Jugendliebe

[269] Die Ahnfrau hatte jung geheiratet, sehr jung, wie das in früheren Zeiten viel öfter geschah, wo man den Most gern süß einkellerte und es dem Ehestand überließ, ihn abzuklären, während es bei uns im Lauf der Dinge liegt, daß er gehörig ausgegoren hat, ehe er ins Faß kommt. Beides mag sein Gutes und Schlimmes haben; wie man mir sagt, soll der süß eingekellerte Most leichter geneigt sein, trüb und schwer zu werden. Beim Ahnfräulein war dies nicht der Fall; sie ist nicht schwer geworden, bis zum letzten Tropfen nicht.

So früh sie nun aber auch das bedeutungsvolle Ja gesprochen, auf das ihr ganzes Leben als volles, freudiges Amen gefolgt ist, es war doch nicht so früh, daß nicht ihr Herz zuvor Zeit gefunden hätte, sich noch ein klein wenig auf eigene Hand zu rühren. Diese erste leise Herzensregung ist eine schöne traurige Geschichte, die ich sie am liebsten selbst erzählen lasse; wenn ich es nur noch ganz mit ihren Worten könnte!

»Siehst du, ich habe es recht gut gehabt in meiner Jugend, obgleich wir zehn Geschwister waren und tüchtig schaffen mußten. Der Vater war nicht reich, aber gar angesehen, und von Mangel und Sorge war keine Rede. Jetzt kann man sich's gar nicht mehr vorstellen, was ein Beamter seiner Art dazumal für ein Herr war, und vollends so ein grundgescheiter Mann wie mein Vater, der zum Herzog mußte, so oft er nach Stuttgart kam. Ja, ja, wir haben etwas Rechtes gegolten; ich selber trug mein Näschen nicht wenig hoch und dachte damals nicht, daß hier in Nürtingen, wo der Vater regierte, auch sein Tochtermann wachsen würde.

Nun, es kamen öfters vornehme und gescheite Herren aus der Residenz zum Vater, und wir waren solche Besuche gewöhnt; aber einer ist bisweilen gekommen, nicht oft – da hat mir allemal das Herz geklopft, wie sonst nie in meinem Leben,[269] und es hat sich sonderbar getroffen: so oft er gekommen ist, gefahren oder geritten, jedesmal mußte ich just am Fenster sein und ihn sehen, und jedesmal hat er heraufgeschaut und mich gegrüßt; ich mochte nun am Küchen- oder am Öhrnfenster stehen oder in der Stube, er hat stets am rechten Ort hinaufgeguckt. Wenn er bei uns zum Essen geladen wurde, bin ich aber immer zuletzt gekommen: ich hätte mich so gern recht schön angezogen und habe mich doch wieder geschämt, es zu tun.«

»Haben Sie denn auch recht viel miteinander gesprochen?« – »Gesprochen? Ich möchte wissen, wann. Ich sah ihn nur bei Tisch, und da hätt' ich den Vater sehen wollen, wenn eines von uns ungefragt geredet hätte! Hie und da hat der S. doch die Rede an mich gerichtet, aber ich bin immer so rot geworden und so verlegen, daß ich kaum antworten konnte. Ich habe auch gar nie geglaubt, daß er nur ein klein wenig an mich denke, ein so schöner Mann und so vornehm! Man sagte damals schon, daß ihn der Herzog mit einer Gesandtschaft verschicken werde. Nur ein einziges Mal habe ich's doch ein bißchen gemeint. – Da war er beim Vater und kam gerade allein über den Hof, als ich eben auf der Staffel stand und meine Blumenstöcke goß; ich hatte nicht viele: zwei Rosenstöcke und einen großen Nelkenstock. – Ich spürte schon von weitem, daß er auf mich zukomme, aber ich rührte mich nicht und zupfte nur immer an einem einzigen Rosenblatt. Wie fuhr ich aber zusammen, als ich seine Stimme hörte: ›Ei, was für schöne Rosen, Jungfer Karoline!‹ Ich wußte gar nicht, was sagen, und sah nur ein klein wenig nach ihm auf. ›Blüht gar keine von den schönen Knospen für mich?‹ fragte er wieder. Da hatte ich, ehe ich mich besonnen, die allerschönste abgeschnitten; aber ich hatte nicht den Mut, sie ihm zu geben, bis er selbst sie sanft aus meiner Hand zog. ›Danke, danke schön,‹ sagte er mit einem Lächeln – das vergesse ich nicht! – und ging rasch weiter. Was sonst noch am selbigen Tage vorgefallen ist, weiß ich nicht; ich glaube, ich wurde tüchtig gezankt von der Mutter, weil ich wie im Traum herumging; es war mir immer, wie wenn ich mit allen Glocken zusammenläuten hörte. Am andern Morgen ritt er ab vom[270] Schwanen drüben; das Röslein hatte er an seinem Knopfloch stecken, es war über Nacht aufgegangen. Ich habe viele Nächte nicht schlafen können und viel Angst gehabt, ob es keine der großen Schwestern bemerkt.[271]

Ein paar Wochen nachher war der Vater verreist, und wir hatten große Putzerei. Das ganze Haus wurde umgekehrt, Kisten und Kasten geleert, und wir alle hausten mit Besen und Bürsten, wuschen, polierten und wichsten Kommoden, Tische und Schränke und fürchteten uns sehr vor der Mama, die an den Putztagen immer höchst übler Laune und leicht erzürnt war. Da kam der Bastel, der alte Stadtbote, an mir vorbei die Stiege herauf. ›Wo find' ich die Frau Mama? Da ist ein Brief, nicht ans Amt, an den Herrn selber.‹ – ›Droben ist sie, Bastel, in der oberen Gaststube.‹ Der Bastel ging hinauf; nach dem Brief fragte keines von uns.

Der Vater blieb damals viel länger aus, als er selbst und wir geglaubt. Er war aber schon wieder ein paar Tage zu Haus, als er gelegentlich bei Tisch zur Mutter sagte: ›Ei, Nane, denke, der S. ist bei der Gesandtschaft in Österreich angestellt worden, und er hat nicht einmal schriftlich oder mündlich Abschied von uns genommen. So geht's, wenn die Leute vornehm werden! Von dem hätte ich's aber nicht geglaubt.‹ Die Mutter verwunderte sich gehörig darüber, auch die Schwestern gaben ihr Wörtchen drein, ich aber konnte keinen Bissen mehr essen; ich war froh, daß der kleine Christian, der neben mir saß, meinen Teller in der Stille ableerte, weil's gerade was Gutes war. In der Nacht habe ich bitterlich geweint; ich hatte freilich nie geglaubt, daß er an mich denken werde, nun aber tat mir's doch in der Seele weh. Niemand sprach indessen mehr von ihm, und ich dachte, ich sei eben ein recht einfältiges Mädchen gewesen.

Da erhielt mein Mann selig, der seither Substitut beim Vater gewesen war, die Stelle eines Syndikus, was für seine Jugend schon recht viel war. Er kam zum Vater und hielt um mich an. Der Vater ließ mich in seine Stube rufen und eröffnete mir's recht feierlich. ›Du hast ganz deinen freien Willen, Karoline,‹ sagte er zum Schluß; ›ich erwarte aber, daß du vernünftig bist und den Antrag eines so geschickten und rechtschaffenen Mannes mit Dankbarkeit annimmst.‹ Da wußte ich nun wohl, wie es mit dem freien Willen stand und daß ich nicht anders durfte; aber es war mir noch gar, gar nicht ums Herz,[272] wie wenn ich Ja sagen wollte. – Siehst du, ich hatte gewiß immer rechten Respekt gehabt vor meinem Mann selig; er war auch ein schöner, stattlicher Mann, sehr ernsthaft und gesetzt für seine Jugend, und der Vater hielt große Stücke auf ihn; aber daß er mein Mann werden könnte, daran hatte ich mein Lebtag nicht gedacht, und ich meinte, es könne nicht sein.[273] Der Vater aber hielt es für puren Hochmut von mir, weil mein Mann von armen Eltern herstammte, und sagte mir tüchtig die Meinung darüber. Endlich aber sprach er: ›Wenn du nur einen einzigen vernünftigen Grund hast, Nein zu sagen, so will ich dir mit keinem Worte weiter zureden.‹ Einen vernünftigen Grund hatte ich aber nicht, nur einen recht unvernünftigen; so sagte ich denn in Gottes Namen Ja und bat Gott, mir ein freudiges Herz dazu zu geben. Das hat er auch getan, und ich wurde eine recht zufriedene Braut, als ich sah, wie sie alle ihre Freude hatten und wie die Eltern meinen Bräutigam ehrten und mich mit, so daß ich jetzt am Tisch mitsprechen durfte wie die Mama selbst. Mein Bräutigam tat mir auch zu Lieb und Freude, was er nur konnte. Einmal aber, da hat er's mit dem besten Willen doch nicht gut getroffen, das war mir gar zu arg.«

»Ja, was war denn das?« – »Nun sieh, er hatte eine neue Wohnung verwilligt erhalten, das schöne große Haus, das du ja wohl kennst, und es einstweilen allein bezogen. Nun hatte ich ihm lange versprochen, ihn einmal mit der Mutter zu besuchen, und es wurde endlich auf einen gewissen Tag ausgemacht. So gingen wir also, ich und die Mama, in aller Stille über den Marktplatz, ich dicht an den Häusern, weil ich in einiger Verlegenheit war. Siehe, da fuhren an dem neuen Logis alle Fenster auf, und der Stadtzinkenist mit all seinen Gesellen blies heraus mit Trompeten, Pauken und Klarinetten die allerneueste Ekossaise! – Du kannst dir denken, daß die Fenster der ganzen Nachbarschaft auch aufflogen und alles die Köpfe herausstreckte und die Gassenkinder zusammenliefen und jedermann fragte: ›Was ist's, was gibt's?‹ – ›Ei, der neue Syndikus läßt seiner Jungfer Braut aufspielen!‹ – Ich hätte in den Boden sinken mögen! Er hatte es freilich herzlich gut gemeint und mir die höchste Ehre antun wollen, aber ich habe es lange nicht verwinden können.

Nun gut, das war vorbei, und wir waren vergnügt und zufrieden miteinander; da meldete sich eines Tages der Herr Onkel Landschaftsassessor zum Besuch an. Dies war immer eine große Wichtigkeit. Man stach Kapaunen und bestellte Forellen;[274] in der oberen Staatsstube wurden frische Vorhänge aufgemacht und das seidene Bettkuvert überzogen. Der Vater, der sich sonst gar nie um Haushaltungssachen bekümmerte, ging selbst mit mir hinauf, um nachzusehen, ob auch alles recht im Stande sei. Ich langte eben das Lavor von echt chinesischem Porzellan aus der Kommode, ein Prachtstück, das nur bei solchen Gelegenheiten und stets mit großer Angst gebraucht wurde, weil man uns von Kindheit an fabelhafte Begriffe von seinem Wert beigebracht hatte.

›Da liegt ja ein gesiegelter Brief an Sie, Papa,‹ rief ich erstaunt, und mit einem Male fiel mir selbiger Brief ein, den der Bastel damals am Putztag gebracht hatte, und mir wurde recht bang auf das Ungewitter, das es wegen dieser Vergeßlichkeit der Mutter geben werde.

Der Vater öffnete rasch den Brief und las ihn. Sein Gesicht wurde immer ernster und nachdenklicher. ›Das kommt nun zu spät!‹ sagte er langsam und gab mir nach kurzem Besinnen den Brief. ›Da lies, Karoline, es geht dich an.‹ Und mit großen Schritten ging er auf und ab, während ich erstaunt mit klopfendem Herzen den Brief las. Aber das Herz ist mir fast still gestanden. – Was meinst du, daß in dem Brief stand? Eine förmliche Werbung des S. um meine Hand beim Vater, und ein klein Brieflein darin an mich, so schön, ich könnte es heute noch auswendig sagen. Da wurde mir's ganz dunkel vor den Augen; ich wollte nur allein sein und ging hinunter in das Schlafstüblein.«

»Aber das ist doch gar zu traurig! Was haben Sie denn getan?« – »Gebetet habe ich, Kind, wohl auch geweint, aber gebetet zu dem, der den Sturm auf dem Meer gestillt hat, und es ward auch in mir eine große Stille. Nach einer Stunde ließ mich der Vater wieder zu sich kommen. Nun hat mich's mein Lebtag gewundert, daß der Vater mir nur den Brief gezeigt und noch ein Wort über die Sache verloren hat, nachdem ich schon eine verlobte Braut war; aber es muß bei ihm eben sehr tief gegangen sein. Er sah ganz bleich, ganz verlegen und bekümmert aus. ›Karoline,‹ sagte er, ›das ist nun schlimm; mir tut's weiß Gott leid, daß es so gegangen ist, aber mein Wort –‹[275] – ›Wir brauchen uns nicht mehr zu besinnen, Papa,‹ sagte ich ruhig. ›Wenn es Gottes Wille gewesen wäre, so hätt' er's anders fügen können. Ich habe wohl einmal gedacht, ich möchte einen Mann, den ich recht, recht liebhaben könnte, so von ganzer Seele, und so will ich nun den Friedrich (so hieß mein Mann selig) liebhaben, und Gott wird mir dazu helfen.‹ – ›Du bist ein braves Mädchen, Karoline; Gott wird dir's gut gehen lassen.‹ Und der Vater gab mir zum erstenmal die Hand. Sein Wort ist auch in Erfüllung gegangen; der liebe Gott hat's uns gut gehen lassen und uns reichlich gesegnet mit Wohlstand und Herzensfreude, und acht gesunde und brave Kinder sind heute noch meines Alters Trost und Freude.«

»Aber haben Sie denn dem S. gar nicht einmal geschrieben?« – »Ob der Vater es getan hat, weiß ich nicht; für mich, als eine verlobte Braut, wäre das nicht recht gewesen. Weh getan hat mir's freilich, daß er sich so verschmäht glaubte und im Groll von uns geschieden ist; aber ein recht stolzer Mann muß er doch gewesen sein, sonst hätte er nicht so scheiden können.«

»Aber der Bräutigam, der hat doch das Opfer gewiß recht erkannt und Sie auf den Händen getragen?« – »Er war ein getreuer und rechtschaffener Mann und mein bester Freund auf der Welt, der mich sein Leben lang in Liebe und Ehren gehalten hat; aber da wärest du falsch daran, Kind, wenn du glaubtest, er sei darum ein besonders untertäniger Ehemann gewesen, weil ich zuerst kostbar tat und mir eine Weile wie ein Prinzeßlein vorkam. Nein, er ist recht der Herr und das Haupt des Hauses gewesen, und ich ihm gehorsam und untertan, wie es einer rechten Frau gebührt. Ich würde das nicht selbst sagen, aber er hat mir's noch auf seinem Totenbett bezeugt. Die Geschichte mit dem S. aber und dem Brief habe ich ihm erst anvertraut, wie er und ich gewiß wußten, daß ich den Irrtum nicht mehr beklagte. Es ist eine schöne Sache, Kind, um das eheliche Vertrauen, und eine rechte Frau wird kein Geheimnis vor ihrem Mann behalten; aber gar zu voreilig muß man nicht sein, sonst wirft man leicht ein Häkchen in des Mannes Seele, das nachher schwer auszuziehen ist.«[276]

Quelle:
Ottilie Wildermuth: Ausgewählte Werke. Band 1, Stuttgart, Berlin und Leipzig 1924, S. 269-277.
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