Vierzehntes Kapitel.

[511] Nana war plötzlich verschwunden; man erzählte von einer Flucht in unbekannte Länder mit seltsamen Namen. Vor ihrer Abreise hatte sie sich noch das Vergnügen bereitet, ihr Hab und Gut zu versteigern; das Haus, die Möbel, das Geschmeide, selbst die Toiletten und die Wäsche. Man erzählte, daß sie an sechshunderttausend Franken eingenommen habe. Paris hatte sie das letztemal als Schauspielerin in dem Ausstattungsstück »Melusine« im Possentheater[511] gesehen, das Bordenave, ohne einen Sou zu besitzen, auf gut Glück gemietet hatte. Sie hatte sich da wieder mit Prullière und Fontan zusammengefunden. Ihre Rolle war einfach die einer Statistin, die allerdings drei »plastische« Stellungen einer stummen, aber um so mächtigeren Fee hatte. Inmitten des großen Erfolges, als Bordenave mit Hilfe ungeheurer Reklame und Plakate ganz Paris in Erregung versetzt hatte, erfuhr man eines Tages, daß sie am Abend vorher nach Kairo abgereist sei. Als Ursache erwähnte man einen kleinen Wortwechsel mit ihrem Direktor, ein Wort, das ihr nicht paßte; es war eben die Laune einer Frau, die zu reich war, um sich ärgern zu lassen. Übrigens war es schon seit längerer Zeit ein Lieblingsgedanke von ihr, zu den Türken zu gehen.

Monate verflossen, man vergaß sie. Als ihr Name wieder auftauchte, waren die seltsamsten Geschichten über sie im Umlauf. Jeder wußte etwas anderes zu erzählen. Man sagte, sie hätte den Vizekönig erobert und herrsche in einem Palaste über zweihundert Sklaven, denen sie zu ihrer Belustigung die Köpfe abschlage. Ein anderer meinte, nichts von alledem sei wahr; im Gegenteil, sie habe sich mit einem langen Neger ruiniert, der sie ohne ein Hemd zurückgelassen. Es sei eine schmutzige Leidenschaft von ihr gewesen, wie man ähnliche nur in den scheußlichen Ausschweifungen von Kairo antreffe.

Zwei Wochen später erzählte man zum allgemeinen Erstaunen, daß sie in Rußland gesehen worden sei. Es bildete sich eine förmliche Legende, sie sei die Geliebte eines Prinzen, man erzählte Wunderdinge von ihren Diamanten. Alle Damen ihrer früheren Bekanntschaft kannten diese Diamanten genau, ohne sie jemals gesehen zu haben, nur nach den Schilderungen. Es gab da Ringe, Ohrgehänge, Armbänder, ein zwei Finger breites Halsgeschmeide, ein königliches Diadem,[512] aus dem ein daumengroßer Brillant hervorrage. In dem Scheine dieser fernen Länder nahm sie den geheimnisvollen Glanz eines Götzenbildes an, das beladen mit Edelsteinen ist. Jetzt sprach man mit Ernst und Achtung von ihr; sie hatte bei den Barbaren ihr Glück gefunden.

An einem Juliabende gegen acht Uhr begegnete Lucy, die durch die Vorstadt Honoriusstraße fuhr, Karoline Héquet, die in der Nachbarschaft eine Bestellung zu machen hatte und jetzt zu Fuße heimkehrte.

Sie rief Karoline herbei und sagte:

Du hast gegessen und bist frei, komm mit mir ... Nana ist zurückgekehrt.

Karoline stieg ein und Lucy fuhr fort zu erzählen:

Noch mehr, während wir hier plaudern, ist sie vielleicht schon tot.

Tot! das ist doch merkwürdig, rief Karoline verblüfft. Und wo denn, woran ...

Im Grand Hotel; sie hat die Blattern. Es ist eine ganze Geschichte.

Während der Wagen Lucys im vollen Trab durch die Königsstraße und über die Boulevards fuhr, erzählte Lucy, ohne Atem zu schöpfen, die Geschichte Nanas.

Du kannst es dir nicht vorstellen ... Nana kommt plötzlich aus Rußland an; ich weiß nicht weshalb; ihr Prinz wird sie wohl hinausgeworfen haben ... Sie läßt ihr Gepäck auf dem Bahnhof und steigt bei ihrer Tante ab; du erinnerst dich doch, bei jener Alten ... Gut, sie fällt über ihr Kind her, das die Blattern hat. Am folgenden Tage stirbt es, und sie zankt mit ihrer Tante wegen des Geldes, das sie hätte senden sollen und von dem die andere nicht einen Sou gesehen haben will. Wie es scheint, ist der Kleine aus Mangel an Pflege zugrunde gegangen. Nana geht fort, um ihr Hotel aufzusuchen und trifft Mignon gerade in dem Augenblicke, wo sie[513] daran denkt, ihr Gepäck abholen zu lassen ... Nana wird blaß und rot, ein Frösteln schüttelt ihren Körper, sie hat Brechreiz; Mignon geleitet sie in ihr Absteigquartier zurück und verspricht, ihr das Gepäck besorgen zu lassen ... Nun kommt das Drolligste. Rosa erfährt, daß Nana krank ist; sie ist entrüstet darüber, sie in einer Mietwohnung allein zu wissen, und eilt weinend herbei, um sie zu pflegen. Du erinnerst dich wohl, wie sehr sie einander haßten. Zwei wahre Furien. Rosa hat Nana nach dem Grand Hotel bringen lassen, damit sie wenigstens an einem anständigen Orte stirbt, und hat schon drei Nächte bei ihr gewacht, wovon sie noch den Tod davontragen kann. Labordette hat mir dies alles erzählt, und ich will es jetzt mit ansehen ...

Ja, ja, unterbrach sie Karoline sehr erregt, wir wollen uns das ansehen.

Sie waren an Ort und Stelle. Auf dem Boulevard war ein solches Gedränge von Wagen und Fußgängern, daß der Kutscher einen Augenblick seine Pferde anhalten mußte. An diesem Tage hatte die Kammer den Krieg beschlossen; aus allen Straßen flutete die Menge auf die Boulevards und ergoß sich längs des Fußsteigs. In der Richtung der Magdalenenkirche war die Sonne hinter einem blutroten Gewölk untergegangen, dessen flammender Widerschein sich in den hohen Fenstern der Häuser spiegelte. Die Dämmerung senkte sich nieder, eine trübe, drückende Stunde in dem Dunkel der Alleen, die von den leuchtenden Gasflammen noch nicht erhellt waren. Inmitten dieses in Bewegung geratenen Volkes stiegen ferne Stimmen immer lauter auf; in den bleichen Gesichtern leuchteten die Blicke, während ein mächtiger Hauch der Beklemmung und des Entsetzens alle Geister ergriff.

Da ist Mignon, sagte Lucy; er wird uns Nachricht geben.

Mignon stand unter dem großen Tor des Grand Hotel[514] und betrachtete mit erregter Miene die Menge. Bei den ersten Fragen Lucys geriet er in Zorn und schrie:

Was weiß ich? Seit zwei Tagen bin ich nicht imstande, Rosa von da fortzubringen; es ist zu dumm, in dieser Weise seine Haut zu riskieren. Es wäre nett, wenn sie das Gesicht voll Löcher davontrüge; das fehlte uns noch.

Der Gedanke, daß Rosa ihre Schönheit verlieren könne, brachte ihn in Verzweiflung. Er ließ Nana fallen, er begriff nichts von der dummen Anhänglichkeit der Frauen füreinander.

Jetzt kam Fauchery über den Boulevard; auch er war unruhig, und sie befragten einander um Nachrichten. Die beiden Herren duzten einander.

Immer die gleiche Geschichte, erklärte Mignon. Du solltest hinaufgehen und sie zwingen, mit dir zu gehen.

Du bist zu gütig, mein Lieber, erwiderte der Journalist. Warum gehst du nicht selbst hinauf?

Jetzt fragte Lucy die Herren nach der Nummer des Zimmers, in dem Nana lag; beide baten sie, sie möge doch Rosa mitbringen, weil ihnen schließlich die Geduld reiße.

Karoline und Lucy gingen nicht sofort hinauf; sie hatten Fontan bemerkt, der die Hände in den Taschen über die Boulevards schlenderte und sich beim Anblick der aufgeregten Menge sehr zu unterhalten schien. Als er erfuhr, daß Nana oben krank liege, spielte er den Gefühlvollen.

Das arme Mädchen, ich will ihr die Hand drücken. Was fehlt ihr denn?

Sie hat die Blattern, erwiderte Mignon.

Der Schauspieler hatte bereits einen Schritt nach dem Hotel gemacht; bei diesem Worte aber kehrte er um und sagte zusammenfahrend:

Ei, zum Teufel.

Die Blattern. Das sei kein Spaß. Fontan war im Alter[515] von fünf Jahren der fürchterlichen Krankheit nur mit knapper Not entronnen. Mignon erzählte die Geschichte einer seiner Nichten, die daran gestorben war. Fauchery konnte auch davon reden; er trug noch immer die Spuren davon: drei große Löcher an der Nasenwurzel. Und als Mignon ihn wieder drängte, er möge hinaufgehen, weil er nichts zu befürchten habe, da ja kein Mensch zweimal die Blattern bekomme, bestritt der Journalist auf das heftigste diese Meinung, indem er Beispiele für das Gegenteil anführte, Beispiele, bei denen die Ärzte sehr übel wegkamen. Jetzt wurden sie von Lucy und Karoline, die von der immer mehr anwachsenden Menge überrascht waren, unterbrochen.

Schauen Sie doch, schauen Sie, meine Herren, diese Volksmenge.

Es wurde immer dunkler; in der Ferne entzündeten sich die Gasflammen. An den Fenstern erschienen Neugierige, während unter den Bäumen des Boulevards die Menschenflut von Minute zu Minute anwuchs und sich von der Magdalenenkirche bis zum Bastilleplatz ergoß. Die Wagen konnten nur langsam verkehren. Von dieser festen, jetzt noch stillen Masse stieg ein dumpfes Gemurmel auf; die Menge war zusammengeströmt im Bedürfnis, sich zu versammeln und sich an dem gleichen Fieber zu erhitzen. Jetzt entstand eine heftige Bewegung, die die Menge rückwärts staute. Inmitten des Gedränges, inmitten der Gruppen, die mühsam sich zur Seite schoben, erschien ein Trupp von Männern in weißer Bluse und Mütze, die mit dem regelmäßigen Tonfalle von Hämmern, die auf den Amboß schlagen, schrien:

Nach Berlin, nach Berlin, nach Berlin ...

Die Menge blickte stumm auf dieses Schauspiel, noch in stumpfem Argwohn verharrend, aber schon von kriegerischen Bildern bewegt und gefangen genommen, wie wenn eine Militärmusik vorüberzieht.[516]

Ja, ja, geht nur, euch die Schädel einschlagen zu lassen, murmelte Mignon in einer Anwandlung von Philosophie.

Doch Fontan fand die Sache sehr schön; auch er sprach vom Kriege. Wenn der Feind an den Grenzen ist, hätten alle Bürger die Pflicht, sich zu erheben, um das Vaterland zu verteidigen; er nahm eine Stellung an wie Bonaparte bei Austerlitz.

Kommen Sie mit uns? rief ihm Lucy zu.

O nein, erwiderte er, ich könnte die Blattern erwischen.

Vor dem Grand Hotel saß ein Mann auf einer Bank und verbarg sein Gesicht in einem Taschentuch.

Im Vorübergehen hatte Fauchery mit einem Augenzwinkern ihn Mignon gezeigt. Der war also noch immer da? Ja, er war noch immer da. Dann zeigte der Journalist den Herrn auch den beiden Frauen. Der Mann hob den Kopf, und die beiden Frauen erkannten ihn. Sie konnten einen Ruf der Überraschung nicht unterdrücken. Es war Graf Muffat, der angstvoll nach den Fenstern starrte.

Da sitzt er seit dem Morgen, erzählte Mignon. Ich habe ihn schon um sechs Uhr gesehen; seither hat er sich nicht von der Stelle gerührt ... Seitdem er die Nachricht von Labordette erfahren, hat er sich hier eingefunden mit seinem Sacktuch vor dem Gesicht ... Jede halbe Stunde schleppt er sich bis zum Tor, um zu fragen, ob es ihr besser geht, dann nimmt er wieder auf der Bank Platz ... Alle Wetter ... In dem Zimmer da oben mag eine gesunde Luft sein. Es ist ja recht schön, seinen Nächsten zu lieben, aber wenn man keine Lust hat zu krepieren ...

Der Graf saß mit erhobenen Augen da und schien nicht zu wissen, was um ihn vorging. Ohne Zweifel war die Kriegserklärung ihm noch unbekannt. Er fühlte und sah nichts von der Menge.

Schauen Sie, sagte Fauchery, jetzt kommt er wieder.[517]

In der Tat hatte der Graf die Bank verlassen und trat unter das Einfahrtstor. Der Portier, der ihn schon kannte, ließ ihm nicht Zeit zu fragen, er rief ihm in schroffem Tone zu:

Sie ist in diesem Augenblick gestorben.

Nana tot ... Das war ein Schlag für sie alle. Muffat war sprachlos auf eine Bank zurückgekehrt und verbarg sein Gesicht in dem Taschentuch. Die übrigen stießen Rufe der Überraschung aus; doch sie wurden bald unterbrochen, denn es erschien ein neuer Trupp, der heulte:

Nach Berlin, nach Berlin ...

Nana tot! Merkwürdig. Ein so schönes Mädchen! Mignon seufzte erleichtert; endlich konnte Rosa gehen. Ein Frösteln überlief die ganze Gesellschaft. Fontan, der von einer tragischen Rolle geträumt hatte, nahm einen schmerzlichen Ausdruck an; er ließ die Mundwinkel hängen und verdrehte die Augen. Fauchery schien wirklich gerührt und kaute nervös an seiner Zigarre. Die beiden Frauen fuhren fort in ihrem schmerzlichen Wehklagen. Lucy und Blanche hatten die arme Nana zum letztenmal in der Posse gesehen als Melusine. Oh, sie war verblüffend, als sie im Hintergrunde der Kristallgrotte erschien. Die Herren erinnerten sich dessen noch sehr gut. Fontan spielte den Prinzen Cocorico. Und nun, da die Erinnerung einmal wachgerufen war, verloren sie sich in unendlichen Einzelheiten.

Wie schick war sie noch in dieser Kristallgrotte, in der Pracht ihrer natürlichen Reize. Sie hatte nicht ein Wort zu sprechen, denn das störte nur. Nein, nicht ein Wort. Sie brauchte sich nur zu zeigen, um das Publikum in Aufruhr zu bringen. Ein Körper, wie man ihn nicht wieder findet: Schultern, Beine, eine Taille ... Es ist doch drollig, daß sie gestorben ist. Sie hatte über ihr Trikot nichts weiter an als einen einfachen goldenen Gürtel, der ihr kaum[518] den Bauch bedeckte. Die Grotte rings umher erstrahlte wie ein einziger Spiegel. Zwischen den Versteinerungen des Gewölbes flossen Wasserfälle von Diamanten, Schnüre von weißen Perlen herab; inmitten dieser Durchsichtigkeit, inmitten dieses Quellwassers, erhellt durch einen breiten elektrischen Strahl, schien sie in der Pracht ihrer Haut und ihrer flammenden Haare eine Sonne zu sein. Paris wird sie immer nur so sehen, entzündet inmitten der Kristallgrotte, sozusagen in der Luft, wie einen guten Gott. Nein, es ist doch zu dumm, zu sterben! Sie muß schön sein jetzt da oben ...

Wieviel Vergnügen ist verloren, bemerkte Mignon trübselig. Er klopfte bei Lucy und Karoline auf den Busch, um zu wissen, ob sie hinaufgehen würden.

Gewiß, sie gingen hinauf, ihre Neugierde war nur noch gesteigert.

Jetzt kam auch Blanche; sie war atemlos und wütend gegen die Menge, die die Fußsteige besetzt hielt. Als sie die Nachricht erfuhr, erneuerte sich das Wehklagen. Die Damen schritten unter lautem Rauschen ihrer Röcke auf die Treppe zu. Mignon folgte ihnen, indem er rief:

Sagt Rosa, daß ich sie erwarte, sofort.

Man weiß nicht genau, ob die Ansteckung zu Beginn oder zum Schluß der Krankheit zu fürchten ist, erklärte Fontan dem Journalisten. Ein Spitalsarzt aus meiner Bekanntschaft versicherte mir, daß die Stunden, die unmittelbar auf den Eintritt des Todes folgen, die gefährlichsten seien ... Es entwickeln sich da Fäulnisstoffe ... Ach, ich bedaure, daß es so plötzlich ein Ende mit ihr genommen hat; ich wäre glücklich gewesen, hätte ich ihr ein letztes Mal die Hand drücken können.

Was nützt es jetzt noch? sagte der Journalist.

Ja, was nützt es jetzt noch, wiederholten die beiden anderen.[519]

Die Menge wuchs noch immer. In dem Lichte der Kaufläden sah man unter der flackernden Beleuchtung der Gaslaternen auf der Straße deutlich den doppelten Strom von Menschen, die die Hüte schwenkten. Zu dieser Stunde ergriff das Fieber immer weitere Kreise; die Blusenmänner hatten bereits ein bedeutendes Gefolge; eine drängende Masse fegte über die Straßen, und immer wieder entrang sich den Kehlen der gleiche Ruf:

Nach Berlin, nach Berlin, nach Berlin ...

Im vierten Stock kostete das Zimmer zwölf Franken täglich. Aber Rosa wollte ein anständiges Zimmer, wenn auch ohne Luxus; man bedürfe keines Luxus, um zu leiden. Die Wände des Zimmers waren mit großgeblümter Leinwand im Stile Louis XIII. bekleidet. Das Mobilar war von Mahagoni und glich jenem aller Hotels. Der Boden war mit einem roten Teppich belegt. Im Zimmer herrschte tiefe Stille, nur selten durch ein Geflüster unterbrochen.

Da hörte man plötzlich Stimmen auf dem Flur.

Ich sage dir, wir haben uns verirrt; der Kellner hatte gesagt, daß wir uns rechts zu wenden haben ... Eine wahre Kaserne dieses Hotel. Wart', wir wollen einmal schauen. Zimmer Nr. 401 ... Ah, da müssen wir uns hierher wenden: 405 ... 403 ... Jetzt sind wir bald da; endlich 401. Kommt! Still ...

Alle schwiegen, man hustete, um sich ein wenig Sammlung zu geben. Dann wurde die Tür langsam geöffnet, und Lucy trat ein, hinter ihr Karoline und Blanche. Sie mußten bei der Tür stehenbleiben, denn es waren schon fünf Frauen im Zimmer. Gaga lag in einem rotsamtenen Sessel, dem einzigen, der sich im Zimmer befand. Vor dem Kamin standen Simonne und Clarisse und plauderten mit Lea de Horn, die auf einem Sessel saß, während links von der Tür vor dem Bette Rosa Mignon am Rande eines Koffers saß und[520] starr den im Schatten der Vorhänge verlorenen Leichnam betrachtete. Alle Damen hatten Hüte und Handschuhe, als seien sie zu Besuch. Nur Rosa saß mit bloßen Händen, wirrem Haar, bleich von den Anstrengungen der drei durchwachten Nächte, wie betäubt und niedergedrückt in tiefster Trauer neben der Toten. In der Ecke der Kommode stand eine Lampe mit einem Schirm und warf ein helles Licht auf Gaga.

Ach, welches Unglück, murmelte Lucy, indem sie Rosa die Hand drückte. Wir wollen ihr Lebewohl sagen.

Sie wandte den Kopf, um nach der Toten zu blicken, aber die Lampe stand zu weit, sie wagte es nicht, sie näher zu rücken. Auf dem Bette lag eine graue Masse ausgestreckt; man konnte nur das rote Haar unterscheiden, dazu einen bleichen Fleck, der wohl das Gesicht sein mußte.

Lucy fügte hinzu:

Ich habe sie in der Posse zum letztenmal gesehen in der Kristallgrotte.

Jetzt schien Rosa aus ihrer Betäubung aufzuwachen; sie lächelte bitter und wiederholte öfters:

Ach, seitdem hat sie sich verändert, sehr verändert ...

Dann sank sie wieder in ihre stille Betrachtung zurück ohne ein Wort, ohne eine Gebärde.

Die drei Frauen kehrten zu den anderen an den Kamin zurück. Simonne und Clarisse sprachen halblaut über die Diamanten der Verstorbenen. Existierten diese Diamanten wirklich? Niemand hatte sie gesehen; das Ganze muß eine Prahlerei gewesen sein. Allein Lea de Horn wollte jemanden kennen, der die Diamanten gesehen hatte. Oh, ungeheure Steine. Übrigens sei dies noch nicht alles; sie habe außerdem noch andere Schätze aus Rußland mitgebracht; gestickte Stoffe, kostbare Kleinigkeiten, ein ganzes Tafelzeug aus Gold, sogar die Möbel dazu von Gold; ja, meine Liebe, zweiundfünfzig[521] Kolli, ungeheure Kisten, drei Waggons voll. All das ist auf dem Bahnhof geblieben. Das ist Pech, wie? Zu sterben, ohne daß man auch nur Zeit hat, sein Eigentum auszupacken. Noch hinzuzufügen wäre, daß sie auch etwas Kleingeld besaß, beiläufig eine Million. Lucy fragte, wer der Erbe sei. Ferne Verwandte; ohne Zweifel ihre Tante, lautete die Antwort. Ein hübsches Geschenk für diese Alte. Sie wußte noch nichts; die Kranke hatte sich geweigert, sie kommen zu lassen, denn sie grollte ihr noch immer wegen des Todes ihres Kleinen.

Nun waren die Damen gerührt über den Kleinen; sie erinnerten sich, ihn bei den Wettrennen gesehen zu haben; es war ein kränkliches Bübchen mit gealtertem und traurigem Gesichte, mit einem Worte: eines jener armen Geschöpfe, für die es ein Unglück ist, geboren zu werden.

Er ist glücklicher unter der Erde, bemerkte Blanche.

Bah, sie auch, fügte Karoline hinzu, das Leben ist nicht lustig.

Nun verfielen sie alle in düstere Gedanken in diesem Sterbezimmer. Sie empfanden Furcht und meinten, es sei unklug, hier so lange zu plaudern; jedoch das Bedürfnis, noch weiter zu sehen, was es gebe, hielt sie fest.

Es war heiß im Zimmer; das Lampenglas zeichnete eine Mondscheibe auf die Decke dieses Zimmers, das in ein düsteres Dunkel getaucht lag. Unter dem Bette stand ein Teller mit Phenol gefüllt, das einen unangenehmen Geruch verbreitete. Von Zeit zu Zeit wurden die Vorhänge durch einen Lufthauch gebauscht, der von den Boulevards kam, wo noch immer das dumpfe Geräusch herrschte.

Hat sie viel gelitten? fragte Lucy, die vor der Uhr stand und eine Gruppe, die drei Grazien darstellend, betrachtete, auf deren Schultern die Uhr ruhte.

Jetzt schien Gaga aus ihrem Schlafe zu erwachen.[522]

Ach ja ... Ich war zugegen, als sie den Geist aufgab. Ich kann dir sagen, es war nicht schön. Ein Schütteln kam über sie ...

Sie konnte ihre Erklärungen nicht vollenden, denn von unten scholl ein ungeheurer Schrei.

Nach Berlin, nach Berlin, nach Berlin ...

Lucy, die im Zimmer fast erstickte, öffnete das Fenster weit und lehnte sich hinaus.

Eine erfrischende Kühle stieg vom gestirnten Himmel nieder. Gegenüber waren die Fenster des Hauses beleuchtet; auf den goldenen Buchstaben der Firmenschilder tanzte das Gaslicht. Das Schauspiel auf dem Boulevard war recht unterhaltend. Man sah die Menschenmassen wie eine Flut sich über die Fußsteige und die Straßen hinwälzen inmitten eines Wirrsals von Wagen auf langen, in Schatten getauchten Flächen, nur hie und da beleuchtet durch die Gaslaternen. Doch die Menge, die jetzt schreiend ankam, war mit Fackeln ausgerüstet. Ein roter Schein stieg von der Magdalenenkirche nieder, durchschnitt die Menge mit einem langen Feuerstrich und verbreitete sich in der Ferne über die Köpfe wie ein weiter Brand. Lucy vergaß im Augenblick, an welchem Orte sie sich befand, und rief Blanche und Karoline herbei. Kommt her ... Von diesem Fenster sieht man sehr gut. Da neigten sich alle drei neugierig zum Fenster hinaus. Die Bäume unten waren ihnen im Wege, denn zuweilen verschwand der Fackelschein vollständig unter dem Blätterwerk. Sie versuchten, die Herren unten zu erblicken. Aber ein vorspringender Balkon verdeckte ihnen das Eingangstor, sie sahen nur den Grafen Muffat, der wie ein Bündel von unbestimmbarer Farbe mit seinem Sacktuch vor den Augen auf der Bank lag.

Jetzt hielt ein Wagen; Lucy erkannte Marie Blond. Wieder eine, die gekommen war, um Nana zu sehen. Sie[523] war nicht allein; ein dicker Mann stieg hinter ihr aus dem Wagen.

Ei, das ist dieser Dieb, Steiner, sagte Karoline. Wie, hat man den noch nicht nach Köln zurückgeschickt? ... Ich will einmal sehen, welches Gesicht er macht, wenn er hier eintritt.

Alle wandten sich um. Aber als Marie Blond, die sich zweimal in der Treppe geirrt hatte, nach zwanzig Minuten eintrat, war sie allein. Als Lucy, sehr erstaunt, sie mit dem Blicke befragte, antwortete sie:

Ach, meine Liebe, glauben Sie denn wirklich, daß er heraufkommen wird? Es ist schön genug von ihm, daß er mich bis zur Tür begleitet hat. Es stehen ein Dutzend Herren unten, die ihre Zigarren rauchen.

Tatsächlich hatten alle Herren sich unten zusammengefunden. Sie hatten einen Ausruf des Erstaunens und Mitleides über den Tod dieses armen Mädchens, dann sprachen sie von Politik und Krieg. Bordenave, Daguenet, Labordette, Prullière und noch andere waren zur Gruppe hinzugekommen. Sie hörten Fontan aufmerksam zu, der einen Kriegsplan auseinandersetzte, nach dem er Berlin in fünf Tagen erobern wollte.

Inzwischen war Marie Blond bewegt zum Bette getreten, auf dem die Tote lag; sie murmelte gleich den anderen:

Arme Katze ... das letztemal, als ich dich sah, war's im Possentheater in der Kristallgrotte ...

Ach, seitdem ist sie sehr verändert, wiederholte Rosa Mignon mit ihrem traurigen Lächeln.

Es kamen noch zwei Frauen: Tatan Néné und Louise Violaine.

Diese beiden waren seit zwanzig Minuten im Hotel. Sie konnten das Zimmer nicht finden, wurden von einem Kellner zum anderen geschickt; sie waren zwanzig Treppen auf[524] und ab gestiegen inmitten eines Gewühles von Reisenden, die sich beeilten, in der wachsenden Kriegspanik Paris zu verlassen. Als sie endlich das Zimmer fanden, sanken sie ermüdet auf den Sessel nieder, unfähig, sich sofort mit der Toten zu beschäftigen. Jetzt hörte man ein Geräusch im Nebenzimmer, Koffer wurden hin und her geschoben, man stieß an die Möbel, und dazwischen tönten Stimmen in fremder Sprache. Es war ein junges Ehepaar aus Österreich. Gaga erzählte, daß während der letzten Augenblicke Nanas die Nachbarn sich damit unterhielten, einander im Zimmer zu jagen, und da nur eine ganz dünne Tür die beiden Zimmer voneinander trennt, hörte man sie lachen und sich küssen, wenn sie einander erhaschten.

Wir müssen fort, sagte Clarisse, wir können sie doch nicht wieder lebendig machen. Kommst du mit, Simonne?

Alle blickten scheu nach dem Bett, ohne sich vom Fleck zu rühren. Sie schickten sich dennoch zum Gehen an und strichen ihre Röcke zurecht. Lucy war allein ans Fenster getreten; eine Traurigkeit schnürte ihr die Kehle zu, als ob von der heulenden Menge da unten eine trübe Stimmung aufgestiegen wäre.

Noch immer wurden Fackeln vorübergetragen, von denen die Funken in die Luft stoben; in der Ferne sah man neue Scharen sich bewegen, die sich in dem Dunkel verloren, Viehherden gleich, die man zur Schlachtbank treibt. Von diesem sinnverwirrenden Getümmel, von diesen verwirrten Massen stieg ein Entsetzen, eine ungeheure Angst vor künftigen Metzeleien empor. Die Massen betäubten einander, ihr Geschrei brach sich in der Trunkenheit des Fiebers, das sich nach dem Unbekannten sehnte, das hinter der schwarzen Mauer des Horizontes zu finden war.

Nach Berlin, nach Berlin, nach Berlin ...

Lucy wandte sich bleich am Fenster um und stammelte:[525]

Mein Gott, was wird aus uns werden?

Die Damen nickten zustimmend.

Alle waren ernst geworden und besorgt über die kommenden Ereignisse.

Was mich betrifft, sagte Karoline Héquet mit Würde, so werde ich übermorgen nach London abreisen ... Mama ist bereits dort, um ein Haus für mich einzurichten. Es fällt mir nicht ein, mich in Paris abschlachten zu lassen.

Ihre Mutter hatte als kluge Frau, die sie war, ihr Vermögen im Auslande angelegt. Man kann nie wissen, wie ein Krieg endigt. Darüber geriet Marie Blond in Zorn; sie war eine Patriotin und sprach davon, der Armee zu folgen.

Du bist eine feige Memme, rief sie. Ich hätte Lust, mich als Mann zu verkleiden, um diesen schweinischen Preußen mit dem Gewehrkolben zu bearbeiten ... Und wenn wir alle zugrunde gingen, was weiter? Ist's denn gar so sehr schade um unsere Haut?

Blanche de Sivry war außer sich.

Sag' nichts Böses von den Preußen, sagte sie; es sind Menschen wie die anderen und sitzen nicht immer den Weibern auf den Röcken wie die Franzosen. Man hat eben den kleinen Preußen aus Paris verjagt, der mit mir lebte; er war ein sehr reicher Junge und sehr sanft, unfähig, irgend jemand ein Übles zuzufügen. Das war eine Niederträchtigkeit, und ich bin ruiniert dadurch ... Und wenn ich mir's recht überlege, so könnte ich mich noch entschließen, ihm nach Deutschland zu folgen.

Darüber entstand nun ein Wortwechsel, Gaga murmelte mit schmerzlichem Ausdruck in der Stimme:

Aus ist's, ich habe kein Glück. Vor acht Tagen habe ich die letzte Rate auf mein kleines Häuschen in Juvisy bezahlt. Gott weiß, welche Mühe es mich gekostet hat! Lili[526] mußte mir dabei helfen. Nun ist der Krieg erklärt, die Preußen werden kommen, um alles niederzubrennen ... Wie soll ich in meinem Alter von vorne anfangen?

Bah, sagte Clarisse, ich mache mir gar nichts daraus; ich werde immer das finden, was ich brauche.

Es wird sicherlich sehr drollig werden, meinte Simonne. Vielleicht werden sich die Dinge gar zu unserem Vorteile ändern ...; sie malte lächelnd den Gedanken im stillen weiter aus.

Tatan Néné und Louise Violaine waren der gleichen Ansicht. Sie erzählte, daß sie mit den Militärs sich schon ganz ausgezeichnet unterhalten habe. Oh, es sind brave Jungen, die Soldaten, und fähig, für die Weiber Himmel und Erde in Bewegung zu setzen.

Da das Gespräch der Damen allmählich sehr laut geworden, ließ Rosa Mignon, die noch immer vor dem Bette auf ihrem Koffer saß, ein leises Pst! vernehmen. Sie hielten, gleichsam erschrocken inne und warfen wieder einen scheuen Blick auf die Tote, als ob diese Bitte zu schweigen von dem Schatten hinter dem Vorhange ausgegangen wäre. Und inmitten dieses tiefen Schweigens, dieser Ruhe der Vernichtung, in der sie gleichsam die Starre der Leiche fühlten, die hinter ihnen ausgestreckt lag, brach von neuem das Gebrüll der Menge unten aus:

Nach Berlin, nach Berlin, nach Berlin ...

Doch bald hatten sie alles wieder vergessen.

Lea de Horn, die einen politischen Salon hielt, in dem ehemalige Minister von Louis Philippe geistreiche Epigramme verfertigten, nahm das Gespräch wieder auf und sagte achselzuckend:

Welcher Fehler, dieser Krieg! Welch grausamer Irrtum!

Lucy nahm sofort das Kaiserreich in Schutz. Sie hatte[527] mit einem Prinzen des kaiserlichen Hauses geschlafen; es war daher für sie eine Familiensache.

Lassen Sie das gut sein, meine Liebe; wir konnten uns nicht länger beschimpfen lassen; dieser Krieg ist eine Ehrensache Frankreichs ... Ich sage das nicht gerade wegen des Prinzen, denn er war ja ein rechter Geizhals. Denken Sie sich: am Abend, bevor er schlafen ging, verbarg er seine Louisdors in den Stiefeln, und wenn wir Bezigue miteinander spielten, setzte er Erbsen ein, weil ich eines Tages die kleine Laune hatte, mich auf den Einsatz zu werfen und ihn einzustecken ... Doch all das hindert mich nicht, gerecht zu sein. Der Kaiser hat recht gehandelt.

Lea zuckte die Achseln mit überlegener Miene wie jemand, dessen Urteil sich auf die Meinung angesehener Persönlichkeiten stützt. Dann sagte sie mit erhobener Stimme:

Es ist das Ende. Die Leute in den Tuilerien sind verrückt. Frankreich hätte gestern besser gehandelt, wenn es sie verjagt hätte ...

Alle unterbrachen sie heftig. Was hatte denn diese Wahnsinnige gegen den Kaiser? Sind denn nicht alle glücklich? Gehen die Geschäfte nicht ausgezeichnet? Niemals hat Paris sich so vortrefflich unterhalten ...

Gaga entrüstete sich und wurde zornig:

Schweigt, all das ist blöde. Ihr wißt nicht, was ihr redet ... Ich habe Louis Philippe gesehen. Das war eine lustige Epoche, meine Lieben! Dann kam achtundvierzig, eine saubere Geschichte, ein wahrer Ekel, ihre Republik! Nach der Februarrevolution bin ich fast vor Hunger krepiert, ja, ich, die jetzt zu euch spricht ... Wenn ihr all das gesehen hättet, ihr würdet vor dem Kaiser in die Knie sinken, denn er war unser Vater, ja wahrhaftig, unser Vater ...

Man mußte sie besänftigen. Dann fuhr sie in einer religiösen Aufwallung fort:[528]

Oh, mein Gott, verhilf dem Kaiser zum Siege; erhalte uns den Kaiser.

Alle wiederholten diese Bitte.

Blanche gestand, daß sie für den Kaiser geweihte Kerzen anzünden werde.

Karoline, für den Kaiser in Leidenschaft erglüht, war ihm zwei Monate hindurch auf seinen gewöhnlichen Spaziergängen nachgegangen, ohne daß es ihr gelungen wäre, seine Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.

Die anderen brachen in wütende Schmähungen gegen die Republikaner aus und sprachen davon, daß sie ausgerottet werden sollten, damit Napoleon III., nachdem er den Feind geschlagen, im allgemeinen Glück ruhig regieren könne.

Dieser Schweinekerl Bismarck ist eine Kanaille, bemerkte Marie Blond.

Ich habe ihn gekannt, rief Simonne. Wenn ich gewußt hätte, was aus dem Manne wird, ich hätte ihm irgendein Mittelchen in sein Weinglas gegeben.

Blanche, die sich über die Ausweisung ihres Preußen noch immer nicht trösten konnte, versuchte, Bismarck zu verteidigen. Er sei vielleicht gar nicht so böse; jeder hat sein Handwerk. Sie fügte hinzu:

Wißt ihr, daß er die Frauen anbetet?

Was geht das uns an, rief Clarisse; wir haben keine Lust nach ihm, will ich hoffen.

Solche Männer gibt es immer zu viel auf der Welt, bemerkte Violaine ernst. Es wäre besser, die Männer gänzlich zu entbehren, als mit ähnlichen Ungeheuern zu tun zu haben.

Das Gespräch dauerte fort. Bismarck wurde förmlich entkleidet; in dem allgemeinen bonapartistischen Eifer versetzte ihm jede einen Fußtritt, während Tatan Néné fortwährend wiederholte:

Bismarck, immer Bismarck ... Ja, auf den habe auch ich[529] einen Zorn ... Ich kenne ihn freilich nicht, diesen Bismarck ... Man kann doch nicht jeden kennen.

Gleichviel, sagte Lea de Horn, um Schluß zu machen; dieser Bismarck wird uns einen tüchtigen Klaps versetzen.

Sie konnte nicht fortfahren; alle Damen warfen sich auf sie.

Was, einen Klaps? Im Gegenteil, Bismarck wird mit Fußtritten nach Hause geschickt werden. Wird sie nicht endlich aufhören, diese schlechte Französin?

Still, sagte Rosa Mignon nochmals, verletzt durch einen solchen Lärm.

Abermals schwiegen sie angesichts dieser Toten, bei deren Anblick plötzlich die blasse Furcht in ihnen aufstieg.

Auf dem Boulevard dauerte das Gebrüll fort:

Nach Berlin, nach Berlin, nach Berlin ...

Endlich schickten sie sich an, wegzugehen; da erscholl auf dem Gang draußen eine Stimme:

Rosa, Rosa ...

Gaga öffnete erstaunt die Tür und ging einen Augenblick hinaus. Als sie zurückkam, sagte sie:

Meine Liebe, Fauchery ist außer sich, weil Sie so lange bei der Toten bleiben.

Es war Mignon endlich gelungen, den Journalisten hinaufzuschicken. Lucy, noch immer am Fenster stehend, neigte sich hinaus. Sie sah die Herren unten auf dem Fußsteige; sie blickten empor und machten ihr allerlei Zeichen.

Mignon war wütend und streckte die Fäuste in die Luft. Steiner, Fontan, Bordenave und die anderen öffneten die Arme mit Mienen der Unruhe und des Vorwurfes, während Daguenet, um sich nicht zu kompromittieren, ruhig seine Zigarre rauchte und die Hände hinter dem Rücken verschlungen hielt.

Es ist wahr, meine Liebe, sagte Lucy am offenen Fenster;[530] ich habe ihnen versprochen, daß ich Sie mit hinunterbringe; sie rufen uns alle.

Rosa verließ mühsam den Koffer. Sie murmelte:

Ja, ich komme, ich komme ... Gewiß, sie bedarf meiner nicht mehr, man muß eine barmherzige Schwester bestellen ...

Sie wandte sich um; sie vermochte ihren Schal nicht zu finden. Am Waschtische füllte sie mechanisch ein Waschbecken mit Wasser und wusch sich Hände und Gesicht, wobei sie murmelte:

Ich weiß nicht, aber es hat mich arg mitgenommen ... Wir waren, solange sie am Leben war, einander nicht sehr freundlich gesinnt. Das schmerzt mich jetzt ... Allerlei dumpfe Gedanken gehen mir durch den Kopf. Ich selbst wünsche mir den Tod ... Ja, ich brauche frische Luft.

Die Leiche begann die Luft im Zimmer zu vergiften. An die Stelle der allgemeinen Sorglosigkeit trat eine allgemeine Panik.

Schauen wir, daß wir fortkommen, meine Kätzchen, sagte Gaga. Es ist hier nicht besonders gesund.

Sie gingen hinaus, einen letzten Blick auf das Bett werfend. Da Lucy, Blanche und Karoline noch im Zimmer geblieben waren, legte Rosa noch eine letzte Hand an, um das Zimmer in Ordnung zu bringen. Sie zog den Vorhang vor dem Fenster zu; dann fiel ihr ein, daß diese Lampe sich hier nicht schickte, man bedürfe einer Wachskerze. Sie zündete eine Kerze an, die auf dem Kamin stand, und stellte sie auf das Nachtkästchen neben der Leiche. Ein helles Licht beleuchtete plötzlich das Gesicht der Toten. Es war furchtbar. Alle schreckten zusammen und eilten hinaus.

Ach, sie hat sich sehr verändert, murmelte Rosa Mignon, die als letzte das Zimmer verließ.

Sie ging hinaus und schloß die Tür. Nana blieb allein[531] im hellen Glanz der Kerze, das Gesicht nach oben gekehrt. Sie war nichts mehr als ein Haufen verdorbenen Fleisches und Blutes, hingeworfen auf diese Kissen. Die Pusteln hatten das ganze Gesicht überzogen; eine Blatter saß neben der anderen; vertrocknend, zusammenfallend nahmen sie die graue Farbe des Schmutzes an und saßen wie ein Stück Erde auf dieser unförmigen Masse, in der man keinen Zug mehr erkennen konnte. Das linke Auge war in der Entzündung der entsetzlichen Krankheit vollständig verschwunden; das andere, halb offen, saß wie ein schwarzes Loch inmitten dieser Masse. Die Nase ragte entzündet nur wenig hervor. Von einer ihrer Wangen ging eine dicke, rotentzündete Kruste aus, die sich über den Mund verbreitete und diesen da durch zu einem grauenhaften Lächeln verzog. Über diese fürchterliche, schaurige Masse des Nichts ergossen sich wie eine goldene Flut die Haare, die schönen Haare, die noch immer ihren Sonnenglanz bewahrt hatten. Venus begann allmählich zu verwesen. Es schien, daß das Gift, das sie in der Gosse, aus dem Schmutz der Menschheit aufgelesen, um ein ganzes Volk damit zu vergiften, ihr jetzt ins Gesicht gestiegen war, um die Fäulnis zu beschleunigen. Das Zimmer war leer. Ein ungeheurer Hauch der Verzweiflung stieg vom Boulevard empor und bauschte den Vorhang des Zimmers auf.

Nach Berlin, nach Berlin, nach Berlin ...


Ende.


Quelle:
Zola, Emile: Nana. Berlin, Wien 1923, S. 511-532.
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