Das Märchen von den beiden Brüdern.

[57] Wir lassen hier dasjenige Märchen folgen, welches als erstes Beispiel dieser Literaturgattung der Neuzeit wieder bekannt geworden ist, es entstammt einem Papyrus, der aus dem Besitze einer Frau d'Orbiney an das British Museum zu London gelangte. Ursprünglich hatte er einem Prinzen, dem späteren Könige Seti II., der um 1300 v. Chr. regierte, gehört und war, um seines Herrn würdig zu sein, besonders schön geschrieben worden. Ob es sich dabei um eine Abschrift handelt oder um ein neu erfundenes Märchen, steht nicht ganz sicher. Es geht aber aus der Erzählung selbst hervor, daß sie aus zwei ursprünglich selbständigen Berichten im ziemlich lockerer Weise zusammen gefügt worden ist. Der erste Teil erzählt die Geschichte zweier Ackersleute, die versuchte Verführung des einen von ihnen durch seine Schwägerin, seine Flucht in das Gebirge, wo ihm die Götter ein Weib erschaffen, den Verrat dieses Weibes und den Tod des Helden. Im zweiten Teile lebt der Tote wieder auf, macht allerhand Verwandlungen[58] durch, bestraft das verräterische Weib und wird zuletzt König von Aegypten. Im ersten Teile sind die Handelnden Bauern und einfache Menschen, im zweiten ist der Hauptheld zu einem in der Zauberei erfahrenen Halbgott geworden.

Der Papyrus ist so gut wie vollständig erhalten, die gelegentlich sich findenden kleinen Lücken stören nirgends den Zusammenhang. Ein Besitzer des Textes, möglicherweise der Prinz Seti selbst, hat die unbeschrieben gebliebene Rückseite eines Blattes dazu benutzt, um sich Notizen darauf zu machen. Sie lauten: »17 große Brote, 50 Brote minderer Güte, 68 Tempelbrote« und beziehen sich vermutlich auf ein Opfer, welches er darzubringen gedachte. Der Schreiber des Textes Annana spielt in einer uns erhaltenen Briefsammlung eine Rolle. Ihr zufolge lebte er unter den Königen Ramses II. und Merenptah, den beiden Vorgängern Seti II. Wann er starb ist unbekannt, er hat möglicherweise die genannten Herrscher eine geraume Zeit überlebt; unsere Handschrift zeigt jedenfalls noch die gleichmäßigen Schriftzüge eines kräftigen Mannes.


* * *


Es waren einmal zwei Brüder, die hatten die gleiche Mutter und den gleichen Vater gehabt, Anepu (Anubis) war der Name des ältern, Bata-u (Bytis) war der Name des jüngeren. Nun besaß Anepu ein Haus und besaß eine Frau. Der jüngere Bruder unterstand seiner Gewalt, wie das für einen Jüngern Sitte ist. Er machte die Kleider, er ging hinter den Rindern er auf das Feld, er bebaute das Land, er drosch[59] das Getreide, er besorgte jede Feldarbeit. Siehe! Der jüngere Bruder war ein vorzüglicher Arbeiter, nicht gab es seinesgleichen im ganzen Lande, es war als wäre die Kraft jedes Gottes in ihm. Als nun viele Tage vergangen waren, da war der jüngere Bruder nach seiner täglichen Gewohnheit hinter seinen Rindern her. An jedem Abend kehrte er nach Hause zurück: dann war er beladen mit allen Kräutern des Feldes. Und wenn er vom Felde zurückkehrte, dann tat er folgendes: Er legte die Kräuter nieder vor seinem älteren Bruder, der dasaß mit seiner Frau. Er trank, er aß von den Broten, er ging in seinen Stall und bewachte seine Rinder.

Dann, wenn die Erde hell geworden war und der nächste Tag angebrochen war und die Brote gebacken waren, dann legte er sie hin vor seinen älteren Bruder. Er trug die Brote hinaus auf das Feld, er trieb seine Rinder an, um sie auf dem Felde fressen zu lassen. Er ging hinter seinen Rindern her, und sie sagten ihm: »An jenem Platze ist das Gras schön«. Er verstand alles, was sie sagten, und führte sie an den Platz der guten Kräuter, an den sie zu gehen wünschten. Die Rinder, die er antrieb, wurden sehr schön, äußerst zahlreich waren bei ihnen die Geburten.

Als nun die Zeit des Pflügens gekommen war, da sagte sein älterer Bruder zu ihm: »Wohlan, rüste uns das Gespann zum Pflügen. Denn die Felder sind (aus dem Ueberschwemmungswasser) herausgetreten, sie sind jetzt im richtigen Zustande, um beackert zu werden.« Ferner sagte er: »Gehe du mit Saatkorn auf das Feld,[60] denn wir wollen morgen eifrig pflügen.« So sagte er, aber der jüngere Bruder besorgte alle Dinge von denen ihm der ältere Bruder gesagt hatte, daß er sie besorgen solle.

Dann, als die Erde hell geworden war und der nächste Tag angebrochen war, da gingen sie mit ihrem Gespann auf das Feld. Sie pflügten fleißig, sie freuten sich sehr über ihre Arbeit, sie verließen ihre Arbeit nicht. Als nun viele Tage vergangen waren und sie sich auf dem Felde befanden, da hatten sie kein Saatkorn. Da schickte der ältere Bruder den jüngeren fort, indem er ihm sagte: »Eile dich, bringe uns Saatkorn aus unserem Wohnorte.« Der jüngere Bruder fand die Frau seines älteren Bruders, wie sie dasaß und ihr Haar machte. Er sagte ihr: »Stehe auf! Gib mir Saatkorn. Ich will auf das Feld eilen, denn mein älterer Bruder ließ mich laufen und sagte: Sei nicht faul!« Sie sagte ihm: »Gehe, öffne den Kasten, nimm du dir selbst was dir am Herzen liegt, damit nicht unterwegs meine Perücke verloren geht.« Der Jüngling ging in seinen Stall, er nahm einen großen Topf, er wollte viel Saatkorn nehmen, er belud sich mit Korn und Durra (eine Getreideart) und kam mit ihnen heraus. Da sprach die Frau zu ihm: »Was für eine Last trägst du auf dem Nacken?« Er sagte ihr: »Drei Maß Korn, zwei Maß Durra, im ganzen sind fünf Maß auf meinem Nacken.« Das sagte er ihr.

Da sagte sie ihm: »Große Kraft ist in dir, denn ich sehe täglich Beweise deiner Kraft.« Sie stand auf, sie war von dem Gedanken an[61] ihn erfüllt, sie sagte ihm: »Wohlan! Wir wollen eine Stunde zusammen ruhen. Gewährst du mir meine Bitte, so will ich dir schöne Kleider machen.« Da wurde der Jüngling so wütend wie ein Panther des Südens, er zürnte wegen des bösen Vorschlages, den sie ihm gemacht hatte. Sie aber fürchtete sich sehr. Er sagte zu ihr und sprach: »Nun, wohlan! Du stehst zu mir in dem Verhältnisse einer Mutter, und dein Gatte steht zu mir im Verhältnisse eines Vaters, denn er ist älter wie ich, und er läßt mich leben. Ach! Was für eine große Schlechtigkeit hast du mir gesagt! Wiederhole sie mir nicht noch einmal. Nun, ich werde es niemanden sagen, ich werde es keinen Menschen aus meinem Munde vernehmen lassen.«

Dann nahm er seine Last, ging auf das Feld und kam zu seinem ältern Bruder, sie waren fleißig an der Arbeit. Als aber der Abend herankam, da kehrte der ältere Bruder nach seinem Hause zurück, und der jüngere Bruder ging hinter seinen Rindern her und war beladen mit allen Dingen, die er vom Felde brachte. Er trieb seine Rinder vor sich her, damit sie sich in ihrem Stalle, der bei ihrem Wohnorte war, zur Ruhe legen könnten. Siehe da! Die Frau des älteren Bruders fürchtete sich wegen des Vorschlages, den sie gemacht hatte. Sie nahm Fett und einen Lappen und richtete sich zu wie eine Frau, die von einem Uebeltäter geschlagen worden ist. Sie wollte ihrem Gatten sagen: »Dein jüngerer Bruder hat mich geschlagen.«

Ihr Gatte kehrte am Abend zurück, wie das seine tägliche Gewohnheit war. Als er nach[62] Hause kam, da fand er seine Frau wie sie krank dalag, wegen der Schlechtigkeit, die sie vor hatte. Sie goß kein Wasser auf seine Hand, wie er das sonst gewohnt war, sie hatte kein Feuer angemacht, sein Haus lag im Dunkeln, sie lag schmutzig da. Ihr Gatte sagte ihr: »Wer sprach mit dir.« Da sagte sie: »Niemand sprach mit mir, außer deinem jüngeren Bruder. Als er kam, um für dich Saatkorn zu holen, da fand er mich allein sitzend. Er sagte zu mir: Wohlan! Wir wollen eine Stunde zusammen ruhen; ziehe deine Kleider aus! So sprach er zu mir. Ich hörte nicht auf ihn und sagte: Bin ich nicht deine Mutter, denn dein älterer Bruder steht zu dir im Verhältnisse eines Vaters. So sprach ich zu ihm. Er erschrak, er schlug mich, damit ich es dir nicht anzeige. Wenn du ihn leben läßt, so werde ich sterben. Siehe! Wenn er am Abend kommt und wenn ich diesen bösen Vorschlag verkünde, dann wird er sich weiß zu waschen suchen.«

Der ältere Bruder wurde wütend wie ein Panther des Südens, er schärfte sein Messer, er nahm es in die Hand. Der ältere Bruder stellte sich hinter die Türe seines Stalles, um seinen jüngeren Bruder zu töten, wenn er am Abend käme, um seine Rinder in den Stall hinein zu lassen. Als nun die Sonne unterging, da belud sich der jüngere Bruder mit allerhand Kräutern der Felder, wie er das täglich zu tun gewohnt war, und dann ging er nach Hause. Als das erste Rind in den Stall trat, da sagte es zu seinem Hüter: »Passe auf! Dein älterer Bruder steht vor dir mit seinem Messer, um dich zu töten. Laufe vor ihm fort.« Er hörte[63] die Worte seines ersten Rindes. Als das zweite Rind hinein trat, da sagte es dasselbe.

Da blickte er unter die Türe seines Stalles, er sah die Beine seines älteren Bruders, der stand hinter der Tür, und sein Messer war in seiner Hand. Er legte seine Last auf den Boden, er gab sich an das Laufen mit seinen Beinen. Sein älterer Bruder eilte hinter ihm her mit seinem Messer. Da beschwor der jüngere Bruder den (Sonnengott) Râ-Harmachis und sagte: »Oh du mein gnädiger Herr! Du bist es, der die Lüge der Wahrheit gegenüber klar legt.« Da hörte der Gott Râ alle seine Bitten. Der Gott Râ ließ ein großes Gewässer zwischen ihm und seinem älteren Bruder entstehen, und das war voll von Krokodilen. Der eine von ihnen stand auf der einen, der andere auf der andern Seite. Der ältere Bruder schlug zweimal mit seiner Hand, ohne den andern töten zu können. Das tat er. Der jüngere Bruder rief von seiner Seite her und sagte: »Bleibe stehen bis die Erde hell wird. Wenn die Sonne aufgeht, dann werde ich mich vor ihr mit dir auseinandersetzen, um der Wahrheit den Sieg zu geben, denn ich werde bis in alle Ewigkeit nicht mehr mit dir zusammen sein, ich werde nicht mehr an dem Orte sein, an dem du bist. Ich werde in das Akaziental gehen.«

Als nun die Erde hell wurde und der nächste Tag anbrach, da ging der Gott Râ-Harmachis auf und einer von ihnen sah den andern. Da sagte der Jüngling zu seinem älteren Bruder und sprach: »Was soll das bedeuten, daß du hinter mir her gehst, um mich hinterlistig zu töten?[64] Du hast nicht gehört, was mein Mund zu sagen hatte und ich bin doch in der Tat dein jüngerer Bruder, denn du stehst zu mir in dem Verhältnisse eines Vaters und dein Weib steht zu mir in dem Verhältnis einer Mutter. Nicht wahr? Nun, als du mich schicktest, um uns Saatkorn zu bringen, da sagte dein Weib zu mir: Wohlan, wir wollen eine Stunde zusammen ruhen. Aber siehe! Diese Tatsache wurde dir in etwas anderes verdreht.« Er ließ seinen Bruder alles wissen, was sich zwischen ihm und dessen Weibe zugetragen hatte. Er schwor bei Râ-Harmachis und sagte: »Was sollte deine Absicht, mich hinterlistig zu töten, bedeuten? Da standst du mit deinem Messer an der Türe wegen jener elenden Person.«

Er nahm ein scharfes Messer, er schnitt sich sein männliches Glied ab, er warf es in das Wasser, der Zitterwels fraß es, er wurde ohnmächtig, es wurde ihm schlecht. Der ältere Bruder verfluchte sich selbst gar sehr, er stand laut weinend da, er konnte wegen der Krokodile nicht dahin gelangen, wo sein jüngerer Bruder war. Sein jüngerer Bruder rief zu ihm herüber und sagte: »Siehe! Du dachtest an etwas Schlechtes, du dachtest an nichts Gutes, auch nicht an etwas von dem, was ich für dich getan hatte. Ach! Gehe jetzt nach Hause und sieh nach deinen Rindern, denn ich werde nicht mehr an einem Orte weilen, an dem du bist. Ich werde in das Akaziental gehen. Aber das, was du für mich tun sollst, ist folgendes: du sollst kommen, um für mich zu sorgen, wenn du erfährst, daß mir etwas geschehen ist. Ich werde nämlich mein Herz beschwören, ich werde es auf[65] die Spitze einer Akazienblüte legen. Wenn nun die Akazie abgeschnitten wird und das Herz auf die Erde fällt, dann sollst du kommen, um es zu suchen. Und wenn du auch sieben Jahre damit verbringst, es zu suchen, so soll sich dein Herz nicht ekeln. Wenn du mein Herz gefunden hast und es in einen Krug mit frischem Wasser legst, so werde ich wiederum aufleben und werde dir Antwort geben auf das, was du gegen mich vorgebracht hast. Nun! Du wirst dann wissen, daß mir etwas zugestoßen ist, wenn man dir einen Krug Bier in die Hand gibt und das Bier aufbraust. Dann bleibe nicht stehen, wenn dir das zustößt.«

Dann ging der jüngere Bruder zu dem Akazientale und der ältere Bruder ging nach seinem Hause. Er legte (als Zeichen seiner Trauer) seine Hand auf sein Haupt und hatte sich mit Staub beschmiert. Als er nach Hause gekommen war, tötete er sein Weib und warf sie den Hunden vor. Dann saß er da in Trauer um seinen jüngeren Bruder.

Nun, nachdem viele Tage nach diesen Ereignissen vergangen waren, da war der jüngere Bruder in dem Akaziental, es war kein Mensch bei ihm. Er vertrieb sich bei Tage die Zeit damit, daß er die Tiere des Gebirges erjagte, am Abend ging er schlafen unter der Akazie, auf deren Blütenspitze sein Herz lag. Nun, nachdem viele Tage nach diesen Ereignissen vergangen waren, da erbaute er sich mit eigener Hand in dem Akazientale einen Turm, der war angefüllt mit allerhand schönen, wünschenswerten Dingen. Als er das Haus besaß, da ging er einmal aus dem[66] Turme heraus, und da begegnete er dem Kreise der neun Götter, die umhergingen, um die Angelegenheiten ihrer ganzen Erde zu ordnen. Da sprachen die neun Götter untereinander und sprachen zu ihm: »Oh Bata-u, du Stier der neun Götter! Da weilst du nun allein. Du hast deinen Wohnort verlassen wegen dem Weibe deines älteren Bruders Anepu. Siehe! Er hat sein Weib getötet, denn du hast ihm alles Schlechte, was er gegen dich beging, klar gemacht.«

Ihr Herz war von Mitleid für ihn ganz erfüllt und Râ-Harmachis sprach zu (dem schaffenden Gotte) Chnum: »Erbaue für Bata-u ein Weib, damit er nicht allein dasitze.« Da schuf ihm Chnum eine Genossin, und da saß diese da, ihre Glieder waren schöner als die irgend eines Weibes im ganzen Lande, es war jeder Gott in ihr. Da kamen die sieben (Schicksal verkündenden) Hathoren, um sie sich anzusehen und sagten einstimmig: »Sie wird eines gewaltsamen Todes sterben.« Bata-u liebte sie gar sehr. Sie saß in seinem Hause, wenn er den Tag damit verbrachte, das Wild des Gebirges zu erjagen, um es vor sie (als Beute) niederlegen zu können. Er sagte ihr: »Gehe nicht heraus, damit dich der Fluß nicht ergreife, denn ich kann dich nicht aus seiner Macht erretten, denn ich bin ein Weib gerade so wie du. Mein Herz, das liegt auf der Spitze der Akazienblüte. Wenn das ein anderer findet, so werde ich mit ihm kämpfen«. Er setzte ihr alles, was sich auf sein Herz und alle Gestaltungen desselben bezog, klar auseinander.[67]

Als nun viele Tage nach diesen Ereignissen vergangen waren, da war Bata-u seiner täglichen Gewohnheit folgend, ausgegangen, um zu jagen, und das Mädchen war aus dem Hause gekommen, um unter der Akazie, die neben ihrem Hause stand, spazieren zu gehen. Siehe! Da erblickte sie der Fluß und schleuderte Wasser nach ihr, sie lief vor ihm fort, sie ging in ihr Haus. Der Fluß aber wandte sich bittend an die Akazie und sagte: »Ach, ich möchte von ihr (und ihrem Wohlgeruch) erfüllt sein.« Die Akazie brachte dem Flusse eine Locke ihres Haares; die trug der Fluß nach Aegypten und legte sie an der Stelle nieder, an der die Wäscher des Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, wuschen. Da gelangte der Geruch der Locke in die Kleider des Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, und man schalt die Wäscher des Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, und sagte: »Es ist der Geruch von Salben in den Kleidern des Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge.« Täglich schalt man sie deswegen, und sie wußten nicht, was sie tun sollten. Da ging der Oberwäscher des Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, an das Ufer, sein Herz war sehr traurig wegen des Aergers, den man ihm täglich bereitete. Er blieb stehen, und da stand er am Ufer gerade der Locke, die im Wasser lag, gegenüber. Er schickte dahin, man brachte sie ihm, man fand, daß ihr Geruch sehr schön war, er rug sie zu dem Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge.[68]

Man holte die Schreiber und Gelehrten des Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, herbei. Sie sagten zu dem Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge: »Das ist die Locke einer Tochter des Gottes Râ-Harmachis, es ist der Stoff jeden Gottes in ihr, sie ist ein Gruß für dich aus einem anderen Lande. Lasse Boten in alle Länder gehen, um sie zu suchen. Der Bote aber, der zu dem Akazientale geht, mit dem sollen viele Leute gehen, um sie hierher zu bringen.« Da sagte Seine Majestät, der Leben Heil und Gesundheit zuteil werden möge: »Schön, sehr schön ist eure Rede«. Dann ließ man die Boten forteilen.

Nachdem viele Tage nach diesen Ereignissen vergangen waren, da kamen die Leute, die in die Fremde gegangen waren, zurück um Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, Bescheid zu bringen. Die Leute aber, die nach dem Akazientale gegangen waren, die kamen nicht, Bata-u hatte sie getötet und hatte nur einen von ihnen übrig gelassen, um Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, Bescheid zu bringen. Da ließ Seine Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, viele Leute, Fußsoldaten und Reiterei ausziehen, um die Frau zu ihm zu bringen. Und es war auch ein weibliches Wesen mit ihnen, die gab der Frau allerhand schöne Schmucksachen, wie sie die Frauen tragen, in ihre Hand. Da ging die Frau mit ihr nach Aegypten. Man jubelte ihr im ganzen Lande zu. Seine Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden[69] möge, liebte sie sehr und erhob sie zu seiner großen Favoritin. Man sprach mit ihr, um sie zu veranlassen, zu sagen, wie es sich mit ihrem Gatten verhielte, und da sagte sie Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge: »Man soll die Akazie abschneiden, um ihn zu vernichten.« Da ließ man Leute und Soldaten mit ihren Geräten ausziehen, um die Akazie abzuschneiden, sie kamen zu der Akazie, sie schnitten die Blüte ab, auf der das Herz des Bata-u sich befand, da fiel er in dieser Unglücksstunde tot hin.

Als nun die Erde hell wurde und der nächste Morgen nach dem Abschneiden der Akazie anbrach, da kam Anepu, der ältere Bruder des Bata-u, in sein Haus. Er setzte sich, er wusch seine Hände, man reichte ihm einen Krug mit Bier. Da schäumte dieses auf. Man gab ihm einen anderen Krug mit Wein, da wurde dieser trübe. Da ergriff er seinen Stock und seine Sandalen und seine Kleider und sein Werkzeug, er machte sich auf den Weg zum Akazientale, er trat in den Turm seines jüngeren Bruders, er fand seinen jüngeren Bruder auf seinem Ruhebette tot daliegen. Da weinte er, weil er seinen jüngeren Bruder tatsächlich tot da liegen sah.

Dann ging er hin, um das Herz des jüngeren Bruders unter der Akazie zu suchen, unter der sein jüngerer Bruder abends zu schlafen pflegte. Er suchte drei Jahre lang und fand es nicht. Als das vierte Jahr begann, da wünschte sein Herz nach Aegypten zurückzukehren, und so sagte er: »Ich werde morgen fortgehen.« So sprach[70] er in seinem Herzen. Als nun die Erde hell wurde und der nächste Tag anbrach, da ging er unter die Akazie und verbrachte den Tag mit Suchen. Am Abend kehrte er zurück, er blickte nochmals suchend umher, da fand er ein Korn, er brachte es mit, da war es das Herz seines jüngeren Bruders. Er trug einen Topf mit frischem Wasser herbei, er warf das Herz hinein und dann saß er da, wie er das alle Tage zu tun pflegte.

Als es nun Nacht wurde, da hatte das Herz das Wasser aufgesogen, da zitterte Bata-u mit allen seinen Gliedern, er sah seinen älteren Bruder an, während sein Herz kraftlos in dem Kruge war. Sein älterer Bruder Anepu ergriff den Krug mit frischem Wasser, in dem das Herz seines jüngeren Bruders war, er ließ ihn das Herz trinken, das Herz kam an seinen richtigen Platz und da war der jüngere Bruder wieder gerade so wie er einst gewesen war. Die beiden umarmten sich, und beide sprachen miteinander. Dann sagte Bata-u zu seinem älteren Bruder: »Siehe! Ich werde ein großer Stier werden, der alle schönen Zeichen (des heiligen Apisstieres) an seinen Haaren haben wird, man wird seine Art nicht kennen. Du setze dich auf meinen Rücken, und wenn die Sonne aufgeht, dann werden wir da sein, wo sich mein Weib befindet, die werde ich zur Rechenschaft fordern. Du sollst mich dahin bringen, wo der König sich befindet, denn er wird dir dann allerhand schöne Dinge geben und dich mit Silber und mit Gold beladen, weil du mich dem Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, brachtest,[71] denn ich werde als ein großes Wunder gelten. Wenn man mir zujauchzt in dem ganzen Lande, dann gehe du wieder an deinen Wohnort.«

Als nun die Erde wieder hell wurde und der nächste Tag anbrach, da nahm Bata-u die Gestalt an, die er seinem älteren Bruder angegeben hatte. Anepu, sein älterer Bruder, setzte sich bei Tagesanbruch auf seinen Rücken und gelangte an den Platz, an dem der König sich befand. Man teilte dies Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, mit. Der König besichtigte den Stier und war sehr erfreut, er ließ ihm ein großes Fest feiern, indem er sagte: »Das, was da geschieht, ist ein großes Wunder.« Man jubelte dem Stier zu in dem ganzen Lande, man belud seinen älteren Bruder mit Silber und mit Gold, und dann ließ er sich wieder in seinem Wohnort nieder. Man gab ihm viele Diener und reichen Besitz, und der Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, liebte ihn weit mehr als sonst irgend einen anderen Menschen in dem ganzen Lande.

Als nun viele Tage nach diesen Ereignissen vergangen waren, da ging der Stier in den Harem, er blieb da stehen, wo sich die Favoritin befand, und fing an zu ihr zu sprechen und sagte: »Siehe! Das bin ich, ich lebe tatsächlich.« Sie sagte ihm: »Wer bist du?« Er sagte zu ihr: »Ich bin Bata-u. Du wußtest es wohl, als du die Akazie, unter der mein Haus stand, durch den Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, abschneiden ließest, daß[72] das geschah, damit ich nicht mehr leben sollte. Siehe! Ich bin aber da, ich lebe in der Tat, ich bin in dem Stier.« Da erschrak die Favoritin sehr bei dieser Kunde, die ihr ihr Gemahl sagte. Er ging aus dem Harem heraus. Seine Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, saß aber da und machte sich mit der Favoritin einen vergnügten Tag. Sie war am Tische Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, und der König war sehr freundlich zu ihr. Da sagte sie zu Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge: »Schwöre mir einen Eid, der also lautet: ›Das, was du sagen wirst, das werde ich für dich erhören.‹« Er erhörte alle ihre Worte. »Ich möchte von der Lunge des Stieres essen, denn er wird nie etwas Brauchbares tun.« Das sagte sie zu ihm. Da fluchte der König wegen ihrer Rede; das Herz Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, wurde sehr traurig.

Als aber die Erde hell wurde und der neue Tag anbrach, da bereitete man für den Stier ein großes Opferfest, und man ließ einen der höchsten Beamten Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, kommen, um den Stier zu schlachten. Als er geschlachtet war, und als er auf den Schultern der Leute (die ihn forttrugen) lag, da schüttelte er seinen Nacken und spritzte zwei Tropfen Blut auf den Vorplatz Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge; der eine Tropfen kam auf die eine Seite der großen Türe Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil[73] werden möge; der andere Tropfen kam auf die andere Seite. Die Blutstropfen erwuchsen zu zwei großen Persea-Bäumen, von denen einer immer noch größer war wie der andere. Man kam, um Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, zu sagen: »Es erwuchsen zwei große Persea-Bäume als ein großes Wunder für Seine Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge.« Man jubelte den Bäumen in dem ganzen Lande zu und der König brachte ihnen Opfer dar.

Als nun viele Tage nach diesen Ereignissen vergangen waren, da legte Seine Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, ihr aus Lapislazuli bestehendes Diadem an, der Hals des Königs war bekränzt mit allerhand Blumen, er stieg auf seinen aus Silbergold bestehenden Wagen, er verließ den Palast, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, um die Persea-Bäume zu besichtigen. Die Favoritin fuhr hinter Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, auf einem Wagen heraus. Seine Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, setzte sich mit der Favoritin unter die Bäume, da begann einer der Persea-Bäume zu seinem Weibe zu sprechen: »Oh, was ist das für eine Schlechtigkeit (die du begangen hast). Ich bin Bata-u, ich bin am Leben trotz der Mißhandlung, die du gegen mich in das Werk gesetzt hast. Du wußtest wohl, was das Abschneiden der Akazie, unter der mein Haus stand, durch den Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge,[74] zur Folge haben sollte. Ich ward ein Stier, da ließest du mich töten.«

Als nun viele Tage nach diesen Ereignissen vergangen waren, da befand sich die Favoritin an der Tafel des Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge. Er war freundlich gegen sie und da sprach sie zu Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge: »Schwöre mir einen Eid bei Gott und sagte: Das, was die Favoritin mir sagen wird, das werde ich für sie erhören. Sprich doch!« Er erhörte alle ihre Worte. Da sagte sie: »Man möge die beiden Persea-Bäume abschneiden, um aus ihnen schöne Bretter zu machen.« Der König erhörte alle ihre Worte.

Als nun viele Tage nach diesen Ereignissen vergangen waren, da ließ Seine Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, geschickte Arbeiter kommen, die schnitten die Persea-Bäume für den Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, ab. Die Königliche Gemahlin, die Favoritin, stand dabei, um zuzusehen. Da flog ein Splitter ab, er drang in den Mund der Favoritin ein, sie bemerkte, daß sie schwanger geworden war, als man die Bretter machte. Der König tat mit den Brettern alles, was die Favoritin wünschte.

Als nun viele Tage nach diesen Ereignissen vergangen waren, da gebar die Favoritin einen Knaben. Man ging hin und meldete Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge: »Es wurde dir ein Knabe geboren.« Man brachte ihm das Kind, er gab[75] ihm Ammen und Pflegerinnen. Man freute sich im ganzen Lande, man setzte sich hin und feierte einen frohen Tag, man fing an, den Namen des Knaben (bei öffentlichen Gelegenheiten) zu verwenden. Seine Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, liebte ihn von Stund an sehr. Er ernannte ihn zum Königsohn (Statthalter) von Aethiopien. Als viele Tage nach diesen Ereignissen vergangen waren, da machte ihn Seine Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, zum Erbfürsten des ganzen Landes.

Als nun viele Tage nach diesen Ereignissen vergangen waren und er viele Tage als Erbfürst des ganzen Landes verbracht hatte, da flog Seine Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, zum Himmel. Da sprach er (der Erbfürst, der jetzt König geworden war): »Man bringe mir meine Fürsten, die hohen Würdenträger Seiner Majestät, der Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, ich werde ihnen alle Dinge mitteilen, die mir begegnet sind«. Man brachte sein Weib herbei. Er setzte sich mit diesem vor den Fürsten auseinander. Man vollstreckte (an dem Weibe) ihren Urteilsspruch. Er ließ seinen älteren Bruder herbeiführen, er ernannte ihn zum Erbfürsten des ganzen Landes. Dann herrschte er 20 Jahre als König über Aegypten. Als er aus dem Leben ging, da trat am Tage des Begräbnisses sein älterer Bruder an seine Stelle.

So ist denn dieses Buch in Frieden vollendet für die (zu Ehren der) göttlichen Persönlichkeit des Schreibers des Schatzhauses Kagabu,[76] der zum Schatzhause des Pharao, dem Leben, Heil und Gesundheit zuteil werden möge, gehört, und für den Schreiber Hora, und für den Schreiber Mer-em-apt. Es verfertigte es der Schreiber Annana, der Herr der Schriften. Demjenigen, der von diesem Buche spricht, dem möge der Gott Thoth im Kampfe beistehen.

Quelle:
Wiedemann, Alfred: Altägyptische Sagen und Märchen. Leipzig: Deutsche Verlagsactiengesellschaft, 1906, S. 57-77.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Lohenstein, Daniel Casper von

Epicharis. Trauer-Spiel

Epicharis. Trauer-Spiel

Epicharis ist eine freigelassene Sklavin, die von den Attentatsplänen auf Kaiser Nero wusste. Sie wird gefasst und soll unter der Folter die Namen der Täter nennen. Sie widersteht und tötet sich selbst. Nach Agrippina das zweite Nero-Drama des Autors.

162 Seiten, 8.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Große Erzählungen der Frühromantik

Große Erzählungen der Frühromantik

1799 schreibt Novalis seinen Heinrich von Ofterdingen und schafft mit der blauen Blume, nach der der Jüngling sich sehnt, das Symbol einer der wirkungsmächtigsten Epochen unseres Kulturkreises. Ricarda Huch wird dazu viel später bemerken: »Die blaue Blume ist aber das, was jeder sucht, ohne es selbst zu wissen, nenne man es nun Gott, Ewigkeit oder Liebe.« Diese und fünf weitere große Erzählungen der Frühromantik hat Michael Holzinger für diese Leseausgabe ausgewählt.

396 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon