CXLVII.

[274] [Rand: Mehedsch.] Ein ausgehungerter Beduine gieng vorbey vor einem Araber, der so eben seine Mahlzeit hielt, von der er einen guten Bissen zu erhaschen hoffte. – Woher? Beduine! fragte der Araber. – Von den Zelten deines Stammes. – Hast du meinen Sohn Osman gesehen? – Er springt herum wie ein junger Löwe. – Was macht seine Mutter? – Sie brüstet sich in ihren neuen Kleidern, und wird von Tag zu Tag sichtbar fetter. – Und mein rothhaariges Kameel? – O, es befindet sich vollkommen wohl, und läuft wie der Blitz. – Und mein treuer Hund? – Der läßt keinen Wanderer im Stillen vorbey ziehn, und bellt, daß es eine wahre Freude ist. – Und mein Haus? – Das steht fester und prangt herrlicher als jemals.

Als der Beduine sah, daß der Frager unterdessen[274] fast mit der Mahlzeit fertig geworden war, ohne ihm einen Bissen anzubieten, änderte er seinen Plan, um auf eine andere Weise zu dem so sehnlich erwünschten Mittagsmahle zu gelangen. Ein Hund lief vorbey. Welch ein Unterschied, rief der Araber voll Wohlbehagen aus, welcher Unterschied zwischen diesem Hunde und dem meinigen! – Ja, wenn er noch lebte! rief der Beduine aus. – Wie! ist er nicht mehr? fuhr der Araber auf, und hast du mich zuvor hintergangen? – Ich wollte, erwiederte der Beduine, dir nicht die Eßlust verderben. Er ist freylich nicht mehr, und das, weil er sich vom Fleische deines Kameeles überfressen hatte. – O Himmel! auch mein Kameel todt? und auf welche Art denn? – Es ward am Grabe deiner Gemahlin, der Mutter Osmans, geschlachtet. Großer Gott! auch mein Weib verloren! welch' ungeheures Unglück! An was starb sie denn? – Aus Verzweifelung über den Tod deines Sohnes. – Unglücklicher! was sagst du, mein Sohn! – Ja, dein Sohn ward vom Hause erschlagen, das über ihn zusammenstürzte.

Der Araber warf sich verzweiflungsvoll zur Erde nieder und wälzte sich in dem Sande, während der Beduine ruhig den Ueberrest der Mahlzeit verzehrte.

Quelle:
Hammer-Purgstall, Joseph Freiherr von: Rosenöl. Stuttgart/Tübingen: Cotta, 1813, S. 274-275.
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