XX.
David.

[132] David, der Saul's Tochter zur Frau hatte, erregte schon in seiner Jugend durch Thatenruhm und Volksliebe den Neid und Haß seines Schwiegervaters. Dieser wollte ihn in der Höhle, wo er gewöhnlich ausruhte, ergreifen, und vertraute den schwarzen Anschlag seiner Tochter an. Von seinem Weibe gewarnet, legte David einen Schlauch, mit Weine gefüllt, auf seine Lagerstätte, und als Saul mit seinem Schwerte in die Creutz und Quer nach David hieb, zerhieb[132] er blos den Schlauch, und der Wein strömte in der Höhle fluthend aus.

David war vom Himmel mit großen Gaben ausgezeichnet. Vater eines Königs und Propheten, Prophet und König er selbst. Ihn hatte Gott, den ersten der Könige, mit dem Zunamen seines Chalifen oder Stellvertreters auf Erden beehret:


O David, wir haben dich bestellt zum Chalifen auf Erden, daß du die Menschen richtest mit Gerechtigkeit; so der Koran,


und an einem andern Orte:


Wir verliehen ihm Weisheit, und die Gabe der Rede.


Der schönste Ausdruck beyder dieser Gaben sind die Psalmen, welche das Gesetz des Herrn enthalten, und die David mit schöner Stimme und kunstreicher Melodie absang, sich selbst auf der Harfe begleitend. Der Himmel hatte ihm einen so zauberischen Wohllaut der Stimme verliehn, daß, wenn er sang, die Vögel sich über seinem Haupte versammelten, und den Harmonieen des Gesanges horchend in der Luft schwebten.

Alles folgte seinem Wort; wir unterwarfen ihm, sagt der Koran, die Berge vom Aufgang zum Untergang, und die Schaaren der Vögel. Und wer sollte der Weisheit nicht gehorchen, wenn sie von der Macht des Wohllauts begleitet, sich durch die Ohren tief in die Herzen senkt. Nicht nur[133] Menschen, sondern auch Vögel, Berge und Ströme folgen dem Gesetzgeber, der sie durch die Kraft der Rede und des Gesangs unwiderstehlich an sich zieht.

Wie viele Gesetze hätten ihre Kraft nicht verloren, wären sie als Lieder in die Herzen des Volkes gedrungen! – Die ältesten Aussprüche des Gesetzes waren Lieder der Weisheit, der erste Gesetzgeber ein Sänger; und wenn der König die Gabe des Gesangs nicht besaß, so sprach er durch das Organ seines Wesirs. So war, wie wir später sehen werden, Aßaf nicht nur der Großwesir, sondern auch der Hofkapellmeister Salomons. Ein Schatten der Gesetzeverkündigung unter Begleitung von Musik hat sich in dem Ausruf derselben unter Trompetenschall und Trommelschlag erhalten.

David hatte neun und neunzig Weiber in seinem Harem, denen er die Nacht widmete, wie seinen Geschäften den Tag. Die zwölf Stunden desselben hatte er in drey Theile eingetheilt, wovon er den ersten der Erhebung des Geistes zu Gott, den zweyten den Regierungsgeschäften, den dritten dem Erwerbe eines rechtmäßigen Nahrungszweigs bestimmte. In den ersten vier Stunden des Tags war er Prophet; Er schwang sich mit Begeisterung auf den Flügeln des Morgenrothes empor zum höchsten Ideale des Wahren und Guten und Schönen, und rauschte die Eingebungen der Gottheit in die Saiten der Harfe. In den folgenden vier Stunden war er König und Richter[134] seines Volkes; in den letzten vieren Mensch und Freund. Da machte er Panzerhemde, deren Verkauf ihm die Summe seines Tafelgeldes eintragen mußte; oder er unterhielt sich mit seinen Freunden durch belehrendes Gespräch. Wie er die andern zwölf Stunden des Sonnenumlaufs im Harem angewendet, und die der Nacht unter seine neun und neunzig Frauen gehörig ohne Bruch vertheilet habe, ist uns unbekannt. Daß ihm aber ungeachtet der ansehnlichen Theilungszahl von neun und neunzig noch ein beträchtlicher Ueberschuß von Kraft für eine Hundertste übrig blieb, bewähret die folgende Geschichte.

David hatte eben nach wohl ausgefüllter Stundeneintheilung der Nacht sein Harem verlassen, und war aus dem Bette vor die Harfe getreten. Er flehte zum Herrn: Da du mir die Herrschaft auf Erden verliehen, verleih mir auch das Verdienst und den Rang aller übrigen Propheten, daß ich dieselben übertreffen möge, so wie alle Könige vor mir.

Die Stimme der Gottheit sprach ihm zur Antwort ein: David! Alle anderen Propheten habe ich durch Prüfungen versucht, und nachdem sie dieselben mit Geduld und Selbstbeherrschung bestanden, hab' ich ihnen erst den Rang und die Ehren verliehen, deren sie itzt vor meinem Angesicht theilhaftig sind. So hab' ich den Propheten Abraham durch den Scheiterhaufen und durch das Opfer seines Sohnes, Jakob durch die Abwesenheit seines geliebten Jusuf's,[135] diesen durch den Kerker, und Moses durch Farao's Tyranney versucht; Sie sind alle bewähret worden durch Geduld und Selbstbeherrschung, wie soll ich dir nun den Rang vor ihnen anweisen, eh' ich dich noch geprüfet habe. David, der bisher im Stillen gebetet hatte, stürmte itzt mit anmaßendem Griffe in die Harfe:


O Herr! prüfe mich immerhin,

Ich harre dein mit geduldigem Sinn;

Treuen Sinn

Versuche immerhin.


Die Saiten hatten diesen übermüthigen Gesang noch nicht ausgetönt, als Satan schon in Gestalt einer Turteltaube beym Fenster hereinflatterte, und nach einigen Kreisflügen wie todt vor Davids Füßen niederfiel. David ließ sich auf der Stelle zerstreuen und nahm das Täubchen in die Hand, um zu sehen, ob es noch lebe. Es erholte sich, und flog herum. David ihm nach, um es zu erhaschen; es flog hinaus zum Fenster, und David, dessen Gewohnheit es sonst gar nicht war, müßig zum Fenster hinaus zu sehen, blieb stehen ans Fenster gelehnt, und sah hinaus in die Frische des Morgens, und auf die Umgebungen seines Pallastes.

Da erblickte er durch den Gläserbau eines benachbarten Bades, wo von der anderen Seite die aufgehende Sonne ihre Strahlen einwarf, das herrlichste Weib auf Erden. Sie war zwar entkleidet, aber ihr langes seidnes Haar umfloß den schönen Leib[136] bis zu den Füßen, und diente ihr als Bademantel und Badeschürze zugleich. Damit David nicht durch die Strahlen der ihm gegenüber emporsteigenden, und von der andern Seite das Bad erleuchtenden Sonne geblendet würde, hielt er seine Hand, als Sehrohr gerundet, vors Auge, und sah unverwandten Blickes ins Bad hinein, alle Bewegungen des schönen Weibes mit lüsternem Blicke beobachtend.

Er ward zur Stunde sterblich verliebt. Als sie sich getrocknet und gesalbet hatte, rief David seinen ersten Kammerdiener, und fragte ihn, wer das schöne Weib sey. Das ist, antwortete der Kammerdiener, die Frau von Uria, die Tochter des Propheten Elias. David gab ihrem Gemahl sogleich den Oberbefehl über den Vortrab seines Heeres, wo er, wie bekannt, erschlagen ward, und vermählte sich dann mit der Wittwe, die ihm jedoch nur unter der Bedingniß die Hand gab, daß, wenn sie einen Knaben gebären würde, er zum Nachfolger Davids ernennt werden sollte; was David versprach und hielt, denn Salomon war das Kind der Liebe Davids mit der Frau von Uria.

Eines Morgens, als David wie gewöhnlich vor seiner Harfe saß und Psalmen dichtete, erblickte er zu seinem Erstaunen ihm gegenüber auf dem Sofa zwey Fremde sitzen. Da strenger Befehl war, in den ersten vier Stunden des Tages Niemanden vorzulassen und anzumelden, verwunderte sich David gar sehr, wie die beyden Fremdlinge in sein Cabinet gekommen.[137] Sie standen auf und baten um Verzeihung, daß sie unangemeldet hereingetreten, indem sie eine dringende Klage vorzubringen hätten. David ließ die Harfe stehen, und setzte sich auf seinen Richterstuhl.

Dieser Mann, Allergnädigster Herr, fieng der eine an, hat neun und neunzig Schaafe zu Lust und Ueberfluß, ich armer Mann hatte ein einziges, das mir Trost und Labsal gewährte; dies einzige hat er mir gewaltsam weggenommen.

David konnte bey den neun und neunzig Schafen nicht wohl auf etwas anderes, als auf die Heerde seines Harems verfallen; er erkannte die zwey Fremden für Engel des Herrn, und fühlte die Schwere seiner Missethat. Sogleich warf er sich mit dem Angesicht auf die Erde, und vergoß die Thränen der bittersten Reue. So lag er vierzig Tage und vierzig Nächte auf seinem Gesichte, in einem fort weinend und zitternd vor dem Gericht des Herrn.

Wie viel seit David bis zum Tage des Gerichtes die Menschen über ihre Sünden Thränen der Reue vergossen haben und vergießen werden, so viel weinte David in diesen vierzig Tagen, während derer er die Bußpsalmen ausstöhnte. Die Thränen seiner Augen formten zwey Bäche, die aus dem Cabinete auf den Altan liefen, und von dem Altan in den Garten hinabstürzten. Wo sie sich in die Erde verliefen, entsproßten zwey Bäume, die Thränenweide und der Weihrauchbaum; die erste klaget und trauert, der[138] zweyte weint große Thränen noch immerfort zum Andenken der wahren Reue Davids.

Nach vierzig Tagen sandte Gott der Herr den Erzengel Gabriel, dem büßenden König kund zu thun, daß seine Reue und Buße Gnade gefunden habe. David hörte deswegen doch nicht auf zu weinen; wie wird der Herr, fragte er, am Tage des Gerichts richten zwischen mir und Uria? Das weiß ich nicht, antwortete Gabriel, und darum muß ich selbst erst Rücksprache halten mit dem Herrn. Gabriel trug am Thron des Allerhöchsten des reuigen Königs Frage vor. Ich will, sprach Gott der Herr, den Uria schon entschädigen am Tage des Gerichts für den Verlust seiner Ehre und Frau, nur muß sich David erst selbst mit ihm abfinden. David begab sich also auf des Engels Wink zum Grab Uria's; Uria! rief er, ich habe unrecht an dir gehandelt in deinem Leben, verzeihst du mir im Grabe? Ja, mein Herr und König!

David freute sich deß, aber Gabriel belehrte ihn, daß eine solche allgemeine Anklage nicht hinreiche, und daß zur vollständigen Lossprechung auch eine vollkommne Beichte erfodert werde. Uria! ich habe dein Weib begehrt, und dich deshalb aufs Schlachtfeld gesendet. Da schwieg das Grab, und David erhob von Neuem lautes Weinen und Jammergeschrey. Nun stieg Gabriel auf des Herrn Geheiß hinunter und versprach Uria so viel schöne Tausendsachen aus[139] dem Paradiese, daß er sich endlich besänftigen ließ, und dem reuigen König die Schwägerschaft noch im Grabe verzieh.

Um sich seine Sünden ja stets gegenwärtig zu halten und nie in den Fall zu kommen, darauf zu vergessen, verfiel David auf den Gedanken, sich dieselben auf seine Hände und Füße zu schreiben, damit bey jedem Anblick seiner selbst ihm auch seine Missethat gegenwärtig bliebe. Er taituirte sich also so Hand als Fuß mit dem Bekenntniß seiner offnen Schuld und vollkommnen Reu und Leids. Von ihm schreibt sich die im ganzen Morgenland herrschende Sitte her, sich Arme und Schenkel zu beschreiben. Der Zweck aber, wozu man heut zu Tag davon Gebrauch macht, nähert sich zwar in einigen Fällen dem frommen Geiste Davids, entfernet sich aber in andern gar sehr davon, und giebt einen augenscheinlichen Beweis ab, wie die löblichsten Einrichtungen und Gewohnheiten zu gleichgültigen oder wohl gar tadelswerthen Zwecken mißbrauchet werden können.

Heut zu Tag taituiren sich die Morgenländer Arme und Schenkel, um die Jahreszahl ihrer Wallfahrt nach Mekka oder Jerusalem aufzumerken, und sich den Ehrentitel eines Hadschi in die Haut zu reiben; und in so weit hat sich hiebey Davids Geist erhalten; denn die Wallfahrten nach Mekka und Jerusalem sind Reisen der Andacht und Reue, deren Andenken zugleich das Andenken der Buße und der vorausgegangenen[140] Missethat ins zerknirschte Hetz zurückführt.

Oder sie taituiren sich, um den Namen der Zunft, und die Zahl der Rotte, zu der sie gehören, auf die Arme anzuschreiben; und insoweit ist weder Gutes noch Böses daran; meistentheils aber werden diese Hautinschriften von jungen Leuten dazu mißbraucht, sich den Namen ihrer Geliebten, den Ausruf der Leidenschaft, ober gar förmliche Liebeserklärungen mit Blut und Pulver der Brust oder den Armen einzubrennen. Nächtlicher Weile stellen sie sich hin vor die Fenster ihrer Geliebten, verkünden ihre Leidenschaft durchs Pathos des Lieds oder einzelner Empfindungswörter, unter welchen Aman! Aman! O weh! hab' Mitleid! das vornehmste ist, ritzen sich dann Brust und Arme mit Messern auf zum Beweis ihrer heftigen Liebe, und das Wort, das dem blutigen Herz entflammt, brennen sie auf die blutige Brust. Die bis an die Schultern nakten stämmigen Arme so manches Galiondshi oder türkischen Seesoldaten, rundum mit einem Gasel oder Liebeserklärung in Versen taituirt, sind ein paar bewegliche Epigraphfäulen oder Schriftkolonnen, wodurch der Verfasser seiner Leidenschaft ein lebendiges Denkmal setzt zum Besten der Neugierde vorbeygehender Leser. David brannte sich das Andenken seiner Liebschaft mit Uria's Weib als Buße für die begangene Missethat ein, und heut zu Tag macht sich der Wahnsinn der Leidenschaft[141] hieraus einen Triumph, welcher sowohl dem Liebenden als der Geliebten zu Ruhm und Ehre gereichen soll! So verkehrt sind die Begriffe, so verderbt sind die Sitten, so geht der Geist der löblichsten Einrichtung verloren, und dient, statt zum Guten, zum Bösen.

Eine besondere Gabe, die Gott David verliehn, war die, das Eisen in seiner Hand weich zu machen, wie Wachs. Er bediente sich dieses Talentes nicht, wie so mancher König vielleicht an seiner Stelle gethan hätte, um damit zu spielen, sondern zu nützlichem Zwecke, nicht zu seiner Unterhaltung, sondern zu seinem Unterhalte. Er verfertigte nämlich Panzerhemde mit Schuppen, die man vor ihm nicht gekannt hatte, und das Geld, was er daraus löste, war sein Tafelgeld. Die Davidischen Panzer sind im ganzen Morgenlande berühmt, wie die Indischen Schwerter und Jemenischen Lanzen. Den ersten Anlaß und die Anweisung hiezu gab ihm ein Engel in der Gestalt eines Künstlers. Dieser stellte ihm vor, selbst Könige müßten außer der Regierungskunst noch eine andere zu treiben verstehn, damit, wenn es mit der ersten nicht mehr fortwollte, sie doch durch die zweyte ihr Brod gewinnen könnten.

[Rand: Ibn Kessir.] Der berühmte Geschichtschreiber Hafis Ibn Aßakir hat verschiedene Ueberlieferungen von Davids Weisheitssprüchen und Prophetenworten gesammelt; Hier sind einige davon:[142]

Sey dem Waisen ein gütiger Vater, und wisse, daß du ernten wirst, wie du säest.

Ein dummer Volksredner wirkt nicht mehr, als der Leichensänger am Haupte des Todten.

Schändlich ist Armuth, folgend auf Reichthum, schändlicher noch Irrthum, folgend auf Wahrheit.

Sieh auf das, was von dem Volke getadelt wird, und thu's nicht, wenn du allein bist.

Versprich deinem Bruder nicht, was du zu erfüllen nicht im Stande bist, denn sonst entsteht hieraus offne Feindschaft zwischen dir und ihm.

Mohammed Ibn Omer Alwakidi, ein anderer berühmter Geschichtschreiber, erzählt nach Ibn Heschani's Ueberlieferung, daß, als die Juden die große Anzahl der Frauen Mohammeds sahen, sie sich darüber aufhielten, und sich zu sagen erlaubten, daß er wohl ein größerer Prophet wäre, wenn er sich der Weiber zu enthalten wüßte; Doch Gott strafte ihren Frevel Lügen, denn im Koran kams herab vom Himmel, wie folgt:

»Wir haben dem Stamme Abrahams Schrift verliehn und Sanftmuth, und große Herrschaft.« Salomon hatte tausend Weiber, siebenhundert Gemahlinnen und dreyhundert Beyschläferinnen, und David hundert, die Gemahlin Uria's mit eingerechnet.

David hatte die gute Gewohnheit, nie auszugehn, ohne die Thüre seines Kabinets wohl zuzusperren. Eines Tages, als er nach Hause kam, fand[143] er zu seiner großen Verwunderung mitten im Saale einen Unbekannten. Wer bist du, Kühner? fragte ihn David, der es wagt, sich durch den Vorhang hereinzustehlen, und unangemeldet vor das Angesicht der Könige zu treten. Ich bin, antwortete der Fremde, derjenige, den kein Vorhang aufhält, und der die Könige nicht fürchtet. Wahrlich! antwortete David, so bist du der Engel des Todes; und er wars. David setzte sich ruhig nieder, und übergab seinen Geist in dessen Hände, an einem Sonnabend. Salomon, sein Sohn und Nachfolger, eilte sogleich herbey, seinem Vater die letzten Ehren zu erweisen. Der junge Prinz hatte sich während seines Vaters Regierungszeit wenig um die Geschäfte bekümmert, sondern sich größtentheils mit Vögeln abgegeben. Er studierte die Vögelsprache, und hatte es darin weiter gebracht, als die größten Philologen alter und neuer Zeit. Er verstand jeden Wirbel, jeden Triller, jeden Schlag der Singvögel.

Tage und Nächte lang hatte er sie behorchet, um die leisesten und gemeinen Ohren unvernehmlichsten Unterschiede ihrer Sprache ihnen abzuhorchen. Was die Nachtigall schlägt, die Lerche trillert, der Rabe kräht, das Huhn gluchst, die Gans schnattert, der Storch klappert, und der Auerhahn balzet, verstand er, als obs hebräisch wäre. Er behorchte alle, auch die niedrigsten und gemeinsten Vögel, blos um ihre Sprache aus dem Grunde zu lernen, und das Wörterbuch[144] der verschiedenen Vögelmundarten so vollständig zu machen als möglich. Doch gab er sich hiemit nicht mehr ab als nöthig. Das tiefere Studium, z.B. des Schnatterns, und der Balz überließ er dem gelehrten Jahn Hagel.

Er selbst horchte lieber den Jubelgesängen der Lerche, und den Sonnetten der Nachtigall, von denen er mehrere mit nachahmendem Klingelreim übersetzte. Selbst das hohe Lied soll Nichts als eine Uebersetzung von Vögelsprache seyn, und so lange es die Ausleger nicht aus diesem Gesichtspunkte betrachten, dürfte noch viel unxütz darüber gestritten werden, und sehr zu wünschen ists daher, daß irgend eine Medresse, d.i. Akademie, auf die Auffindung der verlornen Wörterbücher Salomons einen Preis aussetzen möge.

Doch wir wollen von diesem kleinen Absprung, der eigentlich in Salomon's Leben gehört, zu Davids Tod zurückkehren, bey dessen Gelegenheit sein Sohn zuerst die große Nützlichkeit des Studiums der Vögelsprache bewährte, und sich auf einmal in großes Ansehn setzte bey Hof und Volk, und zwar folgendermaßen:

Der Sterbetag Davids war einer der heißesten Sommertage; die Sonne stach gewaltig heiß, kein Lüftchen wehte. Man fürchtete, der Leichnam möchte, noch eh' er bestattet würde, in Auflösung übergehen, auch war die Hitze unerträglich für die Begleiter des[145] Leichenzugs, besonders für die, so zunächst der Bahre gehen sollten.

Um allem dem abzuhelfen berief Salomon einige seiner Vertrauten aus dem Vögelgeschlechte zu sich, deren Umgang jungen Prinzen ziemt, als nämlich: die Adler, Condore, und Lämmergeyer, und befahl ihnen, mit ihren Flügeln nicht nur den Leichnam, sondern auch den ganzen Leichenzug bis zum Grabe zu überschatten, und dem Zuge Wind und Kühlung zuzufächeln.

Sie gehorchten sogleich dem Aufruf des neuen Königs, und stellten sich in zahllosen Schaaren ein zum Begräbniß. Die einen schwebten langsam mit weit ausgespannten Flügeln ober dem Zuge einher, denselben zu beschatten, die anderen machten mit ihren Fittigen Wind. Daher haben noch heute im Morgenlande die Windfächer alle die Gestalt von Vogelfittigen, denn bey dieser Gelegenheit lernten erst die Menschen, daß die Flügel nicht nur zum Fliegen, sondern auch zum Windmachen gut wären. Die Vögelgestalten, die Federn und Schwingen, welche man alten Mumienbehältnissen und ägyptischen Todtenkleidern angemalt sieht, deuten alle auf diesen wunderbaren Leichenzug hin; eine wichtige archäologische Andeutung für die Entziffrer ägyptischer Hieroglyphen.

Die Raben und gemeinen Geyer, welche den feierlichen Todtenzug der Adler und Lämmergeyer mit angesehen hatten, nahmen sich vor, denselben[146] bey der nächsten Gelegenheit nachzuahmen. Sie wollten den ersten besten Todten auf dieselbe Weise bestatten; von ihrer gemeinen schlechten Natur überwältigt fielen sie über den Leichnam her und begruben ihn selbst in ihren Mägen, statt denselben mit Ehren zu bestatten. Welch ein Unterschied zwischen Naturen und Naturen, zwischen Edeln und Gemeinen! Raben und Geyer entheiligen noch immer den Leichnam der Todten.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Joseph Freiherr von: Rosenöl. Stuttgart/Tübingen: Cotta, 1813, S. 132-147.
Lizenz:
Kategorien:

Buchempfehlung

Kleist, Heinrich von

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Die Hermannsschlacht. Ein Drama

Nach der Niederlage gegen Frankreich rückt Kleist seine 1808 entstandene Bearbeitung des Hermann-Mythos in den Zusammenhang der damals aktuellen politischen Lage. Seine Version der Varusschlacht, die durchaus als Aufforderung zum Widerstand gegen Frankreich verstanden werden konnte, erschien erst 1821, 10 Jahre nach Kleists Tod.

112 Seiten, 5.80 Euro

Im Buch blättern
Ansehen bei Amazon

Buchempfehlung

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Geschichten aus dem Sturm und Drang. Sechs Erzählungen

Zwischen 1765 und 1785 geht ein Ruck durch die deutsche Literatur. Sehr junge Autoren lehnen sich auf gegen den belehrenden Charakter der - die damalige Geisteskultur beherrschenden - Aufklärung. Mit Fantasie und Gemütskraft stürmen und drängen sie gegen die Moralvorstellungen des Feudalsystems, setzen Gefühl vor Verstand und fordern die Selbstständigkeit des Originalgenies. Michael Holzinger hat sechs eindrucksvolle Erzählungen von wütenden, jungen Männern des 18. Jahrhunderts ausgewählt.

468 Seiten, 19.80 Euro

Ansehen bei Amazon