Fünfzehntes Capitel.
Vom Leben des Heiligen Alexius, des Kaisers Eufemianus Sohn.

[24] Es gab einen gewissen Kaiser, in dessen Reiche, d.h. dem Römischen Staate ein gewisser Jüngling Alexius lebte, der Sohn eines sehr edeln Römers, Namens Eufemianus, und eines der Ersten am kaiserlichen Hofe. Diesen umgaben drei Tausend Sclaven, die mit goldenen Gürteln umgürtet und seidenen Gewändern bekleidet waren. Es war aber der ebengenannte Eufemianus sehr barmherzig und jeden Tag waren in seinem Hause drei Tafeln für Arme, Waisen, Fremde und Wittwen gerüstet, welche er eifrig bediente: und um die neunte Stunde nahm er selbst mit frommen Männern sein Mahl in der Furcht des Herrn zu sich. Er hatte aber eine Frau, Namens Abael, welche gleiche Gottesfurcht und Gesinnung hegte. Da sie aber keinen Sohn hatten, so schenkte ihnen Gott auf ihr Bitten einen solchen, worauf sie sich fest vornahmen, von nun an in lauter Keuschheit zu leben. Der Knabe ward also den Lehrern der freien Künste übergeben, um in ihnen unterwiesen zu werden. Als er nun in allen Künsten der Weltweisheit sich auszeichnete und schon zum[24] männlichen Alter gekommen war, ward ein Mädchen aus der kaiserlichen Familie ausgewählt und mit ihm als Gattin verbunden. Nun kam die Nacht: in dieser beobachtete er mit seiner Vermählten erst ein geheimnißvolles Stillschweigen, dann aber begann sie der heilige Jüngling in der Furcht des Herrn zu unterweisen und gab ihr seinen goldenen Siegelring und die Spange seines Degengehenkes, womit er umgürtet war, aufzuheben, indem er also sprach: Nimm dieß und bewahre es, solange es dem Herrn gefällt, und der Herr sey mit uns. Hierauf aber begab er sich zum Meere und, als er heimlich ein Schiff bestiegen hatte, gelangte er bis Laodicäa und von da weiter nach Edessa, einer Stadt in Syrien, wo ein Bild unseres Herrn Jesus Christus ohne menschliche Arbeit gemacht, auf einer Leinwand bewahrt wurde. Als er dahin gekommen war, vertheilte er Alles, was er mit sich gebracht hatte, an die Armen, und fing an in schlechten Kleidern mit andern Bettlern sich an die Pforte der Kirche Mariä, der Mutter Gottes zu setzen. Von dem Almosen aber behielt er nur soviel für sich zurück, als für ihn hinreichen mochte, das Uebrige aber schenkte er andern Armen. Sein Vater aber, der die Entfernung seines Sohnes schwer beweinte, sandte durch alle Theile der Welt seine Diener aus, auf daß sie ihn fleißig aufsuchen sollten. Als nun aber von diesen etliche zur Stadt Edessa gekommen waren, wurden sie zwar von ihm erkannt, allein, da sie ihn nicht erkannten, so theilten sie an ihn ebenso wie an die andern Armen Almosen aus, welches er annahm und Gott also dankte: Herr, ich danke Dir, daß Du mich von meinen Sclaven Almosen empfangen läßt. Die Diener nun kehrten zurück und meldeten, daß er nirgens gefunden werden könne. Seine Mutter nun legte vom Tage seines Wegganges einen[25] Sack auf den Boden ihres Schlafzimmers, wo sie wehklagend und weinend also sprach: Hier will ich immer in Trauer verharren, bis ich meinen lieben Sohn wiederhaben werde. Die Gemahlin desselben aber sprach zu ihrer Schwiegermutter: bis ich von meinem süßen Bräutigam hören werde, will ich wie eine Turteltaube bei Dir bleiben. Als nun aber Alexius in genannter Kirchenvorhalle siebzehn Jahre im Dienste Gottes verharrt hatte, da sprach das Bild der heiligen Jungfrau, welches dort war, zu dem Wächter des Tempels: laß den Mann Gottes hereinkommen, weil er würdig ist des Himmelreichs und der Geist des Herrn auf ihm ruht. Als aber der Wächter nicht wußte, von wem sie sprach, sagte sie abermals zu ihm: der ist es, welcher draußen in der Halle sitzt. Da ging der Wächter eilends hinaus und führte ihn in die Kirche. Als aber dieser Vorgang Allen bekannt worden war und er von Jeglichem verehrt zu werden begann, da entfernte er sich von dort, weil er irdischen Ruhm meiden wollte. Er bestieg aber ein Schiff und da er nach Tarsus in Cilicien segeln wollte, kam das Schiff durch die Leitung Gottes, von Stürmen verschlagen, in den Hafen von Rom. Als Alexius dieses wahrnahm, sprach er zu sich selbst: ich will unerkannt in dem Hause meines Vaters bleiben und Niemandem lästig fallen. Er begegnete aber seinem Vater, der aus dem Palaste kam und von einer Menge Diener umgeben war, und fing an ihm laut nachzurufen: Knecht Gottes befiehl, daß ich, der ich fremd bin, in Deinem Hause aufgenommen werde und laß mich von den Brosamen Deiner Tafel speisen, auf daß der Herr sich auch Deines Sohnes, welcher in der Fremde ist, erbarmen wolle. Als das der Vater gehört hatte, befahl er ihn um seines Sohnes Willen zu sich aufzunehmen, gab ihm in seinem Hause einen besondern[26] Platz, setzte ihm Speise von seiner Tafel vor und wieß ihm einen eigenen Diener an. Jener aber beharrte im Beten und kasteiete seinen Leib mit Fasten, und die Diener des Hauses verspotteten ihn und gossen ihm häufig schmutziges Aufwaschewasser auf den Kopf, er aber war bei alle dem gar sehr geduldig. So blieb denn Alexius siebzehn Jahre unerkannt im Hause seines Vaters und als er sah, daß das Ende seines Lebens in der Nähe war, verlangte er Papier und Tinte und setzte seinen ganzen Lebenslauf auf. Am Sonntag aber nach der Feier der Messe ertönte in dem Allerheiligsten eine Donnerstimme vom Himmel herab: Kommet zu mir Alle, die Ihr arbeitet und beladen seyd. Als das aber Alle hörten, fielen sie auf ihr Antlitz nieder, und siehe da die Stimme sprach zum zweiten Male: Suchet den Mann Gottes, auf daß er für Rom bete. Jene aber suchten und fanden nicht und wiederum hieß es: Suchet im Hause des Eufemianus. Als der aber befragt wurde, sagte er, er wisse von nichts. Da kamen die Kaiser Arcadius und Honorius mit dem Papste Innocenz zu dem Hause des genannten Mannes und siehe die Stimme des Dieners von Alexius gelangte zu ihrem Herrn und lautete also: Siehe zu, o Herr, ob das nicht unser Fremder seyn mag, der ein Mann von hohem Alter und Geduld ist. Da lief Eufemianus hin zu ihm, fand ihn aber schon verblichen und sein Gesicht sah er geröthet, wie eines Engels Antlitz, und er wollte das Papier, welches jener in der Hand hatte, nehmen, aber er konnte es nicht. Als er aber hinausging und dieses dem Kaiser und dem Papste hinterbracht hatte und jene zu ihm hineingetreten waren, sprachen sie: wir sind allzumal Sünder. Indessen führen wir das Steuerruder des Reiches und haben die gemeine Sorge für das Hirtenamt. Gieb uns also das Papier,[27] damit wir wissen, was auf demselben geschrieben steht. Der Papst aber trat zu ihm, nahm das Papier in seine Hand und gab es alsbald wieder weg und ließ es vor allem Volke und seiner Umgebung und dem Vater desselben lesen. Als aber Eufemianus dieses hörte, fiel er von großer Furcht bewegt, indem ihn seine Kräfte verließen, auf die Erde nieder. Als er aber wieder ein wenig zu sich gekommen war, zerriß er seine Kleider und fing an die grauen Haare seines Hauptes und seinen Bart auszuraufen und sich selbst zu zerfleischen, stürzte auf seinen Sohn hin und rief aus: Ach, mein lieber Sohn, warum hast Du mich in solche Trauer versetzt und soviele Jahre lang in Seufzer und Klagen gestürzt. Ach ich Elender, was sehe ich? Dich, den Beschützer meines Alters, auf der Bahre liegen und nicht mit mir sprechen. Ach wie werde ich denn einen andern Tröster finden? Die Mutter, als sie das hörte, wie eine Löwin, welche das Netz zerreißt, so mit zerrissenen Kleidern und aufgelöstem Haare hob ihre Augen gen Himmel, und da sie vor der allzugroßen Volksmenge nicht zu dem heiligen Leichnam gelangen konnte, rief sie laut aus: Macht mir Platz, auf daß ich den Tröster meiner Seele erblicke, der aus meinen Brüsten getrunken hat. Und als sie zu dem Leichnam gelangt war, legte sie sich über ihn und schrie: Ach mein liebster Sohn, Licht meiner Augen, warum hast Du also an uns gethan? Warum hast Du so grausam an uns gehandelt? Du sahest Deinen Vater und mich Elende in Thränen und zeigtest Dich uns nicht; Deine Sclaven beleidigten Dich und Du ertrugst es. Und immer wieder warf sie sich von Neuem über den Leichnam und bald streckte sie ihre Arme über ihn aus, bald betastete sie mit ihren Händen sein Engelsangesicht, küßte ihn und rief: Weinet mit mir, Alle die Ihr hier seyd,[28] die ich den, der mein Einziger war, siebzehn Jahre lang in meinem Hause gehabt und nicht erkannt habe. Und die Sclaven haben ihn beschimpft und mit Fäusten ins Gesicht geschlagen: Ach, wer wird meinen Augen einen Thränenquell verleihen, damit ich Tag und Nacht den Schmerz meiner Seele ausweine. Seine Gemahlin aber angethan mit einem Adriatischen Gewande kam weinend gelaufen und sprach: Weh mir, die ich heute verwaist bin und als Wittwe erscheine. Niemandem mehr habe ich, auf den ich meine Augen erheben, Niemanden mehr, nach welchem ich blicken kann. Jetzt ist mir mein Spiegelbild geraubt, meine Hoffnung untergegangen: jetzt hat ein Schmerz begonnen, der kein Ende mehr hat. Das Volk aber, als es solches hörte, weinte auf klägliche Weise. Darauf legten der Papst und die Kaiser den Leichnam auf eine anständige Bahre und führten ihn mitten durch die Stadt. Und dem Volke wurde verkündigt, der Mann Gottes, welchen die ganze Stadt suchte, sey gefunden worden, und alle eilten dem Zuge entgegen. Wenn aber ein Kranker jenen heiligen Leichnam berührte, wurde er alsbald geheilt: die Blinden erhielten das Gesicht wieder: die Besessenen wurden ledig vom Bösen und alle Gebrechlichen von jeder Unpäßlichkeit, wenn sie nur den Körper berührt hatten, hergestellt. Die Kaiser aber, als sie diese großen Wunder gewahrten, fingen an selbst mit dem Papste die Bahre zu tragen, auf daß sie selbst von diesem heiligen Leibe geheiligt würden. Darnach befahlen die Kaiser eine Menge Silber und Gold auf den Straßen auszuwerfen, damit der große Haufen durch seine Liebe zum Gelde beschäftigt würde und den heiligen Leichnam zur Kirche bringen ließe. Das Volk aber vergaß seine Liebe zum Gelde und drängte sich mehr und mehr den heiligen Leib zu[29] berühren, sodaß sie ihn endlich nur mit großer Mühe zum Tempel des heiligen Märtyrers Bonifacius führten, und indem sie dort sieben Tage lang im Lobe Gottes verharrten, erbauten sie ihm ein Denkmal aus Gold und kostbaren Edelsteinen, in welches sie den heiligen Leichnam mit großer Verehrung niederlegten. Aus dem Grabmale selbst aber duftete ein so süßer Geruch hervor, daß es wie voll von allen möglichen Gewürzen erschien. Er starb aber im Jahre des Herrn 328.

Quelle:
Gesta Romanorum, das älteste Mährchen- und Legendenbuch des christlichen Mittelalters. 3. Auflage, Unveränderter Neudruck Leipzig: Löffler, Alicke 1905, S. 24-30.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Holz, Arno

Die Familie Selicke

Die Familie Selicke

Das bahnbrechende Stück für das naturalistische Drama soll den Zuschauer »in ein Stück Leben wie durch ein Fenster« blicken lassen. Arno Holz, der »die Familie Selicke« 1889 gemeinsam mit seinem Freund Johannes Schlaf geschrieben hat, beschreibt konsequent naturalistisch, durchgehend im Dialekt der Nordberliner Arbeiterviertel, der Holz aus eigener Erfahrung sehr vertraut ist, einen Weihnachtsabend der 1890er Jahre im kleinbürgerlich-proletarischen Milieu.

58 Seiten, 4.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang II. Sechs weitere Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Für den zweiten Band hat Michael Holzinger sechs weitere bewegende Erzählungen des Sturm und Drang ausgewählt.

424 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon