[68] 16. Der blöde Peter.

Es war einmal ein Knabe, den man allgemein den blöden Peter nannte. Seine Eltern waren frühzeitig gestorben, und so war er aufgewachsen, ohne etwas gelernt zu haben. Er verstand nur wie ein Singvogel zu schlagen, und ahmte den Gesang der Lerchen täuschend nach.

Eines Tages hatte Peter einen gewaltigen Hunger, er ging deshalb in ein Bauernhaus und begehrte zu essen. Die Bäuerin gab ihm auch die Überreste der Mahlzeit, die er auf der Erde sitzend aß. Plötzlich kam ein Reiter daher, hielt bei dem Bauernhause an und fragte, welcher Weg nach der Burg führe, die der stärkste Riese der Erde bewohne. »Was wollt Ihr in der Burg machen?« fragte die Bäuerin, die von der Burg wußte. – Der Reiter erwiederte: »Die goldene Schale holen, welche die Kraft hat, daß Kranke genesen, wenn sie aus ihr trinken, und daß Tote wieder erwachen, wenn man die Schale an ihre Lippen hält, dann die diamantene Lanze, die alles zerbricht und tötet, was man damit berührt.« »Wem gehört denn jene Burg?« fragte Peter, und die Bäuerin gab zur Antwort: »Dem Riesen, einem Zauberer; es wohnt bei ihm noch ein Bruder, der ebenfalls ein Zauberer ist.« Der Reiter aber sprach: »Mir hilft der Feind des Zauberers, jener hat mir alles gesagt, was ich thun soll.« – »Was hat er Euch denn gesagt?« fragte Peter. »Er hat mir gesagt«, erwiederte der Reiter, »zuerst müsse ich durch einen verzauberten Wald reiten, dann treffe ich auf einen Zwerg, der ein feuriges[68] Schwert hat und einen Apfelbaum voll goldener Früchte bewacht, von welchem ich eine haben muß; dann finde ich die lachende Blume, die ein Löwe bewacht. Diese Blume muß ich pflücken und durch den Drachensee schwimmen und mit dem Riesen kämpfen, der eine Kugel hat, die nie ihr Ziel verfehlt. Nachher komme ich in einen Lustgarten, darf mich dort aber nicht verleiten lassen. Dann muß ich durch einen Fluß, an dessen anderm Ufer ich ein Weib finde. Das setze ich hinter mich auf's Pferd, und sie sagt mir dann, was ich weiter zu thun habe.«

Die Bäuerin zeigte dem Reiter den Weg, und er verschwand bald hinter den Bäumen.

Da kam der Bauer nach Hause und fragte den Peter, ob er bei ihm bleiben wolle, um das Vieh zu hüten. Peter sagte ja, und er ward nun Viehhirte.

Eines Tages sah er einen Riesen daher reiten, der hatte eine diamantene Lanze. Peter hielt sie sogleich für die, von welcher der Reiter gesprochen hatte. Hinter dem Riesen lief ein Füllen.

Peter sann weiter nicht darüber nach, und es vergingen mehrere Tage. Da kam eines Abends ein alter Mann, und blieb bei dem Walde stehen. Peter ging auf ihn zu und fragte: »Wer seid Ihr?« Der Mann antwortete: »Ich bin ein mächtiger Zauberer und mein Bruder ist ein Riese.« Er machte dann in den Sand einige Kreise und murmelte mehrere Worte, und sogleich erschien das Füllen, das Peter früher gesehen hatte. Der Mann schwang sich auf dasselbe und jagte in den Wald. Unserm Peter kam das sonderbar vor, aber er sagte keinem Menschen etwas von dem Gesehenen. Er versuchte ebenfalls das Füllen herzuzaubern; er machte deshalb ein paar Kreise in den Sand und murmelte einige Worte, aber das Füllen erschien nicht.

Als nun Peter den Riesen am nächsten Tage wieder in dem Wald reiten sah, bekam er Lust, auch einmal nach jener[69] Burg zu gehen. Er hielt deshalb immer einen Zaum sammt einer Schlinge bereit, füllte einen Sack mit Federn und Vogelleim; auch streute er auf den Weg Brotkrumen, um das Füllen aufzuhalten, da er hoffte, daß der Riese am nächsten Tage wieder vorbei reiten werde. Der Riese erschien auch, das Füllen roch die Brotkrumen, blieb zurück und verzehrte sie. Als der Riese weit genug entfernt war, warf Peter dem Füllen geschwind den Zaum um und ließ sich von dem Füllen durch den verzauberten Wald tragen.

Bald erreichte Peter die Wiese, auf welcher der Apfelbaum stand. Diesen sah er von einem Zwerge bewacht, der ein feuriges Schwert hatte, welches alles vernichtete, was es berührte. Als der Zwerg den Peter sah, stieß er einen Schrei aus und schwang sein Schwert. Peter aber zog die Mütze und sprach zu dem Zwerge: »Ich will nach der Burg, weil mich der Herr derselben bestellt hat.« »Wer bist du denn?« fragte der Zwerg. »Ich bin der blöde Peter, ein Vogelfänger, und muß nach der Burg, um Sperlinge zu fangen, denn der Herr derselben hat mich bestellt, und er gab mir darum sein Füllen.«

Der Zwerg erkannte das Füllen des Riesen und dachte, es müsse wohl wahr sein, und sprach zu ihm: »Nun, wenn du ein guter Vogelfänger bist, so fange mir einige, denn ich habe hier auch viele Sperlinge.«

Peter stellte sich nun, als ob er das Füllen an den Baum binden wollte; statt des Füllens aber band er die Schlinge an einem Zweige fest und rief dem Zwerg, er solle das andere Ende der Schlinge halten. Der Zwerg that dieß, Peter stieg auf den Baum, zog die Schlinge zu, und der Zwerg war gefangen. Peter pflückte geschwind einen Apfel, sprengte davon und ließ den an den Baum gebundenen Zwerg zappeln.

Nach einigen Stunden kam er auf eine Wiese, auf der es viele schöne Blumen gab. Aus der Mitte der Blumen ragte eine besonders schöne hervor, diese war die »lachende.« Der[70] Löwe, der diese Blume bewachte, lief sogleich von dem Felde her und zeigte Petern seinen Rachen. Peter zog seine Mütze, grüßte den Löwen und fragte, ob dieser Weg nach der Burg führe.

»Und was willst du denn dort?« fragte der Löwe. »Ich muß dem Herrn der Burg einen Sack voll Lerchen bringen.« Der Löwe fragte abermals: »Wie viel hast du denn?« »Den ganzen Sack voll«, erwiederte Peter und zeigte dem Löwen den Sack, welchen er mit Leim und Federn gefüllt hatte. Dann fing er an den Gesang der Lerchen nachzuahmen, und dieses täuschte den Löwen noch mehr. »Zeige mir doch die Vögel«, sagte der Löwe, »ich will sehen, ob sie für unsern Herrn auch fett genug sind.« »Sehr gern«, versetzte Peter, »aber wenn ich den Sack öffne, so fliegen sie mir davon.«

»So laß mich wenigstens ein wenig hineinschauen.« Peter nahm den Sack, öffnete ihn ein wenig, und der Löwe fuhr gierig mit dem Kopfe hinein, blieb aber zwischen dem Leime und den Federn stecken. Peter lief nun schnell nach der lachenden Blume, pflückte sie und jagte davon.

Alsdann kam er zu dem Drachensee, den er durchschwimmen mußte. Sogleich kamen die Drachen und öffneten ihre ungeheuren Rachen, um ihn zu verschlingen. Peter aber nahm schnell den aufbewahrten Speck aus der Tasche, warf jedem ein Stück in den Rachen und schwamm hurtig durch den See.

Als Peter an das andere Ufer des Sees kam, erblickte er sogleich den schwarzen Riesen mit der Kugel. Er saß an einem Felsen, seine Füße waren an demselben fest geschmiedet, und in der Hand hielt er die Kugel. In seinem großen Kopf hatte er sechs Augen. Zum Glück für Peter waren gerade die zwei Augen geschlossen, welche nach ihm die Richtung hatten.

Peter stieg vom Füllen und verbarg sich hinter einem Gebüsche und fing nun wie eine Lerche zu singen an, wobei[71] dem Riesen ein Auge zufiel. Darauf ahmte er den Schlag der Nachtigall nach, und es fielen dem Riesen noch zwei Augen zu. Dann pfiff er ein Liedchen auf seiner Pfeife, und das letzte Auge des Riesen schloß sich ebenfalls. Schnell eilte Peter zu seinem Füllen, zog es vor dem Riesen vorbei und gelangte so zu dem Lustgarten. Dieß war ein Garten, voll von schönen Früchten, Blumen, und an jedem Ende des Gartens stunden gedeckte Tafeln, voll der köstlichsten Speisen. Peter zog aber gleich seine Mütze über die Augen und gelangte so fort.

Nun mußte er auch noch durch einen Fluß schwimmen. Am andern Ufer saß ein Weib, das war schwarz gekleidet und ihr Gesicht war gelb. »Komm näher«, sagte sie, »daß ich mich zu dir auf das Pferd setzen kann.« Peter ließ es geschehen und fragte: »Wie heißt Ihr denn?« »Pest!« versetzte das Weib. Peter erschrak und wollte sich in den Fluß stürzen. Die Pest aber sagte: »Bleib nur ruhig sitzen, denn ich helfe dir ja, daß der Zauberer stirbt. Du mußt ihm den Apfel geben, den du von dem Baume gepflückt hast, der vom Zwerge bewacht war. Er wird davon kosten, dann berühre ich ihn und er muß sogleich sterben.« »Wie bekomme ich aber dann die Lanze und die Schale?« fragte Peter. »Die lachende Blume, welche du besitzest, öffnet dir alle Thüren und selbst die eiserne Thür, welche das Zimmer schließt, in der die Lanze und die Schale liegen«, erwiederte das Weib.

Endlich erreichten sie die Burg. Der Zauberriese lag unter einem Throne und rauchte. Als er den Peter sah, rief er: »Was, der blöde Peter reitet auf meinem Füllen?« »Ja«, antwortete er, »ich bin es; dein Bruder gab mir das Füllen, um dir zwei Geschenke zu bringen, nämlich einen Apfel und dieses Weib, welches auf dem Pferde sitzt.« Peter ließ sie absteigen und gab dem Riesen den Apfel.

Der Riese aß sogleich von dem Apfel, da eilte die Pest hinzu, berührte ihn, und der Riese sank tot zu Boden. Peter[72] aber durchwanderte alle Säle der Burg und kam endlich zu einer eiserner Thür; diese sprang vor der lachenden Blume auf, die er in der Hand hielt, und er fand dort die Schale und die Lanze.

Während er beides aufhob, erbebte die Erde und die Burg war verschwunden. Peter befand sich in einem dichten Walde; er ging weiter und bald erreichte er eine Stadt. Der König derselben war vom Feinde belagert und versprach dem, welcher die Stadt retten werde, seine Tochter. Peter ging sogleich zu dem Könige und erhielt die Erlaubnis, am Kampfe Theil zu nehmen. Er stellte sich an die Spitze des Heeres, und alles fiel, was er mit seiner Lanze berührte. Wenn aber einer von den Seinigen gefallen war, so eilte er hin und hielt ihm die goldene Schale an die Lippen, und augenblicklich stand der Tote wieder auf. So trugen sie den Sieg über ihre Feinde davon. Peter erhielt die Königstochter zur Gemahlin und wurde König über das ganze Land.[73]

Quelle:
Vernaleken, Theodor: Kinder- und Hausmärchen dem Volke treu nacherzählt. 3.Auflage, Wien/Leipzig, 1896 (Nachdruck Hildesheim: Olms, 1980), S. 68-74.
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