Actus quintus

[425] Requiem con sordino


Dasselbe Zimmer wie im vorigen Akt.

Abend. Der Raum ist nur durch die Stehlampe erhellt, welche auf dem Speisetisch brennt. Links vorne, an seinem ursprünglichen Platze, steht das Bett des alten Spuller mit dem Kopfende gegen das Publikum. Darinnen der Tote, dessen Knie und Füße sich unter dem weißen Linnen, mit dem er bis zur Brust bedeckt ist, deutlich abzeichnen. Das Haupt bleibt unsichtbar. Man sieht nur die gefalteten Hände, die einen kleinen Primelstrauß halten. Zu Häupten des Bettes, mit einem dunklen Tuche bedeckt, ein einfaches Küchenstockerl, darauf ein Kruzifix und zwei brennende Kerzen.

Mutter und Marie in schwarzen Kleidern am Tische.

Die Mutter ist damit beschäftigt, in ein abgegriffenes Notizbuch Ausgaben einzutragen. Marie arbeitet an einem schwarzen Kleidungsstücke. Neben ihr auf dem Tische liegen schwarze Stoffe und Schleier. Sie läßt aber die Arbeit oft ruhen und starrt vor sich hin. Im Zimmer auf- und abgehend, Gottfried. Er bleibt manchmal stehen und verweilt mit seinen Blicken auf dem Verstorbenen.

Alles in diesem Akte wird gedämpft gesprochen.


MUTTER. Was hat der Totenbeschauer bekommen?

MARIE teilnahmslos. Ich weiß es nicht mehr, Mutter.

MUTTER nach einigem Nachsinnen. Vier Kronen, glaub' ich. Schreibt ein.

GOTTFRIED beim Toten, halb für sich. Vier Kronen! Damit hättest du dir einen Tag machen können, was? Unsere freien Tage jenseits der Steine durften die Hälfte kaum kosten. Vier Kronen – ein wenig viel für die Feststellung einer Tatsache, die ohnehin bekannt ist und – unwiderruflich.

MUTTER. Wieviel hast du für die Schleier ausgegeben, Marie?

MARIE gibt ihr einige Zettel. Da hast du die Belege.

MUTTER. So viel?

MARIE. Es waren die billigsten.


Mutter schreibt seufzend ein.
[425]

GOTTFRIED wie oben. Jene andern, denen das Leben gehört, dämpfen die Gemächer mit dunkeln Velouren, und die Gerüche des Sterbens ertränken sie in Strömen von Blumen. Dir umspielt ein Pfennigslicht das schattenzerklüftete Antlitz. Nur ein Büschel von Primeln hab' ich für deine Hände gepflückt.

MUTTER. Was wird Gottfried zum Begräbnis anziehen?


Marie sieht sie abwesend an.


GOTTFRIED. Ich werde die Schande überleben, in meinem Alltagsgewand dem Kondukt meines Vaters gefolgt zu sein.

MUTTER abweisend. Das geht nicht.

GOTTFRIED. Warum? Ich werde ein Gesicht machen, so sehr von Trauer verstört, daß die Blicke der Festgäste, von seinem Ausdruck gebannt, kaum auf meine Kleidung hinabgleiten werden.

MUTTER entschieden. Du wirst den Gehrock des Vaters anlegen!

GOTTFRIED in seiner grotesken Art, aber sehr gedämpft. Meines verewigten Vaters Bratenrock würde auf meiner um gut zwanzig Zoll höheren Statur immerhin einen Anblick bieten, komisch genug, um den Jammer einer ganzen Familie zu versinnbilden. Da es jedoch Sitte ist, Verstorbene in entsprechend ernster Gewandung vor den Richterstuhl Gottes treten zu lassen, so werde ich von meines Vaters einzig möglichem Sterbekleid ganz bestimmt keinen Gebrauch machen.

MARIE um einem Konflikt vorzubeugen. Laß ihn, Mutter!

MUTTER unfreundlich. Mach, was du willst.

GOTTFRIED wieder halb für sich. Dieser Angriff wäre somit abgeschlagen. Quibus rebus bene gestis Caesar in Vercingetorigem cohortes duxit. – Im übrigen entsinne ich mich dunkel, seit fast vierundzwanzig Stunden nichts gegessen zu haben. Wäre dem abzuhelfen?

MUTTER hart. Hast du Hunger, Marie?

MARIE. Nein, Mutter.

MUTTER. Ich auch nicht.

GOTTFRIED. Ich somit gleichfalls nicht. Er schnürt sich den Leibriemen enger. Die Spesen des Todes verschlingen die Speisen der Lebendigen. Ich ziehe mich zurück, um Aufgaben zu machen. Denn es könnte sein, daß ich morgen geprüft werde. Geht durch die Türe links langsam ab.

MARIE bekümmert, vorsichtig. Ist gar nichts zu essen da – für Gottfried?

MUTTER gereizt. Brot und ein wenig Milch in der Küche.


Marie erhebt sich schwer, um es zu holen.


MUTTER vorwurfsvoll, indem sie aufsteht, um selbst zu gehen. Laß! Sieh zu, daß du die Hüte fertigbringst! Es klopft an der Tür rechts.

STRANTZ tritt ein. Er trägt schwarzen Rock und hat die Feierlichkeit eines Beileidbesuchers. Vor der Mutter, die ihm entgegenkommt, verneigt er sich tief und murmelt. Mein herzlichstes Beileid.

MUTTER ihm die Hand reichend. Danke. An ihm vorüber ab.

STRANTZ einige Schritte gegen den Toten hin, vor dem er ein paar Augenblicke verweilt, dann zu Marie gewendet, die er fragend ansieht, leise, erschüttert. Marie –

MARIE klar und mild. Es ist mir lieb, daß Sie gekommen sind.

STRANTZ. So Sie wiederzusehen –

MARIE mit schmerzlichem Lächeln. Wir haben den Armen nicht mehr retten können. So nehmen Sie zurück, was Sie mir gegeben haben. Sie entnimmt ihrer Tasche ein ziemlich zusammengeknittertes Kuvert und reicht es ihm hin. Ich habe es nicht angerührt. Nicht einmal geöffnet. Etwas ungeduldig. Nehmen Sie es doch! Strantz nimmt es. Vielen Dank.

STRANTZ schamvoll. Danken Sie mir nicht! Ich schäme mich ja so. Wie ein Tier habe ich mich benommen –

MARIE milde. Wenn jemand Ursache hat, sich zu schämen, bin ich es. Auf eine abwehrende Bewegung seinerseits. Doch, doch, ich hätte Sie nicht bitten dürfen, gerade Sie nicht.

STRANTZ. Sie sind zu mir gekommen, rein, edel und vertrauensvoll. Und ich?

MARIE. Die Angst machte mich fassungslos. Aber dann – habe ich selbst Sie in die Rolle hineingetrieben, die Sie gespielt haben.

STRANTZ. Wirklich nur eine Rolle! Ich bin nicht so gemein, wie ich mich gegeben habe. Ich bin es nicht.

MARIE. Wir sind beide nur Menschen, Sie und ich, nicht wahr?

STRANTZ zerknirscht. Ich damals nicht! Ich war so besessen von dem einen, einzigen Gedanken, daß ich ihn nicht einmal in jenem Augenblick vergessen konnte. Elend genug von mir.

MARIE weich. Sie haben es ja gutgemacht. Denn Sie haben Ihr Versprechen gehalten – ich nicht.[426]

STRANTZ inbrünstig. Ich danke Ihnen, daß Sie es nicht gehalten haben.

MARIE mit schmerzlichem Lächeln. Es war nicht mein Verdienst. Es war ein Vater, der nicht wollte, daß sein Kind ihm Opfer bringe. So beeilte er sich zu sterben. Sie nickt.

STRANTZ überquellend. Ich weiß, daß es nicht der Augenblick ist. Ich bin ja auch noch nicht frei in der Bestimmung über mich selbst. Trotzdem – meine Eltern haben nur mich. Sie werden mir die Bitte nicht abschlagen, wenn ich ihnen sage: ich habe an einem Mädchen schlecht gehandelt, schlechter als ein gewöhnlicher Verführer, an einem Mädchen, das – Er unterbricht sich.


Die Mutter geht im Hintergrunde über die Bühne mit Milch und Brot für Gottfried und verschwindet links.


MARIE milde. Nehmen Sie es als ein Zeichen des Schicksals, daß meine Mutter Sie darin gestört hat, es auszusprechen! So ist ein vielleicht bitteres Nein erspart – uns beiden.

STRANTZ traurig-leidenschaftlich. Warum, warum denn »Nein«?

MARIE abgeklärt. Ihnen hat das Leben ganz anderes vorbehalten als ein armes Mädchen, das sich Ihnen beinahe – verkauft hätte. Still, still! Ich würde es ja vielleicht vergessen können, Sie aber nicht.

STRANTZ beschämt. Ich verdiene nicht, daß Sie besser von mir denken.

MARIE. Ich denke nicht schlecht von Ihnen. Nur etwas erfahrener bin ich, weil wir Armen das Leben tiefer kennen lernen. Heute glauben Sie noch, Ihre Ehre fordere es, gutzumachen, woran Sie nicht schuld sind. Aber morgen, vielleicht auch erst übermorgen, würden Sie es sehen, wie ich es schon heute sehe. Und dann wäre es zu spät und schade um uns beide.

STRANTZ hilflos. Wenn ich aber nur Sie und niemand anderen liebhabe –

MARIE. Heute vielleicht – sicherlich in diesem Augenblick. Aber wir kommen viel zu weit voneinander her. Eine schwebende Gefährtin wäre ich nicht. Viel zu Schweres liegt in meinem Blute. Sie aber brauchen vorher noch Leichtigkeit. Viele Tänzerinnen gehören noch in Ihre Arme, bevor Sie sagen können: diese, nur diese! Sie reicht ihm die Hand hin, die er inbrünstig küßt. Es läutet draußen bescheiden. Marie lächelnd. Es läutet. Hören Sie es? Zum zweitenmal das Zeichen des Zufalls, daß Sie verschweigen sollen, was lieb – und töricht wäre. Sie streicht ihm leise mit der Linken über das Haar und entzieht ihm sanft ihre Rechte.


Strantz nach tiefem, schmerzlichem Anschaun rasch ab.

Es läutet zum zweitenmal bescheiden.

Marie steht einige Augenblicke schmerzlich erregt da und sieht Strantz nach. Dann, nachdem sie sich bezwungen, streicht sie mit einer ganz verträumten Handbewegung über ihre Stirne und geht mit Entschluß hinaus. Einige Augenblicke später kehrt sie zurück, gefolgt von Vogt. Sie geht zur Tür links und öffnet diese. Mutter und Gottfried treten ein.

Vogt ist ein kleines Männchen in berufsmäßig schwarzen Kleidern. Er hat einen graugelockten Künstlerkopf und trägt eine Art Vatermörderkragen, der ihm etwas Altmodisch-Gemütliches verleiht. Seine Nase hat einen leise bläulichen Schimmer.

Seine Äuglein sind von großer Beweglichkeit und machen den Eindruck nur mühsam beherrschter Lustigkeit. Er ist nicht unähnlich einem alten Schmierenkomiker, der eine tragische Rolle zu spielen bemüht ist. Er spricht ein absichtliches Hochdeutsch mit Dialektfärbung.


VOGT mit Kratzfüßen. Mein Name ist Vogt, mein Name ist Vogt, Beamter der Leichenbestattungsunternehmung »Pax«. Gestatten die Herrschaften –

GOTTFRIED. Ich würde sagen, daß mich Ihre Bekanntschaft freut, Herr Vogt –

VOGT verbindlich. Wenn der Anlaß nicht so erschütternd wäre.

GOTTFRIED kaustisch. Richtig. Geradezu erschütternd.

VOGT feierlich. Gestatten die Herrschaften, daß ich Ihnen vorerst mein wärmstes Beileid ausdrücke.

GOTTFRIED. Ich danke Ihnen im Namen der Hinterbliebenen.

VOGT nachdem er sich geräuspert. Ich darf wohl voraussetzen, daß die Herrschaften noch nicht anderweitig disponiert haben.

GOTTFRIED. Gewiß nicht. Sie sind so glücklich, der erste am Platze zu sein.

VOGT. Das wollte ich nur wissen. Wir haben nämlich in unserer Branche, leider Gottes, mit einer ganz besonders zudringlichen Konkurrenz zu rechnen.

GOTTFRIED anzüglich. Das glauben wir Ihnen aufs Wort, Herr Vogt.

VOGT unterdrückt ein Lächeln und wendet sich zur Mutter. Darf ich nunmehr –?[427]

MUTTER. Nehmen Sie Platz! Sie setzt sich an den Tisch rechts.


Vogt nimmt unter allen möglichen Umständen an der Hintergrundseite des Tisches Platz.

Marie hat inzwischen ihre Näharbeit vom Tisch genommen und sich auf den Schlafdiwan rechts gesetzt, wo sie ganz in sich zu versinken scheint.


GOTTFRIED. Noch eins, Herr Vogt! Ich möchte Sie nur kurz darauf aufmerksam machen, daß wir ein eigentliches Sterbezimmer nicht besitzen. Das vorliegende, welches zugleich Schlaf-, Speise- und Studierzimmer ist, hat aber seinen Zweck vollkommen erfüllt. Dies zu Ihrer gütigen Darnachhaltung, bevor Sie uns Ihre geschätzten Offerte stellen. Er wendet sich dem Toten zu.

VOGT mit Verbeugung. Sehr verbunden.

MUTTER. Das dürfte Herrn Vogt nur wenig interessieren.

VOGT. O, ganz im Gegenteil! Es gibt immerhin ein Bild. Räuspert sich. Darf ich mir nunmehr die Frage erlauben, unter welchen Modalitäten Ihnen die Beisetzung des Herrn Gemahls angenehm wäre?

MUTTER. Ich möchte, daß mein Mann standesgemäß begraben wird.

VOGT. Das unter allen Umständen! Meine Firma legt ganz besonderes Gewicht darauf, daß niemand unter seinem Stand beerdigt wird. Und kommen wir daher allen speziellen Fällen mit der größten Kulanz entgegen. Die Grundlage der Preisbestimmung bildet allerdings unser fixer Tarif, den ich mir hiermit vorzulegen gestatte. Er entnimmt mit mechanischer Sicherheit seiner Überziehertasche ein Paket von Drucksorten. Wollen die Dame vielleicht gütigst Einsicht nehmen!

GOTTFRIED beim Toten, leise.

Stand nicht noch gestern in deinem Traum

Sonniger Abhang und blühweißer Baum

Und alles voll treibendem Moste? –

Und heut schon ein Totes, von dem man nur denkt,

Wie man es rasch in die Erde versenkt

Und daß es nicht allzuviel koste!

VOGT gedämpft. Haben gnädige Frau bereits eine bestimmte Tarifklasse ins Auge gefaßt?

MUTTER rauh. Was ich bisher gesehen habe, kommt für uns wohl leider nicht in Betracht.

VOGT. Dann belieben, gefälligst zu wenden! Hier bitte! Wenn ich raten darf, so würde meiner Ansicht nach Tarifklasse römisch fünf wohl am besten Ihren Intentionen entsprechen. Durchschnittlich siebzig Prozent aller Sterbefälle pflegen wir in dieser Art zu behandeln. Immer leiser werdend. Da haben Sie noch komplette Aufbahrung und Glaswagen, der Tote ruht in einem soliden Holzsarge.. Spricht leise und eindringlich weiter.

GOTTFRIED am Rande des Bettes sitzend.

Mir bist du noch wie ein Schläfer vertraut,

Als könnte gleich wieder ein Lächeln, ein Laut

Dies wächserne Schweigen beleben.

Und immer wieder rühre ich leis

An deine Hände aus grausamem Eis,

Ob sie kein Zeichen mir geben.


Berührt die Hände des Toten.


MUTTER zögernd. Und wenn wir die nächstniedere Klasse wählen?

VOGT räuspert sich. O gewiß! Auch diese repräsentiert noch immer ein ganz gutbürgerliches Begräbnis. Es entfällt allerdings die Aufbahrung. Gleichwohl ruht die Leiche auch hier in einem soliden Holzsarge von schwarzer oder brauner Politur mit Metallbeschlägen. Derselbe wird von sechs Bediensteten der Unternehmung gehoben und mittels einfachen Fourgons in die Kirche und von da auf den Friedhof überführt.

MUTTER. Und die Taxe?

VOGT. Wird in dieser Klasse nach Vereinbarung festgesetzt, je nachdem das eine oder das andere von den nächsthöheren Klassen dazugewünscht wird. Ich werde mir erlauben, die billigste Kombination zu berechnen. Rechnet mit Papier und Bleistift.

GOTTFRIED wie oben.

Die Hände sind stumm, verloschen der Held.

Wo bleiben Trabanten und Knappen? –

Ja, fehlte es nicht an dem leidigen Geld,

So führest auch du in die andere Welt

Sechsspännig mit nickenden Rappen.

Ein spanischer Reiter ritte voran,

Zwölf Galonierte folgten sodann

Mit Fackelgeschwele und Wappen;

Und Blumen, Weihrauch und Glockengesang,

Die Straßen und Fenster von Menschen gedrang

Und tausender Blicke Verschwimmen;

Und Arme und Kranke strömten herbei

Und übertönten die Klerisei

Mit psalmodierenden Stimmen.

VOGT der Mutter einen Zettel hinreichend. Sind gnädige Frau mit dieser Berechnung einverstanden?[428]

MUTTER kleinlaut. Wenn die Beerdigung dann noch standesgemäß ist –

VOGT. Durchaus standesgemäß. Ich würde sonst nicht dazu raten. Er verneigt sich und nimmt ein schwarzes Notizbuch, in das er schreibt.

GOTTFRIED abschließend, mit verändertem Ton.

Doch so wird ein rumpelnder Kastenwagen

Dich hurtig hinaus auf den Acker tragen,

Einen Namen zu vielen Namen.

Drei Schaufeln Lehmerde auf deine Truhe,

Dann hast du deine ewige Ruhe,

Und wir sind noch ärmer geworden – Amen.


Steht auf und wendet sich den andern zu.


VOGT mechanisch. Somit findet das Leichenbegängnis Donnerstag, den 17. März, um präzise zweieinhalb Uhr nachmittags vom Trauerhause Murmelt die Adresse. aus statt. Die heilige Seelenmesse wird Freitag um sieben Uhr morgens gelesen werden.

GOTTFRIED wieder vollkommen beherrscht. Erlauben Sie, Herr Vogt! Können Sie mir verraten, wie Sie zu diesem Erwerbe, der seinen Mann zu ernähren scheint, gekommen sind? Ich stehe nämlich unmittelbar vor der Berufswahl.

VOGT erstaunt, ein Lächeln unterdrückend. O, ich habe ein buntes Leben hinter mir.

GOTTFRIED. Also nicht immer in Schwarz?

VOGT. Bei weitem nicht. Angefangen habe ich allerdings auch so ähnlich. Aber dann hat mich dieses Geschäft nicht mehr gefreut, und ich wurde der Reihe nach Versicherungsagent, Hotelportier und Sekretär in einer Stellenvermittlung. Bis ich schließlich wieder zu meiner ursprünglichen Branche zurückgekehrt bin. Es kann doch schließlich keiner aus seiner Haut heraus. Mit Genugtuung. Und heute leite ich die Filiale meiner Firma im hiesigen Bezirke.

GOTTFRIED. Und haben Frau und Kinder?

VOGT mit Bürgerstolz. Gott sei Dank!

GOTTFRIED vor sich hin. Ich habe Gymnasium studiert und werde vielleicht sogar eine Fakultät absolvieren. Werde ich jemals Frau und Kinder haben?

VOGT gänzlich verständnislos, ein Lächeln unterdrückend, mit Verbeugung. Es war mir –

GOTTFRIED mit wehem Lächeln. – ein besonderes Vergnügen. Ganz meinerseits.

VOGT. Guten Abend, die Damen. Ab.


Gottfried läßt sich auf den Sessel am Tisch links nieder und starrt vor sich hin.


MUTTER nach langem Schweigen, unbeweglich, mit rauher, mühsamer Stimme.

Wenn ich zurückdenke, was es gewesen,

Das Leben, die Ehe, Jahr für Jahr –

Ich hab' einmal eine Geschichte gelesen

Von zweien, die arm und glücklich gewesen,

Doch diese Geschichte ist – nicht wahr.

Schon wie es anfing! Das lange Warten,

Bis wir uns endlich das bißchen ersparten

Für den bescheidenen Hausstand zu zwei'n:

Und kaum verheiratet, kaum geborgen,

Kam schon das erste Kind, und die Sorgen

Brachen bei allen Türen herein.

MARIE qualvoll.

Hat es denn, Mutter, in deinem Leben

Nicht auch glückliche Stunden gegeben?

MUTTER herb.

Glückliche? Die paar sind leicht zu ermessen!

Einmal – ich hatte ein kleines Los

Noch von der Taufe her, längst schon vergessen.

Da ward es gezogen. Der Gewinn war nicht groß.

Aber für uns war's ein goldener Regen.

Wollten erst alles auf Zinsen anlegen,

Aber dann siegte der Leichtsinn doch,

Und statt es fürs Unglück aufzubewahren,

Sind wir damit aufs Land gefahren,

Das erste- und letztemal in all den Jahren –

Fast jedes Baumes entsinn' ich mich noch.

MARIE flehend.

Mutter, such' doch in deinem Gedächtnis

Nach der kleinsten Freude Verbleib!

Ist dir denn nie sonst was Liebes geschehen?

Will es nicht glauben, will's nicht verstehen!

Müßte sonst vor Ängsten vergehen,

Bin doch ein junges, gewärtiges Weib.

MUTTER nach einer Pause des Schwankens zwischen Weichheit und Abweisung mit sich steigernder Starrheit.

Ansonsten hab' ich nichts Frohes erfahren.

War doch nur ein Fristen von heut zu heut.

Immer nur arbeiten, rechnen und sparen

Und nach außen die Haltung bewahren,

Daß es nicht heiße: die Bettelleut'!

Der Vater vergrub sich in seine Pflichten,

Er war ja ein Meister im Verzichten,

Ihr Kinder wart seine einzige Freud',

Und wenn ich einmal für mich was begehrte,

War immer ein Grund da, der es verwehrte;

Ich war ja auch alt geworden lang vor der Zeit.

Euch hat er umgeben mit allem Lieben,

Mir ist er manches schuldig geblieben,

Und ich war doch immer für ihn bereit.


Wendet sich zum Gehen.
[429]

MARIE auf die Mutter zu.

Mutter, wir wollen alles gutmachen!

MUTTER bitter.

Könnt ihr denn das?

MARIE innig.

Glaub, Mutter, es geht!

Nur mußt du selbst uns ein klein wenig Mut machen.

GOTTFRIED bemeistert.

Mutter –

MUTTER bewegt, aber rauh.

Was willst du?

GOTTFRIED mit versagender Stimme.

Dich liebhaben –

MUTTER einen Augenblick lang überwältigt, dann immer härter.

Spät

Ist dir das eingefallen! – Zu spät!


Sie bleibt noch einige Augenblicke starr vor sich hinsehend stehen, dann geht sie links ab.


GOTTFRIED nach langem Schweigen, hochaufgerichtet, leise.

Eispanzer schmelzen von meiner erschütterten Brust,

Föhnwind taut mir die blühenden Gründe frei,

Und vom schmerzenden Blick schwindet die Nebellast. –

Wein' nicht, Maria! Gib nicht die strömende Wärme her!

Viel zu kalt für Tränen ist es in dieser Welt.

Hör mich, Maria! Ein Amt ist verliehen uns:

Armut heißt es und will verwaltet sein,

Wachsam, keusch und genau, daß nicht der lüsterne

Blick auf das Glitzern fällt, das uns verführen will.

MARIE mit schmerzlicher Auflehnung.

Ist kein Erbarmen uns

Liebreich gegeben?

Ist denn den Armen uns

Sünde, zu leben?!

GOTTFRIED immer leidenschaftlicher.

Leben, Leben! Sünde, nein, ist es nicht,

Wenn sich der Sehnsucht die Kraft trotzig hinzugesellt!

Aber wir, Müden nachgeborene Müdere?!

Abgestanden das Blut und immer doch aufgepeitscht

Von der Sucht des Gehirns, das sich mit allem verbuhlt,

Was uns verschlossen ist! – Das ist ja unsere Armut!

Glaubst du, ich weiß nicht, wie auch aus deinem Blut

Leben, Liebe heischender Duft aufsteigt?

Wärest ja blind, sähest die Gärten du nicht,

Wie sie abends voll Lachen und Geigen sind!

Wärest ja stumpf, wenn deine Träume nicht

Auch in Seide gingen und Edelgestein

Auf den Brüsten, die glühend von Küssen sind!

Aber greif nur darnach, und Geschmeide ist Hurenlohn;

Gib dich nur liebend hin, und Liebe wird Schande dir;

Frei' einen Gatten und schenk ihm, was Glück sonst ist:

Kinder! Und sie werden zu Hunger euch.

Alles ist anders, wenn es uns Armen begegnet,

Labsal der andern, an unsern Lippen, wird Bitternis.

MARIE sich an ihn drängend.

Lüfte die Schleier nicht,

Es ist zu fürchterlich!

Leben sonst kann ich nicht.

GOTTFRIED mit wachsender Größe.

Leben – Leben! Was hilft es, mit geschlossenen Augen

In den Abgrund zu springen, der Leben heißt?

Wir kommen ja doch nicht tot, nur zu Krüppeln geschlagen

Kommen wir unten an. –

Da gibt es vielleicht nichts andres, als um sich zu sehen,

Wo ringsum die andern, die vielen, kümmern, nisten und fristen.

Seen sind dort von Schweiß und Fluren von schädlichen Keimen,

Städte, aus Herzen gebaut, die Steine geworden vor Jammer,

Türme aus Ängsten und Dome von unerhörten Gebeten.

Orgeln aus Menschenkehlen, aus heisergeschrieenen,

Speien den röchelnden Schrei empor an die Ränder des Abgrunds,

Wo auf tändelnden Füßen die Tänzer des Lebens sich tummeln,

Tauber als Taube, die Gott selber mit Taubheit schlug!


Mit großer Liebe.


Vielleicht, daß einer dann ist – ob Mensch, ob Dichter, ob Heiland –

Der sich Stufen auftürmt aus dem Abgrund empor.

Und er tritt zu den Tänzern und spricht zu ihnen im Gleichnis,

Und die Reumütigen führt er zu liebreichem Werk.[430]

Doch die Verstockten, die Heuchler, die Makler, die Wechsler

Trifft sein heiliger Zorn mit der Peitsche ins Fleisch!


Schmerzlich, leise, gesenkt.


Daß sie durch eigenen Schmerz die Leiden der Brüder erlernen –

Denn dies gottlose Volk hört ja nicht auf ein Gedicht.

VOX COELESTIS allen Raum erfüllend.

Agnus cum agnis,

Lupus in lupos!

VOCES DE PROFUNDIS in infinitum.

Miserere!


Der Vorhang fällt langsam.


Quelle:
Dichtung aus Österreich. Anthologie in drei Bänden und einem Ergänzungsband, Band 1, Wien und München 1966, S. 425-431.
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