53. Die Schöne der Erde

[244] Es war einmal ein sehr reicher Vater, der hatte eine Frau und einen Sohn. Als er zum Sterben kam, hinterließ er seinem Sohn einige Verfügungen, und darunter besonders die, er solle niemals den Ort betreten, wo die Schöne der Erde wohnte. Der Knabe wuchs heran und lebte glücklich und zufrieden, solange er die Stadt der Schönen der Erde nicht betrat. Aber endlich ergriff ihn eine gewaltige Sehnsucht dahin zu gehen, obgleich ihn das Verbot im Testament seines Vaters und seine Mutter abhielten; und es verging keine lange[244] Zeit, da beschloß er, sich auf den Weg zu machen, nahm ein großes Felleisen voll Goldstücke mit und zog aus, um den Ort zu suchen, wo die Schöne der Erde wohnte.

Auf dem Wege rastete er bei einer alten Frau, die ihm, wie ein Wort das andre gab, erzählte, daß gerade an diesem Ort die Schöne der Erde wohnte, und daß die jungen Männer mit Aufwand von vielem Geld kaum dazu kämen, einen Augenblick ihren Finger oder ihre Hand zu sehen. Als der Jüngling das hörte, entbrannte er vor Verlangen auch hinzugehen, um wenigstens ihre Hand zu sehen, auch wenn es ihn noch soviel Geld kosten sollte. Und als er von der Alten den Weg erfahren hatte, ging er in den Palast des Mädchens und bat, man möchte sie ihn sehen lassen, indem er zugleich die mitgebrachten Goldstücke zeigte. Als die Dienerinnen des Mädchens das viele Gold sahen, sagten sie es ihr, und sie gab Befehl, ihn einzulassen. Sie stellten ihn an einen Ort, wo er kaum ihren Finger zu sehen bekam, dann nahmen sie ihm seine Goldstücke weg und warfen ihn hinaus. Denn das Mädchen zeigte sich auch ihren Freunden, die dahin kamen, niemals ganz, sondern das erstemal die Hand, das zweitemal den Unterarm, das drittemal den Oberarm und so fort. Der Jüngling aber, als er wieder zu der Alten zurückkehrte, war trotz allem, was er bei dem Mädchen hatte erleiden müssen, doch so aufgeregt und voll Begierde wiederhinzugehen, daß er es nicht aushalten konnte. Daher machte er sich eilig auf, um nach Hause zurückzukehren, andres Geld zu holen und wiederzukommen. Er redete auch mit der Alten, und die trieb ihn noch mehr dazu an, da auch sie Geschenke von ihm bekam. Am folgenden Tage kam der Jüngling in seine Heimat, berauscht von Liebe, und sowie er sein Haus betrat, ging er gleich hin, um Geld zusammenzusuchen, damit er gleich zu dem Mädchen ziehen könnte. Als die arme Mutter ihren Sohn so ohne einen Heller sah, geriet sie in heftigen Zorn. Sie versuchte, ihn von seinem Entschlusse abzubringen, aber was sie auch tat war vergeblich, denn der Jüngling wollte sich auf keine Weise abhalten lassen. Kurz,[245] er nahm das Geld, diesmal mehr als früher, und zog fort. Als er zu dem Mädchen kam, betrogen sie ihn wieder, indem sie ihm ihre Hand zeigten, ihm sein Geld nahmen und ihn fortjagten. Kurz – daß wir die Erzählung nicht zu sehr ausdehnen – der Jüngling verschleuderte auf diese Weise aus Liebe nach und nach sein ganzes Vermögen, ohne etwas damit zu erreichen, und er, der vormals so reich gewesen war, wurde nun ganz arm.

Nun machte er sich daran, in den Kammern und Kellern seines Vaters zu suchen, ob er dort Geld oder eine andere Kostbarkeit finden möchte, die er dem Mädchen bringen könnte. Zu seinem Erstaunen fand er eine Kappe, die ihn, sobald er sie aufsetzte, den Augen seiner Mutter entzog, so daß er nicht mehr gesehen wurde, obwohl man seine Stimme hörte. Die Kappe gefiel ihm sehr, und er glaubte, daß er mit ihrer Hilfe das Mädchen überwinden werde. Daher nahm er sie ohne zu zögern mit sich und zog wieder nach dem Orte, wo das Mädchen wohnte. Als er an ihrem Palast angekommen war, setzte er die Kappe auf und wurde unsichtbar, so daß er geradeswegs in das Zimmer des Mädchens kam, ohne daß einer ihrer Wächter ihn gesehen hatte. Nun sah er das Mädchen ganz in ihrer Schönheit und betrachtete sie, bis es Tag wurde. Dann sprach er zu ihr, und sie hörte die Stimme, aber ihre Augen sahen nichts. Nachdem die beiden lange miteinander geredet hatten, erzählte er dem Mädchen, wer er sei, und dann, auf ihre Liebe vertrauend, enthüllte er ihr auch das Wunder, das die Kappe bewirke. Da nahm sie ihm die Kappe weg, rief ihre Leute und befahl ihnen, den Jüngling mit Schimpf und Schlägen fortzujagen.

Als der Jüngling sich wieder hintergangen sah, da ihm das Mädchen die Kappe weggenommen und ihn schimpflich fortgejagt hatte, geriet er in tiefe Betrübnis, weil ihm nun gar keine Hoffnung mehr blieb, und er kehrte verstört und verzweifelt über sein Mißgeschick nach Hause zurück. Aber da einmal die verzehrende Sehnsucht nach dem Mädchen sein ganzes Herz ergriffen hatte, konnte er keinen andern Gedanken[246] fassen; und er ging wieder in die Kammern seines Vaters, um in ihnen zu suchen, ob er etwas für das Mädchen fände. Er fand dort eine Kanne, die betrachtete er, drehte sie in der Hand und rieb sie, da sie bestaubt war, um den Staub zu entfernen. Wie er sie rieb, erschienen plötzlich vor ihm eine Menge Krieger und sprachen zu ihm: »Was befiehlst du, Herr? Wir sind bereit, dir zu dienen.« Als der Jüngling das sah, überlegte er ein wenig und sprach bei sich selber: »Nun bin ich sicher, die Schöne der Erde zu gewinnen.« Dann machte er sich voller Freude bereit, zu seiner Geliebten zu ziehen.

Auf dem Wege trat er wieder in das Haus der Alten und schickte durch sie dem Mädchen Botschaft, sie solle ihn aufnehmen; aber sobald die Alte den Mund zum Reden geöffnet hatte, rief das Mädchen ihre Diener, und sie warfen sie mit Schimpf hinaus. Die Alte kehrte betrübt in ihr Haus zurück und erzählte dem Jüngling den Schimpf, den sie in dem Palast erlitten hatte; aber er bat sie wieder, sie möge noch ein zweites Mal zu dem Mädchen gehen und ihr sagen, wenn sie ihn nicht gutwillig aufnähme, würde es ihr schlecht gehen. So machte sich die Alte auf, noch einmal zu dem Mädchen zu gehen, aus Gefälligkeit für den Jüngling, dessen Sinn entzündet war, und wegen der Geschenke, die er ihr immer gab, obwohl sie recht gut wußte, daß nichts auszurichten war. Als das Mädchen sie wiederkommen sah, geriet sie in solchen Zorn, daß sie ihren Leuten befahl, sie zu schlagen und hinauszuwerfen. Und die arme alte Frau entkam unter Jammern und Wehklagen mit Mühe ihren Händen und ihren Schlägen.

Als die Alte zurückkehrte und dem Jüngling erzählte, was sie erduldet hatte, sah er ein, daß er auf friedliche Weise nichts ausrichten würde. Er nahm also die Kanne und rieb sie. Sogleich erschienen die Krieger und sprachen zu ihm: »Was befiehlst du, Herr? Wir wollen dir dienen.« Und der Jüngling schickte sie alle mit schönen Kleidern angetan zu dem Palast der Schönen der Erde, um dort zu spielen und[247] kriegerische Übungen zu machen, bis er sie wieder zurückriefe. Ferner schickte er die Alte abermals zu dem Mädchen und ließ ihr sagen, wenn sie ihn nicht gutwillig aufnähme, würde er als Feind kommen mit seinen Kriegern, die sie auf der einen Seite ihres Palastes sehen könne. Als das Mädchen das von der Alten hörte und die Krieger sah, gab sie schleunigst Befehl, den Jüngling mit großen Ehren zu empfangen. Als nun der Jüngling kam, empfingen ihn alle Großen des Palastes mit solchen Ehren und solchen Schmeichelreden, daß er reichlich befriedigt war. Hierauf sagte der Jüngling zu ihr: »Da du mich so sehr gequält hast, will ich dich jetzt nach Tingljimaimun schicken.« Aber das Mädchen wußte ihn zu überreden, und er verzieh ihr.

Da die beiden sich bei dieser Unterredung versöhnt hatten, setzte der Jüngling Vertrauen auf ihre Liebe und enthüllte ihr, daß seine ganze Macht in der Kanne ruhe. Da nahm sie ihm heimlich die Kanne fort, und als sie sie rieb, erschienen sogleich die Krieger und sprachen zu ihr: »Was befiehlst du, Herrin, daß wir für dich tun sollen?« Der Jüngling erhob sich und sagte: »Ihr seid meine Krieger, und nicht ihre.« Aber sie erwiderten ihm: »Die Kanne ist in der Hand des Mädchens.« Und das Mädchen sprach zu ihnen: »Nehmt diesen Jüngling und bringt ihn nach Tingljimaimun.« Und sie faßten ihn und brachten ihn dahin.

Nachdem der Jüngling in diesem fernen Lande angekommen war, irrte er allein ohne einen bekannten Menschen, ohne Nahrung umher und kam immer tiefer in die Einöde hinein, ohne etwas zum Essen zu finden. Endlich fand er einige rote Trauben, und hungrig, wie er war, aß er ein paar Beeren davon; aber sowie er sie gegessen hatte, wuchsen ihm gleich ebensoviel Hörner auf dem Gesicht. Als er die Hörner auf seinem Antlitz sah, erschrak er und ward betrübt, indem er mit Erstaunen bemerkte, wovon sie entstanden; aber er hatte doch so großen Hunger, daß er es ohne zu essen nicht aushalten konnte. Bei solchem Unglück ergriff den Jüngling ein so großer Schmerz, daß er seiner[248] selbst überdrüssig wurde und gar nicht mehr zu leben wünschte. Während er nun hie und da herumirrte, fand er auch weiße Trauben, und da er hungrig war, aß er davon; und bei der ersten Beere begannen die Hörner abzufallen. Soviel Beeren er davon aß, soviel Hörner fielen ihm ab. Auf diese Weise erkannte der Jüngling, daß ihm Hörner wuchsen, wenn er rote Beeren aß, und daß sie wieder abfielen, wenn er weiße aß. Darüber freute er sich sehr, denn es fiel ihm sogleich die Sache mit dem Mädchen ein, und er gedachte diesen glücklichen Zufall zu benutzen. Mit den roten Beeren wollte er dem Mädchen Hörner wachsen lassen, und mit den weißen sie dann heilen, und auf diese Weise gedachte er sie endlich in seine Hand zu bekommen.

Er füllte rasch zwei Körbe mit Trauben, einen mit roten und einen mit weißen, und machte sich auf, um schleunigst in das Land des Mädchens zurückzukehren. Nachdem er einen langen Weg zurückgelegt hatte, kam er ans Meer, wo er warten mußte, bis er einen Kahn zum Übersetzen erblickte. Nach einiger Zeit zeigte sich von weitem ein Kahn; der Jüngling zog, da er kein Tuch hatte, seine Hosen aus und gab damit dem Kahn ein Zeichen, er solle herankommen und ihn aufnehmen. Der Kahn näherte sich auch, aber als sie den Mann in Lumpen sahen, nahmen sie ihn erst nach vielem Bitten auf. Als er in sein Land gekommen war, zog er aus die roten Trauben zu verkaufen und kam bald in die Nähe des Palastes des Mädchens. Zu der Zeit fand man keine Trauben mehr, denn ihre Zeit war vorbei. Der Jüngling wußte es zu machen, daß sie beim Palast des Mädchens aufmerksam wurden und herauskamen um Trauben zu kaufen. Auch das Mädchen sah das und gab einer Dienerin den Auftrag, ihr welche zu bringen. Die unglückselige Dienerin aß aus Naschhaftigkeit nur eine Beere, und sogleich wuchs ihr ein Horn auf der Stirn. Sie wußte nicht, woher das Horn entstanden war und schloß sich aus Scham darüber in ihr Zimmer ein. Als nun das Mädchen die Trauben von ihr verlangte, brachte sie sie ihr nicht selbst, sondern[249] schickte sie durch eine andere Dienerin. Das Mädchen nahm die Trauben und aß sie mit großem Behagen, und sogleich wurde ihr Gesicht voll von Hörnern. Sie erschrak darüber so sehr, daß sie fast den Verstand verlor. Als einige Tage vergangen waren, ohne daß sie genas, sah sie sich gezwungen Ärzte rufen zu lassen. Sie pflegte die Ärzte, die sie behandelten, nur unter der Bedingung zu nehmen, daß sie ihnen den Kopf abschlagen ließe, wenn sie sie nicht heilten, denn sie wollte unnützer Weise keinem Mann vor Augen kommen. Unter diesen Umständen schickte sie jetzt die Ärzte zuerst zu ihrer Dienerin, damit sie erst diese heilten und dann sie selbst, da sie die gleiche Krankheit hatte.

Der Jüngling wußte, daß der Tag kommen würde, wo man ihn als Arzt riefe. Darum entfernte er sich auf einige Tage, damit die Krankheit sich in die Länge zöge und das Unbehagen des Mädchens noch zunähme. Endlich aber legte er prachtvolle Gewänder an, ging in den Palast des Mädchens und sagte, er sei Arzt, und versprach die Kranke zu heilen. Man sagte ihm, wenn er sie nicht heilte, würde ihm der Kopf abgeschlagen, und er war mit dieser Bedingung zufrieden. Zuerst schickte man ihn zu der Dienerin. Er hatte die weißen Trauben bei sich, zerdrückt und zubereitet wie eine Salbe, damit man nicht erkenne, was es sei. Er begann nun der Dienerin abzufragen, was sie getan und nicht getan hätte, kurz jeden Umstand, der ihre Krankheit betraf. »Gib acht,« sagte er zu ihr, »denn wenn du mir nicht genau Bescheid gibst, wirst du nicht geheilt.« Die Dienerin erzählte ihm nun von vielen anderen Dingen und auch von der Weinbeere, die sie gegessen hatte. Da gab er ihr eine Arznei – die weißen Beeren –, die er bei sich hatte, und sogleich fiel ihr das Horn ab, und sie war geheilt. Als die Schöne der Erde das erfuhr, schickte sie eilig um den Arzt, in großer Erwartung und Aufregung.

Er trat in das Zimmer des Mädchens und begann sie ebenso auszufragen, wie er die Dienerin ausgefragt hatte, indem er sagte, wenn sie ihm auch nur ein einziges Wort verheimlichte,[250] würde sie nicht gesund werden. Da erzählte sie ihm alle ihre Taten, und sie kamen bis zu den Goldstücken, die sie dem Jüngling so oft abgenommen hatte. Er sprach zu ihr: »Gib mir das Geld.« Dann zeigte sie ihm die Kanne, die sie ihm genommen hatte und tat so, als ob sie die Kappe vergäße. Aber der Arzt sprach zu ihr: »Du hast mir etwas noch nicht erzählt.« Und so erzählte sie auch von der Kappe, die sie ihm weggenommen hatte, ebenso wie die Kanne und das Geld. Darauf gab er ihr die Arznei zu trinken, und sie genas sofort. Dann rieb er die Kanne, und sogleich erschienen die Krieger und sprachen zu ihm: »Was befiehlst du, Herr? Du bist unser früherer Gebieter.« Hierauf sprach er zu dem Mädchen: »Nun habe ich dich wieder in meiner Hand; ich bin der, dem du das alles angetan hast. Du hast mich nach Tingljimaimun geschickt, ich aber will dich mit mir in meine Heimat nehmen und dich zu meiner Frau machen.« Er befahl den Kriegern, sie samt ihrem Palast und allem, was sie hatte, aufzuheben und in sein Dorf zu bringen. Als die Mutter ihren Sohn sah, samt der Schönen der Erde und dem Palast und all den Schätzen, da freute sie sich und wunderte sich ohn Aufhören. Und so lebten sie in Zukunft alle glücklich und froh zusammen.

Quelle:
Leskien, August: Balkanmärchen. Jena: Eugen Diederichs, 1915, S. 244-251.
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