II. Sankt Peter mit der Geiß (vgl. Bd. 1, S. 180 f.).

[188] Petrus macht Christus Vorwürfe, daß er die vielfache Unordnung auf Erden dulde.


»Das lest als gen vnd sichst nit drein;

Vnd solt ich ein jar hergot sein,

Ich wolt es fein

Ordnen auf ganczer erden.«


Christus erlaubt ihm, einen Tag lang Herrgott zu sein. Da treibt ein Mädchen eine Geiß auf die Weide. Mit den Worten: »Daß dich Gott behüte!« läßt sie das Tier laufen und geht weg. Da fordert der Herr den Apostel auf, seines Amtes zu walten. Die Geiß aber läuft durch »Hecken, Büsch' und Stauden«, Petrus ihr nach, daß ihm der Schweiß ausbricht. Endlich bringt er sie wieder.


So het ain ent

Sein regiment

Mit spot, sein gwalt legt nider.


  • Literatur: Hans Sachs, Fab. u. Schwänke 4, Nr. 322 (Meistergesang vom 7. Sept. 1546).
    Vgl. Fabeln und Schwänke Bd. 1, Nr. 159 vom 8. Okt. 1555 (= Keller 5, 109); sprachlich erneuert: Pannier S. 166; Engelbrecht 1, 71; Genée S. 73. Nachgedicht. Aug. Frdr. Langbein, Sämtl. Schr. 4, 291; Gust. Legerlotz, Aus gut. Stunden 1886, S. 298. Dazu: Heinr. Schmidt, St. Peter mit der Ziege (nach Waldis) in dem Sammelbande: Die Wanderungen Jesu mit St. Petrus, ein Zyklus christlicher Volkslegenden. Memel 1864, S. 15 (mir unbekannt).

Varianten.

1. Burkhard Waldis 4, 95 stimmt mit Hans Sachs so sehr überein, daß sie nach Stiefel, Nürnberger Festschrift S. 123, aus einer gemeinsamen Quelle geschöpft haben müssen. »Mit einer solchen älteren Dichtung hängt vielleicht die Redensart: Mit gott der geiß hietten, die in Murners Narrenbeschwörung Aufschrift und Inhalt eines Kapitels bildet (Ausg. 1512 Blatt C 1b ff.), zusammen. Von Petrus ist hier allerdings nicht die Rede.« (Stiefel.)


2. Aus Bütners Claus Narr.


S. Peter wolte das Regiment haben vnd besser zusehen vnd regieren denn der Herr selber. Also ließ jn der Herr versuchen. Vnd am morgen, da eine arme Frau jr Zieglein vor den Hirten schickte, bat vnd sprach sie: »Der Herr behüte[188] dich, der alles behütet, vnd bringe dich satt wider heim!« Das höret S. Peter, ließ alles Vieh gehen vnd weiden vnd Himel vnd Erden an jrem orte bleiben vnd hütet allein dieser Ziegen. Der muste er nach klettern vnd nach steigen, wo sie hingienge, vnd sie auch am aben wider heim bringen vnd wolte das Regiment nicht lenger haben.


  • Literatur: Bütner, Claus Narr 1572, 2, Nr. 21.

3. Aus Deutschland.


a) Als Christus noch mit den Aposteln auf Erden wandelte, äußerte St. Petrus einst sein Erstaunen darüber, daß es auf der Welt so wunderlich zugehe und der Meister sich um nichts kümmere. Jesus übergab ihm darauf die Herrschaft über die Welt und zum Zeichen dessen seinen Stab. Petrus fing an zu regieren. Indem kam ein armes Weib, das seine Geiß auf die Weide trieb und sie in Gottes Obhut befahl, da es selbst für seine Kinder zu sorgen hatte und zurück ins Dorf mußte. Auf des Herrn Ermahnung nahm Petrus die Geiß in seine Hut und sprang dem jungen, mutwilligen Tiere nach, bergauf bergab, durch Stauden und Hecken. Da mag man denken, wie der alte Mann geschwitzt haben wird und wie froh er war, als er der alten Frau die Geiß am Abend wohlbehalten wieder ins Haus geschafft hatte. Als der Herr dann fragte, ob er das Regiment noch länger behalten wollte, verneinte St. Petrus demütig und meinte, er habe wohl erfahren, daß seine Weisheit nicht ausreiche, auch nur eine Geiß zu regieren.


  • Literatur: Simrock, Deutsche Märchen Nr. 29, S. 138/39. Gekürzt.

b) Mischung mit der Sage von Petrus als Spielmann (oben S. 172 ff.).


Aus Schwaben.


Petrus wollte mit Christus eine Kirchweihe besuchen; um nun den Kuchen umsonst zu bekommen, verließ er den Herrn und verdingte sich als Sauhirte. Als er aber hütete, pfiff dieser, und alle Schweine stoben auseinander und liefen in die Felder, worüber erzürnt die Bauern ihn schlugen. Nach langem Suchen fand er Christus und beklagte sich, worauf dieser ihn ermahnte, künftig nicht klüger als er sein zu wollen.


  • Literatur: Wolf, Beitr. z. deutschen Myth. 2, 55 aus Meier, Sagen aus Schwaben S. 51.

4. Aus Frankreich.


Der hl. Petrus schalt einmal nach seiner Gewohnheit auf so mancherlei kleine Geschehnisse, die ihn bei seiner Rechtlichkeit ärgerten. »Wenn ich nur einmal die Welt lenken könnte, dergleichen sollte nicht vorkommen!« Da erlaubte ihm der Heiland, auf 24 Stunden an Gottes Statt zu regieren. Während nun beide ihren Weg fortsetzten, begegneten sie einer alten Frau, welche sich auf den Heimweg machte, nachdem sie ihre Schweine auf der Weide losgelassen hatte. »Warum läßt du deine Schweine so ohne Aufsicht laufen?« fragte Sankt Petrus. – »Weil ich anderes zu tun habe, als sie zu hüten,« antwortete die Alte. – »Und wer wird für sie sorgen?« – »Meiner Treu! ich lasse sie in Gottes Hut. Der wird sie schon bewahren.« – Als Jesus das hörte, sprach er zu Sankt Petrus: »Da hast du's! Deine Göttlichkeit ist bereits aufs Schweinehüten beschränkt.«


  • Literatur: Ch. Thuriet, trad. pop. de la Haute-Saone et du Jura p. 595 = Revue littéraire de la Franche-Comté 1866, 137.

5. Wallonische Variante. (S. oben S. 111.)[189]


6. Westslavische Variante.


Einst ging Petrus, ganz in Gedanken vertieft, neben dem Herrn einher, bis er plötzlich zu ihm sagte: »Es muß doch eine schöne Sache sein, Herrgott zu sein! Wenn ich nur einen halben Tag Herrgott war, dann wollt' ich wieder Peter sein!« Der Herr lächelte und sprach: »Es gescheh nach deinem Willen! Sei Herrgott von jetzt an bis zum Abend!« – Eben näherten sie sich einem Dorfe, aus welchem ein Bauernmädchen eine Herde Gänse trieb. Als es sie auf die Wiese getrieben, ließ es sie dort und eilte in das Dorf zurück. »He, willst du die Gänse allein lassen?« fragte Petrus das Mädchen. – »Was, ich soll heut die Gänse hüten? Wir haben heut Kirchweih,« versetzte das Mädchen. – »Und wer soll denn die Gänse hüten?« fragte Petrus weiter. »I, heut muß sie der liebe Herrgott hüten!« entgegnete das Mädchen und eilte fort.

»Peter,« sprach der Herr, »du hast's vernommen.« »Gern wär' ich mit dir in das Dorf zur Kirchweih gegangen; allein die Gänse könnten verunglücken, und du bist Herrgott bis zum Abend, du mußt sie hüten.« Was blieb Petrus übrig? Er machte zwar ein verdrießliches Gesicht; gleichwohl mußte er die Gänse hüten; aber er verschwor sich, niemals wieder Herrgott sein zu wollen.


  • Literatur: Wenzig, Westslavischer Märchenschatz Nr. 3.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 188-190.
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