Die Wasserprobe

[177] Ein König von Armenien hatte seinen Sohn mit einer hübschen Königstochter verheiratet, die mit allen Vorzügen des Geistes begabt war. Und da der König ehedem von seinem Weibe betrogen worden war, hatte er, auf daß dieser Kummer seinem Sohne erspart bleibe, das Schloß mit unübersteigbaren Mauern umgeben lassen, und war da nur ein Tor, das von einer treuen Wache behütet wurde.

Die erste Zeit der Ehe fand sich das junge Weib sehr glücklich. Bald aber verminderten sich die Liebkosungen ihres Gatten, und die Prinzessin träumte von einem kräftigeren Liebhaber, der ihren Liebesgarten nicht ungeackert liegen lassen möchte. Wo ihn aber finden, da ihr Gatte und ihr Schwiegervater die einzigen Männer waren, die den Palast betreten konnten, denn alle Diener gehörten dem weiblichen Geschlechte an?

Die Unglückliche härmte sich, als eines Morgens ein altes Weib sich vor ihr in dem königlichen Garten fand.

»Meine schöne Prinzessin,« sprach der Kuppelpelz, »ich bin von einem schönen jungen Menschen geschickt[178] worden, der aus Liebe zu Euch des Todes stirbt, seit er Euch an einem Fenster des Palastes hat sehen können. Da ich weiß, daß Ihr Euch langweilt, habe ich gedacht, zu Euch zu gehen und Euch ein Stelldichein mit dem schönen Burschen vorzuschlagen.«

»Hebt Euch fort, schändliche Alte!« rief die Prinzessin. »Ich weiß nicht, was mich zurückhält, meinen Gatten zu rufen und Euch den Tod geben zu lassen. Aber ich habe Mitleid mit Euren weißen Haaren. Geht aus dem Palast durch eine geheime Pforte, die ich allein kenne!«

Die junge Frau führte das Kuppelweib bis an eine Wasserleitung, welche durch die Mauer führte.

Sprach sie: »Geht hier vorbei. Nach zwanzig Schritten werdet Ihr in einem Waldwinkel sein und könnt leicht die Stadt betreten.«

Die Alte ging fort und benachrichtigte eilends den Jüngling, der sich zu Tode grämte.

»Was Ihr ein Narr seid,« sagte die Kupplerin und lachte. »Seht Ihr nicht, daß Euch das schöne Kind das Mittel hat angeben wollen, wie Ihr nach dem Platze gelangt? Geht diese Nacht den Weg durch die Wasserleitung und Ihr werdet die Prinzessin finden!«

Der junge Mann ergab sich diesem Rate und trat, als der Abend gekommen, geführt von der Alten, in das Schloß.[179]

Die Prinzessin erwartete ihn ganz nahe in einem umblühten Lusthause. Sie fiel dem Unbekannten um den Hals, zog sich ohne weitere Erklärungen aus und ließ den Liebhaber den Weingarten urbar machen, wessen er gar sehr bedurfte. In zwei Stunden ward das Feld in guten Zustand versetzt und erstaunlich gut begossen.

»Es ist an der Zeit, fortzugehen,« sagte dann die Prinzessin. »Du kennst den Weg durch die Wasserleitung. Komme jede zweite Nacht wieder. Ich werde dich in der Laube erwarten.«

Nach dieser Nacht kam der Liebhaber getreu zum Stelldichein, und die Prinzessin brauchte sich nicht mehr zu beklagen, daß ihr Feld brach läge. Und war wieder lebhaft, flink und froh geworden wie zu Anbeginn ihrer Ehe, was schließlich die Aufmerksamkeit des Königs erregte.

»Meine Schwieger hat einen Liebhaber; ich möchte es schwören,« dachte der Greis. »Ich will sie überwachen.« Und eines Nachts bemerkte er, wie seine Schwieger verstohlen aus ihrem Zimmer trat und sich nach dem Gartenhaus wandte.

Er wartete einige Zeit, und als er sie nicht zurückkommen sah, näherte er sich dem Gartenhause und sah im hellen Mondenscheine die Prinzessin und einen jungen Mann, die ganz nackt eingeschlafen waren, einer in den Armen des anderen. Und geräuschlos in das Gartenhaus tretend, nahm er den Ehering seiner[180] Schwiegertochter fort und legte sich schlafen, ohne zu argwöhnen, daß die Prinzessin wach gewesen war und den Raub und den Dieb bemerkt hatte.

»Schnell, fliehe,« sprach das junge Weib, »und lasse mich diese Angelegenheit in Ordnung bringen.«

Der Liebhaber floh durch die Wasserleitung; die Prinzessin eilt in ihr Zimmer und betritt das ihres Eheherrn. Durch sehr kluge Liebkosungen läßt sie ihn schnell wach werden.

Sprach sie: »Ich kann nicht schlafen. Siehe den schönen Mondschein. Ach, wenn man sich doch zu zweit lieben könnte in den Gärten beim Gesange der Nachtigallen!«

»Du hast recht,« sagte der Prinz darwider. »Schlafen wir in dem Gartenhaus.«

Die Listenreiche führt ihn, und nachdem sie ihn überredet hatte, alle Kleider abzuziehen, legt sie mit ihm den von ihrem Liebsten eingeschlagenen Weg zurück.

Am folgenden Morgen hat der alte König nichts eiligeres zu tun als seinen Sohn von dem Betragen der jungen Prinzessin zu unterrichten.

»Ja,« sprach er, »ich habe sie nachts in den Armen eines anderen Mannes überrascht, und als Beweis hab' ich ihr den Ring abgezogen, den du ihr an deinem Hochzeitstage dargeboten!«

Der Prinz hebt an zu lachen:

»Mein Vater,« antwortete er, »ich danke Euch für[181] den Anteil, den Ihr an meiner Ehre nehmt. Aber Ihr habt Euch getäuscht. Ich war es, den Ihr ganz nackt eingeschlafen in meiner Gattin Armen gefunden habt. Da es heiß war, konnten wir nicht schlafen und haben uns in dem Lusthause zur Ruhe gelagert.«

Der alte König aber will nichts von dieser Erklärung wissen, so sicher ist er, daß der Liebhaber nicht die Gestalt und das Aussehen seines Sohnes hatte. Der Prinz behauptet mit nicht weniger Überzeugung, daß er kein Hahnrei sei.

Endigte der Greis: »Nun denn, so wollen wir dein Weib der Wasserprobe unterwerfen!«

Es gab dort nämlich ein großes Wasserbecken von einer merkwürdigen Beschaffenheit. Den oder die, wer einen falschen Eid geleistet, steckte man senkrecht in das Becken, bis er dort untertauchte. Wenn der Schwur der Wahrheit entsprach, so schwamm er oben.

Und es ward abgemacht, daß die Probe anderen Tags vor dem ganzen versammelten Volke statthaben sollte.

Die Kupplerin aber drang durch die Wasserleitung und traf auf die Prinzessin, die ihr anvertraute, was der König angeordnet hatte.

»Sagt meinem Liebhaber, er solle sich mit schmutzigen Lumpen bedecken, sich wie ein Narr und Sinnloser gebärden und sich finden lassen auf der Straße, die nach dem Wasserbecken führt. Und wenn ich dort anlange, soll er sich auf mich werfen, mich[182] in seine Arme reißen und mich umarmen. Im übrigen möge er mich dann handeln lassen.«

Anderen Tages stand die ganze Stadt auf dem Wege der Prinzessin. Ein Unglücklicher, mit Kot bedeckt und in Fetzen eingehüllt, gebärdete sich und schrie wie ein des Geistes Barer. Die einen hielten sich zurück, um sich nicht an ihm schmutzig zu machen, andere jedoch trieben ihn mit Stockhieben von sich.

Plötzlich kam der Zug bei dem Becken an. Man sah den Unsinnigen zu der Prinzessin laufen, sie in seine kraftvollen Arme nehmen und sie zu often Malen umarmen.

Als die Wachen sich von ihrer Überraschung erholt hatten, trieben sie den Narren davon.

Das Weib aber wendete sich gegen das Becken.

Sagte: »Ich schwöre, daß kein anderer wie mein Gatte, und der arme Unglückliche eben, mich in seine Arme geschlossen und mich umarmt hat seit dem Tage, wo ich Weib bin!«

Und sie sprang in das Wasserbecken und schwamm oben auf.

Der Prinz hatte niemals an seinem Weibe gezweifelt. Er zog sie aus dem Wasserbecken und umarmte sie vor dem Volke, nicht ohne laut zu rufen, daß die Prinzessin die tugendsamste Frau des Königreichs sei.

Was den alten König anlangt, so zog er sich in der Überzeugung zurück, daß da irgendeine List obgewaltet habe, und daß es ihm nichts fruchten werde,[183] mit einem so geschickten Weibe zu kämpfen. So denn den guten Entschluß fassend, seinen Sohn als alleinigen Richter über seines Weibes Tugend anzuerkennen, schickte er sich in das Unvermeidliche, regte sich nicht mehr darüber auf und tat nichts, um dem Liebesbegehren seiner Schwieger einen Zwang aufzuerlegen.

Quelle:
[Hansmann, Paul] (Hg.): Schwänke vom Bosporus. Berlin: Hyperionverlag, [1918], S. 177-184.
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