60. Isi

[167] 60. Isi

[167] Die Alten erzählen, daß im Anfang unserer Zeit am Rio Caiary eine große Menge Weiber erschien, begleitet von altersschwachen Männern, durch die sie keine Kinder bekommen konnten. Sie waren traurig, weil sie voraussahen, daß die Menschheit auf diese Weise aussterben würde.

Eines Tages erschien ein Zauberer bei ihnen und sprach:

»Ihr seid traurig?«

»Ja, wir sind traurig, weil die Männer so altersschwach sind. Sie taugen nichts, trotzdem sie Kangeruku getrunken haben.«

»Seid nicht mehr traurig! Ihr werdet noch Nachkommenschaft haben!«

»Wie? Wie?!« riefen sie.

Sie wurden fröhlich.

»Ihr werdet es schon erfahren,« antwortete der Zauberer.

»Nehmet zunächst ein Bad!«

Singend eilten sie zum Fluß und begannen zu baden.

Als sie aus dem Wasser stiegen, sprach der Zauberer zu[168] ihnen: »Jetzt werdet ihr Kinder bekommen, denn die große Schlange hat euch schon alle geschwängert.«

Die Monde vergingen, und an einem und demselben Tag erschienen alle Kinder. Die jüngste Frau bekam die schönste Tochter. Das Kind wuchs heran und wurde immer schöner, und alle Jünglinge wollten sie heiraten. Eines Tages ging sie durch den Wald und traf einige Affen, die Uaku-Früchte aßen.

»Diese Früchte sind sehr gut zum Essen,« sagte sie.

»Willst du davon haben?« fragte sie der Uaku.

»Ja,« antwortete sie.

Die Affen warfen ihr Früchte zu, und sie kostete eine.

»Das schmeckt gut!«

Sie sammelte eine Menge und aß viele, so daß ihr die Brühe aus dem Mund über die Brust lief, bis sie zu dem »Weg der Kinder« kam.

Die Monde vergingen ohne Zeichen ihrer Jungfräulichkeit, aber ihr Leib schwoll an. Da fragten sie die Jünglinge: »Mit wem hast du dich eingelassen?«

Sie fragten, weil sie den Vater ihres Kindes töten wollten.

»Du hast uns nicht gewollt, aber jetzt werden wir dich töten, wenn du uns nicht erzählst, wer dich in diesen Zustand gebracht hat!«

Das Mädchen antwortete:

»Ich weiß nicht, wer es war. Ich habe nur Uaku-Früchte gegessen.«

»Wirklich? Was machen wir nun?«

Nach einigen Monaten gebar sie einen Sohn.

In einer Nacht, als sie schlief, verschwand ihr Sohn. Sie weinte bitterlich und suchte ihn überall, konnte ihn aber nicht finden. Da kam sie auch zu dem Stamm des Uaku und hörte ein Kind weinen. Sie suchte nach ihm, fand es aber nicht. Sie verbrachte die Nacht schlafend am Stamme des Uaku. Als sie des Morgens erwachte, fand sie ihre Brüste leer. Das Kind hatte die ganze Nacht, während sie schlief, an ihr getrunken.[169]

Jeden Tag hörte sie das Kind weinen, bis die Nacht kam, und jeden Morgen waren ihre Brüste leer, weil das Kind sie ausgetrunken hatte. So ging es Tag für Tag.

Ein Jahr später weinte das Kind nicht mehr, und ihre Brüste trockneten aus. Darauf hörte sie das Kind scherzen, lachen und hin und her laufen, ohne daß sie sah, wer da spielte.

Die Zeit ging dahin.

Eines Tages erschien ihr Sohn, der schon Mann geworden war, und Feuer ging aus seinen Händen und Haaren.

»Mutter, hier bin ich! Laß uns nach Hause gehen!« Alle Leute freuten sich und liefen hin zu ihm, und die Alten kamen, ihn zu sehen.

Die Zauberer kamen, bliesen ihn an und gaben ihm den Namen Isi, d.h. »du bist aus der Frucht entstanden«.

Das Volk sprach: »Dieser soll unser Häuptling sein! Wir wollen ihn als Häuptling haben!«

Er antwortete: »Ich kann euer Häuptling nicht sein, weil ich noch nicht den Stein Nanacy habe. Er befindet sich auf dem Gebirge der Mondsichel.«

Man sagt, daß die Sonne ihm ein Säckchen voll Zaubersachen gab. Sie sagte zu ihm: »Da hast du es, mein Sohn! Alles, was du machen willst, wirst du hier drinnen finden. Wo ich hinkomme, da wirst du auch hinkommen, und alle werden auf dich hören.«

Man erzählt, daß die Weiber nach dem Gebirge gehen wollten, um den Stein des Häuptlings zu suchen. Die Männer wollten es ebenfalls. Da sagten die Zauberer:

»Die Weiber können diesen Stein nicht ergreifen.«

Da begannen alle zu streiten.

Isi zog nun aus dem Säckchen einen kleinen Topf und setzte ihn aufs Feuer, um Pech zu sieden. Als es zu kochen begann, kamen aus dem Rauch Fledermäuse hervor. Dann kamen Nachtschwalben, Käuzchen, Eulen und andere Nachtvögel.

Darauf kamen heraus andere Vögel, wie Schwälbchen, dann kleine Geier. Als der Königsgeier herauskam, packte ihn Isi[170] und sprach zu ihm: »Bring mich nach dem Gebirge der Mondsichel, und wenn du mich zurückbringst, werde ich dich freilassen.«

Der Geier brachte Isi nach dem Gebirge des Mondes.

Als er auf den Gipfel des Gebirges kam, fand er dort den Mond sitzen. Dieser sprach zu ihm:

»Nimm deinen Stein! Empfange deine Würde, mit der du Herrscher deines Volkes sein sollst. Versammele dein Volk und laß es fasten. Ich will dich lehren, wie du dein Volk regieren sollst. Wer auf deine Worte nicht hört, den töte! Jetzt gehe weg!«

Isi ging weg, und als er zurückgekommen war, entließ er den Geier.

Man sagt, daß er nach seiner Rückkehr die Alten und die Zauberer zusammenrief und ihnen alles erzählte, was ihm der Mond gesagt hatte, und sie bat, nichts auszuplaudern. Dann verließ er sie.

Die Weiber wollten gern wissen, was Isi gesagt hatte und suchten die Alten zu verführen. Bei Einbruch der Nacht machten sich die hübschesten Mädchen zu den Alten in die Hängematten und taten ihnen schön, damit sie erzählten.

Die Alten schliefen ermüdet, und als sie des Morgens erwachten, sahen sie niemand.

»Ich träumte!« sagte einer.

»Ich auch! Ich auch!« riefen die anderen.

Da nun die Weiber alles wußten, was Isi gesagt hatte, gingen sie daran, Häuptlinge zu machen. Die Männer begehrten es ebenfalls. Von den Alten, die geplaudert hatten, verbrannte Isi einen und streute seine Asche in den Wind. Da kamen daraus hervor Skorpione, Tokandyra-Ameisen und andere Sachen, die Schmerz bereiten, auch giftige Pflanzen, wie Curare. Einen anderen verwandelte er in eine Kröte; einen anderen in eine Schlange.

Isi erschien wieder, ordnete Fasten an, geißelte Männer und Weiber und lief hinter einer Frau her, die das Geheimnis enthüllte.[171]

Er forderte sie auf, seine Worte nicht weiter zu verbreiten, vereinigte sich mit ihr und tötete sie alsdann.

Darauf veranstaltete er sein großes Fest, versammelte vier Alte und verbot den Weibern, etwas davon zu sehen und zu hören.

Er gab neue Befehle und sagte zu ihnen:

»Alle Weiber, die mein Geheimnis zu wissen begehren, werden sterben. Alle Männer, die es ausplaudern, werden sterben. Ihr könnt es den Jünglingen erzählen, aber nicht den Kindern.«

Nachdem er dies gesagt hatte, weinte er.

Die neugierigsten unter den Weibern wünschten das Geheimnis zu erfahren und gingen hin, um zu lauschen.

Als er mit seiner Rede zu Ende war, starben sie alle und verwandelten sich in Steine.

Isi weinte, weil seine Mutter auch gelauscht hatte und gestorben war. Darauf tanzte er, um seine Häuptlingsschaft und seine neue Würde zu feiern. Dann ging er zum Himmel, nachdem er einige Male durch den Wald gewandelt war.

Die Jahre vergingen.

Eines Tages waren einige Jünglinge unter dem Uakubaum, als ein Zauberer kam und zu ihnen sprach:

»Jünglinge, ihr sollt fasten! Wenn ihr es nicht tut, fresse ich euch auf!«

Man erzählt, daß sie nicht fasten wollten. Da erschien eines Tages der Zauberer, packte sie und verschlang alle.

Die Eltern der Jünglinge ergrimmten über den Zauberer. Sie ließen Kaschiri bereiten und luden den Zauberer dazu ein. Der Zauberer kam, und sie tranken an diesem Tag. Er betrank sich bis zur Bewußtlosigkeit. Als die Alten ihn betrunken sahen, sagten sie:

»Wir wollen Feuer machen und ihn verbrennen, damit wir uns rächen!«

Darauf, so erzählt man, warfen sie den Zauberarzt ins Feuer. Er verbrannte und zerfiel in Asche.

In der Nacht erstand aus seiner Asche die Paschiuba-Palme,[172] und als sie des Morgens kamen, sahen sie die wiedererstandene Asche, und sie riefen aus:

»Wie ist aus der Asche des Zauberers die Paschiuba entstanden?«

Die Palme wuchs, und ihre Blätter berührten den Himmel, und durch ihr Mark stieg die Seele des Zauberers in Gestalt eines Eichhorns empor.

Die Alten, die wußten, daß die Seele des Zauberers an der Paschiuba emporgestiegen war, schlugen den Baum um, und als er zu Boden stürzte, sagten sie:

»Jetzt kommt seine Seele nicht mehr!«

Quelle:
Koch-Grünberg, Theodor (Hg.): Indianermärchen aus Südamerika. Jena: Eugen Diederichs, 1927, S. 167-173.
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