Der Drache und der Arbeiter

[89] Lebte ein armer Bauer am Meeresrande und besaß als ganzes Gut nur seine kleine Hütte, einen Garten, ein fern liegendes Feld und ein altes Maultier.

Als der Bauer nun eines Morgens sein Feld ackerte, sah er einen fürchterlichen Drachen aus dem Meere auftauchen und der sprach also zu ihm:

»Dieses Feld hier gehört mir. Da du es dir angemaßt hast, müßte ich dich verschlingen. Doch will ich dir kein Leid antun. Ich werde deinen Esel nehmen!«

Der arme Mann war mehr tot als lebendig.

Stotterte er endlich: »Wußte nicht, daß dies Feld Euer Gnaden gehört. Doch habet Mitleid mit mir. Dies Feld ist mein ganzer Besitz ...«

»Ich lasse dir ja dein Feld, nehme aber dein Maultier.«

Dem Bauern kam ein Gedanke.

»Was wollt Ihr mit diesem armen Tier machen, das seit zwanzig und mehr Jahren die Karre zieht. Seht Ihr nicht, daß er nur aus Haut und Knochen besteht? ... Ja, wenn's das schöne Pferd wäre, welches in meinem Stalle steht!«

»Du besitzest ein schönes Pferd und bevorzugst das Maultier?«[90]

»Das ist närrisch, verhält sich aber so. Ich hab dies arme Tier aufgezogen und hänge an ihm. Lasset mir das Maultier, morgen werd ich Euch das Roß bringen.«

»Sei es. Doch sage ich dir, wenn du dein Wort nicht hältst, werde ich dich entmannen. Wo immer auf der Welt du dich auch verbergen möchtest, ich würde dich zu finden wissen.«

Das Ungeheuer verschwand im Meere. Der Arbeitsmann aber ließ seine Karre stehn und kehrte trauriglich nach Hause zurück.

Kaum war er angelangt, als er seinem Weibe auch schon sein Abenteuer erzählte.

»Der Drache wird mir nach sein,« fuhr er fort, »daran zweifle ich nicht. Und da ich kein Pferd habe, wird er mich finden und dann entmannen. Lieber will ich sterben als mich dessen beraubt sehen, was unser ganzes Glück in diesem sauren Leben ausmacht .... Würde ich schließlich doch nicht besser getan haben, mein Maultier zu opfern?«

»Du hättest übel gehandelt, mein Freund!«

»Übel? Dann ist dir also das Maultier lieber als meine Klöppel?«

»Durchaus nicht! Ich sage nur, du tatest recht daran, das Maultier zu retten; du wirst nicht entmannt werden. Laß mich nur machen. Du weißt doch, daß deine Irene nicht auf den Kopf gefallen ist. Ich werde dir aus der Verlegenheit helfen. Du sollst dich morgen im Garten beschäftigen und ich werde den Drachen aufsuchen.«[91]

Der Arbeitsmann vertraute auf sein Weib. Er überließ es ihr, alles zum besten zu kehren.

Am Morgen knotete Irene ihre Haare hoch auf, zog ihres Mannes Kleider an und begab sich in Gefolgschaft des Esels auf das am Meere liegende Feld.

Der Drache zauderte nicht, aus dem Wasser zu kommen.

»O, o, braver Mann,« heulte er; »fast hatte ich gedacht, du würdest mich täuschen! Da ist das schwindsüchtige Maultier und nicht das gar feiste Pferd, das du mir versprochen .... Da es also ist, werde ich dich verschneiden!«

»Verschneide mich,« sprach der Bauer.

Und das Bein hebend und es auf die Karre stemmend, ließ er die Stelle zwischen den Beinen sehn.

»Was ist das?« schrie der Drache. »Was ist das für eine lange haarige Wunde? Wo ist dein Klöppel? Wo deine Glocken?«

»Siehst du denn nicht, daß man mich entmannt hat?«

»Wahrlich, und das besser, als ich's gekonnt hätte ... Leb in Frieden! Ich lasse dir Feld und Maultier. Lebe wohl!«

Und für immer verschwand der Drache im Meere.

Quelle:
[Hansmann, Paul] (Hg.): Schwänke vom Bosporus. Berlin: Hyperionverlag, [1918], S. 89-92.
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