a Hauzig?«1 Weshalb Friederike darauf bestand, daß sie die Kränze ablegen müßten. Vergeblich! Otto raubte ihr das Strickzeug, spießte es auf seinen Stock und trug es im Triumphe voran, als Zeichen, wie er sagte, daß auch solide Leute nachkommen. Beleidigt darüber, machte sie sich trotz alles Widerstands von der Gesellschaft los und stand bereits Kotelette klopfend in der Küche, als die andern singend zum Hause einzogen; nur der gutmütige Wilhelm war ihr nachgeeilt und hatte ihr das Strickzeug ausgeliefert.

Der Hausball war natürlich unstatthaft, und der inhaltreiche Tag endete mit einem Souper en famille ohne weiteres Ereignis, als daß der Oberamtmann Mathilden eine Platte mit Waffeln angeboten, notabene, nachdem er sich selbst zuvor genommen hatte, und daß er einigemal, namentlich mit Wilhelm, etliche Worte mehr gesprochen hatte, als seine gewöhnliche Redensart: »Hab' nichts dagegen.«

Quelle:
Ottilie Wildermuth: Ausgewählte Werke. Band 2, Stuttgart, Berlin und Leipzig 1924, S. 29-33.
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