Die drei Muhammed

[42] Es war ein Mann, der hatte drei Söhne und alle drei hießen Muhammed. Als dieser Mann ans Sterben kam, da stieg ihm ein Zweifel auf, ob einer von den jungen Leuten wirklich sein Sohn sei. Deshalb sprach er (auf dem Totenbette): »Muhammed soll erben, Muhammed soll erben, und Muhammed soll nicht erben!« Als der Vater nun gestorben war, ließen sie zwei Wochen vorübergehen, dann begannen sie über die Verteilung der Erbschaft zu sprechen. Sie blickten einander an und sprachen: »Der Vater hat gesagt: ›Muhammed soll erben, Muhammed soll erben, und Muhammed soll nicht erben!‹« Darüber stritten sie sich nun und begaben sich schließlich vor den Richter. Als sie vor den Richter gekommen waren, erschien ihm die Entscheidung ihrer Sache zu schwierig; deshalb sprach er: »Über euch soll der Kadi Hiddi Recht sprechen!« Da empfahlen sie sich Gott und reisten (zum Kadi Hiddi). Als sie des Weges einherzogen, kamen sie an einen Ausruheplatz der Kamele. Der erste Bruder blickte auf und sprach: »Das Kamel, das hier gewesen ist, hat keinen Schwanz gehabt.« Der zweite blickte auf und sprach: »Das Kamel war einäugig.« Der dritte sprach: »Die Last, die das Kamel trug, war auf einer Seite etwas Süßes, auf der andern Seite etwas Saures.« Als sie weiterzogen, da begegnete ihnen der[42] Besitzer des Kamels; der suchte sein Kamel. Er fragte die drei Brüder: »Ist euch ein Kamel begegnet?« Der erste Bruder sah auf und sprach: »Dein Kamel hat keinen Schwanz?« Der Besitzer des Tieres entgegnete: »So ist es!« Der zweite Bruder fragte: »Dein Kamel ist einäugig?« Der Gefragte erwiderte: »Gewiß!« Der dritte Bruder forschte: »Dein Kamel trug auf der einen Seite eine süße, auf der andern Seite eine saure Last?« Jener bestätigte dies wiederum.

»Also ihr,« rief er aus, »habt mein Kamel, denn ihr habt mir seine Kennzeichen angegeben!« Die Brüder entgegneten: »Junger Mann, wir haben dein Kamel nicht!« Jener fragte sie: »Wo habt ihr es da gesehen?« Die Brüder entgegneten: »Wir haben es gar nicht gesehen!« Da hielt der Besitzer des Kameles die Brüder fest und wollte sie nicht fortlassen. Jene sprachen: »Wir wollen gerade zum Kadi Hiddi; drum geh du mit uns!«

Bald gelangte man zum Kadi; der Besitzer des Kamels trat zuerst vor und sprach: »Mein Kamel befindet sich im Besitz jener jungen Leute!« Der Kadi sprach zu den drei Brüdern: »Gebt ihm sein Kamel!« Die Brüder erwiderten: »Zwischen ihm und uns sei Gott Zeuge! Wahrhaftig, wir haben sein Kamel nicht!« Da blickte der Besitzer des Kameles auf und rief: »Aber sie haben mir doch genau seine Kennzeichen angegeben: mein Kamel habe keinen Schwanz; es sei einäugig und trage auf der einen Seite eine süße, auf der anderen Seite eine saure Ladung!« Der Kadi fragte hierauf den ersten der Brüder: »Woran hast du erkannt, daß es keinen Schwanz hatte?« Der Gefragte entgegnete: »Wenn das Kamel mistet, so wedelt[43] es mit seinem Schwanze den Mist auseinander, so daß derselbe breit gekollert wird. Als ich nun den Mist sah, fand ich ihn auf einen Haufen gehäuft. Da erkannte ich sofort, daß das Kamel keinen Schwanz habe.« Hierauf wandte sich der Kadi an den zweiten Bruder mit den Worten: »Woher hast du geschlossen, daß das Kamel einäugig sei?« Jener entgegnete: »Ich sah, daß es auf der Seite, wo sein Auge (nach meiner Vermutung) heil war, das Gras abgefressen hatte, während auf der Seite, wo das Auge des Kamels (nach meiner Ansicht) erblindet war, das Gras stehen geblieben war.« Schließlich wandte sich der Kadi an den dritten der Brüder mit der Frage: »Woher weißt du, daß das Kamel auf der einen Seite eine süße und auf der andern eine saure Ladung trug?« Der dritte Bruder entgegnete: »Auf der Seite, wo ich das Saure vermutete, schwärmten über dem Heruntergetropften Mücken; aber auf der Seite, wo ich das Süße vermutete, summten Fliegen.« Da wandte sich der Kadi an den Besitzer des Kameles und sprach zu ihm: »Wie war dein Kamel beschaffen?« Jener entgegnete: »Es war in der That ohne Schwanz, ferner einäugig und trug auf der einen Seite Saures und auf der andern Süßes, auf der einen Seite Essig und auf der andern Honig!« Da sprach der Kadi: »Nun, dann suche dir dein Kamel. Die Leute hier haben durch ihre eigene Schlauheit die Merkmale deines Kameles herausgefunden! Sie sind kluge Leute!«

Hierauf wandte sich der Kadi an die drei Brüder und fragte sie: »Was ist eure Streitsache?« Die Brüder entgegneten: »Herr, als unser Vater ans Sterben kam,[44] da sagte er: ›Muhammed soll erben, Muhammed soll erben, und Muhammed soll nicht erben!‹ Wir wissen aber nicht, wer das ist (der nicht erben soll); wir heißen alle drei Muhammed!« Der Kadi erwiderte: »Schlaft heute Nacht bei mir als Gäste! Morgen will ich euern Streit schlichten!« Hiermit ließ er sie ins obere Stockwerk kommen, rief dann seinen Hirten her und befahl ihm: »Geh hin und schlachte für die Gäste ein Lamm!« Der Hirt schlachtete ein Lamm für die Gäste, zog es ab und schaffte es nach dem Hause, damit es der Kadi für jene braten lassen könne. Bald brachte man den Brüdern das Abendbrot. Sie begannen zu speisen; der Kadi aber horchte draußen vor der Thür des Zimmers ihrem Gespräche zu. Einer von den Brüdern sah auf und begann: »Dies ist Hundefleisch!« Der andere sprach: »Die Frau, welche das Abendbrot bereitet hat, ist krank!« Der dritte rief: »Der Kadi ist ein unehelicher Sohn!« Die beiden anderen Brüder aber riefen: »Nein, Mensch, sage nicht, der Kadi sei ein unehelicher Sohn! Woher weißt du denn das von ihm?« Der Gefragte erwiderte: »Wer ein Essen auftragen läßt und nicht mit seinen Gästen speist, der ist stets ein uneheliches Kind!«

Der Kadi hatte also ihr Gespräch gehört. Dann ging er weg. Zunächst rief er den Hirten her und fragte ihn: »Warum bringst du mich, wenn Gäste zu mir kommen, vor ihnen in Verlegenheit und schlachtest einen Hund?«

Der Hirte entgegnete: »O nein, mein Herr, bei deinem Haupte, ich habe nichts anderes als ein Lamm geschlachtet! Aber des Lammes Mutter starb, als es[45] noch klein war; da hat es eine Hündin weiter gesäugt!« Dann begab sich der Kadi ins Haus und fragte: »Wer von den Frauen hat das Abendbrot für die Gäste zubereitet?« Eine trat vor und entgegnete: »Ich, mein Herr!« »Du bist unwohl?« Sie entgegnete: »Ja!« Hierauf begab er sich zu seiner Mutter, ergriff sie, warf sie zu Boden und zückte den Dolch über ihr, um sie zu töten, mit den Worten: »Sage mir die Wahrheit, wer mein Vater ist! Sonst töte ich dich!« Sie bekam Angst und entgegnete ihm: »Mein Sohn, dein Vater war schwach. Da hatten wir einen Fleischer, der brachte uns das Fleisch; es wurde nun eben von Gott bestimmt: ich gewährte dem Fleischer meine Gunst, dann wurde ich guter Hoffnung und brachte dich zur Welt!« Da ließ der Kadi seine Mutter los.

Am nächsten Morgen begab er sich zur Gerichtssitzung. Er sprach zu dem von den Brüdern, welcher gesagt hatte, das Fleisch sei Hundefleisch: »Woran erkanntest du, daß das Fleisch Hundefleisch war?« Der Gefragte erwiderte: »Das Hammelfleisch hat keine Fasern, aber Hundefleisch hat Fasern.« Hierauf wandte sich der Kadi an den zweiten der Brüder und fragte denselben: »Woran erkanntest du, daß diejenige, die das Abendbrot gekocht hat, krank war?« Der zweite Bruder entgegnete: »Weil das Essen ungesalzen war.« Dem dritten aber sagte der Kadi nichts, sondern erhob sich nun und sprach: »Muhammed soll erben, Muhammed soll erben und Muhammed (indem er auf den dritten zeigte, der gesagt hatte, der Kadi sei ein unehelicher Sohn) soll nicht erben!« Jener fragte: »Warum denn nicht?« Da entgegnete der[46] Kadi: »Einen unehelichen Sohn findet nur seinesgleichen heraus.«

Quelle:
Seidel, A. (Hg.): Geschichten und Lieder der Afrikaner. Berlin: Verein der Bücherfreunde, Schall & Grund, 1896, S. 42-47.
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