III. Einzelnes.

[189] 1. Aus Polen.


Der Hase hat sein Nachtlager nicht in Höhlen, sondern schläft, wo immer es sei. Denn als Jesus die Tiere schuf, fragte er jedes, wo es sich verstecken würde. Als er auch den Hasen darum befragte, antwortete dieser, daß er nur soviel Platz zum Schlafen brauche, um seinen Hintern zu verstecken.


  • Literatur: Zbiór wiad. 7, 109, Nr. 9.

2. Aus Rumänien.


a) Als Gott alle Tiere erschaffen hatte, versammelte er sie alle, um sie zu segnen und ihnen ihre Lebensregeln zu geben. Auch die Biene kam, ermüdet und verwundet vom weiten Wege. Zur Belohnung für ihren Gehorsam bestimmte Gott, ihr Blut und Schweiß sollten zu Honig werden, ihr Wachs in den heiligen Kirchen brennen.


  • Literatur: Marianu, Insectele S. 137.

b) Nach Vollendung der Schöpfung berief Gott alle lebenden Wesen vor seinen Thron. Jedes Tier kam und brachte etwas von seinen Erzeugnissen mit. Auch die Wespe wollte ein Geschenk mitnehmen; da sie aber träge war und lediglich vom Diebstahl lebte, war sie zunächst in Verlegenheit. Schließlich nahm sie ein Stückchen Pappe mit. Daher verfluchte sie Gott: alles, was sie fertige, solle zu Pappe werden; sie solle von Gestohlenem leben, auf den Dächern wohnen und von allen verfolgt werden. So ist's noch heute: ihre Nester sind scheinbar aus Pappe auf den Dächern der Häuser.


  • Literatur: Marianu, Insectele S. 218.

3. Aus Sizilien.


a) Als der Herr alle Tiere schuf, wollte er einem jeden von ihnen eine Gabe geben und begann eins nach dem andern zu fragen, welche er vorzöge. Als der Fuchs an die Reihe kam, verlangte er für sich die Kraft. »Die Kraft gehört mir,« entgegnete der Löwe. Wieder befragt, forderte er die Frechheit für sich. »Die[189] Frechheit gehört mir,« sagte die Fliege. Da forderte und erhielt der Fuchs die Schlauheit.


  • Literatur: Pitrè, Usi e costumi Sie. 3, 450.

b) Einst hatte der Mensch niemanden, der ihm im Laufe gleichgekommen wäre, und welches Tier er auch verfolgte, er holte es ein. Darob große Bestürzung unter den Tieren.

Der Fuchs begab sich zum Herrn und bat ihn um die Gunst, daß der Mensch. kein Tier mehr im Laufen überwinden könne. Der Herr genehmigte es ihm und befahl, dem Menschen beim Wettlauf zu sagen: »Scheibe ans Knie!« Und so kam es; kaum sagte der Fuchs diese Worte, so konnte der Mensch nicht mehr schnell laufen, weil schon die Scheiben sich an seine Kniee geheftet hatten.

So erklärt es sich, warum der Mensch mit den Tieren nicht um die Wette laufen kann: weil er die Kniescheibe hat.


  • Literatur: Pitrè, ebd. S. 452.

c) Als der Herr alle Tiere geschaffen, fragte er die Eselin, wie viel Monate sie trächtig zu sein wünsche. Die Eselin antwortete durch die Zähne: »Trici mesi!« (Drei [sie] Monate.) Der Herr verstand tredici (dreizehn) und gewährte es ihr. Die Eselin wollte den Irrtum beseitigt haben, d.h. nicht 13, sondern 3 Monate trächtig sein, aber der Herr hielt sein Wort.


  • Literatur: Pitrè, ebd. S. 422, Nr. 7.

4. Aus Dänemark.


Da es bestimmt werden sollte, wie lange die Tiere trächtig gehen sollten, fragte der Fuchs listig die Stute, ob sie lieber das kurze, kurze Jahr oder den langen, langen Monat trächtig gehen wollte. Sie war leichtgläubig genug, um das kurze Jahr zu wählen, mit Abzug von dem einen Monat, in welchem der Fuchs trächtig geht.


  • Literatur: Kristensen, Folkeminder 8, 375, Nr. 674.

5. Aus dem Kaukasus. (Mingrelische Sage.)


Die Häsin säugt ihre Jungen nur drei Tage, denn als sie einmal ihr Neugeborenes fragte, wie lange es sich an der Mutter Brust nähren wolle: ein Jahr oder drei Tage und drei Nächte, wählte das Häschen im Glauben, daß drei Tage und drei Nächte mehr seien als ein Jahr, das Erstere.


  • Literatur: Sborn. mater. 32, 3, 117.

6. Aus Afrika.


a) Woloffische Sage.


Einst nahte sich der Hase, der das allerboshafteste Geschöpf auf Erden ist, dem Throne des Schöpfers und bat, der Herr möge ihn noch ein wenig geriebener machen. »Geh, geh!« rief der Schöpfer, um sich des zudringlichen Bettlers zu entledigen; »erst fülle deine Kalabasse einmal mit lebendigen Sperlingen.«

Der Hase ging und setzte sich sinnend am Ufer einer Quelle nieder. Der Tag neigte sich seinem Ende zu, die Sonne ging unter, – siehe! da kamen alle die Vögel herbei, um sich nach der großen Hitze des Tages zu erfrischen. Die Sperlinge waren hauptsächlich munter, sangen und sprangen und löschten ihren Durst mit dem frischen Quellwasser. Der Hase denkt bei sich: »Nun ist's Zeit!« springt auf und murmelt halblaut vor sich hin: »Ja – nein – nein – und doch – o[190] nein, verzeiht – nie und nimmer – es geht nicht – es ist unmöglich – und doch? – oh!«

Verwundert fragen ihn die Sperlinge, was er denn meine. Er gab zur Antwort, er wolle gar zu gern wissen, ob alle Sperlinge in seiner Kalabasse Platz hätten. »Gewiß!« war die Antwort der Vögel, »wir sind ja so klein!« Damit schlüpfte eins nach dem andern in die Kalabasse des Hasen. Schnell setzte dieser den Deckel auf und eilte mit seiner Beute zum Thron des Schöpfers. Der aber sagte: »Wollte ich deinen Verstand noch vermehren, so würdest du ja die Welt umkehren. Geh!«


  • Literatur: Bleek, Reineke Fuchs in Afrika S. 144 = Boilat, Grammaire de la langue Woloffe p. 402 (Paris 1858).

b) Sage der Fang (am Congo).


Die Schildkröte erhält die List als ihre besondere Eigenschaft, nachdem sie mit großer Klugheit drei Aufgaben erfüllt hat, die ihr die Göttin Nzame auferlegt hat.


  • Literatur: Bull. de la Soc. Neuchât. de géographie 16, 208.
Quelle:
Dähnhardt, Oskar: Natursagen. Eine Samlung naturdeutender Sagen, Märchen, Fabeln und Legenden, 4 Bände, Leipzig/Berlin, 1907-1912, S. 189-191.
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