III. Entstehung der Pilze.

[107] 1. Aus Ungarn.


Und wißt ihr denn, wie der Pilz entstanden ist?

Also einstmals, als noch unser Herr Christus mit St. Peter auf Erden wandelte, wurde er sehr hungrig.

Sprach er zu St. Peter:

»Du, Peter!«

»Ich höre, mein Herr und Schöpfer!«

»Ich bin hungrig, wir wollen irgendwo einkehren.«

»Traun, das ist gut, mein Herr und Schöpfer, denn ich bin auch hungrig.«

Es traf sich gerade, daß sie bei einer alten Witwe einkehrten. Da unser Herr Christus von nichts anderem als nur von reiner süßer Milch sich nährte, so brachte ihm die Frau welche. Nebenbei sei bemerkt, daß sie gerade Brot gebacken hatte.[107] Während die Frau mit der Milch in die Stube ging, sah Peter, der sehr gern frischen Fladen aß, einen im Flur stehen. Darum zu bitten, wagte er nicht, denn er schämte sich vor unserm Herrn Christus, und so nahm er den ganzen Fladen und verbarg ihn unter seinem Gewand.

Unser Herr Christus wußte und sah das alles wohl; aber er sprach kein Sterbenswörtchen.

Die arme Frau trug die Milch auf, sie tranken und zogen weiter. Doch Peter blieb immer ein bißchen zurück, um ein Stückchen Fladen abzubeißen. Unser Herr Christus richtete es nun immer gerade so ein, daß er Peter anredete, wenn der den Mund voll hatte.

Peter schämte sich sehr; er wollte nicht, daß Christus die Sache merkte, und deshalb spie er immer das Stück Fladen, das er im Munde hatte, aus, so oft unser Herr Christus zu ihm sprach. Und so biß Peter nach und nach den Fladen ab, und auf einmal war er alle. Sehr traurig blickte er zurück; denn nun hatte er umsonst gestohlen, nichts für sich gestohlen. Doch, Herr des Himmels, was sieht er da? Jedes Stück, das er ausgespien hatte, war ein Pilz geworden. Darum ist der Pilz auch so weich wie frisch gebackener Fladen. (Nográder Komitat.)


  • Literatur: Magyar Nyelvör XXIII, 190.
    Vgl. Kálmány II, 142. (Christus und Petrus erhalten bei einem Juden einen Ranzen voll Quark als Wegzehrung. Peter will hinter dem Rücken des Herrn eine Handvoll essen, doch Christus ruft ihn: »Komm doch mal her, Peter!« Da mußte Peter den Quark ausspeien, und daraus sind dann Pilze gewachsen.)

2. Rutenische Legenden.


a) Petrus trat zu den Brezelhändlern ein und stahl sich eine kleine Brezel. Nun bittet er Christum: »Wollen wir weit weggehen,« denn er fürchtete sich und ging deshalb weit hinweg, weil er die Brezel gestohlen. Sie gingen zusammen zu einem Wald, dort legte sich Christus schlafen, Petrus aber blieb sitzen; Christus machte die Augen zu. Petrus sieht, daß der Herr nicht um sich blickt, nimmt die Brezel heraus und fängt an zu essen. Christus sagt: »Warum sitzt du, Peter?« Dieser spuckte das Stück Brezel aus, es flog bis zum Walde. Der Herr sagt nichts dazu. Er beißt wieder hinein. Der Herr fragt abermals: »Peter, was sitzt du da?« Dem aber sitzt es sich nicht gut, hatte er doch das Brot so weit ausgespien, bis zum Walde. Und so oft er ins Brot hineinbiß, so oft stellte ihm der Herr eine Frage, und er mußte ausspeien. So hatte er die kleine Brezel ganz herumgestreut: er war selbst hungrig und hatte noch dazu eine Brezel gestohlen. Wie die Brezel nicht mehr da war, erhebt sich der Herr und erkundigt sich: »Bist du hungrig, Peter? Dort im Walde gibt es Pilze; wenn du hungrig bist, so sammle die Pilze, wir wollen ein Feuer anmachen und sie kochen.«

Da ging Petrus im Walde herum und sammelte die Pilze.


  • Literatur: Etnograf. Zbirnyk 7, S. 69, Nr. 29, 4. Vgl. 13, Nr. 72.

b) Es kam Christus mit den Aposteln vor die Hütte einer Witwe. Die hatte Pfannkuchen gebacken und hatte sie unten vor die Hütte auf die Bank gestellt, damit sie schneller kalt würden. Die Jünger schritten hinter Christum her und sahen auf die frischen, noch warmen Pfannkuchen, das Wasser floß ihnen im Munde zusammen, denn sie waren furchtbar hungrig, oh! oh ... Nicht hielt es Petrus aus, er nahm einen, biß hinein und begann laut zu kauen. – »Peter, Peter, was kaust du da?« fragt Christus. »Ja, was denn –: meine Lippe!« sagt Petrus und[108] spuckt schnell das abgebissene Stück Pfannkuchen zur Erde. »So sei es eine Lippe!« sagt Christus. Petrus aber sieht zur Erde und traut seinen Augen nicht: vor ihm sind aus dem Stück Brot unzählig viel Morcheln und Pilze gewachsen. »Sammelt,« sprach Christus zu den Jüngern, »es gibt ein gutes Abendessen.«


  • Literatur: Etnogr. Zbirnyk 12, 69.

c) Als Jesus Christus mit dem hl. Petrus auf Erden ging, hatten sie wenig Brot für den Weg. Petrus wollte essen und brach im geheimen Brot aus dem Beutel und ließ Krümel vom Brote fallen. Aus diesen entstanden die Pilze.


  • Literatur: J. Werchratsky, Pro gowor gal. Lemkiw (Über die Sprache der galizischen Lemker) S. 190.

3. Polnische Legenden.


a) Eines Tages kam der Heiland mit dem hl. Petrus zu einem alten Weibe, das sie speiste und ihnen als Wegzehrung einen Laib Brot gab. Als den hl. Petrus auf dem weiteren Wege der Hunger zu quälen anfing, biß er hinter dem Rücken des Heilandes das Brot an. Noch aber war es ihm nicht gelungen, die zerkauten Stückchen zu verschlucken, als sich der Heiland nach dem hl. Petrus umsah und mit ihm zu reden begann. Der hl. Petrus spie, um zu antworten, die Brotbissen aus, und so entstanden daraus die Pilze.


  • Literatur: Wisła 1892, 676. Vgl. Wisła 1895, 102 f., Nr. 11. Zbiór wiad. 6, 256, 13, 3. Abt. 76, Nr. 163, Lud. 2, 19.

b) Einmal begab sich der Herr Jesus mit dem hl. Petrus auf eine weite Wanderung. Lange Zeit sprach er gar nichts zu Petrus, und dieser benutzte das Schweigen und ließ sich Semmeln gut schmecken. Aber als sie an einen Fluß kamen und ihn zu durchwaten begannen, redete der Herr Jesus Petrus an. Sankt Peter mußte nun, um ihm Antwort zu geben, jeden Bissen ins Wasser speien. Aus diesen Bissen sind Fische entstanden.


  • Literatur: Zbiór wiad. do antrop. 7, 36 f., Nr. 94.

Zu dieser Übertragung auf Fische vgl. die in Bd. 1, S. 171 abgedruckte Sage vom Teufel, der durch Ausspucken Fische erzeugt: Arnason, Iceland, legends 2. Ser. transl. by Powell and Magnussen, p. 11. Dazu noch folgende:


Christus spukt in die See, da entsteht der rauđmagi = Steinbeißer (Cyclopterus lumpus), eine ganz vortreffliche Speise. Der Teufel will es nachmachen, aber aus seinem Speichel wird nur ein marglítr (marglitta, Medusa aurita), der zu nichts zu brauchen ist. In einer Variante macht zuerst auch noch St. Peter den gleichen Versuch; hieraus wird die grásleppa, die als das Weibchen des Steinbeißers bezeichnet wird.


  • Literatur: K. Maurer, isländische Volkssagen S. 191.

c) Zur Zeit Christi lebte ein Mädchen, das gebar ein Kind. Als Jesus sah, daß das Mädchen seinen Fall aufrichtig bereute, verzieh er ihr die Sünde und segnete ihre Arbeit, und als sie nun ihren Acker bestellte, erhielt sie das allerschönste Getreide. Als der hl. Petrus dies sah, mißgönnte er ihr den Segen Gottes. Im Herbst aber, als alle Bauern ihre Scheunen mit Korn gefüllt hatten, begab sich der Herr Jesus mit dem hl. Petrus auf die Reise und trat unterwegs bei ihr ein. Erfreut über die Ankunft so heiliger Gäste, buk sie Brot, zerschnitt es in Stücke und gab[109] eins davon dem Herrn Jesus, das zweite dem hl. Petrus. Als dieser das Brot aß, verschluckte er sich, so daß er kein Wort hervorbringen konnte. Da schlug ihn der Herr auf den Rücken, bis die zerkauten Stücke zur Erde fielen. Dann befahl ihm Jesus, die Bissen aufzusammeln und in sein Gewand zu legen. Und als sie jenes Haus verlassen hatten und an einem Walde vorbeikamen, sagte der Herr zu St. Petrus: »Wirf die Bissen unter den Strauch!« Petrus gehorchte. Aus diesen Bissen wuchs eine große Menge aller möglichen Pilzarten.


  • Literatur: Aus Sukow. Zbiór 7, 119, Nr. 44.

4. Aus Schlesien.


a) Einst hatten Jesus und seine Jünger nichts zu essen. Da stahl Petrus ein Brot, um es heimlich zu verzehren. Jesus aber wußte das, und sobald Petrus einen Bissen im Munde hatte und ihn kauen wollte, redete Jesus ihn an. Da mußte Petrus, um Rede zu stehen, den Bissen ausspeien. Und das geschah so oft, bis Petrus alles Brot wieder ausgespieen hatte. Nicht einen Bissen konnte er hinunterschlucken. Überall aber, wo das ausgespieene Brot auf die Erde fiel, entstand ein Pilz. So steht es um die Herkunft der Pilze.


  • Literatur: Mitteil. der Schles. Ges. f. Volksk. Heft 2, 42.

b) Da Jesus auf der Erde wandelte und Gottes Wort verkündete, kehrte er mit dem hl. Petrus bei einer Witwe ein. Diese hatte nur einen Kuchen, brach ihn entzwei und gab die eine Hälfte dem hl. Petrus. Jesus beeilte sich nicht, davon zu essen, wohl aber der hl. Petrus, der im Geheimen seinen Hunger zu stillen suchte. Von Jesus angeredet, spie er den Bissen aus, um sprechen zu können, und dies wiederholte sich viele Male. Überall da, wo der ausgespieene Kuchen zur Erde fiel, entstanden Pilze.


  • Literatur: Aus Nehrings Aufsatz: Erzählungen aus Oberschlesien, Mitt. der Schles. Ges. f. Volksk. 8, 67 = Kupiec, Oberschles. Erz. (Posen, Simon 1894).

c) Im wesentlichen gleiche Erzählung bei Peter, Volkstümliches aus Österr.-Schlesien Bd. 2.


5. Aus Deutsch-Böhmen (Leipaer Gegend).


Christus und Petrus gingen durch ein Dorf und bettelten um Kuchen. Darauf kamen sie durch einen langen Wald und verzehrten beim Gehen den Kuchen, mit weißem Mehl und mit Schwarzmehl gebacknen. Wenn sie nun nach dem Genusse des schwarzen Kuchens ausspuckten, so entstanden die ungenießbaren Schwämme, spuckten sie aber aus, nachdem sie den weißen Kuchen gegessen hatten, so brachten sie damit eßbare Pilze hervor.


  • Literatur: Reuschel, Zschr. f.d. dt. Unterr. 1900 S. 416. Eine czechische Variante findet sich bei B. Nemcowa, Národ. báchorky a pověsti 2, 297.

6. Wallonische Variante (ohne naturdeutenden Schluß, da das Märchen in ein anderes übergeht).

Nachdem zuerst die bekannte Geschichte erzählt worden ist, daß Petrus zweimal von der Bäuerin, die ihn aufweckt, verprügelt wurde, heißt es weiter:


Sie kleideten sich darauf an und gingen zum Frühstück. Die Alte hatte die Gelegenheit benutzt und hatte ganz früh am Morgen einen schönen Kirschkuchen[110] gebacken. Als ihre Gäste nun abreisen wollten, wollte sie wohl die Erinnerung an die Prügel verwischen, wickelte den Kuchen ein und gab ihn den Reisenden. Sie entfernten sich nun, nachdem der liebe Gott sich sehr bei der Alten bedankt hatte. Petrus sagte aber nichts. – Um Mittag brannte die Sonne, und es wurde sehr heiß. Petrus schleppte sich hinter dem lieben Gott her, er hätte sich gerne etwas ausgeruht und gegessen. Aber sein Gefährte ging immer weiter. Da biß er ein tüchtiges Stück vom Kuchen ab. »Wie warm es ist, Petrus,« sagte der liebe Gott im selben Augenblick. »Nicht wahr, du hast doch noch den Kuchen da, damit wir uns stärken können?« Der arme Petrus mußte sogleich sein Stück ausspucken, um dem lieben Gott antworten zu können, und das geschah jedesmal, wenn er von dem Kuchen essen wollte. Ihr könnt euch vorstellen, wie ärgerlich er war. Endlich sah ihn der liebe Gott an und sagte: »Petrus, du siehst nicht zufrieden aus.« »Wie sollte ich,« sagte Petrus, der nicht mehr an sich halten konnte, »du bist immer der liebe Gott, aber ich muß dein Diener sein und alle Arbeit verrichten. Ich möchte wohl auch einmal der liebe Gott sein.« [Folgt, wie sie die Plätze wechseln. Sie treffen ein Hütermädchen, das ihre wildgewordenen Kühe »dem Schütze Gottes« befiehlt, und Petrus muß nach den Kühen laufen, so daß er zuletzt sehr froh ist, wieder seinen Platz hinter dem Herrn einzunehmen.]


  • Literatur: Gitteé et Lemoine, Contes pop. du pays wallon S. 105.

Diese Legenden gehören zu einem größeren Kreise ähnlicher Erzählungen, z.B. der, daß Petrus den Kuchen fallen läßt, den er unter dem Arm verborgen hat, oder Goethes Legende vom Hufeisen (darin ähnlich: Petrus' Gier nach den Kirschen und das heimliche Essen). Über Petrus, der als Bratendieb dem Loki gleichzustellen ist, siehe Grimm, Mythol. XXXI f. Die schöpferische Kraft des Speichels ist ein asiatisches Motiv (vgl. Bd. I, Reg.: ›Speichel‹), das sich mit dem christlichen Stoff verbunden hat.

Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 107-111.
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