Der entmannte Kadi

[73] In der Umgebung von Rodosto lebte ein etwa vierzig Jahre alter Bauer, welcher wohl der lustigste Bursche war, den ihr euch denken könnt, und stets zu den derbsten Schwänken aufgelegt. Zudem war er dick und fett wie ein Mönch und sah um so frischer und rosiger aus, als er auch nicht eine Spur von Bart hatte.

Er verheiratete sich schließlich mit einem Weibe aus einem Nachbardorf, das aus gleichem Holze geschnitzt war und ihm in allem glich.

Ein neuer Kadi war eben ins Land gekommen. Und verwendete einige Tage darauf, um sich in der Gegend umzusehen. So traf er denn auch auf unseren dicken Bauern, der auf seinen Feldern arbeitete.

Der Kadi aber war lang, mager, dürr wie eine Zaunlatte. Das frohe und strahlende Aussehen des Landmanns begeisterte ihn. Er wandte sich an den Mann:

»Heda, Freund! Guten Tag! Ich bin der neue Kadi.«

»Meine Ehrerbietung, Richter. Einen neuen Mann des Gesetzes hatten wir nicht gerade nötig. Aber schließlich ob Ihr oder ein anderer, es kommt auf eins heraus.«

»Du bist lustig, Freund. Ich möchte dich um einen Rat fragen.«[74]

»Ihr seid sehr liebenswürdig. Auf Wiedervergeltung!«

»Schau mich gut an. Ich bin fast deines Alters. Und verrichte keine Arbeit mit meinen Händen. Ich esse für viere und trinke vom besten, was es nur irgend gibt.«

»Daran zweifle ich nicht, Ehren-Kadi.«

»Und du, du scheinst mir von morgens bis abends zu arbeiten und wie die Bauern von einer Brotrinde und einer Handvoll trockner Feigen zu leben.«

»Das stimmt beinahe.«

»Nun, woher kommt es denn, daß du so dick, fett und rosig bist und ich so dürr wie eine vertrocknete Distel?«

»Das, Ehren-Kadi, ist ein Familiengeheimnis!«

»Dacht' ich's mir doch. Doch ich bin willens, dir dein Geheimnis abzukaufen. Ich biete dir hundert türkische Goldstücke dafür.«

»Hundert Goldstücke, das ist eine feine Summe. Aber ich will die Verantwortung für das Verfahren, welches man anwenden muß, nicht übernehmen!«

»Rede frei heraus, oder du wirst dir die Feindschaft dessen zuziehen, der mit dir spricht!«

»Teufel auch, es ist nicht gut mit großen Herren schlecht zu stehen. Euch fürcht' ich mehr denn unsern erlauchten Sultan. Er ist weit fort und Ihr seid ganz nahe. Wenn Ihr's fordert, werd' ich Euch mein Geheimnis mitteilen.«

»Sprich; hier sind die hundert Goldstücke.«[75]

»Nun denn, die Sache ist gar einfach. Ich habe mich entmannt!«

»Entmannt? Was erzählst du mir da?«

»Ja seht und erwägt. Wie macht man die Ochsen, Kapaune und einen Haufen anderer Tiere fett? Indem man sie zuerst verschneidet. Warum sind die Eunuchen so dick? Weil sie Eunuchen sind!«

»Das ist wahr,« besänftigte sich der Kadi. »Doch muß ja ein Mann an solch einem Eingriff sterben!«

»Ja, wenn er von einem Nichtskönner vorgenommen wird. Aber wenn man Verschneider von Vater auf Sohn in der Familie ist? Ich habe mich, es ist ein Jahr her, entmannt und das ohne Schmerzen. War mager wie eine Kirchenratze. Nun seht meinen Rosenspeck!«

»Also gibst du mir die Versicherung, daß der Eingriff schmerzlos vollzogen wird?«

»Das tat ich ja schon!«

Sprach der Kadi: »Meiner Treu, eh' ich so lächerlich bleibe wie ein klappriger Storch auf einem Minarett, will ich mich lieber operieren lassen. Kannst du mich gleich hier verschneiden?«

»Sofort. Wir sind allein. Legt Euch auf den Rücken.«

Der Kadi legt sich in seiner ganzen Länge hin. Schnell ergreift der Arbeiter seine beiden Glockenklöppel, schneidet ein kleines Loch und holt die beiden Rosinen heraus. Ebensoschnell reißt er Kräuter aus, macht einen Umschlag davon, mit welchem er die Wunde bedeckt.[76]

»So, nun ist's geschehen,« sagt der Bauer, »hab' ich Euch weh getan?«

»Gar nicht,« ruft der Kadi aus, »wahrlich, du bist ein geschickter Mann. Wenn ich bei meinem nächsten Ausfluge so rund geworden bin, wie du es mir versprochen hast, sollst du noch hundert Goldstücke haben.«

Der Kadi kehrt heim und unterläßt es nicht, seinen Freunden zu erzählen, daß ein großer Weiser ihm ein Geheimnis überlassen habe, welches ihm erlaube so dick zu werden wie eine Tonne.

Zwei Tage verstrichen. Da flötet er ein ander Lied. Die Wunde hat sich entzündet, sie wird schlimmer und schlimmer. Der Kadi ist die Beute von unerträglichen Schmerzen. Was ihm übrig blieb, fault und verbreitet einen abscheulichen Geruch.

»Ich muß sterben,« sagt er bei sich, »will vorher aber den Schurken bestrafen, der mich entmannt hat.« Und läßt den Arbeiter vor sich rufen.

»Ich bin verloren,« denkt der Mann; »Frau, was soll ich tun?«

»Fürchte nichts. Ich will deine Stelle einnehmen. In deinen Kleidern suche ich den Kadi auf. Aus der Schlinge wollen wir schon loskommen!«

Das Weib geht nach der Stadt und tritt vor den Kadi.

»Ach, da bist du, Sohn der Hündin. Sieh, was du angerichtet hast!«

Und er zeigt ihm seinen kläglichen Zustand.[77]

Der andere zuckt die Achseln.

»Glaubt Ihr, daß die Wunde so schnell heilt, Ehren-Kadi? Seht doch: ich habe mich vollständig verschnitten. Meine Wunde ist größer, hat jetzt eine schöne Farbe, stinkt aber immer noch. Seht sie an, um Euch zu überzeugen!«

Die Frau hebt das Bein, zeigt eine große rote Wunde und läßt einen so furchtbaren Wind, daß der Kadi gezwungen ist, sich die Nase zuzuhalten.

»Wohlan, was soll ich Euch sagen? Ich habe noch einige Monate nötig, um mich zu erholen. Was Euch aber anlangt, der Ihr nur die Hoden verloren habt, Ihr werdet in einigen Wochen wieder munter sein. Und werdet fett werden, fetter werden als je ein Kadi fett gewesen ist!«

Dieses Schwadronieren hatte den Kadi überzeugt. Er gab dem Arbeiter eine schöne Belohnung.

Und um ein weniges hernach schloß sich die Wunde, und als die Leibesfülle sich einstellte, wie man sie versprochen hatte, hielt der Kadi den Landmann für den größten Arzt der Türkei, ja von ganz Europa.

Quelle:
[Hansmann, Paul] (Hg.): Schwänke vom Bosporus. Berlin: Hyperionverlag, [1918], S. 73-78.
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