V. Einzelnes.

[375] 1. Aus Estland.


In alten Zeiten hatte die Nachtigall eine sehr starke Stimme gehabt. Wo sie ihren Sang ertönen ließ, hatte man außer demselben nichts mehr zu hören vermocht. Einst hatte ein Mann auf dem Felde mit Ochsen gepflügt, als plötzlich in dem Faulbeerbaum am Feldrain die Nachtigall ihr Lied zu singen begann und so laut sang, daß die Ochsen vor dem Pfluge tot niederfielen. Da hatte der Pflüger mit lauter Stimme angefangen, der Nachtigall und ihrem Schöpfer zu fluchen, der sie mit einer so starken Stimme geschaffen hatte, daß seine Ochsen daran zu Tode erschraken. Der Altvater war darüber so ärgerlich geworden, daß er die Stimme der Nachtigall um fünfzigmal verringerte. Seitdem singt sie so sanft wie jetzt.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

2. Rumänische Sage.


Der König der Vögel wollte einmal wissen, wer wohl am besten singen könnte. In einer Vogelversammlung wurden Pirol, Amsel und Nachtigall bestimmt, sich dem König vorzustellen. So kamen sie denn zum Hofe, zuerst der Pirol, weil er das schönste Gewand trug, dann die Amsel und schließlich die einfach gekleidete Nachtigall. Zuerst sang der Pirol vor dem Könige; sein Gesang gefiel, und er wurde an der Tafel obenan gesetzt. Dann sang die Amsel; sie gefiel noch mehr und bekam auch einen guten Platz. Dann kam die Nachtigall; der König wußte zunächst gar nicht, was sie eigentlich in dem gewöhnlichen Kleide wollte. Erst als sie ihm gesagt, daß sie als Sängerin herkäme, hörte er ihren Gesang an und war so entzückt davon, daß er sie nunmehr an den ersten Platz bei der Tafel setzte. Sie bekam das herrlichste Geschenk und wurde seitdem als der vorzüglichste Sänger allgemein geachtet.


  • Literatur: Marianu, Ornitologia 1, 245.

3. Fabel der Mordwinen.


Ein Star flog aus dem Bauer aus der Stadt. Der Kuckuck fing an, ihn zu fragen, und sagte: »Sag mir, was hörtest du von uns, und wie hörte sich unsere Stimme bis zur Stadt; mir scheint es, man spricht oft davon; was sagt man von der Nachtigall?« »Sie zu rühmen reichen Worte nicht hin.« »Aber was von der Lerche?« fragte der Kuckuck wieder. »Die ganze Stadt rühmt auch sie nicht wenig.« »Aber was von der Drossel?« »Auch sie rühmt man, doch nicht aller Orten.« »Was hörst du, Freund, von mir?« fragte der Kuckuck ihn. »Von dir, um die Wahrheit zu sprechen, hörte ich nirgendwo auch nur ein Wort.« »Gut,« sprach der Kuckuck, »ich werde selbst anfangen, von mir zu sprechen.«


  • Literatur: Alquist, Mordvinische Grammatik, S. 119. Vgl. Gellerts Fabel.

[375] 4. Estnische Variante.


Eine Drossel, die im Zimmer groß geworden war, flog ins Freie und traf einen Kiebitz. Der Kiebitz fragte die Drossel: »Was sagen die Menschen von dem Gesang der Vögel?« Die Drossel entgegnete: »Die Nachtigall wird überall geschätzt, die Lerche wird auch in Ehren gehalten, und zuweilen werde auch ich gelobt.« »Wird von mir denn nichts gesprochen?« fragte der Kiebitz.

»Nein, dich nennt man gar nicht,« sagte die Drossel. »Gut! Dann werde ich mich selbst nennen,« sagte der Kiebitz und rief:


»Kiebit! Kiebit!«


Seit der Zeit hört man den Kiebitz nur seinen Namen rufen.


  • Literatur: Aus dem hdschr. Nachlaß von J. Hurt.

5. Aus Finnland.


Der Mistkäfer flog einmal mit einer Münze im Maul und traf Gott. Gott nahm sie ihm scherzend aus dem Mund, worüber der Käfer sich sehr ärgerte und sagte: »Der ist kein Mann und gar nichts, der das Gut des anderen nimmt.« Nachdem sie ein Weilchen geredet hatten, gab Gott ihm die Münze zurück, worauf der Käfer prahlend sagte: »Der ist ein Mann, der sein Eigentum dem andern wieder wegnimmt,« und flog auf einen Zaun, wobei er seinen Kopf zerquetschte. Davon bekam er ein Gebrechen und brummt immer noch sehr häßlich.


  • Literatur: Krohn, Suomalaisia Kansansatuja 1, S. 285, Nr. 309. Vgl. oben S. 373, 12.

6. Litauische Sage.


Zur Zeit der Sintflut versammelten sich alle Vögel auf einem hohen Berge; nur der Vogel Kukys kam nicht und ertrank deswegen. Als das Wasser abgenommen hatte, sandten die Vögel den Kuckuck aus, nachzusehen, ob Kukys, ihr Feind, noch lebe. Der Kuckuck fand den Kukys tot, er setzte sich auf seine Hörner und schrie: »Kukys, Kukys!« Und aus Freude über dessen Tod rief er noch lachend: »Kräh, kräh!«


  • Literatur: Etnogr. Obozrěnie 2, 3, 146.

7. Negermärchen aus Nordamerika.


Eine Wildkatze springt auf den Hasen. Der kommt los durch das Versprechen, Truthähne heranzurufen. Die Wildkatze soll sich tot stellen, und wenn einer ganz nahe herankommt, ihn ergreifen. Der Hase verständigt sie aber; sie kommen und schwatzen viel, gehen aber nicht nahehin. Der Wildkatze dauert es zu lange, sie springt nach einem Truthahn, der fliegt weg, nach einem zweiten, der fliegt auch weg, und so fort, bis sie nicht mehr kann. Dann entfernen sich die Truthähne, aber bis heute haben sie das Schwatzen beibehalten.


  • Literatur: Harris, Nights with Uncle Remus, Nr. 48.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 375-376.
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